Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Gemeinfrei: "Mein Kampf"

14.12.2015
Ab dem 1. Januar 2016 darf "Mein Kampf" neu veröffentlicht werden. Dann läuft der Urheberschutz aus, auf Grund dessen das Land Bayern die letzten 70 Jahre eine Neuauflage des Buches untersagen konnte. Aber – soll es auch veröffentlicht werden? Die Meinungen darüber gehen auseinander.

Die Ausgaben von "Mein Kampf" in verschiedenen Sprachen.Veröffentlichen oder nicht? In anderen Ländern stellt sich diese Frage nicht, wie diese Ausgaben von "Mein Kampf" verdeutlichen. (© picture-alliance)

Prof. Dr. Hajo Funke ist Rechtsextremismusexperte und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Neonazismus, Geschichtsrevisionismus und Rechtspopulismus. Bis zu seiner Emeritierung 2010 lehrte er Politische Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

Natürlich kann man dafür eintreten, Adolf Hitlers "Mein Kampf" zu verbieten. Es ist eine Hetzschrift. "Mein Kampf" ist eines der eindrücklichen antisemitischen Pamphlete. Es ist durchzogen von der wahnhaften Besessenheit Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten, dass die Juden "an allem schuld sind" und ohne ihre Entfernung Deutschland und die ganze Welt verloren sei: Es ist der radikalste Ausdruck antisemitischer Paranoia.

Denn "Mein Kampf" ist durchzogen von endlosen Tiraden auf "den Juden" und seine "tödliche Gefahr" für das deutsche Volk. Hitler überschüttet seine "Juden" mit Beweisen seines Hasses, mit Vorwürfen, Anklagen, Erniedrigungen, Entwertungen, ohne noch zu einer Prüfung fähig zu sein. Der Jude ist in seinem Antisemitismus an allem Schuld, die Ursache allen Unglücks, und in einem billigen Umkehrschluss folgt aus dieser Beschreibung, dass die Beseitigung der Juden das Glück auf Erden bringen werde. So etwa, um dies an einem Textausschnitt zu illustrieren, in welchem Adolf Hitler scheinbar biografisch auf Erfahrungen in Wien sich bezieht:
    "Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre? So wie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein. […] Es genügte schon, eine der Anschlagsäulen zu betrachten, die Namen der geistigen Erzeuger dieser grässlichen Machwerke für Kino und Theater, die da angepriesen wurden, zu studieren, um auf längere Zeit hart zu werden. Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der Schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde![1]
Mit der Entwertung "des Juden" als schmutzig, schlecht, lügnerisch, hinterhältig und tödlich gefährlich, wertet er zugleich den Nicht-Juden, insbesondere den "Arier" idealisierend auf. Der Entwertung entspricht die eigene Idealisierung. Sie führt zu einer grandiosen und grandios falschen Aufwertung des Antisemiten. Im Maße der eigenen Selbstunsicherheit, Minderwertigkeit, Verelendung und einem Gefühl des Versagens wird ein illusionärer Ersatz der Selbstaufwertung geboten, der, wenn er von anderen getragen wird, gleichsam eine zweite scheinhafte, gleichwohl soziale Realität gewinnt. Von "Erlösungsantisemitismus" spricht Saul Friedländer, wenn nicht wie im gewöhnlichen rassischen Antisemitismus dieser nur ein Element im Zusammenhang einer umfassenderen rassistischen Weltanschauung darstellt, sondern der Kampf gegen die Juden - wie in "Mein Kampf" - der beherrschende Aspekt einer Weltanschauung ist.[2]

