Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.10.2007 | Von:
Gabi Elverich

Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen – eine besondere Zielgruppe?

Die Rolle von weiblichen Neonazis wird bislang unterschätzt.

Mitläuferinnen bei Neonazi-Demonstration in Berlin-Treptow 2006.Mitläuferinnen bei Neonazi-Demonstration in Berlin-Treptow 2006. (© H.Kulick)
Generell ist seit einigen Jahren eine zunehmende Selbstorganisation von Frauen im rechten Spektrum zu beobachten, die auf die Stärkung des politischen Engagements abzielt und sich auch in der Gründung eigenständiger Frauenorganisationen niederschlägt. Seit Ende der 1990er Jahre ist zeitweise ein regelrechter Boom von Frauengruppen zu verzeichnen, deren Lebensdauer und Bedeutung und in der rechten Szene jedoch sehr unterschiedlich ist. Auch die Aktivitäten und inhaltlichen Schwerpunkte der Frauenorganisationen sind vielfältig. (vgl. Bitzan 2002a, Döhring/Feldmann 2005). Als bedeutendere Gruppierung gilt seit einigen Jahren z.B. der "Mädelring Thüringen", der sich selbst als "Mädelkameradschaft" und Teil des 'Nationalen Widerstandes' bezeichnet und rechte Frauen u.a. motivieren und darin unterstützen will, sich politisch zu engagieren. Interessant ist im Hinblick auf das Frauenbild, dass hier besonders 'fortschrittliche' Positionen diskutiert werden. So findet sich auf der Homepage ein Leitartikel mit dem Titel ''Nationaler Feminismus – ein Paradoxon?'' (vgl. www.maedelring.tk).

Die bislang größte und aktivste rechtsextreme Frauenorganisation ist die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die durch eine neonazistische Ausrichtung gekennzeichnet ist und die Verbindung von Mutterschaft und politischem Engagement ins Zentrum ihrer Aktivitäten stellt(vgl. www.g-d-f.de). Die GDF, die 2001 als Nachfolgeorganisation des Skingirlfreundeskreis Deutschland (SFD) gegründet wurde, weist viele Verbindungen zu anderen Gruppierungen im rechten Spektrum, z.B. zur Heimattreuen deutschen Jugend (HdJ) auf, die sich in der Tradition der – seit 1994 verbotenen – Wiking Jugend der 'nationalen Erziehung' verschrieben hat und vor allem Kinder- und Jugendlager ausrichtet (vgl. www.heimattreue-jugend.de). Doppelmitgliedschaften gibt es auch mit dem Ring nationaler Frauen (RNF), der 2006 gegründeten Frauenorganisation der NPD.

Als parteiübergreifender 'Dachverband' für 'nationale Frauen' will der RNF Ansprechpartner für politisch interessierte Frauen sein und mögliche Hemmschwellen gegenüber der Partei abbauen helfen. Ziel ist es außerdem, Frauen zu politischem Engagement zu ermutigen und sie diesbezüglich gezielt zu schulen (vgl. www.ring-nationaler-frauen.de). Der RNF betreibt eine intensive Öffentlichkeitsarbeit nimmt Stellung zu aktuellen Themen, so z.B. zum Elterngeld.

Darüber hinaus versucht der RNF über die Gründung von Landesverbänden und Regionalgruppen insbesondere im kommunalpolitischen Bereich Einfluss zu nehmen. Ob es dem RNF langfristig gelingt, sich als eigenständige Parteiorganisation zu etablieren, bleibt abzuwarten. Fest steht schon jetzt, dass der RNF bei Frauen aus dem NPD-Spektrum auf Resonanz trifft und somit zu einer Imageverbesserung und Stabilisierung der Partei und ihres Umfeldes beiträgt. Abschließend ist festzuhalten, dass die hier gezeigte Vielfalt aktiver Frauen und lebbarer Frauenbilder zahlreiche Möglichkeiten für Frauen und Mädchen bietet, sich in der rechten Szene zu engagieren. Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen sind dabei häufig nicht nur Mitläuferinnen und "Freundin von", sie übernehmen vielmehr ganz unterschiedliche Funktionen und tragen damit wesentlich zur Veränderung der Außenwirkung und Modernisierung der rechten Szene bei. Auch wenn sich Frauen zum Teil stärker im Hintergrund betätigen, haben sie damit eine stabilisierende Wirkung und sind dabei vor allem nicht weniger rassistisch und fremdenfeindlich. Im Gegenteil ist ihr politisches Engagement – egal in welcher Form – von der übergeordneten Idee getragen, an der Seite der Männer für die "nationale Volksgemeinschaft" zu kämpfen.

