Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Judenhass im Fußball


19.3.2015
Judenhass im Fußball hat Tradition. Hartnäckig halten sich antisemitische Stereotype, die als Beleidigungen von rechten Fans aus den Kurven gebrüllt werden. Die Verbände haben lange gebraucht, um auf antisemitische Ausfälle zu reagieren. Inzwischen wird der Judenhass auch in den Fußballstadien immer öfter als Israelkritik getarnt. Eine Herausforderung für Vereine und Fanbeauftragte.

Beim Freundschaftsspiel Maccabi Haifa gegen OSC Lille werden Spieler aus der israelischen Mannschaft von Zuschauern attackiert.Beim Freundschaftsspiel Maccabi Haifa gegen OSC Lille werden Spieler aus der israelischen Mannschaft von Zuschauern attackiert. (© imago)

Juden in Europa hatten 2014 einen Sommer voller Sorgen: Immer wieder wurden sie für die Intervention Israels im Gaza-Streifen verantwortlich gemacht. Demonstranten vermischten auch auf deutschen Straßen die Kritik an der Politik Israels mit antisemitischer Hetze. Die Anfeindungen erreichten auch den Fußball: Am 23. Juli 2014 stürmten zwanzig Jugendliche mit Palästinafahnen während des Testspiels zwischen der israelischen Mannschaft Maccabi Haifa und ihrem französischen Gegner OSC Lille das Spielfeld in der Nähe von Salzburg, die Partie wurde abgebrochen.

In derselben Woche bestritt das israelische Team Maccabi Netanya ein Freundschaftsspiel gegen ein Nachwuchsteam in Dortmund. Unter den 300 Zuschauern waren ein Dutzend Neonazis aus dem Umfeld der Partei "Die Rechte", wie Dortmunder Lokalmedien übereinstimmend berichteten. Die Neonazis zeigten zwei Palästinenserflaggen und eine schwarz-weiß-rote Fahne des Deutschen Kaiserreichs. Ihre Parolen: "Nie wieder Israel" und "Juden raus aus Palästina". Tage später trafen Hannover 96 und Lazio Rom in einem Testspiel aufeinander. Dreißig Anhänger des rechten Fan-Freundeskreises "Legion Germania" skandierten: "Eine Bombe auf Israel."

Seit einigen Jahren schon berichten Wissenschaftler, dass sich der Antisemitismus wandele: Judenfeindschaft werde zunehmend als brachiale Kritik an Israel getarnt. Im November 2014 veröffentlichte die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre aktuelle, repräsentative Studie zu rechtsextremen Einstellungen. Demnach stimmten unmittelbar nach den Kämpfen im Gaza-Streifen 2014 etwa 28 Prozent der Deutschen folgender Aussage zu: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat." Dass diese Ressentiments sich nun im Fußball entladen, sei die neue Dimension eines alten Phänomens, sagt der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski: "Der Antisemitismus ist die älteste Diskriminierungsform im Fußball. Er verändert sich – verschwunden war er nie."

Seit mehr als zwanzig Jahren erforscht Dembowski die deutsche Fankultur, seit Ende 2014 ist er für den Weltfußballverband Fifa tätig. "Juden sind in der Regel im Stadion als Gruppe nicht sichtbar. Und doch nutzen einige Fans den Begriff Jude, um ihren Gegner abzuwerten. Nach dem Motto: Wir gegen die Anderen. Wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert, kann eine angespannte Atmosphäre noch weiter aufgeladen werden." Am 10. August 2014 wurde während des Drittligaspiels zwischen Fortuna Köln und dem Chemnitzer FC im Gästeblock die Flagge Palästinas gesichtet, daneben hing die deutsche Reichsfahne.

Fußballfans verkünden ihre Solidarität mit Palästina, verbunden mit Schmähgesängen gegen den Staat Israel – dieser Israelbezogene Antisemitismus zeigt sich immer öfter auch im Fußball, wo die Judenfeindschaft ohnehin eine traurige Tradition hat: Anfang der 1980er Jahre gründeten rechtsextreme Anhänger im Umfeld von Hertha BSC den Fanklub "Zyklon B", in Anlehnung an das Massenvernichtungsgas der Nazis. Fans besangen vielerorts den Bau einer U-Bahn aus ihrer Stadt bis nach Auschwitz. 1996 spielte die deutsche Nationalmannschaft in Zabrze gegen Polen, fünfzig Kilometer von Auschwitz entfernt: Neonazis entrollten ein Transparent: "Schindler-Juden – wir grüßen euch!" Sie riefen: "Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen." Klassischer Antisemitismus.

