Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Frauen in der NPD


1.3.2016
Dass Frauen in der rechtsextremen Szene mitmischen, ist erst mit Beate Zschäpe wirklich in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Dabei sind seit Jahrzehnten auch Frauen bei der NPD aktiv. Wie die rechtsextreme Szene insgesamt radikalisieren sich inzwischen auch die weiblichen Neonazis. Mit, aber auch ohne ihre Partei.

Ricarda Riefling, Parteivorstandsmitglied der NPD, auf einer Neonazi-Kundgebung am 04. Juni 2011 in Braunschweig.Ricarda Riefling (2. v.r.), Parteivorstandsmitglied der NPD, auf einer Neonazi-Kundgebung am 04. Juni 2011 in Braunschweig. (© Otto Belina)

"Hallo liebe Zuschauer, hier ist wieder Ihre Emma Stabel! Ich begrüße Sie zu einer neuen Ausgabe von DS-TV." Freundlich und jovial präsentiert die junge Frau mit den markanten Wangenknochen und dem blonden Zopf Woche für Woche das neue Internet-Magazin der NPD. Heute geht es um Flüchtlinge: DS-TV will zeigen, dass Menschen auf der Flucht keinesfalls eine "kulturelle Bereicherung" für die Bundesrepublik darstellen. Stabel sagt, sie hoffe, "Gutmenschen" erkennen endlich, warum so viele Bürger wütend auf die Straße gingen. Über Angriffe gegen Flüchtlinge und brennende Unterkünfte berichtet sie kaum, denn aus ihrer Sicht geht die Gewalt nicht von Kameraden und Flüchtlingsgegnern, sondern von Gegendemonstranten oder Polizei aus. Das Weltbild, das Stabel und DS-TV zeichnen, ist einfach gestrickt. Aufgekratzt besucht die 35-Jährige mit ihrem Team die NPD-Parteizentrale in Berlin-Köpenick. Zeigt Männer in Führungsämtern und Frauen, die Mitgliederkarteien verwalten. Dann fährt die Sächsin winkend davon, ruft noch: Das war's für heute, tschüss".

Ein attraktives Frauengesicht als Blickfang, so wollen die Neonazis punkten. Doch die NPD-Moderatorin ist mehr als ein Aushängeschild, hinter dem fröhlichen Mediengesicht verbirgt sich eine Frau mit gefestigtem Weltbild. Bei einem Bummel durch das sächsische Riesa zeigte sich, dass "Emma Stabel" mehr ist als eine Rolle für Nele S., wie die Moderatorin im echten Leben heißt. Im Vorübergehen blaffte sie ein völlig fremdes Pärchen in einer Eisdiele mit den Worten an: "So was nannte man früher Rassenschande!" Ein Team des RBB-Politmagazins "Kontraste" war an diesem Tag in Sachsen unterwegs, um den alltäglichen Rassismus aufzuzeigen. Die NPD-Frau S. lief zufällig vorbei und beleidigte eine ihr fremde Frau, weil die neben einem schwarzen Mann saß. Die Kamera übersah sie offenbar. Ihr Gesicht mit der angewiderten Miene und ihr Spruch ist im TV-Beitrag "Allein unter Weißen" vom 10. September 2015 dokumentiert.

Nele S., die Freundin des sächsischen NPD-Chefs Jens Baur agiert, wie viele engagierte Neonazistinnen, sehr professionell. Außerdem mag sie Soldatenlieder, besonders das 1933 komponierte "Panzerlied", so steht es bei Facebook zu lesen. Als Aktivistin beteiligt sie sich seit etwa 2012 an Kundgebungen, trägt Transparente mit Aufschriften wie "und wenn sie auch geifern ... Lügenpresse bleibt Lügenpresse" oder schwenkt mit anderen Frauen bunte NPD-Luftballons. Bei ihrer Arbeit für DS-TV hilft S. das Pseudonym Emma Stabel – es ist der Name ihrer verstorbenen Urgroßmutter.

Die Pseudonym-Strategie wird vor allem von Frauen genutzt und ist nicht unüblich in der Szene. Es gibt immer wieder wichtige Frauen, die sich tarnen: Hinter der NPD-Aktivistin "Josephine G." aus Nordfriesland verbarg sich beispielsweise eine junge Lehrerin. Durch das Pseudonym geschützt, verbreitete sie vor allem fremdenfeindliche Hetze im Internet. Im Privatleben konnte die Klassenlehrerin nebenher unauffällig Schüler für die "Jungen Nationaldemokraten" anwerben, solange bis eine Mutter ihr auf die Schliche kam. Auch die Ehefrau eines bayrischen NPD-Politikers veröffentlicht ihre Texte als Redakteurin des rechten Magazins "Umwelt und aktiv" unter dem Namen "Laura Horn", um nicht erkannt zu werden.

