Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

24.11.2017 | Von:
Toralf Staud
Marina Chernivsky

"Die Schwelle des Sagbaren verschiebt sich"

Antisemitismus ist in Deutschland erschreckend weit verbreitet – er zeigt sich nicht nur in Diskriminierungen und Gewalttaten, sondern oft auch unterschwellig im Alltag. Seit dem Erstarken der Neuen Rechten wird er zunehmend offensiver gezeigt, sagt die Psychologin Marina Chernivsky. Ein Interview über alten und neuen Antisemitismus, wie Juden ihn erleben – und wie erfolgversprechende Prävention aussehen kann.

Fußball 2. Bundesliga (15. Spieltag), 1. FC Dynamo Dresden - FC Energie Cottbus am Montag (05.12.2005) im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Ein antisemitisches Spruchband ("Juden" - mit dem Dynamo-D in der Mitte) wird zu Beginn des Spiels im Cottbuser Block in die Höhe gehalten.Fußball 2. Bundesliga (15. Spieltag), 1. FC Dynamo Dresden - FC Energie Cottbus am Montag (05.12.2005) im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Ein antisemitisches Spruchband mit dem Dynamo-D in der Mitte wird zu Beginn des Spiels im Cottbuser Block in die Höhe gehalten. (© picture-alliance/dpa)

Toralf Staud: Frau Chernivsky, sehen Sie in Deutschland einen neuen Antisemitismus?

Marina Chernivsky: Auf die Schnelle würde ich sagen: Nein. Bei genauerem Blick jedoch ist das Bild differenzierter: Im heutigen Antisemitismus steckt zwar sehr viel Altes, aber die klassischen Motive verbinden sich mit neuen Annahmen und Bewertungen von Juden und Jüdischem. Die Antwort könnte also lauten, dass wir es mit einem neuen alten Antisemitismus zu tun haben, der seit Generationen überliefert wird und sich dennoch im ständigen Wandel befindet.

Was genau meinen Sie damit?

Antisemitismus ist ein historisches und soziales Phänomen mit einer hohen Anpassungsfähigkeit. Je nach historischem Zeitpunkt oder sozialer Situation erfährt er unterschiedliche Ausformungen. Die ideologischen Kernelemente bleiben gleich, etwa der Mythos der jüdischen "Macht", "Fremdartigkeit" oder auch "Weltherrschaft" – aber die Vorstellung, Juden seien weltweit eine mächtige Gruppe mit weitreichenden, meist verdeckten Einflussmöglichkeiten passt sich aufkommenden Gegenwartsfragen in einer globalisierten Gesellschaft problemlos an.

Früher bezog sich der Verschwörungsmythos zum Beispiel darauf, Juden würden die Politik europäischer Nationalstaaten steuern. Heute wird der israelische Geheimdienst für die islamistischen Terroranschläge verantwortlich gemacht. Vor Jahrhunderten hielt der Volksglaube alle Juden für Brunnenvergifter, heute werden sie kollektiv in Verantwortung genommen für die Politik des Staates Israel. So gibt es zugleich Kontinuität und Wandel. "Neu" am heutigen Antisemitismus ist vielleicht – um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen – die zunehmende Unübersichtlichkeit seiner Formen und eine gezielte politische Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten.

Wie zeigt sich Antisemitismus heute in Deutschland konkret?

