Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Andrea Röpke

Wichtig für den Stimmenfang?

Oder nur zum Wäschewaschen? Rechte Frauen in der Männerwelt der NPD

Die rechtsextreme Szene ist männerdominiert. Frauen sind eher zuständig für die Arbeit im Hintergrund oder werden für Propagandazwecke benutzt. Wichtig sind sie der völkischen Szene eigentlich nur als Mutter und Hausfrau. Doch ihre Zahl nimmt zu. Und vereinzelt machen sie auch politisch auf sich aufmerksam.

Frauen in der rechstextremen Szene entsprechen längst nicht mehr alten Klischees. Aber sie rücken nur allmählich mit in die erste 'braune' Reihe. NPD-Demonstration in Rostock 2006.Frauen in der rechstextremen Szene entsprechen längst nicht mehr alten Klischees. Aber sie rücken nur allmählich mit in die erste 'braune' Reihe. NPD-Demonstration in Rostock 2006. (© H. Kulick)

Lange Zeit war aus der rechstextremen Szene ein eher unterwürfiges Frauenbild bekannt: Aussteigerinnen wie die 25-jährige Cindy berichteten davon, dass "die jungen Mädchen nur Sexualobjekte sind", die allenfalls für organisatorische Arbeiten im Hintergrund eingesetzt werden (vgl. http://www.tagesschau.de/inland/meldung61758.html). Auch Gewalt gegen Frauen war und ist in der rechten Kameradschaftsszene nichts ungewöhnliches und gehört zum gängigen Erfahrungsbild, das Aussteigerinnen zeichnen.

Auch das Erscheinungsbild rechtsextremer Frauen entsprach lange Zeit bestimmten Klischees. Da gab es als weibliche Skinheads die Renees oder Skingirls. Ein Erkennungzeichen war der rasierte Schädel mit einem Kranz aus langen Strähnen um das Gesicht herum, diese sichtbare Abgrenzung von weiblichen Schönheitsnormen sollte Stärke und Unangepasstheit signalisieren und war gleichzeitig ein Spiel mit Weiblichkeit. In dieser Szene pflegte man auch nach Außen ein antiquiertes wie sexistisches Frauenbild. So sang die Rechtsrock-Skinheadband Radikahl: "Weiber sind bei uns nichts wert / Auch wenn man sie nicht gern entbehrt". So fügten sich viele Frauen eher als Anhängsel in der stark männderdominierten Szene ein.

Doch längst lassen auch Frauen in der rechten Szene solche Klischees hinter sich und wollen erkennbar eine politischere Rolle spielen. Zum Teil eifern sie ihren Freunden oder Männern in der Szene nach und lassen sich als Funktionärinnen einbinden in das Netz der NPD. Zum Beispiel im ''Ring nationaler Frauen", gegründet vor rund einem Jahr:

Keine der acht Frauen, die sich damals, Mitte September 2006, unter dem Baum vor der Gaststätte "Zum Thingplatz" in Sotterhausen in Sachsen-Anhalt zum Gespräch aufstellten, entsprach äußerlich dem Klischee einer Neonazi-Aktivistin. Sie wirkten konservativ und adrett in ihren Blusen und Röcken, die langen Haare gewellt oder zum Dutt aufgesteckt. Ihre Kinder hatten sie eben in hütende Hände gegeben, um hier auf dem Dorfplatz im Mansfelder Land nationalistische Politik zu vertreten und die Gründung des "Ring nationaler Frauen" selbstbewusst der kritischen Öffentlichkeit vorzustellen.

Stella Palau ist nach wie vor ihre Wortführerin. Die mädchenhaft wirkende Berlinerin mit dem dunklen Pferdeschwanz überrascht durch autoritäres Auftreten. Sie saß zunächst im Landesvorstand der NPD in Berlin, seit dem letzten Parteitag ist sie auch im Bundesvorstand der rechtsextremen Partei für das Referat "Familie" zuständig. Ihr Lebensgefährte ist der einflussreiche Szene-Liedermacher Jörg Hähnel, Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion in Schwerin. Früher führte Palau den "Skingirlfreundeskreis Deutschland" mit an, heute ist sie in der völkischen "Gemeinschaft deutscher Frauen" (GDF) aktiv. Neben ihr steht Gitta Schüßler, die etwas ältere NPD-Aktivistin ist die einzige Abgeordnete ihrer Partei im sächsischen Landtag.

Auch die sechs anderen Vorstandsaktivistinnen des "Ring nationaler Frauen" kennen sich aus im braunen Sumpf, zum Beispiel Gastgeberin Judith Rothe, liiert mit dem Anführer der "Kameradschaft Ostara", Enrico Marx. Seit den Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt im April 2007 vertritt die Einzelhandelskauffrau, Jahrgang 1979, die NPD im Kreistag des Landkreises Mansfeld-Südharz. Auch die erst 23 Jahre alte Jasmin Apfel, geborene Langer aus Hannover-Langenhagen, Geschäftsführerin der neuen Frauenorganisation und Ehefrau des sächsischen NPD-Fraktionschefs Holger Apfel ist bereits seit Jahren in der braunen Szene aktiv. Sie vertrat die "NPD-Frauengruppe Hannover" gegenüber den Kameraden und kämpfte um die Anerkennung von Frauen als politischen Kampfgefährtinnen.