Rechtsextremismus ist nicht nur ein männliches Phänomen



Es ist unstrittig: Rechtsextremismus ist nicht nur ein männliches Problem. Etwa ein Drittel der Wähler für rechtsextreme Parteien sind weiblich. Wissenschaftliche Studien zeigen seit Jahren, dass Frauen ebenso intensive Ressentiments gegenüber Migranten hegen wie die Männer. Gemeinsam ist ihnen ein biologistisches Weltbild, dem zufolge es eine naturgegebene soziale Rangordnung gibt. Es wird unterschieden zwischen wertvollen und minderwertigen menschlichen "Rassen" und sich damit an der Ideologie der Nationalsozialisten orientiert. Szene-Frauen posten bei Facebook Botschaften wie "Celebrate being white" oder "Deutsche Frau, halte dein Blut rein – du trägst in dir das Erbe künftiger Geschlechter". Zusehends beschränken sich die Frauen nicht mehr nur auf die Hetze im Hintergrund. Möglichkeiten, ihre Ressentiments nach außen zu tragen, finden sie seit dem Herbst 2014 mehr als genug.

Tausende auch weibliche Anhänger folgten etwa dem Aufruf der gewaltbereiten "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) im Oktober 2014 nach Köln. Sie skandierten rassistische Parolen und randalierten in der Domstadt. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) in Dresden und vielen anderen Städten ihr rechtspopulistisches Gesicht zu zeigen, inzwischen mobilisieren zahllose rechte Bürgerinitiativen zu Protestaktionen gegen Flüchtlingsunterkünfte. Seitdem wird es für die ohnehin zerstrittene NPD immer schwerer, sich in dieser rasanten gesellschaftlichen Entwicklung zu behaupten. Parolen der NPD wie "Ausländer raus" oder "Deutschland den Deutschen" brüllen inzwischen auch Leute, die nicht aus der extrem rechten Ecke stammen. Die Führung der NPD unter dem Saarländer Frank Franz findet, nach einigen Führungswechseln, Finanzskandalen und dem gescheiterten Wiedereinzug in das sächsische Parlament, bisher noch keinen Weg, wie sie bundesweit auf die rechtspopulistischen Protest-Bewegungen und die sich weiter radikalisierende Neonazi-Szene reagieren soll. Die NPD und ihre Unterorganisation, der "Ring Nationaler Frauen" (RNF), besetzen nicht mehr allein rassistische Positionen . Das mache den Männern und Frauen der Partei zu schaffen, glaubt der Rechtsextremismusexperte Andreas Speit.

Die derzeitige Situation allerdings, die Aufweichung von Hemmschwellen und Grenzen, biete den Neonazis auch neue Möglichkeiten. Für NPD-Frauen wie Ricarda Riefling, Vorsitzende des "Rings Nationaler Frauen" (RNF), ist es eine unerwartete Chance. Der 2006 gegründete RNF wird öffentlich kaum wahrgenommen, obwohl sich kleinere Strukturen unter anderem in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen gebildet haben. Mit populistischen Motiven wie "Immer mehr sexuelle Gewalt durch 'Flüchtlinge'" versuchen Riefling und Kameradinnen vor allem über weitgehend unbekannte RNF-Multiplikatorinnen an regional entstehende, einschlägige Bürgerinitiativen anzudocken. Vor allem in Ostdeutschland unterwanderten engagierte NPD-Frauen regionale Pegida-Ableger oder Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime. So trat zum Beispiel die RNFlerin Heidrun Walde bei der "Magida" in Magdeburg als empörte Rentnerin auf, und die mecklenburgische RNF-Vorsitzende Antje Mentzel gehört sogar zum Organisationsteam der landesweiten "Mvgidas". Der Ring Nationaler Frauen stellt als Unterorganisation der NPD keine eigenen frauenpolitischen Forderungen, sondern sieht sein Hauptaugenmerk seit der Gründung im Jahr 2006 vor allem darin, Frauen anzusprechen, rhetorisch zu schulen und auf den politischen Einsatz an der Basis vorzubereiten.