2005 zeigten Cottbuser Fans in Dresden ein Banner mit der Aufschrift "Juden", verbunden mit dem Davidstern, der das Logo des Gegners Dynamo umrahmte. Mit dabei in der emotional aufgeladenen Kurve: Dutzende junge Mitläufer, die das Banner beklatschten, sich wohl nie als rechtsextrem bezeichnen würden, aber den Begriff "Juden" als Provokation und Kränkung ihres Gegners verstanden. Gerd Dembowski erkennt an solchen Beispielen, wie antisemitische Denkmuster an die Oberfläche kommen, die von den Fans selten reflektiert werden: "Junge Menschen nehmen in ihrer Sozialisation klischeehafte Bilder auf: Juden als Aussätzige oder als Opfer. Und diesen Sinngehalt übertragen sie mitunter auf den Fußball, zum Beispiel auf den Schiedsrichter, der als Sündenbock herhalten muss."

Judenfeindliche Parolen sollen diffamieren und beleidigen



Der Hamburger Sport- und Politikwissenschaftler Florian Schubert beschäftigt sich seit Jahren mit den Fankulturen, seit 2008 hat er hunderte Medienberichte ausgewertet und Interviews geführt, 2015 möchte er seine Dissertation über Antisemitismus im Fußball vorlegen. Schubert sagt: "Der Fußball ist keine Parallelwelt. Dass ausschließlich Neonazis den Antisemitismus von außen in das Stadionumfeld tragen, ist verkürzt. Judenfeindliche Sprüche und Alltagsrassismus gibt es dort seit langem. So können Jugendliche diese Sprüche im Stadion verinnerlichen und zurück in die Gesellschaft tragen, zum Beispiel in die Schulen."

Florian Schubert hat in seiner Dissertation viele Vorfälle ausführlich analysiert: Im Februar 2012 wurde in Kaiserslautern der israelische Nationalspieler Itay Shechter beim Auslaufen als "Drecksjude" beschimpft. Sein Team hatte 13 Spiele nicht gewonnen. Der Südwestrundfunk war mit einem Kamerateam vor Ort und machte die Beschimpfungen öffentlich, Augenzeugen aus der Fanszene hielten sich bedeckt. Wenige Wochen später veröffentliche die Bremer Hooliganband Kategorie C ein Lied in Erinnerung an Fritz Walter. Der Weltmeister von 1954 spielte mehr als dreißig Jahre für Kaiserlautern. Walter war meist Mittelfeldspieler, doch das Lied heißt "Der Stürmer". Den gleichen Titel trug eine antisemitische Wochenzeitung im Dritten Reich. Der Liedtext von Kategorie C ist frei von judenfeindlichen Aussagen, dennoch entstand in sozialen Netzwerken der Fans eine Debatte, ob Kategorie C das Kaiserslauterer Idol vereinnahmen würde.

Die Schmähungen gegen Itay Shechter haben ein europaweites Medienecho erzeugt – im Fußball ist das eine Ausnahme. Viele Fußballfunktionäre halten Judenfeindschaft erst für alarmierend, wenn kahl rasierte Muskelmänner ein Hakenkreuz hissen, hat der Fanforscher Florian Schubert beobachtet: "Antisemitische Gesänge müssen nicht ständig wiederholt werden, damit sie präsent sind." Schubert habe in seinen Forschungen kaum jemanden getroffen, dem die gängigen judenfeindlichen Parolen nicht bekannt gewesen seien.

Laut der besagten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung glaubten mehr als 15 Prozent der Befragten, dass Juden in Deutschland zu viel Einfluss hätten. Diese Ausformung der Judenfeindschaft, auch bekannt als struktureller Antisemitismus, greift Jahrhunderte alte Klischees auf: über Machtstreben und Gier. Es sind Klischees, die auch im Fußball eine lange Tradition haben, berichtet Martin Endemann, einer der Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans, kurz: Baff. Endemann hatte im Jahr 2000 hunderte Stasi-Akten gelesen, zur Recherche für eine Wander-Ausstellung gegen Diskriminierung im Fußball, für "Tatort Stadion".