Antisemitische Einstellungen sind in der Gesellschaft tief verwurzelt und ziehen sich quer durch alle Gesellschaftsgruppen. Mehr noch: Selbst bei Menschen, die sich gegen Antisemitismus positionieren, tauchen abrufbare Vorananahmen aus dem antisemitischen Bildhaushalt auf, die ihnen oft nicht einmal bewusst sind. Aber Antisemitismus artikuliert sich nicht "nur" in Vorurteilen über Juden, sondern auch in konkreten Verhaltensweisen und Taten – von diffusen Aversionen bis hin zu verbaler und physischer Gewalt. Aus meiner Sicht beginnt er bei Annahme einer unüberbrückbaren Differenz zwischen Juden und Nichtjuden und geht leicht in ein verdächtigendes oder auch ablehnendes Verhalten über. Durch fremdmachende Fragen wie "Und wo kommen Sie eigentlich her?" oder, "Sie sprechen aber gut Deutsch!" erfahren deutsche Jüdinnen und Juden einen permanenten Zugehörigkeitsentzug. Durch die Annahme einer grundlegenden Differenz können dann leicht auch Diskriminierung und Gewalt legitimiert werden. Gleichzeitig gibt es in der breiten Gesellschaft die Tendenz, Antisemitismus zu verdrängen oder ihn auf bestimmte Trägergruppen auszulagern. Der Wunsch nach positiven Selbstbildern, die Angst, beschuldigt oder belehrt zu werden, tragen offensichtlich immer noch dazu bei, dass die Relevanz des Antisemitismus in der breiten Gesellschaft gern ausgeblendet oder bestritten wird.

Viele antisemitische Vorfälle tauchen in den offiziellen Kriminalstatistiken nicht auf, unter anderem weil sie keinen Straftatbestand erfüllen oder die Betroffenen aus verschiedenen Gründen auf eine Anzeige verzichten. Im Jahr 2016 erfasste allein in Berlin die dortige Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 470 antisemitische Vorfälle[1] – davon 17 physische Angriffe, 18 Bedrohungen und 53 Sachbeschädigungen an jüdischem Eigentum oder Orten der Erinnerung. In der großen Mehrzahl – bei 382 Fällen – handelte es sich um verbal verletzendes Verhalten.

Solche Zahlen decken sich mit Befunden einer Studie zu jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus, die für den Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Bundestages erstellt wurde.[2] Für die mehr als 500 Befragten ist Antisemitismus eine allgegenwärtige und vor allem häufige Erfahrung. Die Spannbreite reicht von subtilen Andeutungen bis hin zu ganz offenen Äußerungen. Die meisten empfinden den Alltagsantisemitismus, der sie buchstäblich umgibt, als belastend. Oft nehmen sie ihn als eine Art "Grundrauschen" wahr, das selbst von ihnen nur selten verbalisiert wird. Einige schildern, dass sie sogar im nahen Umfeld mit einem sich häufenden Antisemitismus konfrontiert sind.

Wo tritt Antisemitismus besonders oft auf?

Ich glaube nicht, dass man ein fixes Täterprofil oder bestimmte Orte festmachen kann. In der erwähnten Studie wurden als Orte der Konfrontation am häufigsten Soziale Medien, öffentliche Diskurse über Israel, Schulen, öffentliche Plätze oder auch das Arbeitsumfeld genannt. Eine Interviewpartnerin berichtete von einer Erfahrung in einer Behörde. Als sie bei der Arbeitsagentur einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellte, bekam sie von der Sachbearbeiterin zu hören: "Warum beansprucht Ihr Geld? Bitten Sie doch Ihre Leute [also andere Juden], sie haben viel Geld!" Ein anderes Beispiel ist folgender Vorfall in der Bahn, den eine Ratsuchende unserer Beratungsstelle schilderte: "Jugendliche stiegen ein. Sie fingen an sich spielerisch zu schubsen, machten gleichzeitig Witze. Plötzlich rief einer dem anderen zu: 'Bist du ein Jude, oder was?' Niemand stellte sich dagegen. Ich wusste, dass Jude ein geläufiges Schimpfwort ist. Nur gehört hatte ich das persönlich noch nie. Es so zu hören, hat mich paralysiert. Mir vorzustellen, dass mein Sohn in der Schule in Deutschland nach der Shoah damit konfrontiert werden könnte, hat mich zutiefst verunsichert."

Nicht-jüdische Menschen in Deutschland bekommen von solchen Erfahrungen nur selten etwas mit.