Manche haben das schon früh erkannt. So der junge Psychoanalytiker Heinrich Lowenfeld, dem das Buch Anfang der Dreißigerjahre zufällig in die Hände fiel. In einem Interview sagte der wenig später Emigrierte:
    "Ich habe das Buch vom Anfang bis zum Ende gelesen. Danach war mir klar, dass für die Juden nichts zu machen war. Es war absolut klar. Denn er hat in dem Buch genau beschrieben, dass er sie vernichten will. Man hat sehen können, dass er eine richtige psychiatrische Paranoia hatte, denn er beschrieb genau, wie er in Wien auf der Inneren Straße einen so genannten Kaftanjuden, also einen Juden im Kaftan sah und wie im Blitz plötzlich alles verstand. Die sind schuld an allen Problemen, am Kapitalismus, am Kommunismus, an der Armut und an was immer. Eine paranoide Idee. Wissen Sie, Leute, die eine Paranoia haben, haben eine ungeheuer gewaltige Stoßkraft. Kein Mensch kann so sicher sein wie ein Paranoiker."[3]
Diese Hetzschrift und sein Antisemitismus ist für die äußerste Rechte: die Neo-Nationalsozialisten nach wie vor von großem Einfluss. Die antisemitische Weltanschauung ist fester Bestandteil des heutigen Neonazismus. Neonazis greifen alles auf, was sie scheinbar bestätigt oder in ihre hermetische Weltanschauung eingefügt werden kann. Es empfiehlt sich daher, eine Veröffentlichung vorzulegen, in der nicht nur empirisch und historisch das von Hitler gezeichnete Bild der Welt zurechtgerückt wird, sondern auch der wahnhaft paranoide Charakter dieses antisemitischen Buchs. Ob dies in den verabredeten Veröffentlichungsprojekten gelingt, ist offen. Wenn es gelingt, den zerstörerischen (und letztlich selbstzerstörerischen) Charakter des Nationalsozialismus und einer solchen wahnhaften Weltanschauung beispielhaft – an diesem Buch - kenntlich zu machen und damit zugleich ähnliche wahnhafte Vorstellungen der äußersten Rechten über den Migranten heute, kann es öffentliche Lernprozesse bewirken.

Wenn sich pädagogische Institutionen, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit sich dieser öffentlichen Debatte stellen, kann dies noch einmal Lernprozesse über den Charakter des Nationalsozialismus wie des gegenwärtigen Rechtsextremismus und seinen Anfängen in der rassistischen Verachtung von anderen, heute von Asylflüchtlingen durch radikalisierte Rechtspopulisten vorantreiben. Diese öffentlich geführten Auseinandersetzungen sind wichtig, wenn man bedenkt, wie wenig bei jüngeren Generationen über den Nationalsozialismus, seinen Antisemitismus und den Holocaust bekannt ist und kritisch verstanden wird.


Esther Bejarano, Jahrgang 1924, ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie ist Vorsitzende des deutschen Auschwitz-Komitees, Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und engagiert sich mit ihren mehr als 90 Jahren noch aktiv gegen Neonazis.

Ich halte es für eine ausgesprochene Schweinerei, dass Adolf Hitlers "Mein Kampf" ab dem kommenden Jahr veröffentlicht werden kann. Das Buch ist volksverhetzend und gehört verboten! Im Grundgesetz heißt es, alle Nachfolgeorganisationen der NSDAP sind ebenso wie alle nazistischen Schriften und Embleme verboten. Daher ist aus meiner Sicht überhaupt keine Diskussion darüber notwendig, ob das Buch veröffentlicht werden kann. Unsere Regierung sollte sich einfach an die bestehenden Gesetze halten! Es ist eine Schande, dass 70 Jahre nach Kriegsende Nazis und ihrer Menschen verachtenden Ideologie hier in Deutschland immer noch Raum gegeben wird. Ich bin aber nicht nur gegen nationalsozialistische Schriften, sondern auch gegen Nazis auf der Straße und in den Parlamenten. Daher muss die NPD verboten werden! Schon im Schwur von Buchenwald heißt es: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" - und das ist heute noch genauso richtig wie früher.


Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das die kommentierte Version von "Mein Kampf" herausgibt.