Endemann hat die Wurzeln erkundet: In der DDR hatten in den 1980er Jahren Fans aus Zwickau oder Magdeburg den finanziell besser gestellten Stasi-Klub BFC Dynamo als "Juden Berlin" bezeichnet, ihre Teams sahen sie in der Rolle des ehrenhaften Außenseiters. Die zensierten DDR-Medien durften über die antisemitischen Diffamierungen nicht berichten. Auch deshalb konnten sich die Abwertungsmuster festsetzen. Der Politologe Endemann hat das als Anhänger von Tennis Borussia Berlin später zu spüren bekommen, einem Verein, der 1902 von jüdischen Studenten gegründet worden war. Ende der 1990er Jahre begab sich der Klub in die Abhängigkeit eines finanzstarken Investors, der Göttinger Gruppe Vermögens- und Finanzholding. "Plötzlich galten wir überall als die reichen und hinterhältigen Juden", sagt Endemann. "Auf Auswärtsfahrten wurden wir regelmäßig antisemitisch und rassistisch beschimpft."

Hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Diskriminierungsformen, zu Rassismus oder Islamfeindlichkeit. "Juden" werden zwar als Fremde und Aussätzige betrachtet, aber nicht automatisch als Unterlegene. Der strukturelle Antisemitismus schöpft sich auch aus Verschwörungsphantasien, erzählt Martin Endemann: Juden als Drahtzieher in der Finanzwelt oder in den Medien. Juden, die pauschal als besonders intelligent gelten, als kühl kalkulierend. Es sind Stereotype, die sich seit langem halten, auch im Fußball: Im September 2011 schmetterten während eines DFB-Pokalspiels hunderte Fans des Zweitliga-Klubs Dynamo Dresden ihrem favorisierten und besser gestellten Gegner entgegen: "Jude, Jude, Jude – Eintracht Frankfurt." Zwei Jahre später stand die Eintracht wieder im Blickpunkt, allerdings deren zweite Mannschaft. Anhänger des Rivalen Kickers Offenbach skandierten im Derby gegen den finanziell stärkeren Nachbarn aus Frankfurt: "Zyklon B für die SGE". SGE steht für Sportgemeinschaft Eintracht.

Es geht auch subtil. Tausende Fans protestierten 2014 gegen den aufstrebenden Zweitligisten Rasenballsport Leipzig, der von Red Bull, einem österreichischen Milliardenunternehmen, getragen wird. Neonazis aus Sachsen griffen einen Schmähnamen auf: "Rattenball", in Anlehnung an Szenen aus dem NS-Propagandafilm "Der ewige Jude". Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren jüdische Menschen in Schriften als "goldene Ratten" bezeichnet worden. Die Leipziger Internet-Zeitung hat nachgewiesen, dass dieser Schmähname in den Mehrheitsgeschmack eingesickert ist. Auf Facebook kursieren abgewandelte Wappen von Rasenballsport Leipzig: Anstelle von zwei Bullen balancieren rote Ratten mit ihren Schnauzen eine Euromünze. Die meisten Fans, denen "Rattenball" über die Lippen kommt, würden den Verdacht des Antisemitismus wohl sofort zurückweisen, vermutet der Sportwissenschaftler Florian Schubert. Trotzdem könnten sich beim Hören von Rattenball-Rufen jüdische Stadionbesucher, die für die alte Propaganda besonders sensibilisiert sind, an die NS-Ideologie erinnert fühlen.

Florian Schubert untersucht in seiner Dissertation auch die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Fast dreißig Prozent der Befragten stimmten in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im September 2014 folgender Aussage zu: "Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden." Dass Fußball ein Nährboden für dieses Gedankengut sein kann, zeigen Beispiele: So verteilte die NPD Anfang des Jahrtausends Flugblätter vor dem Berliner Olympiastadion: "Stadionbau statt Mahnmal". Als Zeichen gegen den Bau des Holocaust-Mahnmals am Brandenburger Tor. Zur WM 2006, an der auch das iranische Nationalteam teilnahm, fand die rechtsextreme Partei freundliche Worte für den damaligen Präsidenten des Iran: Mahmud Ahmadinedschad hatte den Holocaust geleugnet und Israel das Existenzrecht abgesprochen. Im Mai 2013 zeigten Zuschauer des Sechstligisten TuS Sachsenhausen gegen den SV Babelsberg ein Banner: "Gas geben Sachsenhausen." Tausende Menschen waren im KZ Sachsenhauen in der Nähe von Berlin in Gaskammern ermordet worden. Juden, Linke, Andersdenkende. Der SV Babelsberg ist heute bekannt für eine antirassistische, linke Fanszene. Und noch ein Beispiel: Im Februar 2015 inszenierten rund 300 Fans des FC Luzern auf ihrem Weg zum Stadion eine Art Treibjagd: Vor ihnen lief ein Mann, der wie ein orthodoxer Jude gekleidet war, in schwarzem Anzug, mit schwarzem Hut. Ziel der Aktion: Die Luzern-Fans wollten ihren Gegner St. Gallen herabwürdigen. Den Vorwurf, dass die Treibjagd antisemitisch sei, wiesen die Luzerner empört zurück.