In der Tat klafft die Wahrnehmung weit auseinander. Das zeigte beispielsweise 2013 eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Dabei gaben 77 Prozent der Befragten an, Antisemitismus sei in Deutschland kein relevantes Problem mehr; nur 19 Prozent schätzten ihn als weit verbreitet ein.[3] Die Befragung von Jüdinnen und Juden im Rahmen der erwähnten Studie für den Expertenkreis des Bundestages jedoch ergab ein ganz anderes Bild: Von ihnen hielten 76 Prozent den Antisemitismus für ein großes Problem, und sogar 78 Prozent meinten, er habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen.[4] Antisemitismus ist ein fester Teil des Alltags von Jüdinnen und Juden, aber ihre Erfahrungen werden vom Rest der Gesellschaft selten gehört und noch seltener verstanden. Es ist bemerkenswert, wie wenig Forschung es dazu gibt und wie wenig wir darüber wissen. Auch in pädagogischen Kontexten wird selten danach gefragt, was Antisemitismuserfahrungen für die Betroffenen bedeuten, was sie mit ihnen machen. Stattdessen wird ihnen oft unterstellt, den Ernst der Lage zu übertreiben. Dieses Muster ist auch bei anderen Abwertungs- und Ausgrenzungsphänomenen zu beobachten: Diskrepanzen bei der Wahrnehmung und der Definition des Problems werden als "abweichende Ansicht" der betroffenen Minderheit abgetan, statt sie als relevante Erfahrungskategorie zu begreifen. Auch deshalb war es dem Unabhängigen Expertenkreis ein Anliegen, der "jüdischen Perspektive" explizit Raum zu geben – im Rahmen der erwähnten Studie wie auch im Expertenkreis selbst. Aber ein solches Bewusstsein für Perspektivwechsel kann man nicht erzwingen. Wir brauchen einen Umgang, der über die formelhafte Ächtung antisemitischer Ressentiments hinausgeht.

Sie sprachen davon, Antisemitismus passe sich aktuellen Themen an. Neben dem klassischen, dem sogenannten primären Antisemitismus, ist seit etlichen Jahren ein sekundärer Antisemitismus getreten ...

… und die Verbreitung und Relevanz von sekundärem und israelbezogenem Antisemitismus‘ hat erheblich zugenommen. Diese Ideologieformen resultieren vor allem aus der Abwehr der Erinnerung an den Holocaust und reagieren mit Aggression gegen Juden und den Staat Israel. Mit dem Nahost-Konflikt ist quasi eine weitere Projektionsfläche für judenfeindliche Ansichten und Gefühle hinzugekommen. Unter dem Banner der sogenannten Israelkritik können antisemitische Stereotype nun ganz offen geäußert werden. Sie sind normal geworden in Deutschland, werden kaum skandalisiert und häufig nicht einmal erkannt. Nicht selten trifft man hierzulande etwa auf die Vorstellung, Antisemitismus sei ein Konflikt, bei dem es zwei Seiten gebe, die eben Fehler machen. So etwas wurde zum Beispiel unhinterfragt und zur besten Sendezeit in der ARD-Talkshow "Maischberger" vorgetragen.[5] Dabei ist Antisemitismus eine Ideologie, die wahrlich auch ohne Juden existiert.

Eine sachliche Auseinandersetzung mit der israelischen Politik ist nicht per se antisemitisch. Aber bei den hiesigen Debatten um den Nahost-Konflikt erlebe ich äußerst selten sachliche und kompetente Analysen. Und ich bezweifle, dass es sich bei der sogenannten Israelkritik – schon der Begriff ist problematisch – wirklich um Kritik zu einem real existierenden Konflikt handelt. Vielmehr geht es um ein Vehikel, um antisemitische Positionen vorbringen zu können. In der Studie für den Expertenkreis berichteten Befragte oft, dass sie mit einer Mischung konfrontiert seien aus Relativierung des Nationalsozialismus bei gleichzeitiger Schuldzuweisung für die Nahostpolitik. Sie würden ganz unabhängig davon, welche politische Position sie selbst vertreten, als ultimative Vertreterinnen des Staates Israel wahrgenommen. Wie sich sekundärer und israelbezogener Antisemitismus überlappt, zeigt sich in Gedankengängen wie diesem: "Die Juden sind nicht ganz unschuldig an der Ablehnung, die sie erfahren. Sie missbrauchen den Holocaust für politische Zwecke und provozieren mit ihrer israelischen Politik die Palästinenser gezielt und vor allem grundlos. Auch in Deutschland stiften sie Unruhe, indem sie immer wieder neue Forderungen stellen."