"Mein Kampf" ist eine zentrale Quelle zur Biographie Hitlers und zur Geschichte des Nationalsozialismus. Zugleich ist die Hetzschrift voll von glatten Lügen, häufiger aber von Halbwahrheiten und von subtilen Anspielungen. Sie reizt zu Unterdrückung, Rassenhass und Krieg an. Insofern handelt es sich um ein auch heute durchaus nicht ungefährliches Pamphlet, dessen Text allerdings im Ausland, im Internet und in Antiquariaten frei verfügbar ist. Die Verbreitung des Textes ist nicht zu verhindern. Ab dem 1. Januar 2016 wird er, nach Auslaufen des Urheberrechts, gemeinfrei sein und künftig unkontrolliert vagabundieren können. Die Diskussion um ein sogenanntes "Verbot" von "Mein Kampf" offenbart allerdings Ängste, die neue und ungute Tendenzen zur Tabuisierung hervorbringen können. Sie leisten der (Re-)Mystifizierung Hitlers Vorschub und könnten den Eindruck suggerieren, Hitler übe auch postmortal eine Art dämonischer Macht aus. Ob unkommentierte Neuausgaben mit den Mitteln des Strafrechts verboten werden können, bleibt ohnehin abzuwarten. Umso mehr aber ist es das Gebot der Stunde, eine kommentierte Edition des Textes mit dezidiert kritischem Standpunkt zu erstellen, wie sie das Institut für Zeitgeschichte vorbereitet und Anfang 2016 herausbringen wird. Diese Edition entziffert Hitlers Demagogie, erklärt seine Erfolge, studiert die hinter ihnen stehenden gesellschaftlich-kulturellen Antriebskräfte und weist auf die Folgen hin. Somit wird der Zusammenhang von menschenverachtender Ideologie und verbrecherischer Tat erläutert. Diese wissenschaftlich-aufklärerische Arbeit stellt auch einen Dienst an der Würde der Opfer bzw. ihrer Nachkommen dar.

Der Umgang mit "Mein Kampf" erfordert besonderes Fingerspitzengefühl. Mit Blick auf den brisanten Inhalt, aber auch aus Respekt vor den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sollte sich die Diskussion von den üblichen medialen Formaten des "Hitler sells" unterscheiden. Ich bin auch nicht der Meinung, dass sich der Text besonders gut für satirische Umsetzungen eignet. Vielmehr lassen sich mit ihm im Rahmen einer behutsamen und gut informierten historisch-politischen Bildungsarbeit die Antriebskräfte extremistischen, antidemokratischen und rassistischen Denkens und Handelns studieren. Im besten Fall trägt der kritische Umgang mit "Mein Kampf" dann zur Festigung eines historisch informierten, demokratischen Bewusstseins bei.


Prof. Dr. Martin Schulz Wessel, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender des Verbands der Historikerinnen und Historiker Deutschlands.

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands hat zu der Frage der Veröffentlichung von "Mein Kampf" in Deutschland eindeutig Stellung genommen: Wir unterstützen das Vorhaben des Instituts für Zeitgeschichte in München, eine kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" zu erarbeiten und zu publizieren. In unserer Erklärung heißt es: "Eine solche Ausgabe ist nicht nur für die Forschung ein dringendes Desiderat, sondern auch für eine aufgeklärte Geschichtskultur wichtig. Die Veröffentlichung einer kritischen Edition ist am besten geeignet, der gefährlichen Mythisierung von Hitlers 'Mein Kampf' entgegenzuwirken." Tatsächlich ist das Buch im Internet problemlos erhältlich. Die Publikation in Deutschland weiterhin zu verbieten, leistet nur der Mythisierung dieses Buches Vorschub.

Ein kritischer Kommentar, wie vom Institut für Zeitgeschichte vorbereitet, ist der beste Umgang mit dem Buch. Zu erfahren, woher der Autor Versatzstücke seines Buchs entlehnt hat, ist auch das beste Mittel gegen die irrtümliche Annahme, die Bedeutung, die dem Buch im Nationalsozialismus gegeben wurde, habe mit gedanklicher Originalität zu tun.


