Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Ein Interview mit Mo Asumang

Roots Germania

Ein Frauendebutfilm über rechtsextreme Ideologie und Mystik

''Die Kugel ist für Dich, Mo Asumang'' – mit dieser Textzeile rief die Neonaziband ''White Aryan Rebels'' in einem Hetzsong zum Mord an der Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Mo Asumang auf. Der Schock inspirierte die Journalistin zu einer filmischen Spurensuche, die das ZDF am 5. November 2007 in der Reihe 'Das kleine Fernsehspiel' zeigte.

Fimemacherin Mo Asumang.Fimemacherin Mo Asumang. (© H.Kulick)

"Roots Germania" – heißt ihr Debutfilm, der im ZDF am 5.11. Premiere hatte. Wie kam es zu diesem Film und diesem Titel?

Der Anlass war das Lied der Neonaziband White Aryan Rebels, das vor rund sechs Jahren veröffentlicht wurde: 'Noten des Hasses'. Textzeilen darin lauten "Völkerbrei wirds hier nicht geben. IHR MÜßT STERBEN UND WIR LEBEN!!!" und dann werden eine ganze Reihe Namen genannt, denen der Tod gewünscht wird: Rita Süßmuth, Michel Friedman, Alfred Biolek, Stefan Heym, Hella von Sinnen sind darunter und einige mehr. Und dann heißt es auch: ''Die Kugel ist für Dich, Mo Asumang''. Das trifft natürlich. Aber ich wollte mich nicht verkriechen. Dieser Film ist meine Antwort.

Gewissermaßen ein Film als Schocktheraphie?

Eiskalt erwischt hat mich das damals natürlich schon. Aber ich war schockiert nicht aus Angst vor dieser Band. Die wollte bestimmt nur gezielt provozieren, um sich einen Namen in ihrer Szene zu machen. Aber der Song war ja zugleich auch eine Anstiftung zur Tat. Unter Nazis gilt es ja als eine besonders scharfe Waffe und Strategie, anderen Angst einzujagen. Und zwar besonders denen, die als Gegner betrachtet oder zu Menschen zweiter Klasse erklärt werden, zum Beispiel 'Andersfarbige', Schwule, Lesben, Juden, Intellektuelle. Das Dilemma ist ja, dass es unter solchen rechtsextremen Mitläufern immer welche gibt, die sich durch solche Aufforderungen ermutigt sehen, so was dann auch beim Wort zu nehmen. Und da macht man sich dann schon seine Gedanken. Mich hat das auf mindestens drei Ebenen beschäftigt. Zum einen natürlich, was tun gegen solche Angst? Und was tun gegen solche Angstmacher? Und was bringt Menschen eigentlich dazu, überhaupt so hasserfüllt zu denken und warum verirren dich sich so?

Dennoch haben Sie mit ihrer filmischen Antwort etwas gewartet?

So leicht und schnell finanziert sich ein Film auch nicht. Er war auch nicht die allererste Antwort. Denn ganz zu Anfang war natürlich Verunsicherung. Ich wollte diese Anspannung zunächst kreativ entkrampfen. Daher war meine erste Reaktion auf diesen Song "Die Kugel ist für Dich, Mo Asumang", ein Fotoshooting mit mir in einem Brunhildekostüm auf einem Feld. Das war 2002. Daraus ist im Übrigen jetzt auch das Film-Plakat geworden. Ich wollte in dieser überspitzten Form zeigen dass ich doch auch deutsch bin, basta! Ich bin schließlich hier in Kassel geboren und aufgewachsen. Und dann fragt man sich erstrecht, wie können Leute eigentlich so eine bescheuerte Ideologie verbreiten, dass sie Menschen anderer Hautfarbe oder Ansichten dieses Recht absprechen, auch Deutsche zu sein oder überhaupt lebenswert zu sein. Dann wuchs die andere Überlegung. Angst kann ich nur bekämpfen, wenn ich mir Wissen aneigne. Und unter anderem wollte ich wissen: wo im Germanentum liegen eigentlich die Wurzeln für so ein übersteigertes Deutschnationalsein. Also ich bin in eine Buchhandlung, habe mir Bücher gesucht über die Wurzeln der Deutschen, da gab es einen Meter von, die hab ich mir alle gekauft. Und dann auch gelesen...

Ergebnis?

