Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Argumente gegen rechtsextreme Vorurteile

Informationen zur politischen Bildung - aktuell

18.8.2006

Umerziehung



Die Vorstellung, in der Besatzungszeit nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staats sei unter der Bezeichnung "Umerziehung" eine Art Gehirnwäsche betrieben worden oder es seien den Deutschen von den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs fremde Sitten und Gebräuche politischen Verhaltens aufgezwungen worden, ist immer noch verbreitet. Darin kommen Gefühle der Ohnmacht und Demütigung, das Aufbäumen gegen die Fremdherrschaft nach der Niederlage, aber auch die Beschämung über die eigene Rolle in der Nazidiktatur zum Ausdruck. Rechtsradikale Propaganda operiert vor diesem Hintergrund mit Behauptungen, die den Eindruck erwecken sollen, es habe in der Zeit nach 1945 eine Art geistiger Vergewaltigung der Deutschen stattgefunden.

Tatsächlich waren die politischen und kulturellen Anstrengungen auf die Wiederherstellung demokratischer Zustände, auf die Wiedererrichtung des Rechtsstaats gerichtet. Dazu sollten Hilfestellungen gegeben werden durch das Einüben demokratischen Denkens und Verhaltens sowie durch das Erwecken von Bürgersinn. Ziel war die geistige Überwindung des nationalsozialistischen Systems von Unterwerfung und blindem Gehorsam unter den Befehl einer diktatorischen Obrigkeit.

Wenige Begriffe aus der Nachkriegszeit sind ähnlich negativ belastet wie die Umschreibung dessen, was die Alliierten mit der "reorientation" beziehungsweise "reeducation" beabsichtigten, nämlich die Hinführung und Anleitung der Deutschen zur Demokratie. Es ging einmal darum, den Deutschen wieder den Anschluss an das internationale Kulturleben, von dem sie seit 1933 abgeschnitten waren, zu ermöglichen und die von den Nationalsozialisten erzwungene Provinzialität des geistigen Lebens zu überwinden. Kulturoffiziere der Militärregierungen in allen vier Besatzungszonen brachten die Theater wieder in Gang, kümmerten sich um Aufführungsrechte für Stücke, die seit 1933 nicht mehr oder die in Deutschland noch nie gespielt worden waren, besorgten Übersetzungen ausländischer Literatur. Die Bibliotheken und Filmvorführungen etwa der Amerika-Häuser und der englischen "Brücken" öffneten wieder Tore zur Welt. Zum Angebot der Amerikaner gehörten ferner Austauschprogramme für Schüler, Studenten und Lehrer, die Förderung von Schülermitverwaltung und Schülerzeitungen, die Abhaltung von Bürgerforen zur öffentlichen Diskussion von kommunalen politischen Problemen.

Ein anderer Aspekt der "Umerziehungspolitik" betraf die Veränderung traditioneller oder während der NS-Herrschaft entstandener undemokratischer Strukturen in Deutschland. Am nachhaltigsten gelang dies in den Westzonen auf dem Gebiet der Massenkommunikation: Die Lizenzierung der Zeitungen diente nicht nur deren Überwachung, sondern vor allem der Einübung von demokratischem Journalismus durch politische Meinungsvielfalt in Verlag und Redaktion, Trennung von Nachricht und Meinung sowie durch objektive Berichterstattung anstelle des Verlautbarungs- und Propagandajournalismus der NS-Zeit. Neben den erfolgreichen Lizenzblättern (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Die Zeit und andere) unterhielten die Besatzungsmächte eigene Organe, die als Vorbilder wirkten: Legendär wurde die amerikanische Neue Zeitung in München, die für eine ganze Generation deutscher Redakteure und Autoren zur Hohen Schule des Journalismus wurde.

Von nachhaltigem Einfluss war auch die Rundfunkpolitik der Alliierten. Das System der staatsunabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik wurde nach britischem Vorbild (BBC) eingeführt.

Hindernisse für die "Umerziehung" bildeten nicht nur die mangelnde Bereitschaft auf deutscher Seite, den guten Rat französischer, britischer und amerikanischer Experten anzunehmen (aus Trotz oder im Gefühl der eigenen kulturellen Überlegenheit), sondern auch die Uneinigkeit der vier Besatzungsmächte. Der Kalte Krieg bedeutete das Ende ihrer Zusammenarbeit. Entsprechend den unterschiedlichen politischen Systemen entwickelten sich dann die Ostzone und die drei Westzonen rasch auseinander.

Trotzdem erzielten die Alliierten dauerhafte Erfolge in der Demokratisierungspolitik, die sich in Institutionen der Bundesrepublik (Presse, Rundfunk, Bildungswesen) bis heute zeigen.

Literatur
  • Benz, Wolfgang: Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland, München 1986.

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