Antje Niewisch-Lennartz, niedersächsische Justizministerin

Ich begrüße eine kritisch kommentierte Neuauflage von "Mein Kampf". Das Untersagen des Nachdrucks durch Bayern hat nicht dazu geführt, dass das Buch "verschwindet". Vor allem im Internet ist es problemlos erhältlich. Es ist überfällig, dass eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe erscheint. Nur so haben beispielsweise Lehrer und Schüler die Möglichkeit, sich mit dem Stand unseres heutigen Wissens mit der Ideologie und Weltanschauung Hitlers auseinanderzusetzen. Eine Neuauflage in dieser Form ist ein wichtiger Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung und eine Möglichkeit, der Schrift die Aura des Geheimnisvollen und Verbotenen zu nehmen. Nur durch eine kommentierte Fassung kann dem volksverhetzenden Inhalt des Buches entgegengetreten und weitere Aufklärung betrieben werden. In Zeiten von NSU und immer wieder aufflammendem Rechtsextremismus in Deutschland ist dies nötiger denn je.


Prof. Dr. Winfried Bausback, bayerischer Staatsminister für Justiz

Hitlers "Mein Kampf" ist ab dem 1. Januar 2016 gemeinfrei, d.h. Urheberrechte stehen einer Verbreitung und Vervielfältigung dann nicht mehr entgegen. Damit entfällt zwar eine Strafbarkeit nach dem Straftatbestand der – ggf. gewerbsmäßigen – unerlaubten Verwertung (§§ 108a Abs. 1, 106 Abs. 1 Urheberrechtsgesetz), ein Einschreiten der Strafverfolgungsbehörden ist jedoch vor allem auf Grundlage des Straftatbestandes der Volksverhetzung gemäß § 130 Abs. 2 StGB weiterhin möglich.

Das Buch "Mein Kampf" hat volksverhetzenden Inhalt, da darin zum Hass gegen Juden aufgestachelt, zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen gegen sie aufgefordert und ihre Menschenwürde angegriffen wird. Der unveränderte Nachdruck und die Verbreitung der Schandschrift "Mein Kampf" sind deshalb strafbar. Entsprechende Nachdrucke könnten mit strafprozessualen Mitteln beschlagnahmt und eingezogen werden. Ob dies mit Blick auf die Grundrechte der Presse-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit auch für eine kommentierte Neuausgabe gilt, die sich vom Inhalt des Originals klar distanziert, kann nur im Einzelfall anhand des konkreten Textes beurteilt werden.

Der künftige Umgang mit dem Buch "Mein Kampf" ist für ganz Deutschland von Bedeutung. Deshalb habe ich mich erfolgreich dafür eingesetzt, dass wir uns auf der Frühjahrsjustizministerkonferenz 2014 mit dem Thema befasst und Einigkeit erzielt haben, dass eine unkommentierte Verbreitung von Hitlers "Mein Kampf" auch nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist verhindert werden soll.

Es steht außer Frage, dass die bayerische Justiz schon im Hinblick auf die besondere Verantwortung Deutschlands für die Aufarbeitung der Verbrechen des nationalsozialistischen Terrors und aus Respekt vor den Gefühlen der Opfer und ihrer Angehörigen mit den vorhandenen Mitteln des Strafrechts gegen jeden strafrechtlich relevanten Nachdruck der Schandschrift "Mein Kampf" vorgehen wird. Für extremistisches, menschenverachtendes Gedankengut ist in unserer Gesellschaft kein Platz.


Serdar Somuncu ist Kabarettist und Schriftsteller. Jahrelang tourte er mit seiner Lesung "Aus dem Tagebuch eines Massenmörders - Mein Kampf" durch Deutschland.

Seit Ende des zweiten Weltkrieges lagert ein heikles Buch in den Regalen des bayerischen Finanzministeriums. Durch den schlichten Beschluss der alliierten Besatzer, wurden die Urheberrechte zu Hitlers "Mein Kampf", 1925 im Münchener Franz Eher Verlag erschienen, an die bayerische Landesregierung übertragen, die seitdem versucht, einen Umgang mit der Hetzschrift zu finden. Die Bayern beschränken ihre Verantwortung seitdem auf ein kategorisches "Nein" zur Publikation.