Konsequenzen für die Entwicklung von Gegenstrategien

Ausgehend von dieser Bestandsaufnahme geht es nun um die Frage, welche Bedeutung die hier gezeigte Einbindung von Frauen in der extremen Rechten für die Entwicklung von Gegenstrategien hat. Ein zentrales Problem besteht darin, dass rechte Frauen in Medien, Forschung, politischer und pädagogischer Praxis häufig aus dem Blickfeld geraten. Da die Voraussetzung für adäquates Handeln im Umgang mit Rechtsextremismus in einer entsprechenden Problemwahrnehmung liegt, besteht ein erster Schritt für einen geschlechtsbewussten Umgang in der Sensibilisierung und Schärfung der Wahrnehmung für die Aktivitäten und das Selbstbewusstsein rechtsextrem orientierter Mädchen und Frauen (vgl. Elverich/Köttig 2007; Köttig 2006).

Wahrnehmungsproblem: ''Frauen sind friedfertig''

Im Hinblick auf rechtsextrem motivierte Gewalt von Frauen haben wir es mit einer doppelten Unsichtbarkeit zu tun: Häufig wird nicht nur der politische Hintergrund von Gewalttaten ausgeblendet, sondern auch die Tatsache, dass sich Frauen aktiv und indirekt an der Ausübung rechter Gewalt beteiligen.

Wahrnehmungsproblem: ''Frauen sind unpolitisch''

Frauen werden als politische Akteurinnen häufig weniger wahr- und vor allem ernst genommen, ihre Art des politischen Engagements, dass sich stärker auf den sozialen Nahbereich bezieht, wird nicht als genuin politisch angesehen (vgl. Meyer 1991). Auch bezüglich der rechten Szene wird die Bedeutung "weicher" Politikformen tendenziell unterschätzt, vor allem im Hinblick auf die Einbindung und Mobilisierung von Frauen.

Wahrnehmungsproblem: "Rechtsextremismus bei Mädchen ist eine 'Phase'"

Die fälschliche Annahme, die Affinität von Mädchen zum Rechtsextremismus ist ein vorübergehendes Phänomen im Sinne einer jugendlichen Lebensphase hat verschiedene Facetten. Zum einen verweisen Forschungsergebnisse von Michaela Köttig darauf, dass das "Zur-Schau-Tragen" von rechten Symbolen und der offensive Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern oftmals Kennzeichen des Übergangs in die rechtsextreme Szene ist. Das Nachlassen von Provokationen und ein weniger eindeutiges Erscheinungsbild ist deshalb häufig kein Zeichen von Abkehr, sondern vielmehr von Festigung und stärkerer Szene-Anbindung (vgl. Köttig 2004: 353f). Hinzu kommt, dass junge Mädchen in der extremen Rechten immer frühzeitiger geschult und gezielt an die Szene angebunden werden, damit sie nicht in der Familiengründungsphase zum "Ausstiegsgrund" für Männer werden. Ferner werden zunehmend Angebote für Familien gemacht (Kinderfeste, Kinderbetreuung bei Veranstaltungen etc.), damit das politische Engagement mit dem Familienleben vereinbart und langfristig aufrechterhalten werden kann.

Wahrnehmungsproblem: "Frauen sind weniger sichtbar und weniger 'gefährlich'"

Auch die politischen Tätigkeiten von Frauen in der extremen Rechten, die z.T. weniger spektakulär und stärker sozial orientiert sind, stärken den Zusammenhalt und stabilisieren die Szene im Sinne einer generationenübergreifenden Fürsorge "treusorgender Mütter" als "Retterinnen des weißen deutschen Volkes." Darüber hinaus befördern diejenigen Frauen, die öffentlich präsent und aktiv sind, eine akzeptablere Außenwirkung und damit auch die Anschlussfähigkeit an die bürgerliche Mitte. Damit ist die geringere Gewaltbereitschaft und das 'sanftere' Auftreten von Frauen nicht weniger bedenklich, sondern u.U. sogar gefährlicher im Hinblick auf die Durchsetzung rechtsextremer Deutungsmuster.

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Autor: Gabi Elverich für bpb.de
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