Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

15.10.2007 | Von:
Gabi Elverich

Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen – eine besondere Zielgruppe?

Die Rolle von weiblichen Neonazis wird bislang unterschätzt.

Folgerungen: Mädchen und Frauen als besondere Zielgruppe?

Abschließend komme ich zu der Frage inwiefern Mädchen und Frauen eine besondere Zielgruppe für pädagogische Maßnahmen gegen Rechtsextremismus darstellen. Zunächst ist festzuhalten, dass Jugendliche – genau so wenig wie Erwachsene – unabhängig vom Geschlecht kaum mehr von pädagogischen Interventionen zu erreichen sind, sobald sie fest in der Szene verankert sind und über ein ideologisch gefestigtes Weltbild verfügen (vgl. Scherr 2001). Hier liegen vielversprechende pädagogische Ansätze vor allem in der Einzellfallarbeit und – soweit die Bereitschaft der Betreffenden vorhanden ist – in der Begleitung längerfristiger Ausstiegsprozesse (vgl. Köttig 2002 und 2004: 372f.), wobei eine professionelle Ausstiegshilfe die Kooperation von Expert/innen, Eltern, Sozialer Arbeit und Schule umfassen sollte (vgl. Bölting 2003).

Oft sind es Beziehungen, die Frauen in die rechtsextreme Szene hinein binden. Neonazikonzertbesucher in Jena 2007.Oft sind es Beziehungen, die Frauen in die rechtsextreme Szene hinein binden. Neonazikonzertbesucher in Jena 2007. (© H.Kulick)
In Anbetracht eines provokanten und offensiven Auftretens ist auch zu bedenken, dass Jugendliche u.U. schon als gefestigte Rechtsextreme wahrgenommen werden, wenn sie in einer Phase des Ausprobierens und der Festigung (s.o.) durchaus noch ambivalent und ansprechbar sind – vorausgesetzt es findet eine ernsthafte persönliche und inhaltliche Auseinandersetzung statt. Angesichts der oben genannten Wahrnehmungsprobleme ist auch bei diesem prinzipiell geschlechtsübergreifenden Aspekt zu berücksichtigen, dass bei den betreffenden Professionellen eine Sensibilisierung für rechtsextreme Ausdrucks- und Erscheinungsformen bei Mädchen vorhanden sein muss, um frühzeitig intervenieren zu können.

Wer die Frage nach einem geschlechtbewussten Umgang mit Rechtsextremismus stellt, stößt in der Fachdebatte immer wieder auf die Forderung nach geschlechtsspezifischen Zugängen (vgl. Pingel/Rieker 2002, Möller 2004). Die Tatsache, dass in der pädagogischen Diskussion vor allem eine verstärkte Jungenarbeit als Ansatzpunkt für Gegenstrategien genannt wird, hängt sicherlich auch mit der vorherrschenden Wahrnehmung von Rechtsextremismus als "Jungenphänomen" zusammen (vgl. z.B. Schubarth 004: 187). Jungenarbeit, die auf eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeitsvorstellungen und Gewalt im Zuge von Identitätsbildungsprozessen abzielt, soll mit der Entwicklung von "Alternativen für Selbstwert-, Zugehörigkeits-, Teilhabe- und Anerkennungsgewinn" (Möller 2004: 14) der Übersteigerung traditioneller Männerbilder, wie sie im Rechtsextremismus vorkommen, etwas entgegen setzen. Neben einer "spezifischen Jungenarbeit" wird auch eine "entsprechende Mädchenarbeit" (Schubarth 2004: 187) gefordert, ohne dies jedoch näher auszuführen.

Generell hat Mädchenarbeit sicherlich das Potenzial, spannende Angebote zu machen, die Alternativen zu rechten Erlebniswelten bieten können. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass mit der alleinigen Zielsetzung, das Selbstbewusstsein von Mädchen zu stärken und diese zu eigenständigem Engagement zu ermutigen, auch rechte Mädchen erreicht und in ihren politischen Aktivitäten bestärkt werden können, so dass damit u.U. das Gegenteil von dem bewirkt wird, was sie in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen bezwecken sollte. Um dieses zu vermeiden, ist die übergeordnete Menschenrechtsorientierung parteilicher Mädchenarbeit unerlässlich. Unter diesem Dach kann es u.a. sinnvoll sein, z.B. gezielt mit nicht-rechten Mädchen zu arbeiten und Angebote zu machen, die im Hinblick auf die Stärkung demokratisch orientierter Gegenkräfte eine explizite Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus beinhalten und auf die Entwicklung von Gegenstrategien abzielen.

Generell müssen sich pädagogische Angebote und Maßnahmen – unabhängig davon, ob sie geschlechtsspezifisch oder geschlechtsübergreifend arbeiten – der Anforderung stellen, eine konsequente antirassistische und antidiskriminierende Perspektive einzunehmen, wenn sie einen adäquaten Beitrag zur Bekämpfung von Rechtsextremismus leisten sollen (Hormel/Scherr 2004). Die oben skizzierte Spannbreite ideologischer Positionen zum Geschlechterverhältnis und die Vielfalt und Widersprüchlichkeit gelebter Frauen- und Geschlechterbilder in der rechten Szene zeigen, dass die Verschränkung von Rassismus und Sexismus nicht automatisch gegeben ist (vgl. Bitzan 2005, Elverich 2005). Folglich sollten sich auch pädagogische Gegenstrategien auf den Kernpunkt des Rechtsextremismus, den rassistischen Konsens der ethnisch definierten "Nationalen Volksgemeinschaft" konzentrieren und dabei der Tatsache Rechnung tragen, dass Frauen und Mädchen unter diesem ideologischen Dach genauso radikal denken und vehement agieren wie ihre männlichen 'Kameraden'.

Literatur

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