Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

31.3.2016 | Von:
Andreas Förster

Raus aus der völkischen Welt. Eine Mutter und ihre Kinder steigen aus

Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat Tanja Privenau in der rechtsextremen Szene verbracht und eine „völkische Familie“ gegründet. 2005 aber stieg sie aus. Seither leben sie und ihre Kinder mit einer neuen Identität, immer in der Gefahr, von den ehemaligen Kameraden aufgespürt zu werden.

Eine Demonstrantin bei einer Kundgebung der NPD am 1. Mai 2012 im schleswig-holsteinischen Neumünster.Eine Demonstrantin bei einer Kundgebung der NPD am 1. Mai 2012 im schleswig-holsteinischen Neumünster. (© picture-alliance/dpa)

Als Tanja Privenau an diesem grauen Novembermorgen in dem Berliner Café erscheint, bleibt sie zunächst kurz an der Tür stehen und schaut durch das noch fast leere Lokal. Dann steuert sie auf einen Tisch an der hinteren Wand des Raums zu und setzt sich mit dem Gesicht zur Tür. "Ich habe so meine Regeln", sagt sie später im Gespräch. "Nie in der Mitte eines Cafés sitzen, Marktplätze nur an den Rändern überqueren, immer einen freien Blick in den Raum. Das läuft bei mir inzwischen schon ganz automatisch ab."

Jahrelang lebte sie in der rechtsextremen Szene, erzog ihre Kinder zu Nationalsozialisten. Sie stieg aus diesem sektenähnlichen Leben aus. Und fürchtet seitdem um ihr Leben. (© Bundeszentrale für politische Bildung/bpb)
Tanja Privenau, die längst nicht mehr so heißt und heute an einem geheim gehaltenen Ort irgendwo in Europa lebt, ist auf der Flucht. Immer noch.[1] Dabei ist es jetzt zehn Jahre her, dass sie aus der rechten Szene ausstieg, dass sie Polizei und Verfassungsschutz ihr Wissen über NPD und Neonazis, über völkische Siedler und prügelnde Kameradschaften, deren Bewaffnung und Gewaltphantasien preisgab. Doch immer noch ist sie für die Rechten eine Verfemte, ein Geächtete. Eine Verräterin, auf die – glaubt man den einschlägigen Neonaziforen im Internet – das "Reichsgericht" wartet. Die Szene vergebe nicht und vergesse nicht, sagt Tanja Privenau. "Aber ich auch nicht."

47 Jahre alt ist sie heute. Eine energische, resolute Frau mit fester Stimme und einem fröhlichen Lachen. Einnehmend, sympathisch, offen. Sollte diese Frau Angst haben, merkt man ihr das zumindest nicht an. "Ich musste mit fünf Kindern durch die Hölle gehen, da lernt man es, keine Angst zu zeigen", sagt sie. Zweimal war sie verheiratet, von beiden Männern hat sie Kinder. Vier Söhne sind es, der älteste ist heute 29, der jüngste 14 Jahre alt. Das fünfte Kind hat sie verloren. Es starb 2010, mit gerade einmal 20 Jahren. "Mein Kind ist an der Angst zerbrochen, denn es hat unsere körperliche Bedrohung durch meinen Ex-Mann in der Zeit, als wir noch zusammenlebten, nie mehr aus dem Kopf bekommen", sagt die Mutter leise. "Es war schrecklich, für uns alle."

Brauner Alltag von Jugend an

Tanja Privenau stammt aus Niedersachsen. Dort, in der Nähe von Hannover, ist sie auch aufgewachsen. Mit 13 schon rutscht sie in die rechte Szene. Sie wird eine überzeugte Nationalsozialistin und verschafft sich Respekt unter ihren meist männlichen Kameraden. Sie trinkt mit, grölt mit, schlägt mit zu. Und steigt auf in der Szene: Sie tritt der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und der Wiking-Jugend bei, engagiert sich mit anderen Neonazi-Frauen in der "Deutschen Frauenfront" und übernimmt schließlich sogar als Anführerin die Neonazi-Kameradschaft Hannover. Sie hält Schulungen ab und organisiert Aufmärsche, bei denen sie auch mal mit Pflastersteinen wirft. "Ich war Neonazi von Beruf und verstand mich als politischer Soldat", sagt sie heute. An den Wochenenden trifft sie sich mit ihren rechtsextremen Freunden in Hetendorf, dem Schulungszentrum von Neonazi-Funktionär Jürgen Rieger. Zur "Ausbildung im Funktionieren", wie sie es nennt. "Von Freitag bis Sonntag lief da das volle Programm ab: Marschiertraining, Befehle ausführen, Fahnenappell, Gemeinschaftsküche, Wehrsportübungen. Und Gehirnwäsche, denn es gab Schulungen mit alten SS-Männern und anderer Naziprominenz. Wir kochten in unserer braunen Soße."