Beim Wahlkampfauftakt der NPD zu den Landtagswahlen in Niedersachsen, im Oktober 2007 in Hannover, gab sie sich als biedere Ehefrau. Im weißen Dirndl, immer brav an der Seite ihres Mannes, klönte sie mit der Ehefrau des NPD-Fraktionschefs im Schweriner Landtag, Marianne Pastörs, die ebenfalls die Anliegen der RNF vertritt. Überhaupt scheint die Frauenorganisation vor allem aus Partnerinnen von NPD-Funktionären zu bestehen. In Niedersachsen repräsentiert das ehemalige Skingirl Ricarda Riefling aus Hildesheim den "Ring Nationaler Frauen", sie arrangiert auch den Infostand beim Wahlkampfauftakt in der Eilenriedehalle in Hannover. Ihr Ehemann, Dieter Riefling, mehrfach verurteilter Anführer der Freien Kräfte in Norddeutschland, kandidiert bei den Landtagswahlen für die NPD. Auch Petra Müller aus Calw gilt als langjährige erfahrene Aktivistin. Hochschwanger erscheint die fünffache Mutter zum Gründungstreffen der RNF in Sangerhausen. Sie gehört zum Umfeld der "Heimattreuen deutschen Jugend", einer der verbotenen "Wiking-Jugend" ähnelnden völkischen Organisation, und ist in der ario-germanischen "Artgemeinschaft – germanische Glaubensgemeinschaft" aktiv.

"Wir wollen das Anliegen von Frauen, unsere Vorstellungen der Organisation wiedergeben", erklärt Stella Palau mit erhobenen Haupt, die Arme im Rücken verschränkt, vor laufender Fernsehkamera. "Wir möchten als Organisation Aufklärung betreiben, auch gegen die extreme Hetze gegen uns nationale Frauen", sagt sie. Es sind insgesamt 31 Mädchen und Frauen, die sich da vor rund einem Jahr, am Samstag, den 16. September 2006 in Sachsen-Anhalt versammelt haben, um einen "Dachverband, der gerne sämtliche nationalen Frauen zusammenbringen möchte", zu gründen. Die Finanzierung der neuen Organisation läuft ausschließlich über "Spenden und Zuschüsse der Mutterpartei NPD", aber auch Nichtmitglieder sollen angesprochen werden. In erster Linie geht es den NPD-Frauen um ihre eigene Außenwirkung, sie möchten ihre eigenen Anliegen in die Öffentlichkeit tragen, verstärkt rechte Frauen für die Parteiarbeit gewinnen und eine Zusammenarbeit mit Freien Aktivistinnen der Kameradschaftsszene ausbauen. Mittlerweile gibt es Regionalgruppen des RNF u.a. in Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

"Neues Instrument des Stimmenfangs"

Einer Emnid-Umfrage aus dem August 2007 zufolge könnten sich bis zu 14 Prozent der in Wahlumfragen befragten Frauen vorstellen eine Partei rechts von der CDU zu wählen. Andere Meinungsforscher sehen das allerdings skeptisch, denn bei bisherigen Wahlen stellten Männer das Gros rechtsextremer Wähler. So votierten bei der letzten Bundestagswahl nach der repräsentativen Auswertung des Statistischen Bundesamts 2,9 Prozent der Männer, aber nur 1,3 Prozent der Frauen für die Republikaner oder die NPD, 70 Prozent des NPD-Wählerreservoirs sind also männlich. Dieses Defizit haben inzwischen auch NPD-Strategen erkannt und messen zumindest taktisch nationalistisch denkender Mädchen und Frauen eine immer größere Rolle zu. Die "tageszeitung" sprach gar von einem neuen "Instrument des Stimmenfangs". Frauen, so der Hintergedanke, trügen aber nicht nur zur Imageverbesserung, sondern auch zur Stabilisierung der neonazistischen Szene bei. Bislang erlitt die rechte Szene häufig dann personelle Einbußen, wenn sich Heranwachsende in ihren Reihen auf Beziehungen einließen oder heirateten. Doch mittlerweile finden Ehebündnisse immer häufiger innerhalb der Szene statt, auch nachlesbar an der wachsenden Zahl von Heiratsanzeigen in rechten Szeneblättern. Politisch wiederum wurden und werden Frauen in der Männerwelt der NPD bislang nur wenig ernst genommen.