Rechtsextreme Frauen radikalisieren sich



Die Radikalität rechtsextremer Frauen ist erst mit Beate Zschäpe in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt, also erst nachdem Ende 2011 bekannt wurde, dass es jahrelang eine rechtsterroristische Gruppierung namens "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gegeben hatte, die für zehn Morde, zahlreiche Banküberfälle und mindestens zwei Sprengstoffanschläge verantwortlich gemacht wird. Die langjährige Neonazistin Zschäpe muss sich seit 2013 als Hauptverdächtige vor dem Oberlandesgericht München verantworten. Ihr und vier weiteren männlichen Mitangeklagten wird unter anderem die Mittäterschaft bei rassistisch motivierten Verbrechen vorgeworfen. Obwohl es kaum öffentliche rechte Unterstützung für die prominenteste Inhaftierte gibt, wird Zschäpe für ihr Leben im Untergrund und vor allem für ihr jahrelanges Schweigen gegenüber der bundesdeutschen Justiz Beachtung gezollt. Im Gerichtssaal sitzen immer wieder bekannte Neonazis im Publikum, darunter auch verurteilte Rechtsterroristen. Nahezu emotionslos hat die Angeklagte Beate Zschäpe bisher die Verhandlung verfolgt, Beobachter deuten das als Zeichen mangelnder Reue. So urteilte z.B. Per Hinrichs in "Die Welt" 2014: "Beate Zschäpe ist alles andere als eine Mitläuferin", sie sei "manipulativ, intrigant, führungsstark". Die rechte Angeklagte lebte öffentlich das vor, was die Szene vor allem von männlichen Straftätern aus den eigenen Reihen verlangt: "in Treue fest" zur "nationalen Sache" zu stehen.

Doch es sind nicht mehr nur die Männer, die für die deutsche "Kampfgemeinschaft" einstehen, die der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Pastörs verkündete. Auch junge und alte Frauen reihen sich ein und suchen Identität und Zusammenhalt in einer sich homogen gerierenden, elitären "Volksgemeinschaft". Über die traditionelle Rollenzuteilung hinaus geben diese Frauen sich radikal. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass sie damit große Anerkennung in der Bewegung erlangen. Nach den Terroranschlägen von Paris sah sich die Vorsitzende des "Ring Nationaler Frauen", Ricarda Riefling, als "Rufer ins Dunkel, die Wahrheit hochhalten". Stolz erinnerte die Neonazistin daran, dass sie vor der "Überfremdung" gewarnt habe. Im selben Facebook-Post vom 14. November 2015 wetterte sie laut gegen "alle Geisteskranken, welche Invasoren als ‚Flüchtlinge‘ bezeichnen" würden und "dem importierten Tod Beifall klatschen..."

Doch nicht überall kommen radikale Sprüche weiblicher Szenemitglieder gut an. Als Riefling 2013 den Hornburger Landrat bei einer NPD-Kundgebung wütend ohrfeigte, stellte die Partei den Vorfall sofort als "legitime Notwehrabsicht" einer angegriffenen Frau dar – die vierfache Mutter wurde schleunigst zum attackierten Opfer erklärt. In einem Interview mit dem nationalen FSN-TV (Sendung vom 19.11.2013) erklärte der Moderator eingehende Kommentare zu dem Vorfall mit den Worten, es gäbe Kameraden, die könnten "nicht damit leben", dass "du als Frau so nach vorne gehst". Riefling selbst schien stolz auf den Schlag, für den sie sich vor Gericht verantworten musste.

Bis ans Äußerste ihres politischen Fanatismus geht die ehemalige Rechtsanwältin Sylvia Stolz aus München. Die Holocaust-Leugnerin wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Anhänger feiern sie gar mit der Parole: "Je suis Sylvia Stolz". Auch Ursula Haverbeck aus Vlotho genießt solchen Kultstatus: Die 86-Jährige, die jüngst verkündete, der Holocaust sei "die nachhaltigste Lüge der Geschichte" und dafür in erster Instanz zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, gilt innerhalb der Neonazi-Szene als besonders mutig und authentisch.

Ebenso wie die männlich dominierten Kameradschaften scheinen sich auch kleine Frauengruppen zu radikalisieren – auch zunehmend außerhalb der NPD. Dem "Antifaschistischen Infoblatt" zufolge sei der Partei das aktionsorientierte Spektrum durch die jahrelang versuchte seriöse Aufstellung der NPD und deren Priorisierung des "Kampfes um die Parlamente" schlicht davon gelaufen. Einige NPD-Mitglieder, darunter auch engagierte Frauen, wechselten bereits zu den Parteien "Die Rechte" oder "Der III. Weg". Manche halten sich alle Möglichkeiten offen, wie die langjährige brandenburgische NPD-Kommunalpolitikerin Manuela Kokott, die bereits bei Kundgebungsfahrten von "Der III. Weg" als Rednerin auftrat. Die Zittauer Stadträtin Antje Hiekisch verließ die NPD im Herbst 2014, behielt aber ihr Mandat.