In dieser Szene lernt Tanja Privenau ihren ersten Mann kennen. Sie ziehen zusammen auf seinen Bauernhof. Sie ist noch keine 20 Jahre alt, da hat sie schon zwei Kinder. An den Wochenabläufen ändert das wenig: "Demonstrationen, Parteitreffen, Kameradschaftsabende und am Wochenende Hetendorf – das war neben dem Alltag auf dem Hof unser Leben."

Ende der 1990er Jahre lernt sie Markus Privenau kennen und verliebt sich. Auch Privenau ist – bis heute – ein überzeugter Neonazi mit engen Beziehungen zur NPD. Vor allem in Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern hat er viele Freunde und Unterstützer unter den gewaltbereiten Rechtsextremen. Tanja lässt sich scheiden, heiratet den neuen Mann und zieht mit ihm auf einen Bauernhof in der Nähe von Bremen. Sie bringt ihre beiden Kinder mit in die Ehe, bekommt mit Privenau drei weitere Söhne. Im Familienleben ändert sich zunächst nicht viel. "Wir haben uns, auch schon in meiner ersten Beziehung, immer als nationale, als völkische Familien verstanden", erzählt sie. "Wir wollten einen Gegenentwurf zum staatlichen Familienbild leben." Konkret heißt das, dass die Kinder so weit wie möglich ihr Leben innerhalb der Szene leben müssen. Gerade mal der Besuch einer staatlichen Schule wird geduldet, wenn auch zähneknirschend. "Es gab ja mal die Idee, in Hetendorf eine private Schule für die Kinder völkischer Familien aufzubauen, aber das scheiterte letztlich am Geld", sagt sie. Gleich nach dem Unterricht müssen die Kinder nach Hause kommen. Freunde aus der Schule dürfen sie nicht treffen. Dafür arbeiten sie auf dem Hof mit. Von klein auf sei es um Pflichten und Disziplin gegangen, um Gemeinschaft und Unterordnung, erzählt Tanja Privenau. Vor allem ihr zweiter Mann – "der Privenau", wie sie ihn nennt – habe auch mal zugeschlagen, wenn sich die Kinder nicht an die Regeln hielten.

Wie die anderen völkischen Familien sind auch die Privenaus bemüht, so viel Einfluss wie möglich auf ihre Kinder auszuüben und sie von der "bösen Außenwelt" abzuschotten. "Wir trafen uns ja regelmäßig mit den anderen Familien, und aus den Gesprächen ergab sich, dass es überall gleich ablief", erzählt sie. "Wie in einer Sekte."“ Es gibt keine Fernseher, Computer und Handys im Haus, die Kinder dürfen keine Jeans oder bedruckte T-Shirts tragen. Stattdessen ziehen die Zöpfe tragenden Mädchen selbstgenähte Kleider und Röcke und die Jungen Stoffhosen und Hemden an. Gemeinsam singt man deutsches Liedgut, vor jedem Essen wird ein Tischspruch aufgesagt, die Kinderbücher erzählen von der heilen völkischen Welt. In den Gesprächen daheim nennen die Eltern den Staat und die Parteien "Feinde", sie schimpfen auf den "bösen Ami" oder höhnen über den "Judenfraß" der Schnellrestaurants. An den Wochenenden trifft man sich mit den anderen Familien bei Riegers Artgemeinschaft in Hetendorf. "Wir haben uns als eine völkische, verschworene Gemeinschaft gesehen, die ihre Kinder in einer Volk-und-Boden-Ideologie erzieht", sagt Tanja Privenau. "Das sind ja auch alles Familien mit zig Kindern, je mehr Kinder du hast, desto besser stehst du da in der Artgemeinschaft. Die Frauen sind regelrechte Wurfmaschinen. Es geht darum, genügend Kinder zu produzieren, um die Rasse zu erhalten." Den Mädchen wird das Bild der deutschen Mutter vorgelebt, die Jungen werden zu Kämpfern erzogen. "Drill und Druck, ein strenger Ton und das Bestrafungsprinzip mit Schlägen – die Kinder müssen rund um die Uhr funktionieren. Und wenn sie älter werden, unternimmt man alles, um sie innerhalb dieser Gemeinschaft zu halten und sie nach Möglichkeit miteinander zu verheiraten, um wieder rassisch reine Familien zu gründen."