Hier sehen wir wieder Antisemitismus als flexibles Einstellungspotenzial, vermengt zum Teil mit negativen Gefühlen, die immer schon ein Teil der Judenfeindschaft waren: Diese sind nicht immer offen, aber sie werden abgerufen, wenn es um simple Antworten zu schwer überschaubaren Fragen geht, etwa den komplizierten Nahost-Konflikt. Es gibt bei Menschen ein Grundbedürfnis nach einfachen Erklärungen, benennbaren Ursachen für komplexe Entwicklungen. Und da bietet der Antisemitismus ein großes Reservoir. In Deutschland kommt noch eine spezielle Dimension hinzu: das Nachwirken des Nationalsozialismus. Das emotionale Erbe der Shoah produziert Emotionen und Bedürfnisse, sich dieser Geschichte zu entledigen, um ein positives, unbelastetes Selbstbild zu erlangen. Sowohl bei der ganzen Gesellschaft als auch bei jedem Einzelnen gibt es den Wunsch, sich vom Holocaust zu entlasten. Juden bieten eine bequeme Fläche für die Projektion der Forderung nach einem Schlussstrich. Da heißt es dann zum Beispiel: "Warum hört ihr nicht auf, über den Holocaust zu reden?" Mal bekommt man es offen ins Gesicht gesagt, mal über Umwege: "Warum macht ihr Euch immer so wichtig?"

Der Zentralrat der Juden schildert eine bemerkenswerte Veränderung: Zwar habe es schon immer Briefe mit Beschimpfungen und Drohungen gegeben – doch statt wie früher meist anonym, kämen zunehmend Briefe mit Absenderangabe. Beobachten Sie das auch?

Ja, die Schwelle des Sagbaren verschiebt sich zweifellos. Eine Enthemmung ist nahezu offensichtlich. Bei uns gehen Briefe ein, in denen nicht nur Name und Adresse, sondern sogar Arbeitgeber angegeben werden. Mit dem Aufschwung der Neuen Rechten und der AfD fühlen nun auch ganz normale Bürger eine Bestätigung für ihre leisen Gedanken und nicht bewältigten Ressentiments. Früher haben sie sich vielfach nicht getraut, ihre Positionen offen zu äußern. Aber wenn sie jetzt sehen, dass derartige Einstellungen öffentlich und von Politikern einer Partei vertreten werden, die in vielen Parlamenten sitzt, dann sehen sie sich darin legitimiert. Das, was sie schon lange denken und empfinden, erscheint zunehmend als eine berechtigte und vertretbare Position.

Aber viele Rechtspopulisten präsentieren sich explizit pro-israelisch, etwa das islamfeindliche Internet-Portal Politically Incorrect. Und die AfD-Führung bestreitet jeden Antisemitismus, vielmehr wende man sich doch offensiv gegen Antisemitismus unter Migranten. Wie passt das zusammen?

Das passt problemlos zusammen! Es handelt sich um eine klare Instrumentalisierung des Antisemitismus – als Mittel einer kollektiven Abwertung der Muslime und Legitimierung einer ausgrenzenden Identitätspolitik. Ich sehe darin eine klar anti-muslimische Agenda: Rechtspopulisten nutzen die Ängste und Sorgen der jüdischen Community vor einem Antisemitismus unter Muslimen, um sich erstens selbst zu legitimieren und aufzuwerten. Und zweitens stacheln sie damit Juden ebenso wie die Mehrheitsgesellschaft gegen andere Minderheiten auf, in diesem Falle gegen die Muslime.

Wie erleben Sie den öffentlichen Umgang mit Antisemitismus in Deutschland?

