Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Monika Lazar

Folgerungen für die Politik: Frauen im rechtsextremen Spektrum

Die Politik muss Antworten darauf finden, dass Frauen sich von rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Gedankeninhalten angesprochen fühlen. Thesen von Monika Lazar.

Rechte Zuhörerin bei einer NPD-Veranstaltung in Berlin 2006.Rechte Zuhörerin bei einer NPD-Veranstaltung in Berlin 2006. (© H.Kulick)
Rechtsextremismus wird meist mit gewalttätigen Männern in Verbindung gebracht. Doch die scheinbar männerdominierte Szene verfügt über einen nicht zu unterschätzenden, wachsenden Anteil an weiblichen Mitgliedern. Die Gewaltbereitschaft ist bei den Kameradinnen nicht so hoch wie bei den Männern, allerdings fallen sie stark durch Propagandadelikte auf und agieren im Hintergrund.

Was häufig verkannt bleibt: Frauen sind für rechtsextreme Einstellungen nicht weniger anfällig als Männer. Ich halte einen Dialog darüber für notwendig. Dieser Beitrag soll zu einer solchen Debatte anregen. Die Politik muss Antworten darauf finden, dass Frauen sich von rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Gedankeninhalten angesprochen fühlen. Im Folgenden werden deshalb aktuelle Entwicklungen im rechtsextremen Spektrum geschlechterspezifisch beschrieben.


Das rechtsextreme Frauenbild

Im ihrem Parteiprogramm von 2005 befürwortet die NPD zwar eine Frauenpolitik, die den "Frauen und Mädchen volle Gleichberechtigung einräumt", doch sollte die Frau nicht "aus finanziellen Gründen außerhäuslich arbeiten müssen, da der Beruf in der Familie sie voll auslastet".(1). Das rückwärtsgewandte Frauenbild wurde insbesondere durch die Formulierungen von NPD-Spitzenkandidat Pastörs nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern deutlich, der ausführte, seine Frau habe ihn so hervorragend bekocht, seine Wäsche gewaschen und ihm geholfen, die Kraft aufzubringen, dass er diesen Wahlkampf überstehen konnte. Später sagt er noch, es seien diese "stillen, treuen, schaffenden Frauen", die der NPD so gut täten.(2) In der Praxis der Kameradschaftskreise zeigt sich oft, dass Frauen, obwohl sie dafür kämpfen, nicht als gleichrangig akzeptiert werden. Berichten von Aussteigerinnen zufolge werden Frauen bei Sauforgien unter den Kameraden regelrecht "weitergereicht". Ein Teil der Frauen passt sich auch den Männern und deren Aggressionen an. (3)

Auf der anderen Seite wehrt sich ein Großteil rechtsradikaler Anhängerinnen gegen eine untergeordnete Rolle. Eva Braun, die stille Frau an Hitlers Seite, ist für viele junge Frauen in der Nazi-Szene längst kein Vorbild mehr. Sie wollen nicht "nur Freundin eines Neonazis sein", sondern selbst als aktive Kämpferin gesehen werden. So klagt beispielsweise eine Aktivistin der Mädelschar Deutschland in der Postille Feuer und Sturm, dass es um das Frauenbild in der Bewegung nicht gerade gut bestellt sei. Weiter schreibt sie, die rechte Szene sei eine reine Männerdomäne, in der sich Frauen nur schwer behaupten könnten.(4)

Das Auftreten rechtsextremer Frauen ist sehr unterschiedlich. In der NPD treten Frauen tendenziell eher traditionell, in einer Frauenrolle der Mutter, in der freien Kameradschaftsszene eher modern und auch emanzipierter auf. Eine allgemeine Regel lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Der rechtsextreme Frauenanteil

