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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Birk Meinhardt

Die ganz harten Weichspülerinnen

Rechtsradikale Frauen - Weiblich, smart und extrem

Es ist nicht nur das Weibliche, das den rechten Frauen, zunächst, zugute kommt. Da sind auch bestimmte Haltungen: Stella Palau, wie gesagt, geht im Bioladen einkaufen. Ihre Mitstreiterin Ricarda Riefling, die mit Mann und Kindern auf dem hügeligen Land in der Nähe von Hildesheim lebt, ernährt sich saisonbedingt; Erdbeeren jetzt und nie im Winter.

Männergesellschaft? NPD-Aufzug in Rostock 2006.Männergesellschaft? NPD-Aufzug in Rostock 2006. (© H.Kulick)
Oder eine andere Aktivistin, eine Westberlinerin, die sich für die Presse Sieglinde nennt: Sie habe, sagt sie, einen Werbejob gekündigt, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe, den Kunden Schrott aufzuschwatzen.

Und Palau hat ewig keinen Fernseher gehabt, weil da so viel Blut herausquillt, schon nachmittags. Und die Frau, die sich Sieglinde nennt, findet die Vereinzelung der Leute traurig, ihre fiebrige Fixierung aufs Geld, sie gerät in Rage bei diesen Themen, und was für Unterschiede zwischen Arm und Reich, ruft sie, die müssen verringert werden, wir wollen eine Entmachtung des Kapitals, mehr Einfluss des Staates...

Alles das könnte haargenau so auch von Linken stammen, von Leuten, die den Kapitalismus nicht als höchstes Stadium der Menschheitsgeschichte betrachten.

Aber dass die extreme Rechte so eine Kritik äußert, ist ja nur billige Taktik, heißt es. Und das stimmt nicht. Natürlich ist es auch Taktik. Man weiß heute in diesem Lager, wie man am besten punktet.

Doch die Frauen, das zeigen alle Gespräche mit ihnen, denken tatsächlich so. Für die Gesellschaft mag das bitter sein. Wer lässt sich schon gern von solchen Leuten den Spiegel vorhalten.

Und vielleicht rührt daher, genau daher auch die Angst der Kinderbetreuerinnen aus Hohen Neuendorf: Wie unangenehm, wie verwirrend, ja wie unheimlich, dass einige ihrer Auffassungen deckungsgleich sind mit denen einer Stella Palau.

Lesen Sie auf der nächsten Seite ein Interview mit Ricarda Riefling, die zu 6 Millionen ermordete Juden nichts sagen kann.

Ricarda Riefling ist jetzt 23. Als Kind war sie mit einem Türken befreundet. Ihr Vater, strammer Republikaner, wollte ihr das verbieten. Scheiß-Nazi, schrie sie ihn an, du Scheiß-Nazi.

"Heißt das, Sie hätten damals ebenso gut bei den Linken landen können?"

Sie überlegt, sie ist überrascht von dem Gedanken. "Ja", sagt sie dann. "Wenn es in meinem Ort welche gegeben hätte. Es gab aber nur ein paar Skins."

Sie hat noch das Gesicht einer Schülerin, glatt und ein wenig pausbäckig. Dazu eine glockenhelle Stimme. Indes, verheiratet ist sie mit Dieter Riefling, einem führenden Kopf der rechtsextremen Szene.

1998 bekam er zehn Monate Gefängnis, weil er einem Polizisten das Nasenbein gebrochen hatte. Sie selber ist immer radikaler geworden, ist mit "Freien Kameradschaften" unterwegs, den harten Neonazis, und hat kein Bedürfnis, der NPD beizutreten. "NPD, das ist ja schon was Demokratisches."

Es klingt jetzt verächtlich, wie sie spricht.

Gilden und Zinsknechtschaft

"Sie sind gegen Demokratie?"

"Natürlich. Da wird ja nur gestritten. Ich bin für eine Einheitspartei. Eine Linie. Alles geht von einem aus."

"Und was machen Sie mit denen, die gegen so eine Partei sind?"

"Tja". Entweder hat sie keine richtige Antwort, oder sie mag sie nicht sagen.

"Ihr Mann hat einmal gesagt: Wenn wir es geschafft haben, wirklich alle in der nationalen Opposition zu vereinigen, dann wird es wie einst einen Sternmarsch nach Berlin geben, und dann wird uns keiner dieser Hochverräter mehr entkommen. Dann wird jede Ausfallstraße gesperrt sein, Barrikaden werden stehen. - Ist das auch Ihre Meinung?"

"Ja. Wenn jemand uns schadet, muss er zur Verantwortung gezogen werden."

Und immer noch ihre helle Stimme und ihr Schülerinnengesicht. Jeden Abend, wenn die Kinder im Bett sind, beugt sie es über Materialien und lernt, meist bis Mitternacht, und sie lernt schon nicht mehr nur für sich, sondern auch, um andere zu schulen, zehn Frauen, mit denen sie, eine Art Regionalleiterin, sich alle drei Wochen trifft. Alle halbe Jahre erhält sie eine Broschüre, in der die zu behandelnden Themen stehen.

