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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Marke gegen Rechtsextremismus

Eine preisgekrönte Schülerzeitungsreportage aus Halberstadt


3.8.2007
Wie man höchst kreativ einen Beitrag gegen Rechtsextremismus leisten kann, bewiesen Schüler einer 9. Klasse in Halberstadt (Sachsen-Anhalt). Sie entwarfen Briefmarken. Doch die Geschichte wurde kompliziert. Eine Schilderung aus der Halberstädter Schülerzeitung Martinshorn.

Aus dem Halberstädter 'Martinshorn'



Briefmarkenentwürfe der Klasse 9b des Gymasiums Martineum in Halberstadt. Foto: KulickBriefmarkenentwürfe der Klasse 9b des Gymasiums Martineum in Halberstadt. (© H. Kulick)
Rechtsradikalismus ist - gerade in Sachsen-Anhalt - gegenwärtig ein viel diskutiertes Thema. Wir haben schon in der letzten Ausgabe über den Wettbewerb "Krea(k)tiv gegen Rechts", ins Leben gerufen vom Justiz- und Kultusministerium unseres Landes, berichtet. Im Martineum fand die Eröffnungsveranstaltung dazu statt. Zwei Klassen unserer Schule sind diesem Aufruf gefolgt. Seit Oktober arbeiteten die Klassen 9a und 9b an einem selbst entworfenen kreativen Projekt. Die 9a entwickelte einen sehr interessanten und witzigen Filmspot für Kinos oder als Unterrichtsmaterial für Schulen und schrieb das Drehbuch dafür, welches eingereicht wurde. Die sogar ursprünglich angedachte filmische Umsetzung des Stoffes scheiterte am eng gestrickten Terminkalender der Medienfirma und am deutlich zu hohen finanziellen Eigenanteil, der hätte erbracht werden müssen.

Die 9b hatte die Idee, eine Briefmarkenkollektion zu entwerfen. Und das nicht nur als "Trockenübung", denn diese Briefmarken sollten wirklich in den Handel kommen! Zu diesem Zweck nahmen die Schüler mit der "biber post", einer Tochter des Verlagshauses Bauer in Magdeburg, deren Flaggschiff die VOLKSSTIMME ist, Kontakt auf. Hier sollten die Marken gedruckt und vertrieben werden.

Die biber post darf als privates Konkurrenzunternehmen zur Deutschen Post Briefsendungen in ganz Ostdeutschland und Teilen Niedersachsens zustellen und vertreibt zu diesem Zweck eigene Briefmarken, für die in der Volksstimme fast täglich geworben wird. Die Idee war richtig gut. Solche Marken konnten eine enorme Öffentlichkeitswirkung erreichen - genau das, was ja das Ziel der Aktion "Krea(k)tiv gegen Rechtsextremismus" war. Und noch besser: Jeder Bürger würde sich an der Aktion beteiligen können, selbst Flagge zeigen können gegen Rechts, wenn er auch die Marken kaufte.

Anfangs war die biber post dem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen. Unsere Ansprechpartnerin äußerte keinerlei Bedenken, wollte lediglich die konkreten Entwürfe vorliegen haben, bevor eine endgültige Entscheidung über den Druck bei der biber post getroffen werden sollte. Dabei war jedoch stets klar, dass es Marken werden würden, die eine eindeutige Stellungnahme gegen Rechtsextremismus als Aussage enthielten.

So weit, so gut. Wochenlang feilte die Klasse 9b an den Vorlagen, es wurde entworfen, wieder verworfen, eine ganz neue Idee entwickelt. Schließlich war die Briefmarken-Reihe fertig. Die Entwürfe wurden der biber post geschickt. Abgesprochen war, dass zwei Schülerinnen der 9b zur Endbesprechung in die Redaktion der biber post am 16. Januar 2007 nach Barleben fahren sollten. Die genaue Uhrzeit wollte die Ansprechpartnerin der biber post am Nachmittag vorher telefonisch durchgeben. Doch es kam kein Anruf. Eine Nachfrage der Schüler ergab schließlich, dass die Mitarbeiterin nicht mehr erreichbar war. Allerdings war eine E-Mail angekommen, die in dürren Worten mitteilte, dass die biber post nicht mehr bereit sei, mit den Schülern die Briefmarken zu produzieren.

