Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

8.5.2007 | Von:
Bianca Klose u.a.*

Rechtsextreme Jugendkulturen

Neonazistische Orientierungen im urbanen Raum. Am Beispiel Berlins.

Rechtsextreme Ausdrucksformen und Positionen dringen über alle Poren jugendtypischer Lebenswelten in den Alltag ein. Manchmal verdichten sie sich sogar zu rechtsextremen Erlebniswelten im urbanen Raum. Ein Überblick am Beispiel Berlins.

Neonazis bei einer Demonstration in Berlin im Dezember 2007.Neonazis bei einer Demonstration in Berlin im Dezember 2007. (© Holger Kulick)

Ein nicht unerheblicher Teil der rechtsextremen Szene besteht jenseits rechtsextremer Organisationsformen. Fußballspiele, Kneipenabende und Treffen in öffentlichen oder privaten Räumen zu ''ganz normalen Anlässen'' wie Geburtstagen oder täglicher Freizeitgestaltung sind wichtige Bestandteile einer von Rechtsextremen mitbestimmten Alltagskultur in Berliner Kiezen und Nachbarschaften. Die Zahl von Frauen und Männern mit rechtsextremen Einstellungen übersteigt die Zahl politischer Aktivist/innen bei weitem. Rechtsextreme Einstellungen finden sich auch bei Personen, die zwar nie eine Anbindung an die Szene hatten, sich aber in einem gesellschaftlichen Umfeld bewegen, in dem Vorurteile gegen Minderheiten zum Alltag gehören. Hinzu kommen Personen, die sich nach einer aktiven Phase in rechtsextremen Strukturen ins Private zurückgezogen und Familien gegründet haben, ohne dass sie dabei ihre rechtsextremen Einstellungen aufgegeben haben.

Wie bei Erwachsenen entstehen rechtsextreme Orientierungen auch bei Jugendlichen in der Regel über alltagskulturelle Einflüsse in ihrem sozialen Umfeld. Während die Bedeutung von rechtsextremer Musik für die alltagskulturelle Verankerung rechtsextremer Orientierungen bei Jugendlichen spätestens seit dem Verfahren gegen die Band ''Landser'' in der Öffentlichkeit und auch in den Fachdiskussionen bekannt ist, wird die Existenz facettenreicher rechtsextremer Erlebniswelten im urbanen Raum nicht in vergleichbarem Maße thematisiert. Die ausdifferenzierten alltagskulturellen Angebote der Rechtsextremen, die ab einem gewissen Grad der Ausprägung als rechtsextreme Erlebniswelten bezeichnet werden können, spielen jedoch eine wesentliche Rolle für die Ausbreitung des Phänomens Rechtsextremismus unter Jugendlichen – und sie bilden einen wichtigen Rahmen für die politische Arbeit der organisierten Rechtsextremen in Berlin.


In diesem Text werden die wichtigsten Bestandteile und Entwicklungen innerhalb dieser rechtsextremen Erlebniswelten dargestellt. Darüber hinaus werden die rechtsextremen Strukturen und Aktionsformen dargestellt, über die rechtsextrem-Orientierte politisiert und in die rechtsextreme Szene eingebunden werden.

Rechtsextreme Erlebniswelten: Jugendkulturelle Pluralisierung und Subversion

In den 90er Jahren entwickelten sich rechtsextrem-orientierte Jugendcliquen und Identitäten vor allem im Umfeld der in Deutschland rechtsextrem dominierten Skinheadkultur.(2) Eine rechtsextreme Orientierung konnte daher häufig bereits am Erscheinungsbild von Jugendlichen und deren Vorlieben für bestimmte Bands und Lifestyle-Elemente wie szenetypische Kleidung und Frisuren erkannt werden. Mitte der 90er Jahre setzte jedoch eine kulturelle Pluralisierung rechtsextremer Jugendkulturen ein, die das äußere Erscheinungsbild und die Entstehungsweisen rechtsextremer Orientierungen im urbanen Raum deutlich verändert und ausdifferenziert hat.

Diese Entwicklung ist zum einen darauf zurückzuführen, dass rechtsextreme Aktivist/innen das Potenzial von Alltagskultur für die Verbreitung rechtsextremer Inhalte erkannt und gezielt Strategien kultureller Subversion angewendet haben. Ursprünglich nicht-rechte oder sogar gegen rechts gerichtete ästhetische Ausdrucksformen wurden gezielt angeeignet und im rechtsextremen Sinne umgedeutet. Zum anderen ist die Pluralisierung aber auch ein Ergebnis des Bedarfs von Jugendlichen selbst, die sich zwar von rechtsextremen Inhalten angezogen fühlten, sich gleichzeitig aber nicht auf bestimmte rechtsextrem besetzte jugendkulturelle Ausdrucksformen festlegen lassen wollten.