Einige der – zum Teil heftigen – Vorfälle gelangen inzwischen in den Blick der medialen Öffentlichkeit. Die Empörung ist dann groß, wenn auch nicht besonders langlebig. Generell ist der Umgang mit Antisemitismus ein ständiges Hin und Her zwischen Skandalisieren und Verdrängen. Der Umgang ist jedenfalls verkrampft, nicht sachlich, wenig differenziert. Das hat seine Gründe: Angesichts der deutschen Geschichte kann man nicht erwarten, dass Antisemitismus ein Thema ist wie jedes andere. Wir müssen aber unbedingt darauf achten, dass diese Schwierigkeiten nicht den Juden angelastet werden. Genau dieser Vorwurf ist nämlich ein wichtiges Element des aktuellen Antisemitismus: Die Juden seien schuld daran, dass der Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus so schmerzhaft und schwierig ist.

Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus, in dem auch Sie mitgearbeitet haben, hat im Frühjahr 2017 einen umfangreichen Bericht vorgelegt und eine Reihe von Empfehlungen formuliert.[6] Unter anderem haben Sie gefordert, einen Antisemitismus-Beauftragten im Kanzleramt einzusetzen, Forschungs- und Präventionsarbeit dauerhaft zu fördern. Sehen Sie für solche Empfehlungen ausreichend Verständnis? Gibt es genügend Aufmerksamkeit in Behörden und Zivilgesellschaft für den Antisemitismus?

Antisemitismus ist ein unbequemes Thema. Die Beschäftigung mit ihm ist einerseits auferlegt und verordnet, andererseits wird sie gern vermieden oder auch abgelehnt. Dies wird nicht nur am rechten Rand so empfunden, sondern mitten in der Gesellschaft. Wir brauchen ein radikales Umdenken, die Fähigkeit zu Selbstkritik sowie ein langfristiges Engagement auf allen Ebenen der Prävention und Intervention. Dabei sind die Solidarität mit und der Schutz der Betroffenen unerlässlich.

Sicherlich hat sich die Beschäftigung mit aktuellem Antisemitismus in den vergangenen Jahren intensiviert. Die Dringlichkeit des Problems wird auch in Politik und Bildung immer mehr eingesehen. Trotzdem müssen wir klare Forderungen stellen, damit die Entwicklung nicht stehenbleibt. Antisemitismusprävention sollte in Zukunft stärker koordiniert werden. Dafür brauchen wir jemanden an oberster Stelle in der Regierung, der die Arbeit zum Thema würdigt und voranbringt. Wir brauchen aber auch einen verstetigten Expertenkreis, der eine beratende und begleitende Rolle übernimmt sowie eine Übereinkunft zwischen Bund und Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft, aber auch zwischen zuständigen Ministerien. Schließlich sollte die Zusammenarbeit mit jüdischen Institutionen und jüdischer Zivilgesellschaft ausgebaut werden – das ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.

Sie leiten das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentral-wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)[7] und haben dadurch reichlich Erfahrung in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Welche Ansätze haben sich als erfolgreich erwiesen?

Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren in der politischen Bildung, das Kompetenzzentrum wurde dann 2015 mit Unterstützung des Bundesprogramms "Demokratie leben!" in Berlin gegründet. Die Projekte richten sich an die Zivilgesellschaft, jüdische Communities, Akteure aus Wissenschaft, Bildung, Politik und Medien. Wir entwickeln, erproben und implementieren pädagogische Ansätze, die der Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus sowie Herausforderungen der Migration und Gegenwartsgesellschaft Rechnung tragen.

Viele Jahre wurde Antisemitismus hierzulande ausschließlich im Kontext der Geschichts-vermittlung behandelt. Aktuelle Ausprägungen und Konflikte wurden so unsichtbar. Dazu kam in der sozialen und politischen Mitte der Gesellschaft die Tendenz, den Antisemitismus den Extremen zuzuordnen und sich so gänzlich davon freizusprechen. Unserem Bildungsverständnis hingegen liegt die Einsicht zugrunde, dass Antisemitismus sich quer durch die Gesellschaft zieht und aus ganz unterschiedlichen sozialen und politischen Positionierungen heraus eingenommen und artikuliert wird. Judenhass ist seit Generationen in unserer Gesellschaft tradiert, er wirkt wie eine kollektive Erbschaft in unsere Gegenwart hinein. Die Beschäftigung mit ihm ruft Emotionen und Unbehagen auf, man will sie gern von sich wegschieben. Zugleich leben wir in einer Migrationsgesellschaft, in der die Menschen sehr unterschiedliche biografische und soziale Verbindungen zum Thema haben. Wenn wir Menschen wirklich berühren wollen, sollten wir ihre jeweils individuellen biografischen wie auch sozialen Erfahrungen sehr genau im Blick haben.

