Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

2.6.2014 | Von:
Ronny Blaschke

Angriff von rechtsaußen

Ultras sind fanatische Fußballanhänger, und eigentlich geht es ihnen nur um Fußball und ihre Liebe zum Verein. Doch die Zeiten, in denen man sich unpolitisch gab, sind längst vorbei. Die Szene ist dabei, sich ideologisch auszudifferenzieren. Wie Fußball-Hooligans und Rechtsextreme die Fankurven unterwandern, zeigt sich am Beispiel der Aachen Ultras.

Jeder öffentliche Raum in der Gesellschaft ist politisch, meint der Journalist Ronny Blaschke. Das Fußballstadion auch. Wie Rechtsextreme den Fußball für ihre politischen Ziele nutzen, erklärt er im Interview. Das Video können Sie Video-Icon in der Mediathek herunterladen. (© Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (2014))

Es war ein kalter Tag im Januar 2013, als die Aachen Ultras noch einmal ihre Stimmen erhoben. Sie schwenkten ihre Fahnen, sangen und feierten, obwohl es keinen Grund zum Feiern gab. Für die Aachen Ultras war jenes Pokalspiel bei Viktoria Köln Strafe und Erleichterung zugleich. Nach dem Abpfiff beendeten sie ihre aktive Unterstützung für die Alemannia im Stadion. Fußball war für sie zu gefährlich geworden. "Auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit, die Drohungen und Angriffe häuften sich, der private Raum hat keinen Schutz mehr geboten“, sagt Simon. Er ist Mitte zwanzig und gehört zu den Aachen Ultras, seinen wahren Namen möchte er nicht nennen. "Irgendwann haben wir keine Möglichkeit mehr gesehen, um sich im Stadion gegen Diskriminierung zu positionieren."

Simon ist eines von vielen Opfern, denen im Fußball kaum Gehör geschenkt wird. Viele Medien konzentrieren sich auf bengalische Fackeln in den Kurven, weil sie sich an martialischen Fernsehbildern orientieren können. Doch Fans wie die Aachen Ultras, die sich gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung aussprechen, werden im Verborgenen attackiert. Auch in Duisburg, Braunschweig oder Mönchengladbach. In Rostock, Dresden oder Dortmund. Die aus Italien stammende und hierzulande wachsende Jugendkultur der Ultras, der besonders leidenschaftlichen Fans, durchlebt einen Wandel. Rechte Hooligans, die sich in den 1990er Jahren zurückgezogen hatten, beanspruchen wieder ihren Platz. Im Zentrum steht die Frage: Wie politisch dürfen, wie politisch müssen Fußballfans sein?

Schleichender Rechtsruck der Fanszene

Aachen steht beispielhaft für die Entwicklung in einigen Fanszenen. Die Region gilt als eine Hochburg der Rechtsextremen, das Netzwerk aus Neonazis, Hooligans und Rockern ist laut Verfassungsschutz eng geknüpft. Auch die Aachen Ultras hatten sich nach ihrer Gründung 1999 nicht von dieser Allianz distanziert. Die meisten Mitglieder hatten nichts gegen sexistische Verbrüderungsrituale einzuwenden, sie grölten schwulenfeindliche Parolen. Sie sehnten sich nach Anerkennung in einer männlich dominierten Gruppe. Erst mit neuem Zulauf setzte sich eine differenzierte Selbstbetrachtung durch. Fraktionen bildeten sich heraus. Sie stritten um die Melodien der Gesänge, die Choreografien, die politische Ausrichtung. Einige Mitglieder gingen für ein paar Monate ins Ausland, nahmen ein Studium auf. Andere richteten ihr Leben auf Fußball aus. Aus Frust zwischen Jugendfreunden wurde Streit, aus Streit wurde Aggression. 2010 kam der Bruch: Eine kleine Gruppe verließ die Aachen Ultras und gründete die "Karlsbande".

"Wir haben unser chauvinistisches Verhalten hinterfragt", sagt Simon von den Aachen Ultras. "Fähnchenschwenken war nicht mehr genug." Die Gruppe, die sich wegen des Fußballs gefunden hatte, wollte sich außerhalb des Stadions engagieren. Sie nahm an Demonstrationen gegen die NPD teil. Mitglieder besuchten Graffiti-Workshops und Seminare von Menschenrechtsorganisationen. Ihr Ziel: Ein Stadion ohne Diskriminierung. Ein Stadion, in dem sich auch Minderheiten wohlfühlen: Migranten, Homosexuelle, Sinti und Roma. Für die Aachen Ultras: ein gesellschaftlicher Mindeststandard. Für ihre Gegner war es linke Provokation.