Es ist nicht zu fassen, wie die Nazis deutsche Geschichte bis heute missbrauchen, wie sie sich Symbole und Heldenfiguren aus der die deutschen Neonazis richtiggehend klauen und Mythen verdrehen. Und dass da so viele drauf reinfallen und reingefallen sind. Aber die meisten Nazis wissen wahrscheinlich selber gar nicht, das zum Beispiel das von ihnen so beschworene Ariertum mit der von ihnen so gehuldigten weißen nordischen Rasse gar nichts zu tun hat. Arier heißt nämlich eigentlich Perser, kommt aus dem Sanskrit und bezeichnete die Oberschicht im historischen Ariyanam. Das hieß übersetzt Land der Edlen. Und das war damals der Iran. Arier heißt also eigentlich Iraner. Von solchen Verirrungen, Symbol- und Sprach-Missbräuchen gibt es mehrere Beispiele. Auch was die reine Germanenforschung anbetrifft: dieses dominante Kriegerischmännliche halten viele Neonazis ja für was besonders Deutsches: das autoritäre Patriarchat. Aber von den keltisch-germanischen Matronensteinen aus der deutschen Frühgeschichte, mit denen sehr selbstbewusste Muttergottheiten verehrt wurden, also liebvolle und selbstbewusste Frauen, wissen die sicherlich gar nichts. Die weibliche Seite der deutschen Wurzeln ignorieren die und die damit verbundene Sanftmut, Weisheit und Liebe. Deshalb such ich auf meiner Spurensuche auch eine Matronenforscherin auf und andere Fachleute.

Wie lösen Sie denn die Rassismusfrage?

Die von den Nazis propagierte schwarz-weiß Trennung der Hautfarben in Rassen ist vollkommener Unsinn. Denn unsere gemeinsame Wiege liegt unumstritten im heutigen Afrika. Um das herauszufinden, muss man gar nicht erst nach Ghana fahren, wie ich das im Film gemacht hab. Aber nachdem mir ein junger, inhaftierter Neonazi gesagt hatte: geh doch dahin wo Du herkommst, lag das nahe.

Wohin denn?

Na eigentlich nach Kassel. Aber mein Vater stammte aus Ghana. Also bin ich dahin. Und da ist mir das Herz aufgegangen und ich hab begriffen, was mir in Deutschland fehlt. Sicher, ich fühle mich in Deutschland superwohl. Aber es gibt da eine kleine Wunde, um die muss man sich kümmern, um sich wohl zu fühlen. Deshalb kümmer ich mich um das kleine Pünktchen - das leider so klein gar nicht ist.

Das Ergebnis Ihrer Filmrecherchen hat Sie dafür selbstbewusster gemacht?

Ich denke schon. Nachdem ich mehr über Nazis wusste, als die über sich selbst, habe ich gezielt das Gespräch gesucht. Mit denen. Natürlich hab ich sicherheitshalber, als ich mich am 8. Mai 2005 mit meinem Kameramann Felix Leiberg auf dem Berliner Alexanderplatz unter 3000 Neonazis gemischt hab, vorher an ein Polizeiauto geklopft und den Beamten gesagt: "Wenn ich hier gleich noch mal klopfen sollte, bitte macht auf". Aber dann legte sich diese Sorge schnell. Ich habe die beäugt. Nicht die mich. Die haben weggeschaut, keiner wollte mit mir reden. Das zeigte ja, dass die Angst haben. Da war ich wieder ontopp. Oberwasser, sozusagen. Das waren recht schöne Momente zu sehen, wie die sich krampfhaft dagegen wehrten, auch Gefühle von Sympathie oder Respekt zuzulassen. Die versuchen kopfbetont zu agieren, ihre Theorien einem überzustülpen. Aber wenn ihnen jemand gegenübersteht, der offen ist und ehrlich, dann regiert der Bauch, ob man will oder nicht. Das ist eine Chance. In solchen Momenten weiß man, man kann was bewegen und dann schwindet die Angst immer mehr.

Den Hamburger NPD-Chef und rechtsextremen Szeneanwalt Jürgen Rieger suchten Sie ebenfalls auf. Warum?