Sie arbeiten in Ihren Projekten konkret mit den Biografien der Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Ja, aber es braucht viel Zeit und Beziehungsarbeit, damit Menschen sich öffnen und auf das Thema einlassen. Wir gehen zum Beispiel in Lehrerinstitute, Polizeifachschulen, Universitäten. Wir holen die Teilnehmenden ab mit Fragen, wann und in welcher Form sie in ihrem beruflichen Alltag mit Antisemitismus in Berührung kommen und über welche Umgangsstrategien sie bereits verfügen. Darüber wird dann gemeinsam reflektiert. Wir legen viel Wert darauf, einen dialogischen, auf die achtsame Selbstbefragung ausgerichteten Lernraum zu schaffen. Wichtig ist zum Beispiel, zwischen gefestigten Positionen und diffusen Auffassungen zu unterscheiden, um Menschen nicht holzschnittartig in antisemitisch und nicht-antisemitisch zu unterteilen. Ein Grundsatz ist auch die Einsicht, dass Antisemitismus so verankert ist in unser aller Köpfe, in der Sprache, in Büchern, in Geschichte, dass wir ihn ständig reproduzieren. In einer solchen Atmosphäre haben Menschen nicht mehr das Gefühl, man komme mit verdächtigenden Vorwürfen oder es gehe darum, jemanden zu entlarven. Und man kann schneller und leichter ins Gespräch darüber gehen, wie sie selbst in Antisemitismus involviert und an seinem Fortbestehen beteiligt sind.

Wir thematisieren auch Nachwirkungen der Vergangenheit und Familiengeschichte. Auch die ganz persönlichen Ausgangsbedingungen der Beteiligten – zum Beispiel eigene Diskriminierungserfahrungen – stehen im Fokus unserer Arbeit. Wo familiäre Erzählungen sowie die Gefühle hierzu, etwa von Schuld und Scham oder auch Aggression, nicht in den Blick genommen werden, entsteht – psychologisch gesprochen – ein Stau. Dieser kann in Ablehnungen gegenüber Juden umschlagen. Da gehen wir gemeinsam auf Fragen ein wie: In welcher Weise gehen die kollektive deutsche Geschichte und die Familienvergangenheit ineinander über? Welche Emotionen, Tabus, Loyalitätskonflikte oder auch Aufträge gehen damit einher, und welchen Einfluss haben sie heute noch auf Identität und Biografie der Einzelnen sowie der gesamten Gesellschaft?

Gibt es etwas, das Prävention und Bildungsarbeit zu Antisemitismus besonders macht?

Wie gesagt, eine besondere Herausforderung ist es, kritische Reflexion dort zu wecken, wo Abwehr überwiegt. Bei der Auseinandersetzung mit Holocaust oder Antisemitismus entstehen Aversionen, die wir oftmals gar nicht verstehen. Für die Pädagogik sind besonders die irrationalen und identitätsstiften Aspekte des Antisemitismus bedeutsam. Deshalb sollte es nicht ausschließlich darum gehen, Wissen über Antisemitismus zu vermitteln, sondern vor allem eine selbstkritische Reflexion über Antisemitismus anzuregen. Erfolgversprechende Methoden sollten also am Individuum ansetzen, sie sollten Emotionen und Distanzierungswünschen Rechnung tragen und auf Dekonstruktion antisemitischer Gedanken und Gefühle hinarbeiten. Dabei sollten wir nicht nur Jugendliche ansprechen, sondern vor allem auch Erwachsene, Lehrer, Fach- und Führungskräfte. Die Fähigkeit zur Diskriminierungskritik und Kompetenz im Umgang mit Antisemitismus können trainiert werden. Und das sollte nicht nur in sporadischen Fortbildungen geschehen, sondern beispielsweise als selbstverständlicher Teil der Lehrerausbildung.

