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22.11.2017 | Von:
FLMH

Lauter Leise: Worte, die bewegen

Ende Februar 2016 startete die Leipzigerin Anna Kaleri einen Aufruf: Mit Lesungen soll in Sachsen der Fremdenfeindlichkeit begegnet und Toleranz gefördert werden; sie initiierte damit die Aktion "Literatur statt Brandsätze". Heute setzt der Verein "Lauter Leise – Kunst und Demokratie in Sachsen" das Projekt fort. Die Initiatorin im Interview.

Bus der Sommertour 2017 von Lauter Leise.Mit dem Publikum auf Augenhöhe zusammenkommen und konstruktiv darüber diskutieren, wie man Fremdenfeindlichkeit etwas entgegensetzen kann – mit dieser Intention gingen Künstler*innen von Lauter Leise 2017 auf Sommertour. (© Lauter Leise e.V.)

Ende Februar 2016 startete die Leipzigerin Anna Kaleri einen Aufruf: Mit Lesungen soll in Sachsen der Fremdenfeindlichkeit begegnet und Toleranz gefördert werden. Die 1974 geborene Autorin initiierte damit die Aktion "Literatur statt Brandsätze". Dutzende Autorinnen und Autoren aus Sachsen und mit Sachsenbezug meldeten sich: Lyriker, Dramatiker, Romanschreiber, Sachbuchautoren und Journalisten, die über sechs Monate lang 30 Lese-Veranstaltungen abhielten. Für diese Aktion erhielt die Initiative den Preis der Bundeszentrale für politische Bildung beim Wettbewerb "Aktiv für Toleranz und Demokratie". Anna Kaleri wurde für ihr Engagement zusätzlich mit dem Lessing-Förderpreis des Freistaates Sachsen gewürdigt. Mittlerweile hat Kaleri mit Mitstreitern und Mitstreiterinnen den Verein "Lauter Leise – Kunst und Demokratie in Sachsen" gegründet, der "Literatur statt Brandsätze" als Projekt fortsetzt. Fünf Fragen über Literatur, die Empathie stärkt und über Orte, die verändert werden können.

In Dresden gründete sich 2014 Pegida. In Heidenau attackierten 2015 Rechtsextreme eine Notunterkunft für Flüchtlinge. 2016 jagten in Bautzen Neonazis junge Geflüchtete über den Kornmarkt. Was kann Literatur da bewegen?

Literatur kann keine Berge versetzen. Aber sie kann zu einem differenzierten Blick beitragen und dazu, dass man es erträgt, Spannungen auszuhalten. Literatur hat viel mit Empathie zu tun, weil man sich mit den Figuren identifiziert, sich in ihnen spiegelt und an den Konflikten, die sie durchmachen, wächst.

Im Frühjahr 2016 starteten Sie einen Aufruf an Literaturschaffende, sich mit Lesungen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit zu engagieren. Wer hat sich gemeldet?

Als in Sachsen fremdenfeindliche Einstellungen in Gewalt umschlugen, war das ein schlimmes Erwachen für viele Autoren. Innerhalb von drei Wochen haben sich fast 60 Autorinnen und Autoren gemeldet. Wir waren sehr breit aufgestellt, denn jeder hat seine Ausdrucksform eingebracht. So wurden Lyrik, Prosa, Dramatik, Sachbücher und journalistische Texte gelesen. Ich fand diesen Ansatz richtig und gut, wenngleich die Breite auch kritisiert wurde.

Aus jedem Text kann man durch intensive Vorbereitung und Moderation den Bezug zu Toleranz und Weltoffenheit herauskitzeln. Wir hatten aber auch Texte, die thematisch explizierter waren, beispielsweise ein Sachbuch zum Drohneneinsatz, der von deutschem Boden ausgeht, und einen Theaterbus, der ein Stück über ein Mädchen spielte, dessen Vater Sinto ist. Oder einen Roman von Joseph Haslinger, der von autoritären Strukturen im Ostblock, genauer: in Tschechien, erzählte. Da wurde anhand eines Nachbarlandes gespiegelt, was wir selbst erlebt haben. Die Themen sind vielschichtig, und Vielschichtigkeit trägt zu einer differenzierten, pluralistischen Gesellschaft bei.

Sie haben gerade erwähnt, dass die Lesungen moderiert sind. Warum?

Im ersten Teil der Veranstaltungen wird gelesen, im zweiten Teil findet die moderierte Diskussion statt. Wir wollten keine klassischen Wasserglaslesungen, wo der Autor sich die Ehre gibt, Fragen zu beantworten. Vielleicht ist es an der Zeit, das Selbstverständnis von Autoren zu erneuern, indem wir mit dem Publikum auf Augenhöhe zusammenkommen. So können die Autoren auch als Geschenk aufnehmen, was die Besucher an Geschichten mitbringen. Denn auch das ist Demokratieförderung: Sich auf Augenhöhe zu begegnen und Kultur als Vermittlerin zu konstruktivem Dialog zu verstehen.

Wer sitzt bei den Veranstaltungen im Publikum?

Literatur erreicht ein spezifisches Publikum. In unseren Lesungen sitzen meist Menschen, die auch sonst zu Lesungen gehen. Leute, die gewalttätig sind, erreichen wir damit nicht, schon klar. Aber auch im kulturinteressierten Publikum gibt es rechtspopulistische Einstellungen und sind Verschwörungstheorien verbreitet. Wenn wir in Schulen und Jugendeinrichtungen gehen, haben wir eine breitere Zielgruppe und können Menschen erreichen, die sonst nicht zu Literaturveranstaltungen gehen würden.

Im Sommer 2017 haben Sie in Bautzen und Umgebung die erste "Lauter Leise Sommertour" veranstaltet. Es gab Lesungen, Buchdruck für Kinder, Musik zum Tanzen und ähnliche Mitmachaktionen. Nun kam speziell diese Gegend häufig durch rechtsextreme Vorfälle in die Medien. Macht es trotzdem Spaß, dort Veranstaltungen zu organisieren?

Es gibt mitunter Orte, die unangenehme Gefühle hervorrufen. Wo die NPD beispielsweise präsent ist oder wo Geflüchtete nicht gewollt sind. Aber deswegen machen wir diese Aktionen. Ziel ist ein konstruktiver, ideologiefreier Gemeinschaftssinn. Wir wollen diese Orte nicht einer Handvoll Krawallmacher überlassen und auch nicht der Stigmatisierung aller. Vor Ort vernetzen wir uns mit Menschen, die sich für Toleranz und Weltoffenheit engagieren. Denn davon gibt es sehr viele, nur werden sie kaum gehört. Die Leisen müssen lauter werden, das ist auch der Sinn unseres Vereinsnamens.


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