Nach den Vorgaben des Urheberrechts muss "Mein Kampf" 70 Jahre nach dem offiziellen Tod des Autors freigegeben werden, ob die Bayern es wollen oder nicht. Sie wollen es nicht. Und deshalb versuchen sie weiter krampfhaft, eine Freigabe des Schinkens zu verhindern und argumentieren wie eh und je: Eine unkommentierte Ausgabe des Buches könne dem Ansehen der Deutschen im In- und Ausland schaden, und daher sei es oberstes Gebot zu verhindern, dass diese Schrift frei auf den Markt komme.

Womit wir beim größten Widerspruch der ganzen Angelegenheit überhaupt wären, denn de facto ist "Mein Kampf" bereits seit Jahren frei erhältlich. Nicht nur im Ausland kann man es in einer der mehr als hundert Sprachen bestellen, in denen es bisher erschienen ist. Auch im Inland kann man das Buch, sei es in Antiquariaten oder bei der Oma, aber auch übers Internet problemlos beziehen und lesen.

Das Verbot ist lediglich der verzweifelte Versuch der Bayern, so zu tun, als könne man auch heute noch verhindern, dass Menschen an gefährdende Inhalte gelangen. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der man über das Internet in Sekundenschnelle an ideologisch verfängliches Material gelangen kann. Wen interessiert das schon? Und wie will man das verhindern?

Zugleich ist dieser Umgang mit "Mein Kampf", der an tollpatschiger Zaghaftigkeit kaum zu überbieten ist, ein Indikator für das Verständnis einer politischen Institution darüber, wie man mit den Relikten der Vergangenheit zu verfahren hat und ein Offenbarungseid in Sachen Aufklärung.

Denn wie will man den Menschen das Manipulative dieses Textes vermitteln, ohne sie ihm auszusetzen? Mehr noch, unterstellt man dem Werk nicht viel zu viel Qualität, wenn man glaubt, dass mehr als 90 Jahre nach Erscheinen noch ein unheilvoller Effekt von ihm ausgehen kann? Die jungen Generation von heute, und nicht nur die, hat eine Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Sekunden. Ein Jugendlicher wird kaum Zeit und Muße dazu haben, 800 Seiten "Mein Kampf" zu lesen, ohne davon gelangweilt oder überfordert zu sein. Muss er nicht schon vorher anfällig und bereit gewesen sein, sich davon überzeugen zu lassen? Wäre es nicht sogar sinnvoller, anders an sein Interesse zu gelangen, indem man zumindest das Buch zunächst entstigmatisiert und damit den Umgang mit diesem Thema entmystifiziert?

So aber werden Ausgaben des Buches, wie vor kurzem in England, für mehrere zehntausend Pfund versteigert, und wer es dann nach zähem Kampf endlich in den zitternden Fingern hält, dem läuft ein Schauer über den Rücken, und es stellt sich letztendlich genau das ein, was die bayrische Landesregierung verhindern wollte: Ehrfurcht vor einem Text, der es nicht verdient hat, dass man ihn auf einen Sockel hebt. Ihm wird auf diese Weise mehr Qualität zugemessen, als er verdient hätte.

Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass Ende des Jahres 2015 eine kommentierte Fassung auf den Markt kommt. Abgesehen davon, dass diese bereits in unterschiedlichen Varianten und Sprachen existiert. Ob Ian Kershaw, Christian Zentner, Barbara Zehnpfennig oder Werner Maser, viele namhafte Historiker haben sich bereits an eine Analyse des Werks gewagt, und es wurden zahlreiche, zum Teil aufschlussreiche, zum Teil aber auch überholte Abhandlungen über Hitler und sein Buch geschrieben. So sind Aussagen mittlerweile widerlegt, wie z.B. Christian Zentners Aussage, Hitler habe das Buch nicht selbst geschrieben,[4] zum Teil ist die Forschung auf einem anderem Stand. Man weiß heute mehr über "Mein Kampf" als vor zehn Jahren, und es ist nicht auszuschließen, dass neue Informationen hinzukommen.[5]

Und jetzt also noch eine Fassung dazu? Man stelle sich mal vor, was passiert, wenn der überforderte Leser 800 Seiten "Mein Kampf" und über 1000 Seiten Erläuterungen lesen muss, bis er begreift, was er eigentlich vor sich hat.

