Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

6.7.2007 | Von:
Simone Rafael

Klimawandel in Hoyerswerda

Wie eine aktive Zivilgesellschaft um die Kinder ihrer Stadt kämpft

Also greifen die Konzepte?

Wie schätzt Helga Nickich die Situation in Hoyerswerda heute ein? Nickich sagt: "Es gibt in allen Städten Sachsens und Deutschlands rechtes Gedankengut, und das gibt es auch hier. Und ich werde das nicht lösen, da gebe ich mich keiner Illusion mehr hin. Aber wenn wir uns breit machen, haben die weniger Platz. Wir haben etwas erreicht, wenn die Jugendlichen zu uns kommen, nicht zu denen." Im Gegensatz zu 1991 seien die Rechten in der Defensive, hätten sich zurückgezogen. "Es gibt keine offene rechtsextreme Szene mehr, keine Ballungen von 30 Rechtsextremen an einer Tankstelle." Punkkonzerte finden in Hoyerswerda inzwischen ohne Störungen statt.

Vor zehn Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Auf der anderen Seite vermisst sie Zivilcourage bei den nicht-rechten Erwachsenen der Stadt. "Viele Bürger unserer Stadt sind gegen rassistisches und rechtsextremes Gedankengut, aber trauen sich nicht, das offen zu sagen. Sie sitzen seit 15 Jahren im Schneckenhaus, trauen sich noch zu multikulturellen Festen, aber um offen und im Wortlaut zu sagen: ‚Ich bin gegen Rechtsextremismus´, dazu reicht die Courage nicht."

Diejenigen, die auf die Straße gehen, wo die Jugendlichen mit Problemen in Cliquen herumhängen, sind die mobilen Sozialarbeiter des Internationalen Bundes. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen arbeiten mit Kindern und jungen Erwachsenen jeglicher Couleur, aus allen politischen und jugendkulturellen Ecken, um sie für ihr eigenes Leben zu begeistern und ihre Teilnahmemöglichkeiten an der Gesellschaft zu stärken. Die vorwiegenden Probleme derzeit sind massiver Alkoholkonsum, schon bei 12-, 13-Jährigen, Drogen, Perspektivlosigkeit. Jugendsozialarbeiterin Gabi Rosenburg bemerkt derzeit "wenig auffälligen Rechtsextremismus". Das ist positiv, aber Rosenburg ist vorsichtig, was Erfolgsverkündung angeht. "Noch 2003 / 2004 gab es hier einige rechtsextreme Cliquen. Und auch wenn deren Mitglieder jetzt älter sind und vielleicht nicht mehr auf der Straße herumhängen, ist deren Gedankengut damit ja nicht weg."

Derzeit seien die Cliquen eher unpolitisch, aber ein bis zwei Leute mit latent rassistischem und nationalistischem Gedankengut seien immer dabei. Die lädt sie gern in ihren "Cliquenraum" ein, in dem ein großes Poster der Band "Die Ärzte" hängt mit dem Motto: "Scheint die Sonne auch für Nazis – wenn´s nach mir geht, tut sie´s nicht". "Da sind wir immer gleich beim Thema, sobald sie den Raum betreten", sagt Rosenburg. Immer aufmerksam sein gegenüber rechtsextremen Anzeichen, Marken, Parolen und gute Konzepte dagegen setzen, gehört zu ihrem Job. Sie erlebt präventive Projekte als positiv, die den Jugendlichen Alternativen anbieten, ihnen helfen, die Welt besser zu verstehen und vermitteln, dass sie etwas wert sind. Jana Rickhoff, Geschäftsführerin des Internationalen Bundes Hoyerswerda, ergänzt: "Das Klima hat sich in Hoyerswerda ziemlich verändert. Die Menschen sind kulturell offener geworden. Anfang der Neunziger war Hoyerswerda zugebaut und grau betoniert, die Stadt vielfach überfordert, es gab keine Konzepte gegen den Rechtsextremismus. Jetzt unterstützen wir, die sozialen Projekte der Stadt, uns gegenseitig mit fachlichem Rat und praktischer Hilfe."

Die Mechanismen gegenseitiger Unterstützung und Stärkung funktionieren in Hoyerswerda inzwischen gut. Als 2006 plötzlich Neonazis durch Hoyerswerda marschierten, weil ihre Demonstration in Bautzen verboten wurde, entstand schnell ein Aktionsbündnis, das gegen die Rechtsextremen mobil machte. Uwe Proksch, Geschäftsführer der Kulturfabrik Hoyerswerda, war auch dabei. Dabei mache die Kulturfabrik eigentlich keine politische Arbeit, sondern sei "nur" ein Ort für Alternativkultur und soziokulturelle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sagt Prosch etwas tiefstapelnd. Denn die Arbeit umfasst auch, mit Jugendlichen ein Theaterstück zum Pogrom von 1991 zu schreiben und aufzuführen (Premiere ist am 11. Juli) oder Kinder von Asylbewerbern einen Film über ihren Alltag in Hoyerswerda drehen zu lassen.

Anfang der neunziger Jahre betreute Proksch noch zwei nicht-rechte Jugendclubs und erlebte ständige Übergriffe und ein großes rechtsextremes Gewaltpotenzial. "Aber danach griffen viele Initiativen: Streetwork, Sozialarbeit, die Aktivitäten der RAA, mobile Jugendarbeit. Das Bedrohungspotenzial der Szene nahm ab, rechte Jugendclubs schlossen, es gab Gerichtsverhandlungen und einige Rechte zogen weg", sagt er. Die Jugendlichen, mit denen er heute arbeitet, berichten ihm, dass es noch Treffpunkte für Rechtsextreme gibt, aber die liegen heute in Wohnungen, nicht mehr in der Öffentlichkeit. "Ich sehe regelmäßig rechtsextreme Aufkleber. Ich sehe regelmäßig, dass sie abgekratzt werden", sagt Proksch. "Man wird den Rechtsextremismus nicht ganz vertreiben. Aber die Angst ist weg."