NPD-Aktivistinnen agitieren auch im Geheimen



Marina Djonovic aus Abtsgmünd gehört zu jenen NPD-Frauen, die sich sozusagen heimlich gegen die Landeserstaufnahmestelle (Lea) im baden-württembergischen Ellwangen positionieren. Die 24-Jährige baute die Facebook-Initiative "Kein Asylheim in der Reinhardt-Kaserne" mit auf, nutzte dabei für ihre Beiträge mehrere Tarnnamen, zum Beispiel "Marina Walkyria". Sie schrieb unter anderem im Juli 2015 in einem Internetbeitrag: "In Ellwangen beunruhigen uns die 1.500 Asylbewerber, die in Häuser einbrechen und klauen ohne Ende." Schließlich stellte sich heraus, dass Djonovic NPD-Mitglied ist – wie viele Frauen, die die Stimmung gegen Minderheiten anheizen. Die junge Frau agiert weiterhin auf mehreren Ebenen: Bei der Landtagswahl will sie 2016 in den Wahlkreisen Ellwangen und Schwäbisch Gmünd kandidieren. Gleichzeitig unterstützt sie die regionale Facebook-Initiative "Kein Asylheim in der Reinhardt-Kaserne", die mit mehr als 5000 Likes durchaus Resonanz hat.

Auch auf ein weiteres Feindbild springen die NPD-Frauen vom RNF auf, gegen das unter dem Schlagwort "Frühsexualisierung" agitiert wird. Angriffsziel der rechtsextremen Frauen sind hier Bildungspläne, die darauf abzielen, verstärkt über sexuelle Vielfalt und die Ehe für alle aufzuklären. Der Begriff "Frühsexualisierung" wird auch im konservativen Spektrum benutzt. Allgemein unterstellt dieser Kampfbegriff, dass mit der Thematisierung von Geschlecht und Sexualität eine Infragestellung des traditionellen Familienbildes einhergeht. Die NPD versucht, sich die auch im moralkonservativen Lager erhitzten Gemüter zunutze zu machen und forciert das Thema – vor allem, aber nicht nur in den sozialen Netzwerken: Im Vorfeld des Landtagswahlkampfes 2016 ziehen Aktivistinnen wie Marina Djonovic mit Flyern gegen die Bildungspläne auf die Straße. Der "Ring Nationaler Frauen" lobt dieses Engagement ausdrücklich.

Neu ist eine Gruppe von jungen Frauen, die sich "Nordic Valkyrien" nennt und die sich wie die militanten "Bruderschaften" aggressiv-kämpferisch als Subkultur präsentieren. Die "Schwestern" posten Sprüche wie "alle für eine, eine für alle" oder "Im Blut getrennt, doch im Herzen fest vereint", und beteiligen sich an martialischen Aufmärschen – wie im Frühjahr 2015 bei einem Aufmarsch der Partei "Die Rechte" "gegen Überfremdung" in Dortmund. In militant auftretenden Gruppierungen wie der Kameradschaft "Weiße Wölfe Terrorcrew" posieren auch junge Frauen mit dem Kürzel der internationalen Terrorgruppe "Combat 18". Neonazistinnen tummeln sich in den unberechenbaren Mischszenen, zu denen Rocker, Kampfsportler und Hooligans zählen. Sie zeigen sich tätowiert, gepierct, tough und angriffslustig und tragen dazu bei, dass sich Szene-Marken wie "Rotlicht" oder "Pro Violence" verbreiten. Obwohl diese Mischszenen – und so auch ihre Kleidermarken – dezidiert antifeministisch und sexistisch sind: Die Mode-Marke "Pro Violence" wirbt mit einer offensichtlich angedeuteten Vergewaltigung einer nackten Frau; bis an den Hals tätowierte Kuttenträger halten sie fest. Wenn Frauen nicht gleich zu "Nutten" degradiert werden, sollen sie hauptsächlich sexy sein und beherrscht werden. Von Emanzipation oder gar Feminismus kann in diesem heterogenen Spektrum nicht die Rede sein. Und doch bewegen sich hier selbstbewusste Frauen wie Antje Mentzel. 2014 trug die Landesvorsitzende des "Ring Nationaler Frauen" ein Transparent ihrer Organisation durch Rostock. Darauf stand die Forderung: "Erziehung ist Arbeit – Mütter verdienen ein Gehalt". Im Juni beteiligte sich die mehrfache Mutter mit ihren Kindern am "11. Nationalen Kinderfest" der NPD mit anschließender Sonnenwendfeier in Jamel bei Grevesmühlen. Gemeinsam wurde ein Stoß Feuerholz entfacht und das Lied der Hitlerjugend "Freiheit ist das Feuer" von 1935 angestimmt. Mentzel ist Teil einer "nationalen Gegenkultur", die identitätsstiftend sein soll, aber auch Einfluss auf die Umwelt nehmen will.

