Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Das Martinshorn

Nazis im Netz. Eine Schüler-Recherche.

Wie sich rechtsextremes Gedankengut fast ungestört auf Flirtplattformen verbreiten kann

Längst haben Neonazis eigene Flirtlines eingerichtet oder bieten sich mit eindeutigen Codes auf etablierten Kontaktbörsen an. Zwei Schülerinnen aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt haben für ihre Schülerzeitung eine regionale Flirtline unter die Lupe genommen.

Titelbild der Reportage in der Halberstädter Schülerzeitung 'Das Martinshorn'.Titelbild der Reportage in der Halberstädter Schülerzeitung "Das Martinshorn".

Das Internet: Seit 1990 ist es für alle Menschen zugänglich. Bis heute hat es sich zu einer der größten und, wie es scheint, unabkömmlichsten Erfindungen unseres Zeitalters entwickelt. Mit seinen geradezu unendlichen Möglichkeiten sollte es doch wunderbar geeignet sein, um die Entwicklung der Demokratie voran zu bringen. Jeder kann dort seine Meinung kund tun und jeder kann gehört werden. Doch ist das Internet wirklich so demokratisch, wie wir meinen? Hält sich eine weltweit genutzte und verbreitete Plattform an die Rechte des Menschen? Funktionieren die Kontrollmechanismen der Demokratie?

Spontan sagen wir 'ja', doch wir wollen die Probe auf's Exempel machen.Testobjekt: www.harzflirt.de. Wie gemeinhin bekannt, ist diese Internetseite wie viele andere auch ein Treff für die virtuelle Partner- und Freundessuche. Nett, harmlos, unverfänglich, ein bisschen oberflächlich, wie solche Communities halt sind. Wir wählen gerade diese Plattform aus, weil harzflirt in unserer Gegend eine äußerst beliebte und somit weithin bekannte Community ist. Aber auch, weil wir kurz nach dem Überfall auf Mitglieder des Theaterensembles im virtuellen Gästebuch des Nordharzer Städtebundtheaters auf rechte Profile bei harzflirt.de aufmerksam wurden. Nur ein Zufall, ein Einzelfall, der in wenigen Tagen wieder gelöscht sein würde? Wir recherchierten genauer, und was wir feststellten, schockierte uns doch einigermaßen.


Hat man sich bei harzflirt.de eingeloggt, besteht die Möglichkeit, in den Profilen der anderen Mitglieder nach Eigenschaften und Merkmalen zu suchen, die man für sich als interessant ansehen würde, um so den idealen (Gesprächs-)Partner für die Internetplauderei zu finden. Gibt man aber in die Suchmaske von harzflirt.de Begriffe wie 'national' oder 'Odin' ein, trifft man auf viele Profile, die augenscheinlich rechtsgerichtet sind und dies auch ganz offen zeigen - manche mehr, manche weniger.

Beispiele gefällig? Da wäre zunächst "PitBull-H8". Der 17-jährige Halberstädter benutzt als Dekoration häufig die Abkürzung "SS", er grüßt ganz lieb seine "Kameraaaaaaaden aus Magdeburg :))" und hat große Bilder von Totenköpfen, einem durchgestrichenen Polizisten und der Abkürzung ACAB (All Cops Are Bastards) auf seinem Profil. Am Schluss findet man noch einen sich bewegenden Mittelfinger, der den Betrachter anlächelt, und die Fahne des Deutschen Reiches.

Harzflirt steht nicht alleine. Diese politisch recht eindeutig zuzuordnende Kontaktanzeige fand sich bei bei einem anderen Internet-Betreiber.Harzflirt steht nicht alleine. Diese politisch recht eindeutig zuzuordnende Kontaktanzeige fand sich bei bei einem anderen Internet-Betreiber. (© H.Kulick)
Oder aber "EinsamerWolf". Hier springt uns sofort das große Banner "Punks not dead – aber wir arbeiten dran" entgegen, denn: "Dieses Profil ist frei nach dem Motto: GEGEN NAZIS ist KEIN Kampf zu gewinnen." Da hat jemand im Geschichtsunterricht wohl nicht aufgepasst. Schaut man in "EinsamerWolf"s Gästebuch, bietet sich einem ein Anblick, der teilweise nur schwer zu verkraften ist: "Good night left side" , "Ich scheiß auf Zecken", "Fuck of Antifa" und natürlich auch genug ausdrucksstarke Bilder wie das Wegwerfen eines Judensterns in einen Mülleimer, gepostet von "PitBull-H8".

