Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.11.2014 | Von:
Maik Baumgärtner

Rechtsrock: Millionen mit Hass

Rechte Musik ist nicht nur eine "Einstiegsdroge" in die rechtsextreme Szene – sie ist auch ein durchaus einträgliches Geschäft. Wer wie womit harte Euro verdient – dem ist Maik Baumgärtner nachgegangen.

CDs, T-Shirts, Accessoires: rechtsextreme Musik und Merchandising-Produkte sind noch immer ein florierendes Geschäft.CDs, T-Shirts, Accessoires: rechtsextreme Musik und Merchandising-Produkte sind noch immer ein florierendes Geschäft. (© Screenshot der Website Front Records, abgerufen am 17.07.2014, http://www.front-records.de/textilien/tshirts/index_1.php)

Sie heißen Front Records, Germania Versand oder Wewelsburg Records und zählen zu den insgesamt 82 Vertrieben rechtsextremer Musik in Deutschland, die Sicherheitsbehörden im Jahr 2012 ausmachten.[1] Die von ihnen produzierten Bands tragen Namen wie Sturmwehr, Jungblut oder Freiheitskampf. Neben Tonträgern vertreiben die Unternehmen auch Merchandising-Produkte einschlägiger Szenemusiker, zum Beispiel T-Shirts und DVDs.

Das florierende Geschäft mit rechtsextremer Musik und Merchandising-Produkten ist fest in der Hand von Angehörigen der Neonazi-Szene – und wirft Millionengewinne ab, auch wenn nicht alle Musikverleger ausschließlich davon leben können. Es gibt Großverdiener, die den Sprung vom Ein-Mann-Unternehmen zum Szene-Arbeitgeber geschafft haben, aber auch Nebengewerbetreibende, die im Alltag einer geregelten Arbeit im nicht-politischen Bereich nachgehen oder andere Gewerbe betreiben.

In Internetforen tauschen sich Rechtsextreme über die verschiedenen Vertriebe, ihre Strukturen und Produkte aus. Dabei spielt auch das politische Engagement der Betreiber eine Rolle. Experten aus Bund und Ländern[2] kommen zu dem Ergebnis, dass ein langfristiger geschäftlicher Erfolg für Neonazi-Unternehmer nur durch politische Akzeptanz innerhalb der Szene möglich ist.

Rechtsextreme Musiker bedienen seit einigen Jahren verschiedene musikalische Genres und sprechen damit unterschiedliche Strömungen an. Mit der musikalischen Öffnung stieg auch die Zahl potentieller Zielgruppen und Käuferschichten: Heute reicht das Spektrum der Konsumenten vom einfachen NPD-Mitglied über Kameradschaftsaktivisten bis hin zu rechtsorientierten Jugendlichen und Mischmilieus aus Rockern und Hooligans. Bis heute wurden weit mehr als 1.000 Tonträger durch rechtsextreme deutsche Musiker veröffentlicht.

"Herrenrasse", "Dönerkiller" und "Hammerskins"

Im Versandhandelsgeschäft ist der Ende der 1990er Jahre gegründete bayerische Wikinger-Versand seit Jahren eine Größe. Neben eigenen und fremden CD-Produktionen vertreibt der Onlineshop Kleidung, Schmuck und Deko-Artikel. Der Inhaber ist auch in der Produktion von Szenebekleidung tätig und hält die Rechte an der Klamottenmarke Masterrace ("Herrenrasse").[3] Mitte der 2000er Jahre erzielte das Unternehmen, so legen es 2006 von Hackern veröffentlichte Bestelldaten nahe, einen durchschnittlichen Monatsumsatz von 40.000 Euro. Für die Neonazi-Szene führt der Wikinger-Versand immer wieder "Sonderverkäufe" durch, zu denen Neonazis anreisen, um sich auszutauschen und Schnäppchen zu ergattern.

Eines der umtriebigsten und professionellsten Labels in Deutschland ist PC Records aus dem sächsischen Chemnitz. Das 2000 gegründete Unternehmen produzierte zahlreiche Tonträger bekannter Rechtsrock-Gruppen und soll einen geschätzten Jahresumsatz von mehreren Hunderttausend Euro aufweisen. Zu dem Label gehören ein Ladengeschäft in Chemnitz und ein Online-Versandhandel. Nach dem Auffliegen der Neonazi-Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) im November 2011 geriet ein Lied auf der von PC Records 2010 produzierten CD "Adolf Hitler lebt!" der Gruppe "Gigi & die braunen Stadtmusikanten" in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Song "Dönerkiller" feierte die Morde an neun Migranten lange bevor bekannt wurde, dass die Taten einen rassistischen Hintergrund haben: "Neun mal hat er es jetzt schon getan / Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm / Die Ermittler stehen unter Strom / Eine blutige Spur und keiner stoppt das Phantom."

Besonders für elitäre Neonazi-Strukturen spielt die 2003 gegründete "Gjallarhorn Klangschmiede" aus Rheinland-Pfalz eine wichtige Rolle. Nach eigenen Angaben hat das Label, das mit der Überschrift "Mehr als nur ein Versand..." wirbt, mehr als 30 Tonträger produziert. Verantwortlich für das Unternehmen ist einer der einflussreichsten Aktivisten der Hammerskin-Division Deutschland, Malte Redeker,[4] der auch als wichtiger Konzertveranstalter in der Szene gilt und europaweite Kontakte unterhält.

Von der Szene für die Szene

Wie viel Geld die Vertriebe tatsächlich verdienen, lässt sich nicht genau sagen. Zahlen aus Sachsen verdeutlichen allerdings, welche Bedeutung die rechtsextreme Musikbranche für die finanzielle Absicherung der Szene und die Betreiber hat: Im Jahr 2011 wurden alleine auf sächsischen Konzerten 80.000 bis 100.000 Euro[5] eingenommen, während der Gesamtumsatz der Musikszene im Freistaat 2012 etwa 3,5 Millionen Euro[6] betragen haben soll.