Die Aktivistin ist mindestens genauso erfahren wie viele männliche Kameraden. 2003 musste sie sich in Rostock als "Rädelsführerin" einer rechten Kameradschaft vor Gericht verantworten. Sie erhielt damals nach dem Jugendstrafrecht acht Monate Haft zur Bewährung, weil sie der Bildung einer kriminellen Vereinigung, der Sachbeschädigung und in acht Fällen auch der Volksverhetzung schuldig gesprochen wurde. Bereits mit 19 Jahren hatte sie das erste Mal wegen Körperverletzung vor Gericht gestanden. Für das Landgericht Rostock stand später fest, dass die übrigen Mitglieder ihrer Kameradschaft ihr intellektuell "weit unterlegen waren". Mentzel ist inzwischen nach Vorpommern gezogen. 2014 postete sie bei Facebook erneut antisemitische Sprüche.

"Das übliche Klischee von der unpolitischen Frau wird in der Öffentlichkeit häufig unreflektiert reproduziert", warnt Michaela Köttig, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt am Main und Mitbegründerin des "Netzwerks Frauen und Rechtsextremismus". Extrem rechte Fraue – auch weibliche NPD-Mitglieder – wurden jahrelang verharmlost, ihnen wird schnell eine feste Überzeugung abgesprochen. Und das, obwohl sie sich bereits frühzeitig in der 1964 gegründeten Partei engagierten: Sie saßen in den Bundes- und Landesvorständen und waren für Referate wie "Lebens- und Umweltschutz" oder "Ausländer- und Asylantenangelegenheiten" zuständig. Doch erst mit der Gründung des "Ring Nationaler Frauen" 2006 rückten NPD-Frauen etwas mehr in den Blickpunkt.

Exemplarisch kann hier die Einzelhandelskauffrau Gitta Schüssler aufgeführt werden, die bereits zwei Jahre als einzige weibliche NPD-Abgeordnete im sächsischen Landtag saß: Obwohl sie nicht weniger radikal als ihre männlichen Mitstreiter auftrat und die Strategie des bürgerlichen "Kümmerer"-Images unbeirrt vorantrieb, blieb Schüssler im Hintergrund. Die Nichtwahrnehmung nutzte die RNF-Aktivistin, um verstärkt NPD-Frauen in der sächsischen Kommunalpolitik zu verankern. Innerhalb der eigenen Szene als "nationale Emanze" verschrien, interessierten sich die Medien, wenn überhaupt, für Schüssler nur als mehrfache Mutter und Großmutter.

Frauen wie Antje Mentzel profitieren von solch gängigen Klischees. Denn neben ihrer Tätigkeit für die Frauengruppe der NPD engagiert sich die Frau aus Stralsund vor allem bei dem "Pegida"-Ableger "MVGIDA". In einem Videobeitrag für "MVGIDA – Rede und Antwort" sitzt Mentzel, die als Jugendliche in Rostock bereits eine militante Kameradschaft mit aufbaute, im Fischerhemd, mit einer Tasse in der Hand auf einem Sofa und wartet auf die Fragen eines Interviewers. Die Kamera ist auf sie gerichtet. Mit leiser, aber fester Stimme spricht sie: "Wir sind einfache Bürger dieses Landes und wollen einfach politisch etwas verändern." Von ihrer Nähe zur NPD ist bewusst nicht die Rede. Mentzel und ihre Mitstreiter, die seit Januar 2015 viele fremdenfeindliche Aufmärsche in vier Städten des Bundeslandes organisierten, wollen "an die breite Masse" heran. Wie sie an ihrem Halstuch herumtüdelt, den Kopf zur Seite legt, wirkt die Neonazistin sehr natürlich. Ihre Rolle spielt sie gut. Sie ist die einzige der Organisatoren, die ihr Gesicht zeigt. Ihren Namen nennt sie aber nicht.


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Autor: Andrea Röpke für bpb.de
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