Solidarität mit jüdischen Vereinen ist die Ausnahme



Bei Makkabi, ebenfalls auf der Amateurebene zu Hause, kennt man derartige Abwiegelungsversuche. Rund 4000 Mitglieder zählt die jüdische Sportbewegung in ihren 37 deutschen Ortsvereinen. Sie haben einen wichtigen Beitrag geleistet bei der Integration von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa. Alon Meyer ist Präsident von Makkabi Deutschland, er leitet auch den größten Ortsverein, den in Frankfurt am Main. Meyer sagt, dass der Antisemitismus sich an der Basis in den vergangenen sechs, sieben Jahren verändert habe. Feindseligkeit käme seltener von Rechtsextremen, sondern zunehmend von muslimischen Gegnern und Zuschauern. Alon Meyer berichtet von einem Jugendspiel, das Makkabi kurz vor Schluss für sich entschieden hatte. Die arabischstämmigen Gegner fühlten sich provoziert: "Auf dem Weg zur Kabine gab es schlimme Beschimpfungen. Ich habe es geschafft, unsere Leute in die Kabine zu bringen. Aber ich konnte die Sicherheit meiner Sportler nicht mehr garantieren. Da habe ich die Polizei gerufen, die uns dann nach Hause begleitet hat."

Der 40-jährige Alon Meyer möchte Makkabi als Medium nutzen und für gesellschaftliche Vielfalt werben. Doch er stößt auf Widerstände, oft unterschwellig, zum Beispiel auf der Suche nach einem neuen Vereinsgelände in Frankfurt. "Da hören wir von Beamten oder Stadtverantwortlichen zum Teil die gleichen Argumente: Makkabi habe doch das Geld, Makkabi habe es doch viel einfacher als andere Vereine. Das hören wir immer wieder. Und wenn Spieler über Wechselprämien reden, dann erwarten die von uns oft mehr als von anderen Vereinen." Das Klischee vom reichen Juden lebt fort.

Makkabi ist offen für alle Gruppen: Juden kicken gemeinsam mit Christen, Muslimen und Atheisten. Wenn sich im Nahen Osten der Konflikt zwischen Israel und Palästina verschärft, dann eskalieren mitunter auch Amateurspiele in Deutschland: Im März 2012 spielte Makkabi Berlin beim BSV Hürtürkel in Neukölln, Spieler und Funktionäre des Gastgebers riefen: "Ihr stinkenden Juden". Claudio Offenberg, Sportlicher Leiter von Makkabi Berlin, sagt: "Unsere muslimischen Spieler wurden von muslimischen Spielern des Gegners angegriffen. Nach dem Motto: wie könnt Ihr Verräter bloß bei den Saujuden spielen?" Offenberg erlebt selten Solidarität: Dass Türkiyemspor Berlin, der bekannteste Migrantenklub Deutschlands, 2012 mit einem Spiel gegen Makkabi ein bewusstes Zeichen gegen Antisemitismus setzte, ist eher eine Ausnahme – und gerade deshalb so wichtig. Ebenso der Videoclip, den der Bundesligist Hertha BSC im Herbst 2014 mit Makkabi gegen Judenhass drehte.