"SNPBoss", ein 16-jähriger Halberstädter, erfreut sich ebenfalls an seinem stark rechten Profil. Ein Gedicht, welches schlichtweg abscheulich ist, endet mit dem Satz "Deutsche macht euch frei von der Judentyrannei!". Symbole wie die Triskele (3-armiges Hakenkreuz – siehe dazu unseren Beitrag ab Seite 10 in diesem Heft), ein gehenkter Mensch mit dem Namen "Zecke" und ein 19 Seiten langer Text über Ruhm und Ehre, die Waffen-SS und das Vaterland Deutschland zeigen nur zu deutlich, welche ideologische Einstellung dieser Jugendliche besitzt. Sein Profil endet mit einer großen 88, aus 8-en geschrieben (auch dazu findet ihr mehr ab Seite 10).

"Heil Euch" - offener rechtsextrem geht es nicht, in diesem Fall richtet sich eine Kontaktanzeige an "Kameraden" im Raum Berlin und Brandenburg..."Heil Euch" - offener rechtsextrem geht es nicht, in diesem Fall richtet sich eine Kontaktanzeige an "Kameraden" im Raum Berlin und Brandenburg...
Die Gästebücher der genannten Profile bergen viele weitere Rechts-Harzflirter, die sich verewigt haben. Im Gästebuch von "*HKL*" ist ein Eintrag von "BennyK18" zu finden: er hebt sein Ideal über alles und verwendet ein Hakenkreuz und die Doppel-Sig-Rune: Beide Symbole sind eindeutig strafbar. In fast jedem rechten Gästebuch lassen sich außerdem unzählige Türkenwitze finden, die geschmacklos und menschenverachtend sind. Wörter wie 'Gay' werden weg geschmissen, rechte Symbole springen einem übergroß ins Auge und Sprüche wie "I hate Nigger" sind ständig zugegen.

Insgesamt wurden für diesen Artikel 16 Profile als Grundlage genommen. Ein wenig Statistik: Das Durchschnittsalter der Profilbesitzer beträgt 20,5 Jahre. Der jüngste ist 16; der Älteste 26. Ganze neun sind aus Wernigerode, was sicher dem Fakt geschuldet ist, dass sich hier eine Freundesgruppe "eingenistet" hat. Zwei Rechte sind aus Halberstadt und jeweils einer aus Nordhausen, Hettstedt, Hattorf, Blankenburg und Quedlinburg. Nur sieben von ihnen haben ein Bild, die anderen neun vielleicht Angst "Gesicht zu zeigen"?

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Schülerumfrage:

Würdest Du aus einer Community austreten, wenn Du wüsstest, dass sie rechtes Gedankengut unterstützt und toleriert?

Lisa, 11c: Ja, weil ich Rechtsorientierung nicht unterstütze und ich denke, dass dem Problem vorgebeugt werden muss, anstelle es zu unterstützen. Kürzlich, nachdem ich aus den USA zurückkehrte, wurde ich von Freunden gewarnt, nicht mehr alleine im Dunkeln nach Hause zu gehen. Deshalb, denke ich, müssen wir gegen Rechtsextremismus vorgehen.

Andrea, 11b: Nein, da ich mit den Rechten nichts zu tun hab‘. Zu ihnen habe ich keinen Kontakt.

Robert, 12a: Ja, weil man Nazis keine Chance geben sollte ihr Gedankengut im Internet zu verbreiten.

Tina, 11b: Nein, aber ich würde auf meinem Profil Texte gegen Rechts publizieren.

Daniel, 12e: Ja, weil es nicht sein kann, dass solche Seiten das rechte Gedankengut verbreiten und dass Mitmenschen, wie zum Beispiel Kinder, davon beeinflusst werden können. So etwas darf nicht toleriert werden.

Sabine und Tom, 12e: Ja, da es gegen unsere Prinzipien der Gleichberechtigung, Freiheit und Gemeinschaft geht. Menschenverachtende Äußerungen unterstützen wir nicht.

Lisa, 12a: Ja, weil ich gegen Rechtsradikalismus bin und weil das Tolerieren von extremem politischem Gedankengut wie Beihilfe zur Verbreitung ist.

Anna, 11b: Ja, weil mir solche Communities nicht wichtiger sind als meine Meinung, die ganz klar gegen Rechts ist.


Diese Profile sind nur Beispiele für die nicht wenigen vorhandenen Präsentationen von Nazis auf harzflirt.de und im Internet. Die Kette ließe sich noch weiter fortsetzen. Das Internet, ein Katalysator für die Entwicklung der Demokratie? Offensichtlich besitzt dieses neue Medium auch noch eine ganz andere, sehr dunkle und bedrohliche Seite. Aber nun wollten wir doch wissen, ob man nichts gegen solches Treiben tun könne? Hat der Betreiber der Website etwa gar keine Kenntnis von dieser Art Meinungsäußerung oder drückt er einfach beide Augen zu?


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Autor: Das Martinshorn für bpb.de
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