"Mein Kampf" bleibt auch ohne Kommentar und Anleitung eines der unlesbarsten und schlecht geschriebenen Bücher der Zeitgeschichte, mit Inhalten, die von anderen zuvor schon verständlicher geschrieben wurde und dessen Thesen zudem komprimierter in jeder rechtsradikalen Wochenzeitung zu lesen wären. Ob es Rosenbergs legal erhältlicher Mythos des 20. Jahrhunderts oder die Titelzeile der an jedem Kiosk erhältlichen Nationalzeitung ist: entweder man verbietet alles oder gar nichts. Das Verbot und das Tabu um "Mein Kampf" ist sinnlos, solange es nur ein Tropfen auf den brauen Stein bleibt. Schlimmer noch: Erst das Verbot macht diesen literarisch-ideologischen Schund zur Devotionalie.


Jens Augner, Lehrer für Politikwissenschaft und Latein am Humboldt-Gymnasium in Berlin-Tegel. Er organisiert seit mehr als 25 Jahren Gedenkstättenfahrten für Schulen und außerschulische Einrichtungen.

Ich halte nichts von einem "Verbot" des Buches "Mein Kampf", da eine Tabuisierung das Werk erst besonders interessant macht. Da es ja auch in den letzten Jahrzehnten antiquarisch und elektronisch verfügbar war, wäre ein "Verbot" zudem ein Kampf gegen Windmühlen. Für die Schülerinnen und Schüler hat es oft etwas Sagenumwobenes; so fragen sie mich immer wieder, was denn eigentlich genau in "Mein Kampf" stehe.

Hitlers "Mein Kampf" ist eine wichtige Quelle der ideologischen Grundlagen des NS. Gerade die zentralen völkischen Vorstellungen von Rasse, Lebensraum und Überlebenskampf lassen sich hierin deutlich aufzeigen. So befremdlich (heute) bisweilen Inhalt und Stil anmuten mögen, zeigt der Text doch klar die ideologischen Grundlagen und Topoi, eröffnet somit Bezüge zu zeitgenössischen Diskursen und verdeutlicht so vor allem auch die Anknüpfungspunkte für weite Teile der seinerzeitigen deutschen Gesellschaft. Somit bietet Hitlers Buch die Chance, gerade auch SchülerInnen deutlich zu machen, auf welch fruchtbaren Boden völkische Ideen fielen und weshalb sich so viele dem NS begeistert anschlossen.

Eine kommentierte Ausgabe wird helfen, "Mein Kampf" als Quelle – wie dies für alle historisch-politischen Quellen gilt – verständlich(er) zu machen. Auch Hitlers biographische Inszenierung lässt sich so bei intensiver Beschäftigung aufzeigen. Im Sinne des "Wehret den Anfängen!" lässt durch die gezielte Beschäftigung mit dem Buch die Genese von scheinbar harmlosem oder krudem Denken (und Schreiben) zu einer in rassistisch motivierter Verfolgung und Vernichtung mündenden Regierungspolitik erarbeiten.

Solches Wissen und Verstehen wird Menschen im Alltag befähigen können, wohlstandschauvinistischen und rassistischen Stereotypen, Haltungen und Forderungen klarer entgegenzutreten. Von daher sollte die Beschäftigung mit "Mein Kampf" bewusst und offensiv angegangen werden! Konkret kann ich mir gut eine arbeitsteilige Gruppenarbeit vorstellen, da dies in gewisser Weise forschendes Lernen wäre. So würden die Schülerinnen und Schüler zunächst eine Deutung auf eigene Faust und mit üblicher Webrecherche vornehmen. Im zweiten Schritt nähmen sie dann eine zweite, vertiefte Deutung auf Grundlage der kommentierten Ausgabe vor, um abschließend die Ergebnisse beider Deutungen zu präsentieren. Je nach Kenntnissen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler bedarf es je nach Lerngruppe eines sehr unterschiedlichen Maßes an Hilfen und Zeit. Da für ein solches Vorhaben auf jeden Fall genügend Zeit nötig ist, bietet sich meiner Erfahrung nach eher ein (gegebenenfalls außerunterrichtliches) Projektangebot an. Nach meinen Erfahrungen wäre die Nachfrage angesichts des großen und wachsenden Interesses am Nationalsozialismus seitens der Schülerinnen und Schüler groß.