Der Rechtspopulismus, die aufgeheizten Debatten zu Islam, Finanzkrise, Terrorismus oder auch Einwanderung begünstigen derzeit einen aggressiveren Antisemitismus, der im Internet, an der Schule, in den Jugendhäusern zunehmend sichtbar wird. Unter dem Begriff der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit sind in den vergangenen Jahren einige erfolgversprechende Ansätze entwickelt worden.[8] Hier weiter voranzukommen und die Ansätze breit in die Praxis zu tragen – an Schulen, in die Jugendbildung –, ist eine weitere Herausforderung. Außerdem sind wir beim Antisemitismus nicht mehr ausschließlich im Bereich Prävention. Angesichts der steigenden Gewaltbereitschaft und sich häufender Vorfälle steigt der Bedarf an Intervention, Empowerment-Arbeit, Unterstützung und Beratung von Betroffenen.

Paul Spiegel, der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden, war zum Ende seiner Amtszeit regelrecht resigniert ob des Antisemitismus’ in Deutschland.[9] Wie geht es Ihnen? Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Arbeit etwas zu erreichen?

Mich beunruhigt die Zunahme antisemitischer Stimmungen sehr. Und ich frage mich schon manchmal, was wir noch machen können und sollen. Aber ich glaube an die Macht der Bildung und aktiver Auseinandersetzung.

Für extrem wichtig halte ich, die jüdische Zivilgesellschaft dahingehend zu stärken, dass sie sich selbst zu Wort meldet, ihre Stimmen sichtbarer und hörbarer macht. Die historisch-politische Bildung hierzulande nimmt aus Gewohnheit heraus die Nicht-Präsenz jüdischer Perspektiven als Normalität wahr. Es ist nahezu Tradition, dass die Bildung gegen Antisemitismus von nicht-jüdischen Expertinnen und Experten ausgeht. So entsteht eine seltsame Asymmetrie, es wird weithin über Juden und nicht mit Juden gesprochen. Ein Problem ist auch, dass Juden – etwa in den Schulen – fast nur im Zusammenhang mit dem Holocaust vorkommen. So werden Juden als Opfer kodiert, und Kinder und Jugendliche verinnerlichen dieses Bild. Selbstverständlich ist der Zugang über eine Empathie mit damals Verfolgten und Ermordeten richtig und wichtig – doch viel zu oft bleibt es dabei. Die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus wird thematisiert, aber nicht der aktuelle Antisemitismus.

Auch das jüdische Leben heute sollte stärker Thema sein. Erst die Begegnung mit der innerjüdischen Vielfalt an Perspektiven und Meinungen kann die bisherigen Vorstellungen von Juden irritieren und verändern. Es gibt viel zu wenige Alltagsbegegnungen. Vielleicht besucht man mal eine Synagogengemeinde – aber da besteht dann wieder die Gefahr, dass das Andere an den jüdischen Menschen betont wird, eben, dass sie andere Kirchen haben. Betont werden sollte vielmehr, was Juden und die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft gemeinsam haben.

Das Gespräch führte Toralf Staud.

Fußnoten

1.
https://report-antisemitism.de/media/bericht-vorfaelle-2016.pdf
2.
Für die 2017 vorgelegte Untersuchung „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ wurden 553 in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden befragt – https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf
3.
Bertelsmann-Stiftung: Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart? Gütersloh 2015, S. 38f. – https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Deutschland_und_Israel_heute_2015.pdf
4.
Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Bundestags-Drucksache 18/11970 vom 7. April 2017, S. 107ff. – http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/119/1811970.pdf
5.
vgl. die Sendung vom 21. Juni 2017 – http://www.ardmediathek.de/tv/Maischberger/Israelhetze-und-Judenhass-Gibt-es-einen/Das-Erste/Video?bcastId=311210&documentId=43710046
6.
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw17-antisemitismus/502770
7.
http://www.zwst-kompetenzzentrum.de/
8.
http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/13760
9.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39774195.html
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