Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Klimawandel in Hoyerswerda

Wie eine aktive Zivilgesellschaft um die Kinder ihrer Stadt kämpft


6.7.2007
Hoyerswerda: 1991 verübten Neonazis hier das erste Pogrom der Nachkriegszeit gegen Asylbewerber und Migranten. Seitdem kämpft die Stadt gegen das Image als rechtsextreme Hochburg. Mit Erfolg.

1. Mai 2010 Hoyerswerda.Immer noch assoziieren viele Menschen bei dem Wort Hoyerswerda Plattenbautristesse und die Erinnerung an das rassistische Pogrom von 1991. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (spreelichter.info )

Kaum eine Stadt wurde derart zum Synonym für Rechtsextremismus wie Hoyerswerda, wo 1991 Neonazis das erste Pogrom der Nachkriegszeit gegen Asylbewerber und Migranten verübten. Seitdem kämpfen die Stadt und zahlreiche engagierte Initiativen gegen das Image als rechtsextreme Hochburg. In der Außenwirkung sind bisher kaum Erfolge spürbar - im Alltagsleben haben die Projekte allerdings viel bewirkt.

Es ist sprachliche Kosmetik, aber sie hat Symbolcharakter: Im Juni 2007 gab die Kette "Achat Hotels" eine kleine Namensänderung bekannt. Das "Achat Hotel Hoyerswerda" wurde umbenannt in "Achat Hotel Lausitz". Auch 16 Jahre nach dem Pogrom in der Schweitzerstraße möchten Menschen von außerhalb lieber nicht nach Hoyerswerda reisen – weshalb das Hotel jetzt den Namen der umliegenden Landschaft trägt. Der tagelange Angriff von Rechtsextremen auf vietnamesiche Händler, eine Vertragsarbeiterunterkunft von Mosambikanern und ein Asylbewerberheim vom 17. bis 22. September 1991 unter jubelndem Beifall der Bevölkerung haben ein derartig schlimmes Bild der Stadt und ihrer Menschen vermittelt, dass es sich offenbar aus dem kulturellen Gedächtnis nicht mehr löschen lässt. Doch wie sieht es vor Ort aus?

Hoyerswerdas Neustadt ist eine latent beklemmende Gegend, obwohl sie jetzt schon viel freundlicher aussieht als 1990. Zwischen vielen ähnlichen Plattenbauten, die durch breite Ausfallstraßen in Viertel geteilt werden, klaffen immer öfter Lücken. Zum Teil sind sie von Wiese und Wildwuchs überwuchert, auf anderen Flächen liegt noch Schutt. An Häusern, auf deren Balkonen noch Sonnenschirme stehen, verkünden irreal wirkende Schilder ihren baldigen Abriss. Offiziell heißt das "Rückbau". Die Plattenbauviertel sind ein historisches Dokument des schnellen Wachstums der Braunkohlestadt zu DDR-Zeiten und ihres Niedergangs nach der Wende. 1990 wohnten in Hoyerswerda noch 70.000 Menschen, heute sind es gerade noch 40.000 Einwohner. Alle Häuser zu warten, in denen nur noch die Hälfte der Einwohner leben, ist zu teuer, deshalb werden die Häuser systematisch "zurückgebaut", die dort noch lebenden Menschen werden umgesiedelt. Entwurzelt sind hier ohnehin viele. Die Arbeitslosenquote liegt in Hoyerswerda bei rund 20 Prozent. 37 Prozent der Bevölkerung sind über 60 Jahre alt. Wer jung und schlau ist, geht weg.

Die Situation noch schwieriger als 1991, als offener Neonazismus hier gang und gäbe waren. Uwe Proksch, Geschäftsführer der Kulturfabrik Hoyerswerda, erinnert sich aber, dass es damals einen eklatanten Unterschied gab: "1991 herrschte in der Stadt eine unangenehme Atmosphäre. Angst und Bedrohung waren Alltag, Neonazis überall im Straßenbild präsent. Wer mit Jugendlichen arbeitete, merkte, dass unter ihnen das Motto herrschte: Wenn du in sein willst, musst du rechts sein. Das Gewaltpotenzial war riesig." Es ist diese Grundstimmung, die sich gewandelt hat. Geschafft haben das zivilgesellschaftliche Initiativen und engagierte Einzelpersonen, unterstützt durch die Stadt Hoyerswerda, die sich stark darum bemüht, ihre Einwohner trotz aller Probleme zu demokratieverbundenen Menschen zu machen.

Wenn es um die Arbeit gegen Rechtsextremismus in Hoyerswerda geht, kommt niemand an Helga Nickich vorbei. Sie ist ehemalige Lehrerin und heutige Leiterin der RAA Hoyerswerda, der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven. Sie hat die RAA in Hoyerswerda 1993 ins Leben gerufen, unterstützt vom Netzwerk der RAAs in Deutschland, mit dem erklärten Ziel: "Gegen Rechtsextremismus, für Demokratie". Helga Nickich entwickelt mit ihren Kolleginnen und Kollegen Ideen und Konzepte, um präventiv gegen Rechtsextremismus zu arbeiten. Nickich hat ein breites Netzwerk von Partnern aufgebaut, die sich bei dieser schwierigen Arbeit gegenseitig stützen und helfen können. Die Stadt gehört genauso dazu wie Jugendsozialarbeiter oder Migranteninitiativen.

Nickichs Büro befindet sich in einem Schulgebäude mitten im Plattenbaugebiet der Neustadt, doch dieses etwas triste Umfeld wird durch den lebendigen Vortrag ihrer Aktivitäten bunt gefüllt. Die Arbeit der RAA in den Bereichen Demokratie und Toleranz, historisch-politische Bildung, Jugendliche zwischen Schule und Beruf ist fast unüberschaubar vielfältig und zielt darauf ab, Jugendliche demokratisch fit zu machen, ihnen Lebensperspektiven zu eröffnen, ihnen Achtung und Respekt gegenüber anderen zu vermitteln, überhaupt Normen und Werte, außerdem Selbstvertrauen und soziale Kompetenz und sie so stark zu machen gegenüber Rechtsextremismus, Alkohol und Drogen.

Workshops über Demokratiepädagogik gehören dazu, Begegnungsprojekte mit Schülern und Azubis während der Arbeit zum gemeinsamen Lernen und in den Ferien zum Spaß, multikulturelle Studienwochen, Peer Leaders gegen Rechtsextremismus, ein Mehrgenerationenhaus in Bernsdorf, Schülerclubs und seit neuestem mit vielen Partnern das Konzept ''Fit fürs Leben'', dass junge Erwachsene nach der Schule ins Erwachsenenleben begleiten will, wenn es oft am schwierigsten wird, aber keines der bisherigen Konzepte mehr greift. An der Schulmauer des Gymnasiums, in dem Nickichs Büro ist, steht ''Nazis rau''. Es gibt hier Schüler, die sich offen in Arbeitsgemeinschaften gegen Rechtsextremismus positionieren.



 

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