Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

26.4.2007 | Von:
Silke Dürrhauer

Hitlers Jugendpropaganda

Nationalsozialistische Jugendzeitschriften als eine ideologische Wurzel rechtsextremer Jugendkultur

Ziel nach 1939: Kriegsbeschönigung

Der Kriegsausbruch 1939 stellte dann einen wichtigen Einschnitt für die Zeitschriften dar. Besonders die erst 1939 gegründete Hitlerjugend-Zeitschrift "Junge Welt" brachte ab Kriegsausbruch fast ausschließlich Berichte über Schlachten, Kriegshelden und andere militärische Bezüge, wie z.B. ein Preisausschreiben zum Thema Kriegsschauplatz: Innere Front! Die anderen Zeitschriften widmeten sich nun ebenfalls verstärkt kriegswichtigen Themen. Sie befürworteten den Krieg durchweg und forderten diese Haltung auch von der jugendlichen Lesergemeinschaft. Der Krieg wurde beschönigend als Bewährungsprobe für das deutsche Volk, als Abenteuer, als überlebenswichtig oder als heldenhaft beschrieben.

Nach Kriegsausbruch versuchte man auch, die Volksgemeinschaft zu stärken, indem man die anderen Nationen verunglimpfte. Großbritannien verspottete man durch Verse wie "Hule, hule, hule, John Bull macht nicht mehr rule" oder durch eine verzerrte Karikatur der britischen Identifikationsfigur John Bull, die nicht mehr liebenswert und dicklich, sondern altersstarrsinnig, korpulent, streit-, trink- und spielsüchtig dargestellt wurde. In dem Artikel "Deutscher Verwundeter in den Händen der Sowjets" machte man die Sowjets zu unsinnig grausamen Prüglern: "Ausgeplündert und sadistisch gequält. Bolschewistische Bestien hetzen Spürhunde auf verwundete Soldaten." Über Amerika berichtete man, dass es dort reihenweise Schwerverbrecher unter 18 Jahren gäbe. Dagegen erschienen die Deutschen in den Zeitschriften immer siegreich: Die Flugzeuge kehrten stets "nach erfolgreich durchgeführtem Angriff heimwärts".

Man bemühte sich, diese komplexen politischen und gesellschaftlichen Themen durch altersgemäße Sprache und Darreichungsformen zu vermitteln. Die Schülerzeitung "Hilf mit!" formulierte die Themen oft in unterhaltsamen und spannenden Erzählungen, während in den Berufsschulzeitschriften hauptsächlich Aufsätze verwendet wurden. Die Organe der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel arbeiteten hauptsächlich mit Überzeugungen vermittelnden Predigten und Ansprachen, aber auch mit Erzähltexten und Erfahrungsberichten. Dabei benutzte man jugendnahe Formulierungen wie "ein ganz echter Junge", "ein richtig knorker alter Mann" oder "Mädels". Allerdings verfielen die so genannten Schriftleitungen immer wieder in eine phrasenhafte Sprache, besonders wenn es um Dinge ging, die unbedingt von den Jugendlichen verinnerlicht werden sollten. So erklärte man, der nationalsozialistische Staat verlange "Unterordnung der Einzelpersönlichkeit unter die großen staatserhaltenden Gedanken und Ideen, die unser Volk wieder gesund, kräftig und mächtig machen". Die Beschwörung der Volksgemeinschaft erfolgte stilistisch hauptsächlich durch die Wiederholung des Wir. So hieß es z.B. in einer Herbstausgabe der "Hilf mit!": "Fuchsjagd, Geländespiele, Dauermärsche. Uns geht die Sonne nicht unter: Wir bleiben draußen. Wir lieben Regen und Sturm; denn wir sind Jungen." Unterordnung und Gehorsam forderte man in Form von Imperativen wie man muß, man soll, wir wollen etc.

Stellt man diese Aspekte in einen Wirkungszusammenhang, so zeigt sich die von den Nationalsozialisten beabsichtigte Funktion der Zeitschriften: Die jugendgerechte Sprache ermöglichte eine Identifikation mit der Zeitschrift und leichteres Verständnis. Die Auswahl der Textgattungen sorgte für eine altersgerechte Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie. Die positive Darstellung des eigenen Volkes und die Diffamierung der gegnerischen Kriegsparteien sorgten dafür, dass sich die Jugendlichen selbst den anderen Ländern überlegen fühlten und damit den Krieg unterstützten. Durch die Aufwertung der Jugend, die man zudem als "Träger der Zukunft" bezeichnete, bekam diese Generation das Gefühl, sie werde ernst genommen und gebraucht. Dadurch erreichten die Nationalsozialisten eine Bejahung ihrer Ideologie durch die Jugend.

Allerdings ist heute schwer zu sagen, inwiefern die Nationalsozialisten die Jugendlichen durch ihre Zeitschriften erreichen konnten. Einerseits gab es kleinere Jugendsubkulturen, die sich dem Einfluss der Nationalsozialisten entzogen, zum Beispiel die "Edelweißpiraten" oder die so genannten "Meuten". Andererseits existierten enorm viele NS-Jugendschriften mit zum Teil sehr hohen Auflagenzahlen, und zu Beginn des Dritten Reiches bestand eine Abnahmeverpflichtung für die HJ-Presse. Doch diese wurde aufgehoben und die Zeitschriften über den normalen Zeitschriftenmarkt, über Schulen und Berufsschulen oder über Abonnements vertrieben.

Die Preise für NS-Jugendpublikationen lagen zwischen 15 und 60 Pfennigen, was etwa mit dem Preis für einmal Straßenbahn oder zweimal Karussel fahren vergleichbar war. Aber nicht alle Jugendlichen verfügten über eigenes Geld, sondern waren finanziell auf ihre Eltern angewiesen. Es kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass in allen Haushalten, zum Beispiel wegen Zeit- oder Geldmangel, Zeitungen oder Zeitschriften regelmäßig gelesen wurden.

Es bleibt also ungeklärt, inwieweit die hier untersuchten Zeitschriften das Interesse der Jugendlichen auf sich lenken konnten. Schließlich zeichneten sich die Zeitschriften durch eine phrasenhafte Sprache und eine eintönige inhaltliche Ausrichtung aus, während die Konkurrenz der traditionellen und populären Kinder- und Jugendzeitschriften groß war - zumindest bis zur Gleichschaltung der Medien. Gudrun Wilcke erwähnt in ihren autobiografischen Notizen, dass ihr nie ein Kriegsschulkind begegnet sei, das von diesen Heften geschwärmt hätte. Allerdings fehlt bis heute eine repräsentative Studie bezüglich des Zeitschriftenkonsums Jugendlicher im Dritten Reich. Und noch weniger gibt es eine Studie über die Medien und Mediennutzung junger Neonazis heute.


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