Vielsagend:  Neonazianwalt Jürgen Rieger vermied den direkten Augenkontakt im Interview mit Moderatorin Mo Asumang. Bildschirm-Foto: KulickVielsagend: Neonazianwalt Jürgen Rieger vermied den direkten Augenkontakt im Interview mit Moderatorin Mo Asumang. (© H.Kulick)
Der gibt sich ja gerne als Artenforscher, vollgestopft mit irgendwelchem eingetrichtertem oder selbsterfundenem Zeug, bei dem ich mich wundere, warum Leute überhaupt so verblendet an so etwas glauben können. Und ich hab ihn ganz normal angerufen und um einen Termin gebeten um über die Wurzeln der Deutschen zu sprechen. Das lief problemlos, schließlich sieht man durchs Telefon meine Hautfarbe nicht. Dann stand ich vor der Tür, die Kamera lief und ich war schwarz. In solchen Momenten weiß man, man kann was bewegen und dann schwindet die Angst immer mehr. Der wirkte total verwirrt und hat sichtlich mit jemand anderem gerechnet. Ich hab ihn auch noch nicht einmal beschimpft, was er dann sicherlich erwartet hat. Er hat dann immer mehr gestammelt weil ihm die Situation irgendwie über den Kopf gewachsen schien.

Was haben Sie aus solchen Gesprächen gelernt?

Wie wichtig es ist, mit diesen Leuten zu reden. Und dass man nicht aufgeben soll zu reden, auch wenn es bei manch einem nicht mehr viel bringt. Ich habe auch im Internet mit solchen Typen unter Pseudonym gechattet und mich dann mit ihnen getroffen. Das ist dann schon Material für einen weiteren Film. Denn ich sehe "Roots Germania" nur als einen Anfang und auch Anstoß, weiterzumachen, und Kommunikation mit denen zu fördern. Dann zerbröselt da manches aufgesetzte Selbstbewusstsein, Heldentum und Ariertum ganz von alleine. Was da dahinter ist, das interessiert mich.

Mit Nazis überhaupt zu reden - ist das nicht ein überaus umstrittenes Rezept?

Aber das war schon früher mein Weg. Auf Ausgrenzung kann ich nicht mit Ausgrenzung reagieren, und das gilt bei mir auch für Rechtsextreme. Im Gegenteil, ich muss Wege finden, die aus ihrem Alleinsein herauszuholen. Ich war auch Taxifahrerin. Wenn ich eine Schlägerei gesehen habe, wo sich Leute mit abgeschlagener Bierflasche gegenüber standen, habe ich angehalten. Ich bin auf die zugegangen. Als Frau kann man da eine ganz eigene Kraft entwickeln. Als abends in Berlin-Rudow drei richtig rechte Skinheads auf ein Taxi warteten, waren die kollossal perplex, dass ausgerechnet ich die mitnahm, sogar freiwillig. Man wird körperlich blockiert, wenn man Angst hat. Aber man kann über seine Angst hinauswachsen. Dass das geht, will ich in meinem Film zeigen. Sicherlich ist das auch ein filmischer Selbstversuch. Aber dieser Weg hilft, damit die Geschichte auch im Bauch ankommt, und nicht nur im Kopf.

Sind Sie denn auch mir rechtsextremen Frauen in Kontakt gekommen?

Die sind ja noch scheuer, weil sie in der Regel so untergebuttert sind. Aber ich hoffe, dass es durch den Film zu Dialogen kommt. Ich werde dazu auch einen Internet-Chatroom eröffnen (www.roots-germania.com) und freu mich jetzt schon auf regen Verkehr. Mal sehen, was dann daraus für ein Projekt entsteht.

Noch ein Film?

Lieber diesen hier erstmal intensiv diskutieren, vor allem an Schulen möchte ich gehen.

Was dürfen die Schüler dann zu ihnen sagen? Schwarze Deutsche?

Früher hab ich immer Browny gesagt, ich weiß aber, dass die Community das zurecht nicht mag. Schwarze Deutsche oder Afrodeutsche wäre sicher voll krass korrekt. Aber man muss es ja nicht übertreiben.

Wie haben denn Schüler in solchen Debatten bislang darauf reagiert?

Erste Diskussionsrunden hatte ich mit Schülern in Weimar und Stendal, dort an einer Berufsschule. Der Saal war rappelvoll und es wurde lange diskutiert. Vor allem darüber: was macht Mut aus und wie soll man sich verhalten, wenn man zum Feindbild wird, wie ich.

Das Gespräch mit Mo Asumang führte Holger Kulick in Berlin.

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Autor: Ein Interview mit Mo Asumang für bpb.de
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