Exemplarisch für den Rückfluss von Gewinnen aus dem Musikgeschäft in die rechtsextreme Szene stehen die Aktivitäten des Labels PC Records. Als im Jahr 2004 die erste Schulhof-CD mit dem Titel „Anpassung ist Feigheit“ aus dem Spektrum der freien Kameradschaften erschien, war einer der Unterstützer der Chemnitzer Vertrieb. In den folgenden Jahren trat das Label auch im Zusammenhang mit dem internationalen Neonazi-Musikfestival "Fest der Völker" im thüringischen Jena in Erscheinung, auf dem Redner und Musikgruppen verschiedener neonazistischer Strömungen aus ganz Europa auftraten. Für PC Records ist die Unterstützung rechtsextremer Projekte ein mehrfacher Gewinn: In der Szene wird das politische Profil des Labels geschärft, und gleichzeitig dient die Werbung der Aquise neuer Kunden. Ein weiterer Beleg für die Rückkopplung mit militanten Neonazi-Strukturen sind die fünf bisher erschienenen "Solidaritäts"-Sampler, deren gesamte Einnahmen an "Kameraden und ihre Familie" gehen.

Auch die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) setzt seit Jahren auf öffentliche Großveranstaltungen mit politischen Redebeiträgen und namhaften Bands der Szene, um Mitglieder und Sympathisanten anzusprechen. Die Teilnehmer dieser als politische Kundgebungen angemeldeten Versammlungen zahlen einen freiwilligen Beitrag für ihre Teilnahme. Beispielhaft ist das regelmäßig stattfindende Festival "Rock für Deutschland" im thüringischen Gera: Im Jahr 2009 besuchten rund 4.000 Besucher das von der NPD organisierte Event. Szenekenner gehen davon aus, dass die Partei damals etwa 59.000 Euro aus Unkostenbeiträgen sowie T-Shirt- und Getränkeverkäufen einnahm, dem etwa 11.000 Euro Ausgaben gegenüberstanden. Für die Partei ein einträglichen Geschäft, bei dem rund 48.000 Euro in die klamme Parteikasse geschwemmt wurden.

Internethandel belebt das Geschäft

Rechtsextreme Musik und Merchandising-Produkte werden hauptsächlich über die Onlineshops der Labels und einschlägige Versandhäuser sowie Szene-Läden vertrieben. Dabei agieren die Unternehmen äußerst professionell und lassen häufig bereits vor der Produktion anwaltliche Gutachten erstellen, um strafbare Produktionen und damit einhergehende Hausdurchsuchungen zu vermeiden. Außerdem bieten sie aus letzterem Grund kaum noch strafbare oder indizierte Tonträger an. Die Labels und Versandhändler warnen sich untereinander bei aktuellen Indizierungen und nehmen die Produkte aus ihrem Sortiment.

Eine weitere Einnahmequelle sind Verkaufsstände auf politischen Veranstaltungen, öffentlichen Großevents der Szene oder konspirativ durchgeführten Konzerten.

Geschäfte im Hinterzimmer

Ein Großteil rechtsextremer Konzerte wird konspirativ organisiert. Dabei greift die Szene entweder auf eigene Immobilien zurück oder mietet unter falschen Vorwänden, etwa für Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern, Räumlichkeiten an. Die Teilnehmerzahlen dieser nur intern beworbenen Konzerte variieren stark und reichen von weniger als hundert bis zu tausend Teilnehmern. Auf diesen Konzerten können häufig auch verbotene oder indizierte Tonträger erworben werden, die sonst meist nur über Vertriebe aus dem Ausland oder als illegale Downloads verfügbar sind.

Mit der wachsenden Anzahl von Unternehmen, die Musik zum kostenpflichtigen Download anbieten, steigen vor allem für Musikgruppen aus dem Bereich der Grauzone – ohne eindeutige rechtsextreme Liedtexte – die Absatzmöglichkeiten.

Auch wenn keine genauen Umsatzzahlen für rechtsextreme Vertriebe verfügbar sind, spricht die hohe Zahl der Unternehmen und die mehr als 100 durchgeführten Musikveranstaltungen mit mehr als 8.000 Besuchern im Jahr 2013 für einen großen und sich verstetigenden Markt für braune Hass-Musik.

Fußnoten

1.
http://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2012.pdf
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-zahlen-7552
2.
"Betriebswirtschaftliches Kalkül muss erkennen, dass ohne ideologischen Unterbau und weitreichende Akzeptanz im rechtsextremistischen Milieu große Gewinne nicht zu erzielen sind." (http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/media_fast/4055/TB_Verfassungsfeinde_und_das_Kapital_web.pdf, S. 14)
3.
Vgl. Registerauskunft des Deutschen Patent- und Markenamts: https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/399039783/DE
4.
http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/gjallarhorn-klangschmiede
5.
Netzwerk für demokratische Strukturen Wurzen: http://www.ndk-wurzen.de/Veranstaltungen/aktuelle-Veranstaltungen/-Blut-muss-fliessen----/439d1713/
6.
Bericht über die Fachtagung des Verfassungsschutzes der Länder Brandenburg und Sachsen in Potsdam: "Verfassungsfeinde und das Kapital: Finanzströme im Rechtsextremismus". http://www.welt.de/regionales/berlin/article108759314/Neonazis-verdienen-Millionen-mit-Merchandising.html
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Autor: Maik Baumgärtner für bpb.de
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