Prävention gegen Antisemitismus



Wer ist für Gegenwehr und Prävention verantwortlich, wenn Jugendliche ihren Frust und ihre Vorurteile in der Schule zurückhalten, aber im Fußball in Parolen ausdrücken? Eltern, Politiker, Vereinsvertreter? Der DFB hat sich lange um seinen Teil der Aufgabe gedrückt: Um die Jahrtausendwende hatte Dieter Graumann Briefe an Verbände und Vereine geschrieben – ohne Reaktion. Graumann leitete zwölf Jahre Makkabi in Frankfurt, bis vor kurzem war er vier Jahre lang Präsident des Zentralrats der Juden. Damals wandte sich Graumann an die Presse. Theo Zwanziger schaltete sich ein, zu jener Zeit Schatzmeister des DFB, bald darauf dessen Präsident. Zwanziger brachte eine Studie über den Verband im Nationalsozialismus auf den Weg. Er nahm die Landesverbände in die Pflicht. Heute achten immer mehr ehrenamtliche Funktionäre darauf, dass Antisemitismus gar nicht erst entstehen kann. "Wir beobachten den Spielplan genau, auch Freundschaftsspiele", sagt Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, des BFV: "Gestandene Schiedsrichter und mehr Sicherheitsordner können die Wahrscheinlichkeit verringern, dass es zu Konflikten kommt."

Der BFV hat ein Postfach für anonyme Hilferufe eingerichtet. Er druckt Broschüren, verteilt Plakate, produziert Ratgeber-DVDs. Er veranstaltet Feste für Vielfalt, organisiert Deeskalations-Trainings. Schiedsrichter besuchen Schulungen, Konfliktmanager beobachten Risikospiele. Der Verband pflegt Partnerschaften: mit der Jüdischen Gemeinde, der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, dem Verein "Gegen Vergessen" oder dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.

In den oberen Ligen haben Historiker die NS-Vergangenheit einiger Traditionsklubs erforscht. Fangruppen besuchen Gedenkstätten, organisieren Vorträge, verlegen Stolpersteine. Junge Anhänger entdecken alte Vorbilder, die durch die Nazis in Vergessenheit geraten waren. Immer mehr deutsche Clubs schauen mit Stolz auf das Wirken jüdischer Menschen in ihrer Vereinsgeschichte. In München pflegen Ultras das Gedenken an Kurt Landauer. Unter dem jüdischen Vereinspräsidenten wurde der FC Bayern 1932 erstmals Deutscher Meister. In Nürnberg gedenken Ultras Jenő Konrád. Der jüdische Trainer wurde von den Nazis vertrieben.

Die Fans von Ajax Amsterdam gehen weit darüber hinaus. Die niederländische Metropole galt vor dem Zweiten Weltkrieg mit rund 80.000 jüdischen Einwohnern als "Jerusalem des Westens". Viele von ihnen waren Anhänger von Ajax. Nach 1945 hatte der Klub jüdische Funktionäre und Spieler, weswegen Ajax ab Ende der 1970er Jahre immer wieder von Gegnern antisemitisch geschmäht wurde. Einige Ajax-Fans nahmen das zugeschriebene Image als "Juden-Klub" auf und überzeichneten es ironisch. Sie nannten sich "Super-Juden", schwenkten die israelische Flagge und sangen auf den Tribünen: "Wer nicht hüpft, der ist kein Jude." Darauf reagierten wiederum Fans des Rivalen Feyenoord Rotterdam. Sie riefen: "Hamas, Hamas – Juden ins Gas".[1]

Ähnlich sieht es im Norden Londons aus, wo sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts viele jüdische Einwanderer niederließen. Viele von ihnen unterstützten die Tottenham Hotspurs. Auf antisemitische Beleidigungen reagierten die Tottenham-Fans mit einer eigenwilligen Selbstbeschreibung: Sie nannten sich „Yid Army“ – wobei „Yid“ ein diskriminierender Begriff für Juden ist. Der Englische Fußballverband hat entsprechende Gesänge untersagt, doch die mit großer Mehrheit nichtjüdischen Tottenham-Anhänger wehren sich: Ihre Unterstützung sei eine Form der Solidarität.