Die Beschränkung auf eine relativ homogen erscheinende rechtsextreme Sub-Kultur wurde damit überwunden. Die strategischen und finanziellen Interessen von Rechtsextremen greifen hier mit den eigenständigen Bedürfnissen von Jugendlichen ineinander und führen im Wechselspiel zu einer schleichenden Ausbreitung rechtsextrem-orientierter Alltagskultur. Heute existieren rechtsextrem mitbestimmte Lifestyle-Bewegungen mit eigener Kulturindustrie und eigenen Sprachformen in fast allen Jugendkulturen. Rechtsextrem(-orientiert)e Ausdrucksweisen haben somit keinen subkulturellen Charakter mehr, sondern sind Teil des jugendkulturellen Mainstreams geworden. Die breite Angebotspalette führt teilweise zu einer rechtsextremen Ästhetisierung des Alltäglichen, in dem die Gesinnung auf kultureller Ebene ausgelebt werden kann, ohne an politischen Aktionen teilzunehmen.

Musik als Einstiegsdroge und Medium der Ideologisierung im Alltag

Musik hat als Medium zur Verbreitung rechtsextremer Inhalte nach wie vor eine herausgehobene Bedeutung. Die strategische Grundüberlegung, die hinter dem Engagement rechtsextremer Strukturen in diesem Bereich steht, ist denkbar einfach: Durch populäre Musik und eingängige Melodien lassen sich rechtsextreme Botschaften leichter an Jugendliche vermitteln als mit herkömmlichen politischen Mitteln: ''Eine Gruppe zu hören, die man gut findet macht viel mehr Spaß als eine politische Versammlung. So erreichen wir viel mehr Leute''. (3)

Rechtsextrem(-orientiert)e Musik gibt es heutzutage in unterschiedlichsten Formen und Stilrichtungen. Rechtsextreme Texte und Gesinnungen finden sich inzwischen nicht nur im klassischen Rechtsrock, sondern auch im Metal, Darkwave, Techno, HipHop sowie in der Schlagermusik und bei Liedermachern. Durch den Prozess der Pluralisierung lässt sich rechtsextrem(-orientiert)e Musik heute nicht mehr in erster Linie am Stil, sondern vor allem durch die Aussagen in den Texten und den Gestus der Musiker/innen als solche identifizieren. (...) Inhalte und Choreographien'' rechtsextremer Liedtexte machen Jugendlichen Identifikationsangebote zur Bewältigung von Krisensituationen und betten diese in einen ideologischen Bezugsrahmen ein. Dieser soll den Hörenden das Gefühl vermitteln, dass sich die realen Komplikationen der modernen Welt und der eigenen Lebenslage erklären und auflösen lassen – und zwar im Sinne rechtsextremer Weltbilder und Erklärungsansätze.(...) Die Botschaft lautet: "Du bist nicht allein, deine Misere ist Teil unseres Kampfes" Aufgelöst wird dieser Zustand erst im "richtigen" Deutschland. Dort wird sich die jetzige Verliererposition in eine Zugehörigkeit zur Elite verwandeln. Somit können sich die Hörenden als Teil einer Zeitgeistbewegung wähnen. (...)