Langsam kommen die Zweifel

"Am Anfang meiner Ehe mit dem Privenau war ich noch eine überzeugte Nationalsozialistin", sagt sie heute. "Aber nach den ersten beiden Kindern mit ihm beschlichen mich Zweifel." Neben dem Bauernhof führt Tanja Privenau zusammen mit ihrer Mutter zwei Einzelhandelsgeschäfte mit mehreren Angestellten. Außerdem beginnt sie in dieser Zeit eine Ausbildung als Heilpraktikerin. "So abgeschottet war meine Welt also nicht, ich war keine dieser für völkische Familien so typische Hausfrau und Mutter. Aber das öffnete mir auch die Augen."

Ihr Mann kommt mit der selbstbewusster werdenden Ehefrau nicht klar. Er will, dass sie sich um "Scholle und Kinder" kümmert, er wettert gegen die verhasste, weil staatliche Kita der kleinen Kinder. Doch er muss klein beigeben, denn seine Frau ist die einzige Verdienerin in der Familie, seit er mit einem rechtsextremen Versandhandel gescheitert ist. Immer wieder kommt es zu Reibereien, weil Arbeit auf dem Hof oder im Haushalt liegenbleibt. Herr Privenau geht lieber seinen politischen Ideen nach. "Er wurde immer unbeherrschter, brüllte die Kleinen an, wenn sie was kaputt gemacht hatten oder am Tisch dazwischen quatschten, er fing an, meinen ältesten Sohn zu schlagen", erzählt sie.

Der älteste Sohn von Tanja Privenau ist behindert. Ihr Ehemann kann damit nicht umgehen, in seinem Weltbild haben Krankheit und Behinderung keinen Platz. "Wie oft musste ich mir von ihm anhören, das sei doch unwertes Leben, ich solle den Jungen ins Heim geben, wie würden wir denn dastehen gegenüber den anderen, 'gesunden’ Familien', erzählt sie. "Das waren endlose Debatten, in denen er dann auch spürte, wie ich begann, mich aus der Szene, aus dieser rechtsextremen Gedankenwelt zu lösen." Als schließlich ihr ältester Sohn in einem Zeltlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" von den Aufpassern wegen seiner Behinderung misshandelt wird, steht ihr Entschluss fest: "Ich wollte raus aus der Szene und endlich ein normales Leben führen."

Es ist das Jahr 2003. Sie will ihren Mann Markus überzeugen, mit ihr zusammen auszusteigen. Wieder gibt es endlose Debatten, schließlich scheint er nachzugeben. Als er meint, sie solle sich mal erkundigen, wie das ablaufen könnte, meldet sich Tanja in Köln beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Sie stellt Forderungen: Ausstieg der kompletten Familie, neue Identität und Wohnung im Ausland, Zeugenschutz. Die Verfassungsschützer sind skeptisch und ratlos. Die Privenaus gelten als große Nummer in der Szene, ihr Ausstieg wäre eine Sensation. Aber eine ganze Familie aus der Szene herauszuholen, das gab es noch nie. Das Bundesamt mietet für Tanja und ihre Kinder ein Feriencamp in den Niederlanden an. Die Saison ist vorbei, es ist leer dort. Drei Wochen harrt sie in der Bungalowsiedlung aus, immer wieder führt sie Gespräche mit anreisenden Verfassungsschützern. Weil diese ihr aber keine Zusagen machen können, reist sie wieder ab, nach Hause.

Der Ausstiegsversuch ist gescheitert, aber in der Ehe scheint es wieder besser zu laufen. Aus der politischen Arbeit zieht sie sich immer mehr zurück, obwohl sie mit dem Ausstiegsgedanken schon abgeschlossen hatte. Doch dann verschärft sich die Lage daheim wieder. Immer wieder kommt es zu Streitereien, ihr Mann – so erzählt es Tanja Privenau – schlägt sie und die Kinder. In einem späteren Sorgerechtsverfahren wird Markus Privenau das bestreiten. 2005 eskalieren die Auseinandersetzungen. "Er warf mir Verrat vor, weil ich aussteigen wollte, und drohte, mich umzubringen." Um ihn loszuwerden, zeigt sie ihren Mann schließlich bei der Polizei an wegen seiner angeblich illegalen Versandgeschäfte mit Neonazi-Klamotten und Rechtsrock-CDs. Und sie schmeißt ihn vom gemeinsamen Hof. "Die nächsten Monate waren die Hölle", erzählt sie. "Zwar ließ sich der Privenau nicht blicken, aber immer wieder tauchten seine Freunde vor unserem Hof auf, solche Schläger-Typen, sie filmten uns oder standen einfach nur rum, um uns Angst einzujagen." Ihre fünf Kinder trauen sich nicht mehr raus, ein halbes Jahr lang schlafen sie nachts alle in einem Zimmer des Hauses. "Wir hatten Äxte und Beile im Raum, um uns zu verteidigen." Sie schickt nun auch die Kleinen nicht mehr in die Kita, weil sie Angst hat, der Vater könnte sie entführen. Zwar fährt die Polizei häufiger Streife am Hof vorbei, aber so lange nichts passiert, können die Beamten auch nichts tun.