Ute Rollmann ist Lehrerin für Gesellschaftslehre, Deutsch und Englisch am Anna-Siemsen-Berufskolleg in Herford. Sie behandelt das Thema Nationalsozialismus seit 1982 im Unterricht.

Ich bin der Meinung, "Mein Kampf" sollte nicht verboten werden. Es ist gut, dass das Buch ab Januar 2016 für alle zugänglich ist, denn Verbote machen keinen Sinn und lösen prinzipiell keine Probleme. Gedanken und Ideologien lassen sich nicht durch Verbote verändern, sondern nur durch aktive, diskursive Auseinandersetzung. Wenn wir Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen wollen, dann müssen wir die Inhalte und die dahinter stehenden Ideologien nachdrücklich analysieren und diskutieren.

Als Lehrerin habe ich aber nicht vor, "Mein Kampf" im Unterricht einzusetzen. In der Vergangenheit habe ich bereits mit "Mein Kampf"-Auszügen, die in verschiedenen Lehrwerken abgedruckt waren, gearbeitet. Es hat sich dabei herausgestellt, dass das Buch sich nicht besonders gut eignet, um das Thema "Nationalsozialismus" im Unterricht zu behandeln. Schüler/-innen lenkt das "Verbotene" an dem Buch meiner Erfahrung nach eher von Thema ab. Das ist nicht zielführend. Es wurde öfters die Frage gestellt, woher ich die Auszüge hätte – ein Bewusstsein für das "Verbotene" war immer zu beobachten – und dass dieses Buch sowieso noch irgendwo bei den Großeltern zu finden sei. Ein historisches Interesse wurde durch die Auseinandersetzung mit dem Buch kaum geweckt.

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es viele hervorragende Quellen gibt, mit denen man die Diktatur des Nationalsozialismus den heutigen Schülern nahe bringen kann, ohne dass man auf die Phrasen von "Mein Kampf" zurückgreifen muss. Zudem halte ich den Text von "Mein Kampf" für verworren, konfus und ermüdend – im Grunde ist er unlesbar, für heutige Schüler/-innen teilweise sogar unverständlich. Durch Umfang und Inhalt überfordert das Buch diejenigen, die keinen gymnasialen Abschluss anstreben. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die historische Debatte schon stark genug auf die Person Hitler ausgerichtet ist. Stattdessen sollte das System des Nationalsozialismus als Ganzes beleuchtet werden. Wichtig ist mir, auf die strukturellen und ideologischen Hintergründe und die Massenbasis des NS hinzuweisen, dafür eignet sich das über weite Strecken autobiografische Buch Hitlers überhaupt nicht.

Seit "Mein Kampf" im Internet frei verfügbar ist, kann jeder, der möchte, sich einen Eindruck über die verworrene Gedankenwelt Hitlers verschaffen. Wer sich das antun will, soll das ruhig tun können. Aber sogar rechtsgerichtete Jugendliche interessieren sich meiner Einschätzung nach eher für zeitgenössische Phänomene wie PEGIDA und deren Verlautbarungen als für historische Schinken wie "Mein Kampf".


Fußnoten

1.
Adolf Hitler: Mein Kampf. München 1925, S. 61/62
2.
Vgl. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. München 2006
3.
Heinrich Lowenfeld, in: H. Funke: Die andere Erinnerung. Frankfurt 1989
4.
Christian Zenter: Adolf Hitlers Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl
5.
Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945
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