Rechtsextreme Demonstrantinnen einer freien Kameradschaft in Arnstadt 2006.Rechtsextreme Demonstrantinnen einer freien Kameradschaft in Arnstadt 2006. (© H.Kulick)
Wissenschaftlich belastbare, nachprüfbare Zahlen über die qualitative und quantitative Partizipation von Frauen in der rechtsextremen Szene existieren kaum. Geschlechtsspezifische Analysen gehören bisher nicht zu den Prioritäten der Rechtsextremismus-Forschung. Sofern vorhanden, handelt es sich um Schätzungen, die deutlich voneinander abweichen. Der Vergleich verschiedener Messungen ergibt einen Frauenanteil zwischen 10 und 20 Prozent. Die NPD verfügt beispielsweise auf ihren Funktionärsebenen (Landes- und Bundesvorstand) über einen Frauenanteil von knapp neun Prozent (5). Der Verfassungsschutz schätzt den Anteil der Frauen in der Kameradschaftsszene auf 10 Prozent. In Bayern ist er auf 16 Prozent gestiegen, in Niedersachsen geht man von 20 und in Thüringen von fast 30 Prozent aus.(6) Frauen betätigen sich überwiegend auf der Organisationsebene im Hintergrund, führen beispielsweise die Kassen, verwalten Adressen und verschicken Propagandamaterial. Zu den eigentlichen Führungskadern der "Freien Kameradschaften" gehören nur sehr wenige Frauen.

Frauen sind ebenso wie Männer in verschiedenen Bereichen des Rechtsextremismus aktiv. Neuere Forschungsergebnisse weisen einen Anteil von Mädchen und Frauen an rechtsextrem bzw. fremdenfeindlich motivierten Straf- und Gewalttaten von 5 bis 10 Prozent aus. Rassistische und rechtsextreme Einstellungen gibt es laut Analyse des "Thüringen Monitors" bei 28 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer.(7)

Bei Propagandadelikten sind Frauen anteilsmäßig öfter an Volksverhetzungen beteiligt als Männer. Es wird vermutet, dass die WählerInnenschaft rechtsextremer Parteien sich durchschnittlich zu einem Drittel aus Frauen und zwei Dritteln aus Männern zusammensetzt (8). In manchen Regionen stellen sie sogar die Hälfte aller WählerInnen.

Durch das wachsende Engagement von Frauen im rechtsextremen Milieu verankern sich auch rechte Männer stärker in der Szene, und es kommt zur Gründung von "nationalen Familien". Während früher Familiengründung bei Männern häufig die Bereitschaft zum Ausstieg verstärkt hat, werden sie heute zunehmend durch Bindung an rechte Frauen fester in der Szene gehalten. Das bedeutet, dass Frauen aktiv zur Verfestigung und zum Ausbau von Neonazi-Strukturen beitragen.

Organisationsgrad von Frauen in der rechtsextremen Szene

Seit Ende der 90er Jahre steigt die Zahl rechtsextremer Frauengruppen. Meist gründen sich so genannte "Mädelgruppen" als Sektion oder Arbeitsgruppe regionaler Kameradschaften. Selbstständig organisierte Frauengruppen sind die Ausnahme. 1999 wurde von "Nationalen Aktivistinnen" die Mädelschar Deutschland gegründet, die sich allerdings später in den etwas bescheideneren Arbeitskreis Mädelschar umbenannte. Die Website des Arbeitskreis Mädelschar ist auch nur über die Website des Widerstand Nord zu erreichen.

Das bekannteste Frauenmagazin in der rechtsextremen Szene ist die "Triskele" (die Triskele ist ein heidnisches Symbol und ähnelt in eckiger Form einem dreiarmigen Hakenkreuz). Es erscheint seit 2000 vierteljährlich als Hochglanz-Heft und wurde früher über den ehemaligen Skingirl-Freundeskreis Deutschland, heute über ein Postfach in Essen, vertrieben.

Zwischen den Frauen in Ost und West gibt es auch kleine Unterschiede. So werden Frauen in Westdeutschland eher in einer rechtsextremen Szene aktiv, in der ein traditionelles Frauenbild vorherrscht, wohingegen die Frauen in den neuen Bundesländern auch den Anspruch haben, politischen Einfluss (u.a. in der NPD) zu gewinnen. Ostdeutsche Frauen sind auch viel stärker durch einen Anti-Globalisierungskurs geprägt. Als Ursache hierfür wird die stärkere Emanzipation der Frauen im Osten genannt.(9)

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Autor: Monika Lazar für bpb.de
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