Der Ausstieg gelingt mit Exit

2005 schließlich rettet die Aussteigerinitiative Exit sie und die Kinder vor Markus Privenau und seinen rechtsextremen Kameraden. Endlich sind auch die Sicherheitsbehörden bereit, ihr zu helfen, statten sie, ihre Kinder und ihre Mutter mit einer neuen Identität aus und geben ihnen eine Wohnung in Sachsen. Tanja gibt dafür ihr Wissen über die Szene preis und unterstützt mit ihren Aussagen die Verbotsverfahren gegen den Bund Heimattreuer Jugend und die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG). Ihr Noch-Ehemann wettert derweil in rechtsextremen Internetforen über die "Verräterin", die ihm seine Kinder genommen habe. "Da konnte man lesen, dass man mich eines Tages finden würde und mich dem 'Reichsgericht' übergeben werde", erzählt Tanja Privenau. "Ich habe das schon so verstanden, dass die Nazis mich damit unter ihresgleichen zum Abschuss freigaben." Schon nach einem Jahr wird sie aufgespürt. "Plötzlich stand da ein Auto vor meinem Haus, da saßen Rechtsextreme drin. Da wusste ich, jetzt haben sie dich, jetzt wissen sie, wie du heißt."

Privenau und ihre Kinder müssen in den folgenden Jahren noch zweimal ihre Identität wechseln und umziehen, weil es den Rechten immer wieder gelang, sie zu finden. Wie? "Die rechte Szene ist ein Netzwerk, das seine Leute überall sitzen hat", sagt sie. "Ich weiß das. Ich habe ja lange genug selbst mitgearbeitet daran, Listen mit politischen Gegnern, Abgeordneten und Staatsanwälten zu erstellen." Und wenn, wie in ihrem Fall, zwar eine neue Identität vergeben, die alte Rentenversicherungsnummer aber beibehalten wird, dann kommt man ihr eben auf die Spur.

Inzwischen haben die Behörden daraus gelernt. Tanja und ihre Kinder haben nun eine Identität, die relativ sicher ist, und wohnen an einem geheim gehaltenen Ort. Hinter ihr liegt auch ein langer juristischer, letztlich aber erfolgreicher Kampf mit ihrem Ex-Mann um das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Söhne. Markus Privenau darf die Kinder nicht mehr sehen und keinen Umgang mit ihnen haben. "Ich kann nun sagen, dass in diesem Jahr mein Ausstieg aus der Szene endlich abgeschlossen ist", sagt sie und fügt sarkastisch hinzu: "Zehn Jahre Ausstieg – das ist doch gar nicht mal schlecht, oder?" Ob sie sich nun endlich sicher fühle? Tanja Privenau zuckt mit den Achseln. Die Szene verfolge sie zwar nicht mehr mit solcher Intensität wie in den ersten Jahren. "Aber die Rachegelüste sind noch da. Man will mich bestrafen, auch als Abschreckung für die Szene."

Größere Sorgen als um sich selbst mache sie sich aber um ihre Kinder. Die drei Söhne waren nach der Flucht lange in psychotherapeutischer Behandlung. "Diese Behandlung hat ihnen sehr geholfen, mit ihrer zerrissenen Identität klarzukommen, mit dem, was sie von ihren großen Geschwistern gehört hatten über die Drohungen damals und die Gewalt in unserer Familie", sagt sie. Inzwischen führten sie das ganz normale Leben von Heranwachsenden und seien nun in einem Alter, wo sie die Möglichkeit haben, zu reflektieren. "Natürlich wird ihr Nazi-Vater für sie ein Thema bleiben, das soll auch gar nicht ausgebrannt werden", sagt sie. Aber sie können ihn nun mit ganz anderen Augen sehen. "Wir müssen eben klarkommen mit unserer Vergangenheit", sagt Tanja Privenau. "Und damit weiterleben."

Fußnoten

1.
Einige Details aus dem Leben Tanja Privenaus wurden verfremdet, damit sie in ihrem neuen Umfeld nicht erkannt werden kann.