Tatsächlich räumt sogar das "Störtebeker-Netz", ein Informationsportal der rechtesextremen Szene aus Mecklenburg-Vorpommern ein, dass "nationale Frauenorganisationen bisher nie wirklich ernstzunehmende Bedeutung erlangt hätten". "Ich will endlich etwas tun für die Frauen, denn das wird bei uns zu wenig beachtet", erhitzte sich eine rothaarige Nationalistin vor dem Frauentreffen in Sotterhausen. Nur im Schatten der Bäume, etwas ab von der Gruppe, wurde so Kritik laut. Ansonsten herrschte unisono Lob auf Partei und politische Führung. Der ebenfalls nach Sotterhausen gereiste Geschäftsführer der NPD im Schweriner Landtag, Peter Marx, der den Bundesvorstand vertrat, wollte von einer Benachteiligung rechter Frauen nichts hören. "Die NPD ist keine männliche Domäne". Er könne sich in Zukunft sogar "irgendwann" eine weibliche Parteivorsitzende vorstellen, sagt Marx. Denn immerhin gäbe es unter den Parteineuzugängen etwa 50 Prozent Frauenanteil, unter ihnen besonders viele junge Mütter. Und die sollen nicht vor den Kopf gestoßen werden. Wie hoch der exakte Frauenanteil in der NPD aber liegt, wird nur vage mitgeteilt. Drei Zahlanangaben kursieren: 15, 22 oder 27 Prozent.

Kandidatinnen sind eine Ausnahmeerscheinung

Nur selten besetzen Frauen allerdings verantwortungsvolle Führungspositionen. Von den 36 angetretenen Direktkandidaten der NPD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern war nur eine einzige Frau, Nancy Barth. Die 1970 geborene Floristin kandidierte aussichtslos in Nordwestmecklenburg. Von 18 gewonnenen NPD-Mandaten bei der Kommunalwahl im September in Niedersachsen gehen 17 an männliche Kandidaten. Einzig Elke Raabe aus Helmstedt wurde mit einem Amt bedacht. Auch unter den potentiellen Direktkandidaten zur Landtagswahl im Januar 2008 in Niedersachsen ist bisher eine einzige Frau. Die in der Szene prominente Liedermacherin Annett Müller, geborene Moeck aus Bad Lauterberg fand im hinteren Feld Erwähnung auf der NPD-Landesliste.

NPD-Aufmarsch in Quedlinburg im September 2007. Als Ordnerin (mit Armbinde) dabei die sachsen-anhaltinische NPD-Landeschefin Carola Holz.NPD-Aufmarsch in Quedlinburg im September 2007. Als Ordnerin (mit Armbinde) dabei die sachsen-anhaltinische NPD-Landeschefin Carola Holz. (© MOSA.)
Mit Carola Holz aus Sachsen-Anhalt rangiert zur Zeit auch nur noch eine einzige NPD-Funktionärin als Landesvorstands- vorsitzende. Die arbeitslose Bürokauffrau aus Bernburg, Jahrgang 1957, vertritt außerdem eine der fünf neuen RNF-Regionalgruppen in Sachsen-Anhalt. Kurze Zeit hatte es auch in Hamburg eine NPD-Chefin gegeben, Anja Zysk. Sie war nach nur kurzer Amtszeit Anfang Januar 2007 nach heftigen Turbulenzen zurückgetreten. Zysk, die die Parteiführung im November 2005 übernahm, hatte versucht, oftmals gewaltbereite Neonazis aus losen "Kameradschaften" in die Partei einzubinden. Die Zahl der Mitglieder wuchs tatsächlich auf rund 140. "Nachdem sich Zysk jedoch nicht von den "Freien Nationalisten" wie erhofft hatte steuern lassen", so berichtet die WELT, verlor sie ihre Machtbasis und wurde ersetzt. Durch einen Mann. Ihr Nachfolger wurde der rechtsextreme Anwalt Jürgen Rieger, der in der Partei auch als vergleichsweise vermögend gilt.

Von einer generellen politischen Emanzipation engagierter Neonazistinnen kann also keine Rede sein, allenfalls in kleinen Teilbereichen. Ihr Aufgabenfeld wird eher vilefältig im Hintergrund gesehen. Frauen und Mädchen unterstützten die braune Front - von der zweiten Reihe aus.

Davon will die Wortführerin des neugegründeten "Ring nationaler Frauen", Stella Palau jedoch nichts hören. "Es mag sein, dass es Leute gibt, die Probleme haben mit aktiven Frauen", räumt sie zunächst ein, "aber in der NPD hat keine von uns die Erfahrungen gemacht, dass wir von Männern an die Seite gedrückt werden". Im Gegenteil, sagt Palau, es sei doch ein allgemeines Parteienproblem, so seien, sagt sie aus ihrer Sicht, die "größten Chauvinisten eher in der CDU" zu finden.

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Autor: Andrea Röpke für bpb.de
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