Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Die Gesichter der NPD

"...dass wir es wiederbekommen, unser Deutsches Reich!!"


8.11.2006
Zwischen Revisionismus, Aktionismus und taktischer Medien- und Sozialarbeit: Die NPD der Gegenwart hat sich verjüngt und agiert in vielen Bereichen.

Der sächsische NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel spricht am 4. Juli 2007 im Landtag in Dresden.Der sächsische NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel spricht am 4. Juli 2007 im Landtag in Dresden. Gansel hatte am 21. Januar 2005 im sächsischen Landtag vom "Bomben-Holocaust von Dresden" gesprochen. (© AP)

Bis zum 5. November konnte geboten werden. Bei ebay stand unter NPD unter anderem eine Wahlkampfzeitung der NPD aus Mecklenburg-Vorpommern zur Auktion an, neben weiterer NPD-Propapaganda. Der Titel der Broschüre: "Es reicht" mit der Headline: "Arbeit für Deutsche in Deutschland." Der Versteigerer, laut Absender ein Hooligan aus Malchin, fügte als Kommentar dazu, dass er die Broschüre gleich 50 mal im Angebot habe. Ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung kommentierte er: "
... Diese Zeitung ist ideal für schulungen anderer kreisverbände, ortsgruppen oder freien organisationen, die nicht aus den schönen mecklenburg und pommern kommen. in dieser Zeitung können sie sehen wie verbesserungsvorschläge der npd aussehen, und wie probleme gelöst werden können. viel spass beim bieten, sollten fragen auftreten bitte unter folgender e-mail adresse...."
Perfekter lässt sich ein Internetauktionshaus nicht als ideologische Plattform missbrauchen. Wäre dies ein Einzelfall, der Vorgang wäre keiner Rede wert, aber zeitgleich gab es noch mehrere solcher, in dieser Art kommentierter 'Einzelposten' im Angebot, vom "NPD-Informationspaket" bis hin zur Faltbroschüre mit dem Slogan "Knallharte Oppositionspolitik". Darauf abgebildet eine Faust. Auf diese Weise zu werben, ist derzeit nicht die einzige List der NPD und ihrer Anhänger, a) um aufzufallen und b) um Zulauf in bürgerlichen Jugendmilieus zu gewinnen.

Dazu dient nicht nur Gedrucktes. Seit September 2006 gehören auch selbstgedrehte Video-Nachrichten dazu, zunächst über die Videostream-Website "Youtube" ausgestrahlt und eine Zeitlang nahezu wöchentlich produziert. Initiator war der damalige hessische NPD-Vorsitzende, der damals erst 23-jährige Marcell Wöll. Verkleidet wie ein Nachrichtensprecher verpackte er NPD-Propaganda in Tagesschau-Design. Dass Medien das Thema aufgriffen und 'youtube' ihn kurze Zeit darauf aus dem Angebot nahm, war augenscheinlich Kalkül. Seitdem war Wöll und sein Projekt in der braunen Szene populär und der NPD-Jungfunktionär bot seine "kritischen Nachrichten" nicht nur bei der NPD, sondern auch auf anderen einschlägigen braunen Websites an, ganz offen in Kooperation mit dem neonazistischen "freien Widerstand".

"Vier-Säulen-Konzept"



