Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Zusammengestellt von Holger Kulick

Aussteigerinnen

Der Bruch mit der männerdominierten Neonazisszene ist kein einfacher Weg

Der Einstieg von Mädchen in die rechtsextreme Szene beginnt oft mit 12, 13 oder 14 Jahren. Wieder aus der Szene herauszukommen, ist keineswegs einfach. Tanja P. gelang das erst nach 20 Jahren als sie 35 war. Seitdem wird sie verfolgt.

Fall 1.: Stefanie T.*, 15 (Name geändert)

Extremes Nachwuchspotenzial. Bei einer Neonazidemonstration im brandenburgischen Halbe 2005.Extremes Nachwuchspotenzial. Bei einer Neonazidemonstration im brandenburgischen Halbe 2005. (© H.Kulick)

"Ich krieg dich du Sau du hast unsere Gruppe verraden!" Solch eine Mail landete im Sommer 2005 in der Mailbox der Redaktion www.mut-gegen-rechte-gewalt.de. Der Satz war ein Zitat aus einer SMS, die ein 15-jähriges Mädchen aus dem Raum Leipzig erhalten hatte. Mit 12 war sie in eine Clique geraten, die sich durchweg rechtsextrem gab, Musik, Kleidung, Denken und Handeln war alles auf die Gruppe abgestellt, die sich regelmäßig rund um den Leipziger Hauptbahnhof traf.

Die Altersspanne reichte von 12 bis etwa 30. Die Mail hatte einen tiefen Grund. Die 15-jährige wollte aussteigen, nachdem sie von einem der Mitglieder der Gruppe schwanger geworden war, als Minderjährige fühlte sie sich jetzt überfordert. Via Internet suchte sie nun Hilfe und war auf die MUT-Website gestoßen. Zögerlich gab sie ihre wechselnden Telefonnummern preis, dreimal verabredeten wir uns im Süden Leipzigs.

Sie zeigte ihre CDs und Klamotten, sogar ein selbstaufgesticktes Hakenkreuz war auf einem Shirt. Und sie schilderte ihren Leidensweg. Die Mutter hatte sie mit 12 verloren, der Vater, mit dem sie jetzt die Wohnung teilte, ein Ex-DDR-Polizist und Fernfahrer, hatte nie ein Verhältnis zu seiner Tochter entwickelt. Sie selbst schwänzte notorisch die Schule und ignorierte Mitarbeiter des Jugendamts, trat auch zweimal soziale Jugendstrafen nicht an. Autoritäten galten für sie nicht, nur die Gruppe zählte, in der sie offensichtlich mit mehreren ein Verhältnis unterhielt und mit ihrer kindlichen Neugier regelrecht ausgenutzt wurde. Alles klang nach Abenteuermärchen, aber um so intensiver man all das abklopfte, desto mehr kristallisierte sich als wahr heraus.

Sie schwärmte von den 'lustigen' Aufmärschen, die der Hamburger Neonaziführer Christian Worch regelmäßig in Leipzig veranstaltete, "so viel Polizei und Aufriss nur wegen uns!". Das sei anfangs Abenteuer und Abwechslung zugleich gewesen, auf die Dauer aber "langweilig". Ihr Gruppe hatte sich auch keinen Namen gegeben und war nicht als Kameradschaft aktiv, es war einfach nur eine feste rechtsextrem geprägte Clique mit festen Vorstellungen wer welcher Hautfarbe in diese Gesellschaft gehöre und wer nicht.

Wenn es drauf ankam, hatte sie in ihrer Clique auch mitgeprügelt. Ausländer vor allem, aber auch schon mal "eine, die auch aussteigen wollte". Deshalb wüsste sie, was ihr jetzt droht: "Schicksal eben". Doch als sie nun selbst per SMS zu einer solchen 'Aussprache' in die Nähe eines Leipziger Einkaufszentrums vorgeladen wurde, fürchtete sie das doch und bat um Rat.

Wir haben zunächst den Kopf geschüttelt und zurückgefragt: "Wie kommt es, dass Du Dir weder von Deinem Vater noch Lehrern noch Sozialarbeitern etwas sagen lässt, aber so von Deiner Gruppe?". Irgendwie leuchtete ihr das ein. Sie ging nicht hin. Stattdessen setzte sie unerwartet für alle selber die Akzente. Erst zwei Tage später ging sie unvermittelt zum ganz normalen Treffpunkt der Clique am Hauptbahnhof – ihr Anführer war derart perplex, dass ihm die Worte fehlten. Als am späten Abend ein Italiener angegangen werden sollte, ging sie sogar dazwischen. Mit einem Mal hatte die Clique vor ihr Respekt. Zumindest berichtete sie das so.

Treffpunkt Leipziger Hauptbahnhof.Treffpunkt Leipziger Hauptbahnhof. (© H.Kulick)
Ab dann ging sie eine Weile gar nicht mehr hin, freundete sich stattdessen mit Punks aus ihrem Wohnviertel an und wechselte, zumindest zeitweise sogar die Clique, die ihr bot, was sie suchte: Akzeptanz und Geborgenheit. "Die sind ja auch okay" bemerkte sie. Auch ihre Handynummer wechselte sie mindestens dreimal. Aber noch eine ganze Weile schwankte sie zwischen den Lagern, denn die alten Bindungen überwogen den Groll. Zeitweise bändelte sie auch wieder mit einem deutlich älteren, rechten Skin aus ihrer alten Clique an, der bereits Familienvater war. Eine Leipziger Sozialberaterin, die wir ihr mit Hilfe der Aussteigerorganisation EXIT besorgten, lehnte sie wiederum ab "zu alt, die kann ja meine Omi sein" - obwohl die hilfsbereite Frau kaum älter als 40 war.

Stattdessen versprach sie, einen nachzuholenden Jugendarrest anzutreten, weil sie ihre Sozialdienste verweigert hatte - als wäre es ein Rettungsanker zum Abkapseln. Von zu Hause haute sie wenig später ab, dies wiederum aus Angst vor ihrem Vater, dem sie ihre Schwangerschaft verheimlicht hatte: "Der prügelt mich tot". Sie hatte vor, in eine kleinere Nachbarstadt zu ziehen, zu gutmütigeren Verwandten. Ihr Kind wolle sie auf jeden Fall. Einmal meldete sie sich noch telefonisch, das Gespräch brach aber nach kurzer Zeit ab. Nachfragen konnten wir bislang nicht mehr, ihre alten Telefonnummern und ihr email-Account sind abgestellt. Und ihr Vater sagt am Telefon, er wisse tatsächlich nicht, wo sie ist.

20 Jahre älter - zum nächsten Fall, Tanja P.:

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