"Was nehmen Sie gerade durch?"

"Die Zinsknechtschaft."

Sie meint das kapitalistische System der Banken und Börsen. "Und was haben Sie davor durchgenommen?"

"Wir lernen alles, Sonnensystem, Osteinsatz des BDM, Gilden, Zünfte, Hildegard von Bingen." Und dann schulen sie jedesmal noch ihre Argumentationsfähigkeit, in spielerischer Form. Körbchen stehen auf dem Tisch. Da werfen sie kleine Zettel hinein, mit politischen Begriffen.

Nun würfelt jede Frau. Wer die höchste Zahl hat, darf einen Zettel ziehen, die niedrigste Zahl zwingt eine andere Frau zu einem kleinen Vortrag über den Begriff, der auf dem Zettel steht.

Sechs Millionen ermordete Juden: Absehbar, dass das bald auf einem von Ricarda Riefling beschrifteten Zettel stehen wird, denn bei den sechs Millionen Juden sieht sie im Interview gar nicht gut aus.

Auf die Frage, welches Thema ihr besonders am Herzen liege, hatte sie geantwortet: "Die Umerziehung. Unsere Großväter werden jetzt als Verbrecher bezeichnet. Als ob es nicht auch woanders Arbeitslager gegeben hätte."

"Arbeitslager?"

"Konzentrationslager dann eben. Wie in jedem anderen Land auch."

"Hören Sie: Ich wüsste nicht, in welchem anderen Land sechs Millionen Juden ermordet worden wären."

"Ich leide, ich leide"

Ricarda Riefling sticht ihre Kugelschreiberspitze wie eine kleine Lanze auf ein neben ihr liegendes weißes Blatt Papier, immer wieder, hilflos und aggressiv; in Ordnung, dass sie getroffen ist von dem scharfen Ton, es soll sie schmerzen.

Plötzlich unterbricht sie ihr Stakkato und sagt mit bemühter Beschwingtheit, "sehen Sie, wir lernen täglich dazu, wir werden das diskutieren in unserem Kreis, das mit den Juden und was wir darauf sagen".

So ähnlich ist es in jedem Gespräch mit ihnen. In ihren Materialien steht, dass alles gut wird mit Deutschland, wenn erst die Ausländer und die fremden Firmen aus dem Land gejagt und die Deutschen unter sich sind, das käuen sie wieder, aber immer stürzt schon ein erstes Nachfragen sie in Verlegenheit.

"Frau Sieglinde, wie soll das funktionieren, ein einzelner Staat, der sich vom globalen Markt abschottet, der jede Bindung nach außen kappt, das wäre doch eine Art Nationalstaat ältester Prägung."

"Sicher, der Nationalstaat ist das, was den Menschen glücklich macht."

"Woher wollen Sie das wissen?"

"Es liegt in der Natur begründet."

"Sie meinen, die Welt ist geschaffen worden, um immer kleinteilig zu sein?"

"Ja, es geht um Abgrenzung, jeder Garten braucht einen Zaun..."

Eine große Peinlichkeit

Sieglinde hat ihr Studium der Biochemie mit 1,0 beendet. Und doch ist ihr Reden über Konzepte, wie das ihrer Gefährtinnen, eine große Peinlichkeit für sie; die beiden verstummten Frauen aus dem Familienzentrum brauchten keine Bange zu haben vor irgendeiner Debatte.

Bernd Wagner, der Kenner der Szene, sagt es so: "Die Strategie der Rechten für die Zeit nach dem Tag X ist einfach armselig."

Den Tag X aber, den wollen jene rechten Frauen ebenso wie ihre Kameraden, vielleicht sogar noch stärker. Eine Unbedingtheit, die sich nicht gleich erschließt:

Einerseits verbergen sie sie, andererseits mag ein Mann sie instinktiv lieber nicht entdecken. Es braucht einige Zeit, an die zwei Stunden, ehe die Frau, die sich Sieglinde nennt, jede Zurückhaltung aufgibt, sich vorbeugt und ruft:

"Ich leide, ich leide jeden Tag um dieses Volk, denn ihr, die Masse, seid emotional verkümmert, wir sagen, ihr seid unglücklich, aber wir sagen euch auch, wie es geht, wir wollen euch einen neuen Staat schaffen, in dem ihr euch wieder geborgen fühlt, alle."

Sie versteht sich als Erlöserin, als Märtyrerin, kein Zweifel am Ende. Sie erhebt sich, ihr Fanatismus ist wieder unter Kontrolle, sie blickt einen noch einmal an und scheint etwas zu entdecken, einen bestimmten Ausdruck. Sie lächelt schief und sagt im Weggehn, "aber so schlimm bin ich doch gar nicht".

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Autor: Birk Meinhardt für bpb.de
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