Damit fiel der Termin in Barleben natürlich ins Wasser, die Arbeit von drei Monaten schien umsonst gewesen zu sein. Doch die Schüler gaben noch nicht auf. Am nächsten Tag wurden mehrere Telefonate mit der biber post geführt mit dem Ziel, das Projekt vielleicht doch noch zu retten. Umsonst. Von Seiten der biber post wiederholte man stereotyp das Argument, dass man ja erst die Marken habe sehen wollen, bevor man die Zustimmung zur Veröffentlichung geben würde. Eine inhaltliche Kritik an den Vorlagen kam jedoch nicht. Was also - so fragen wir - hatte man bei einer Aktion gegen Rechtsextremismus denn für Vorschläge erwartet? Welche neuen Erkenntnisse sind denn nach der "erneuten Diskussion" in der biber post herausgekommen? Wieso hatte man den Schülern nicht von Anfang an mitgeteilt, dass es sich bei der biber post um ein "unpolitisches Werbemedium" handelt?

Schließlich sagte man nach Anhörung der Schüler-Argumente zu, das Projekt noch einmal in der Redaktion zu besprechen und das Ergebnis telefonisch mitzuteilen. Auch dieses Versprechen wurde nicht gehalten.

Da wirkt das Angebot, das Projekt der 9b "redaktionell" über die Volksstimme begleiten zu wollen, wie eine Verhöhnung. Worüber will man denn berichten? Über ein gescheitertes Projekt? Wenn das Projekt doch "Krea(k)tiv GEGEN RECHTS" heißt und die Rechten ja eindeutig eine politische Interessengruppe sind, ist es eigentlich klar, dass man seine politische Meinung zeigt, oder!?

Aber es gibt trotzdem noch etwas Gutes zu berichten. Die 9b hat nämlich nicht nur das Briefmarken-Projekt entwickelt, sondern parallel auch noch eine Stempelvorlage, deren Abdrücke ab Februar 2007 alle Briefe, die das Martineum verlassen, zieren werden. Als diese Idee an die Schulleitung herangetragen wurde, war diese sofort bereit mitzuziehen. Ohne vorher die Bedingung zu stellen, erst die Vorlage sehen zu müssen.

"Die vom Rechtsextremismus ausgehenden Gefahren sind gewachsen. Dem muss sich die Gesellschaft entgegen stellen", so Justizministerin Angela Kolb. Dazu gehöre auch, dass sich Schüler mit dem Thema auseinander setzen. Dazu solle der Wettbewerb anregen. [...] Insbesondere gefragt sind Ideen für Spots, Plakate, Filme und Projekte, die zum Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus auffordern. (Aus der Pressemitteilung des Ministeriums der Justiz zum Projekt "Krea(k)tiv gegen Rechtsextremismus" vom 4. Oktober 2006)
Liebe Frau Schwendt, nach erneuter Diskussion Ihrer Anfrage können wir Ihnen leider keine Teilnahme zusichern. Im Rahmen der Erstellung individueller Marken agierte die biber post bisher als unpolitisches Werbemedium für Ihre Kunden. Dies möchten wir gern beibehalten, da wir durch eine Teilnahme an Ihrem Projekt zu einem generellen Kommunikationskanal für verschiedene politische Interessegruppen werden könnten. Gern würden wir Sie aber dennoch redaktionell über unsere Lokalredaktion in Halberstadt unterstützen. Ihre Ansprechpartnerin bei der Harzer Ausgabe der Volksstimme ist die Frau...
Mit dieser lapidaren Mail speiste die "biber post" Sarah Schwendt (9b) im 15. Januar, dem Abend vor dem entscheidenden Gespräch in Magdeburg und zwei Wochen vor dem Auslaufen des Projekts, ab, nachdem man den Schülern seit November immer wieder versichert hatte, Briefmarken gegen Rechtsextremismus seien "kein Problem". Es klingt sehr nach einer feigen Ausrede, wenn die verantwortlichen Redakteure argumentieren, man werde durch ein Engagement gegen Rechts zum "generellen Kommunikationskanal" ungenannter politischer Mächte.

Zwischenruf



Da die biber post eine Tochter der Volksstimme und somit Mitglied des Bauer-Verlagshauses ist, kann nicht nachvollzogen werden, warum Angehörige der Printmedien sich auf ein "unpolitisches Werbemedium" zurückziehen und nicht Stellung beziehen, so wie es die Volksstimme doch täglich einfordert! Des weiteren ist nicht nachvollziehbar, warum engagierte Vorschläge von Jugendlichen so "feige" abgelehnt werden, da ständig über das mangelnde Interesse und die fehlende Einsatzbereitschaft von Jugendlichen geklagt wird. Wäre es nicht möglich, die biber post in Zugzwang zu bringen, indem Behörden und Ämter diese Marken anfordern?

Anke Peter, Mutter einer Schülerin der 9b

Fortsetzung eine Ausgabe später...





 
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