Kleidung, Codes und Symbole – Jugendkultureller Lifestyle

Mit der Ausbreitung rechtsextremer Musikangebote in unterschiedlichsten Musikrichtungen hat Rechtsextremismus auch Eingang in die damit jeweils verbundenen jugendkulturellen Szenen gefunden. Besonders augenscheinlich sind Pluralisierung und Subversion des rechtsextremen Lifestyles bei Stilen, die zunächst nicht mit rechtsextremen Weltbildern vereinbar scheinen, wie dem HipHop oder Reggae. Da sie Schwarzen Traditionen entstammen, scheinen sie mit dem für den Rechtsextremismus konstitutiven Rassismus grundsätzlich nicht vereinbar zu sein. Und doch bieten rechtsextreme Versände ihren Kund/innen z.B. Kleidungsstücke an, die an den HipHop-Style erinnern. Rechtsextrem-orientierte Jugendliche können heute aus einer breiten Palette von Stilen wählen. Sie können ihre Orientierung nach außen eindeutig demonstrieren, wie dies z.B. in der rechtsextremen Skinheadkultur der 90er Jahre üblich war, müssen dies aber nicht mehr zwangsläufig. In Berlin eignen sich Rechtsextreme zunehmend auch linkskulturelle Ausdrucksformen an und deuten sie um: Vom schwarzen Kapuzenpulli über die Ikone Che Guevara bis hin zum ''Pali-Tuch''.(4) Durch die Übernahme kultureller Codes, Outfits, aber auch von Aktionsformen der linken Autonomen der 80er Jahre gelingt es Teilen der Berliner Rechtsextremen, sich einen sozialrevolutionären Anstrich zu geben. Auch sie nutzen die besondere Attraktivität, die das Rollenmodell des coolen und militanten Rebellen ''gegen Bullen und Staat'' für Jugendliche besitzt. Die Übernahme von kulturell links besetzten Outfits ist aber auch Teil eines ''Versteckspiels'' organisierter Rechtsextremer, das auf die Verwirrung von Polizei und Zivilgesellschaft setzt, die mit rechtsextremer Jugendkultur für lange Zeit vor allem den rechtsextremen Skinhead verbanden.(5)

Kulturelle Subversion kann auch umgekehrt verlaufen, indem rechtsextrem konnotierte Stile, die nicht von jedem/r auf den ersten Blick als solche wahrnehmbar sind, von Rechtsextremen gezielt lanciert werden und sich so allmählich im Alltag ausbreiten. Ein Beispiel hierfür ist die Bekleidungsmarke ''Thor Steinar''. Trotz einer antifaschistischen Aufklärungskampagne über die der rechtsextremen Szene nahe stehenden Produzenten und den engen Zusammenhang der verwendeten nordischen Runensymbolik mit rechtsextremen Weltbildern wird diese Marke in gängigen Bekleidungsgeschäften verkauft und gelangte zu einer breiteren Akzeptanz auch bei nicht-rechtsextremen Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Finden rechtsextrem konnotierte ästhetische Formen größere Verbreitung, werden sie als äußerlich wahrnehmbares Bekenntnis zur rechtsextremen Szene zunehmend unbrauchbar. Für diesen Identifikations- und Bekenntnisbedarf wird Bekleidung mit eindeutigen Aufdrucken wie ''Nationaler Sozialist'', ''White Power'' oder Marken wie ''Walhalla'', "Masterrace'' oder ''Consdaple'' nach wie vor angeboten und genutzt.

Als Bekenntnis zu einer rechtsextremen Orientierung werden auch Codes und Symbole genutzt, insbesondere dann, wenn es um strafrechtlich relevante Inhalte geht, die es zu chiffrieren gilt. Sie tauchen in Liedtexten, auf CD-Cover, als Aufdrucke oder Aufnäher, Schmuck, Jackenembleme, Autokennzeichen oder Grußformeln auf. Sie haben wie in jeder anderen Jugendkultur den zusätzlichen Reiz, dass mit ihnen Botschaften an Gleichgesinnte gesendet werden können, ohne dass Nicht-Eingeweihte dies mitbekommen. Dem politischen Gegner gegenüber, der sie erkennt, dienen sie als Provokation, da die Jugendlichen für das entsprechende Bekenntnis nicht strafrechtlich belangt werden können.

Als zumeist nur Insidern bekannte Codes werden u.a. Zahlenkombinationen verwendet, die sich auf die Buchstaben des Alphabets beziehen, also z.B.''18'' für Adolf Hitler oder ''28'' für das internationale neonazistische Musiknetzwerk ''Blood & Honour'', dessen deutsche Sektion 2000 verboten wurde. Zur rechtsextremen Symbolik in diesem Sinne gehören außerdem nicht-verbotene Symbole mit nationalsozialistischer Tradition, wie die ''Schwarze Sonne'' als Kult-Symbol der SS oder solche mit Bezügen zur ''heidnisch-germanischen Tradition'' in NS-Interpretation wie der ''Thorshammer'' oder Kleidungsstücke mit Bekenntnissen zu dem heidnischen Gott ''Odin statt Jesus''.

Rechtsextrem-orientierte Jugendliche haben somit inzwischen viele Wahlmöglichkeiten bezüglich ihrer kulturellen Identifikation. Sie können sich für verschiedenste Musikrichtungen interessieren, ihre Haare tragen wie sie wollen und entscheiden, ob sie ihre Orientierung nach außen manifestieren wollen oder nicht. (...) Sie können dementsprechend entweder kulturelle Patchwork-Identitäten leben oder sich umfassender mit Rechtsextremismus identifizieren. (...)