Ist eine derartige Verwendung des Begriffs “Jude” legitim? Nicht für den israelischen Filmemacher und CNN-Mitarbeiter Michael Schwartz: "Ich empfinde es als Provokation", sagt Schwartz, der in einer Dokumentation den Antisemitismus im europäischen Fußball untersucht hat. "Diese besondere Betonung des Jüdischen erzeugt bei mir ein ungutes Gefühl. Ich möchte nicht besonders gemocht werden, weil ich Jude bin.“

Gegenkultur trifft auf antirassistische Praxis



Einen anderen Weg, dem Antisemitismus zu begegnen, geht der Deutsche Fußballbund. Seit zehn Jahren vergibt der DFB den Julius-Hirsch-Preis gegen Diskriminierung. Hirsch war einer von zwei jüdischen Nationalspielern in der Geschichte des DFB, er wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Der Verband schickt seine Nachwuchsteams jeweils im Dezember nach Israel, wo sie auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen. "Und dort sind die jungen Spieler dann nicht mehr so cool, sondern tief bewegt", sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. "Ihre Gesichtsausdrücke werde ich nicht vergessen. Die persönliche Teilnahme ermöglicht ihnen Eindrücke, die durch Bücher und Filme schwer zu vermitteln sind." Jährlich zum Holocaust-Gedenktag ruft die bundesweite Fußballinitiative "!Nie Wieder" zum Erinnerungstag im deutschen Fußball auf. Auch die Spitzenvertreter der Vereine beteiligen sich an den Gedenkveranstaltungen. Nur, wo sind ihre Stimmen, wenn etwa antirassistische Fangruppen wie in Aachen oder Braunschweig von rechten Hooligans als "Juden" bezeichnet und verprügelt werden? Auch die Medien berichten selten darüber, dass auch bei Länderspielen der deutschen Mannschaft antisemitische Parolen auf der Tribüne fallen, wie Fan-Forscher Florian Schubert dokumentiert hat: bei der EM 2012 in Lemberg gegen Dänemark oder bei der WM 2014 in Porto Alegre gegen Algerien.

Bei den Schulungen von Trainern im Amateurfußball wird selten über Antisemitismus gesprochen. Dünn sind die Partnerschaften der 21 Landesverbände mit den jüdischen Gemeinden. "Es ist wohl der einfachere Schritt, sich erst auf die schreckliche Geschichte des Nationalsozialismus zu beziehen", sagt Florian Schubert. "Für die Zukunft wäre es gut, sich auf aktuelle jüdische Lebenswelten zu beziehen, zum Beispiel durch Freundschaftsspiele gegen Makkabi. Es gibt einen Aufklärungsbedarf, auch in den pädagogischen Fanprojekten."

Doch es geht auch anders. Florian Schubert hat im Bündnis aktiver Fußballfans an der Neugestaltung der Ausstellung "Tatort Stadion" mitgewirkt. Seit 2001 wurden die Informationstafeln an rund 400 Orten ausgestellt. Stets boten sie einen Anlass zur Vertiefung: für Lesungen, Podiumsdiskussionen, für Berichterstattung in den Lokalmedien. Die Ausstellung führte engagierte Menschen zusammen. Schubert rät Trainern und Fanbetreuern: "Es ist wichtig zu differenzieren. Es gibt Neonazis, die antisemitische Gesänge anfangen und forcieren. Aber es gibt auch Beteiligte, die das unreflektiert mitsingen. Weil sie das für Tradition halten oder glauben, betrunken alles machen zu dürfen. Mit denen sollten die Fanprojekte reden. Wenn man ihnen kollektiv ein geschlossenes antisemitisches Weltbild unterstellt, wird man gegen eine Mauer laufen." Wichtig sei Prävention auf Augenhöhe.

Wie in Bremen. 2013 haben dort Mitglieder der Ultra-Gruppe Caillera ein Forum gegründet, das überregional Anhänger ansprechen soll: "Fußballfans gegen Antisemitismus". Auf ihrer Facebook-Seite dokumentieren sie antisemitische Vorfälle und weisen auf Info-Veranstaltungen hin. In Bremen haben sie drei Vorträge und zwei Filmabende organisiert, mit hunderten Gästen, die sich sonst selten für Fußball interessieren. Sie planen weitere Veranstaltungen, für die Finanzierung haben sie T-Shirts und Taschen mit ihrem Logo verkauft. "Es wurden uns viele Fotos zugeschickt, auch aus anderen Ländern. Viele Leute wollen unsere Botschaft verbreiten", erzählt Morten, einer der prägenden Köpfe der Fußballfans gegen Antisemitismus. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, und sein Mitstreiter Benedikt ergänzt: "In einigen Stadien müssen Fans mit unseren T-Shirts mit starkem Widerstand rechnen. Dass sie trotzdem Stellung beziehen, ist wichtig und unterstützt unsere Arbeit sehr."


Fußnoten

1.
 Vgl. unter anderem http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/610
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