Die Ultras der Karlsbande bezeichneten sich von Anfang an als unpolitisch. Sie öffneten sich für die Hooligan-Gruppen "Westwall" und "Supporters", für Männer jenseits der dreißig, die das Gesetz des Stärkeren predigen. Die Karlsbande duldete Mitglieder der rechtsextremen Kameradschaft Aachener Land, die laut Verfassungsschutz mit Sprengstoff hantiert hat und schließlich im August 2012 verboten wurde. Die rechtsoffene Aachener Fußball-Allianz wuchs schnell auf mehr als 300 Sympathisanten an, im Stadion trieb sie die Mannschaft nach vorn, die sportlichen Gegner waren eingeschüchtert – und so ließ der Verein sie gewähren.

Aachen Ultras und Karlsbande prallten aufeinander, im Stadion, im Alltag, im Internet. Mitglieder der Karlsbande wollten den Aachen Ultras untersagen, "Politik auf dem Rücken ihres Vereins" zu betreiben. "Wir verstehen uns nicht ausschließlich als linke und schon gar nicht als linksextreme Gruppe", sagt Simon. "Wir vertreten bestimmte Grundwerte, die wir auf den Fußball übertragen möchten. Wir wollen eine fortschrittliche Gruppe sein und den Begriff Ultra modern prägen."

Gewalttätige Übergriffe auf die Ultras

Im Dezember 2011 wurden die Aachen Ultras im eigenen Stadion von dreißig zum Teil vermummten Schlägern angegriffen. Auswärts in Braunschweig versperrten ihnen Neonazis den Block. Die Vereinsführung der Alemannia wollte zu diesem Zeitpunkt die Insolvenz vermeiden und den Abstieg aus der zweiten Liga verhindern. Sie wollte Opfer und Täter zur Versöhnung an einen Tisch bringen, auf Augenhöhe. So hielt die unbeteiligte Publikumsmehrheit den Konflikt für Scharmützel zwischen Pubertierenden. "Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik", ließ der NPD-Funktionär und Alemannia-Fan Sascha Wagner mitteilen. Unwissende Fans gaben ihm Recht, zum ersten Mal überhaupt, die NPD wurde für sie ein Stück normaler.

Ein Facebook-Nutzer, der als Arbeitsstelle "Deutsches Reich" vermerkt hat, forderte im Netz: "Aachen Ultras haben einen gelben Stern zu tragen." Ein anderer ergänzte: "Aachen Ultras und Antifa – an die Wand und Feuer". Simon erhielt anonyme Drohanrufe, Freunde von ihm fanden rechtsextreme Flugblätter auf ihrer Türschwelle, Neonazis fuhren vor ihren Wohnhäusern auf und ab. Im August 2012 jagten dutzende Hooligans die Aachen Ultras vor dem Stadion in Saarbrücken, traten auf Fans ein, die schon am Boden lagen.

Wieder sprach Alemannia Aachen Stadionverbote aus, wieder verschärfte sich die Drohkulisse für die antirassistischen Fans dann außerhalb der Arena, in Kneipen oder Bahnhöfen. Aachener Hooligans organisierten ein konspiratives Konzert der rechten Band Kategorie C im nahen Kerkrade. Sänger Hannes Ostendorf trug während des Auftritts ein gelbes T-Shirt mit dem Schriftzug "Westwall Aachen". Alemannia schmeichelte ihnen als Statussymbol.

Im Herbst 2012 haben Politiker, Funktionäre, Journalisten über Pyrotechnik und Gewalt im Fußball diskutiert. Die Deutsche Fußball-Liga DFL, die Interessenvertretung der Profiklubs, veröffentlichte ein Sicherheitskonzept. Rechtsextreme Einflüsse wurden kaum erwähnt. Bundesweit fühlten sich Ultra-Gruppen von der DFL als Schläger und Brandstifter stigmatisiert. In aufgeladener Atmosphäre wollten sie ein Protestbündnis gegen die "Kriminalisierung" schmieden. Mit dabei: die Karlsbande. Nicht mit dabei: Die Aachen Ultras. Simon und seine Freunde wollten nicht mit rechtsoffenen Gruppen paktieren, wieder galten sie als Quertreiber. Inzwischen bereuen sie, dass sie ihre Motive in manchen Situationen nicht diplomatischer formuliert haben.

In langen Diskussionen mussten sich die Aachen Ultras Anfang 2013 eingestehen, dass ihnen nur eine Möglichkeit blieb: der Rückzug aus dem Stadion, aus dem öffentlichem Raum. Die DFL verkündete im Januar 2014 eine Kooperation mit der Neonazi-Aussteigerinitiative "Exit", für einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren sollen anderthalb Millionen Euro bereitgestellt werden, um Fanarbeit zu unterstützen. "Sich gegen Rechts zu positionieren, ist selbstredend und wir Verbände müssen da noch aktiver werden", sagt DLF-Geschäftsführer Andreas Rettig.

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Autor: Ronny Blaschke für bpb.de
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