Im Angebot einer seiner ersten Sendungen (vom 29.10.2006) ein Themenmischmasch von Häme über den Zentralrat der Juden, Kritik an Arbeitsbedingungen eines NPD-Abgeordneten im Frankfurter Römer und Lamentieren über Nachtfluglärm. Und als Reportage Bilder einer nächtlichen Demonstration von Neonazis, die vor dem Wohnhaus eines vermeintlichen Kinderschänders in Marburg die "Todesstrafe" für seinesgleichen forderten. Als "Nachrichtenprojekt von nationalbewußten Deutschen" wurde das Unternehmen bezeichnet, für das der damalige NPD-Stadtrat aus Butzbach in der Neonaziszene warb, die er gerne jugendgerecht ausweiten wollte. Nach seiner Wahl Ende Mai 2006 hatte er gemeinsam mit Hessens JN-Vorsitzendem Simon Zimmermann in Wölfersheim ein "Vier-Säulen-Konzept" präsentiert, wie er ähnlich bereits in Teilen Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns von der NPD ausprobiert und umgesetzt worden ist, nachlesbar auf www.npd-hessen.de:
"1.) Der Kampf um die Dörfer mittels Verteilaktionen, Stützpunktgründungen u.ä., 2.) der Kampf um die Schulen, z.B. durch das Stellen von Klassen- und Schulsprechern, 3.) die Zusammenarbeit mit den Kameradschaften und 4.) die Intellektualisierung der Jugend mittels Schulungslagern und Gründung eines nationalen Bildungswerks."
Genau dies wurde erfolgreich auch in Mecklenburg-Vorpommern erprobt, wo die NPD sogar örtliche Kindergeburtstagsfeiern mit Hüpfburgen, soziale Suppenküchen und Bürgerinitiativgründungen organisiert, die sich lokale Probleme zum Ausgangspunkt nehmen. Und geschickt wird geködert. Jugendliche werden, was sie in ihrem Selbstewertgefühl ehrt, auf dem Schulhof oder an der Bushaltestelle von etwas Älteren unverfänglich zu Parties oder Konzerten eingeladen, dort wird Hausaufgabenhilfe offeriert, werden Zeltlager angeboten oder andere 'kameradschaftliche' Zusammenkünfte, wie Günter Hoffmann von der Initiative "Bunt statt Braun" in Anklam auf Nachfrage berichtet. "Die Ideologisierung steht zunächst hinten an, sie folgt schleichend und keineswegs beim ersten Mal". In Hessen wurde 2006 ein weiterer Weg erprobt, den inzwischen andere NPD-Kreisverbände nachahmen. Der NPD-Kreisverband Main-Kinzig bot via Homepage "NPD-Jugendhilfe" an, zu der Jugendliche gänzlich unverfänglich eingeladen wurden. "Jeder Jugendliche, aber auch Eltern, die Probleme haben", können sich per "E-Post" melden, wie die NPD, e-mails eingedeutscht hat. Weiter heißt es:
"Sobald wir Dein Hilfeersuchen haben, werden wir schauen, wer von uns am besten geeignet ist, Dir zu helfen. Der wird dann umgehend mit Dir Kontakt aufnehmen. Die weitere Vorgehensweise hängt natürlich in erster Linie von Deinem Problem ab. Handelt es sich einfach nur darum, dass man Dir mit einem Ratschlag helfen kann, wird das schnell geregelt, indem wir Dir eine E-Post oder einen Brief schicken. Natürlich können wir Dich auch anrufen, wenn Dir das lieber ist. Geht es um ein Problem, bei dem wir persönlichen Kontakt aufnehmen müssen, werden wir ein Treffen vereinbaren. Generell ist es, vor allem bei komplexeren Problemen sinnvoller, wenn es zu einem persönlichen Treffen kommt....". (http://www.npd-mainkinzig.de/Jugendhilfe.htm).


"Völkische" Ideologie der Alten in neuer Verpackung



Auf diese Weise werben in der NPD immer weniger graumelierte Herren offen für eine Renaissance des Nazireichs, sondern immer mehr junger Leute erstecken die "völkische" Ideologie der Alten in neuer Verpackung.

Für die NPD zahlt sich dabei aus, eine zielgerichtete Nachwuchspolitik betrieben zu haben. Immer häufiger rücken geschulte Nachwuchskräfte aus den Reihen der Jugendbewegung der NPD, den "Jungen Nationaldemokraten (JN)" in Spitzenfunktionen auf. Diese Kaderschmiede versteht sich "als weltanschaulich-geschlossene Jugendbewegung neuen Typs mit revolutionärer Ausrichtung und strenger innerorganisatorischer Disziplin, deren Aktivisten hohe Einsatz- und Opferbereitschaft abverlangt wird". Ihre Mitglieder streben danach, so hieß es 2006 in einer Selbstbeschreibung des JN-Bundesvorstands auf der "Heimatseite" der JN im Internet: "das Leitlied des politischen Soldaten zu verkörpern". Man versteht sich als "Vorhut eines anderen Deutschlands. Eines Deutschlands, welches ein auf der Solidaritätsgemeinschaft der deutschen Stämme begründetes neuen Reich sein wird."

Völkisches, rassistisches und nationales Gedankengut werden dabei bunt vermischt – und Antikapitalistisches hinzugefügt und in Slogans der Linksautonomen gewildert. Für einen "antikapitalistischen Nationalen Sozialismus" wird geworben, der in seinem Wesen letztendlich dem Nationalsozialismus entspricht. Zielbewusst werden auf Demontrationen von Anhängern dieser Szene immer wieder Transparente mit der Forderung nach einem "Nationalen Sozialismus" mitgeführt, keine Neuschöpfung, sondern eine juristische Notlösung, denn stünde dort von vorherein "Nationalsozialismus" hätte die Polizei einen unmittelbaren Anlass, einzuschreiten.

Ihren Mitakteureren bietet die JN eine Mixtur aus Abenteurtum, Kameradschaftsgeist und Politisierung. Als Rezepte werden ganz offen genannt:
"- Überregionale Öffentlichkeitsaktionen (Kundgebungen, Demos ...) - Herausgabe verschiedener Schüler- und Jugendmagazine - Bildung geistiger Grundlagen mittels zielgerichteter Schulungen - Gezielte provokante Protestaktionen, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen - öffentliche Plakatier- und Verteilaktionen, Infostände, Korsofahrten und Mahnwachen - Regionale Informations- und Kameradschaftstreffen zur Aufbauhilfe für ortsansässige Kameradinnen und Kameraden. Um das Kameradschaftsbewußtsein unserer Bewegung zu stärken, erstrecken sich unsere Aktivitäten auch auf: - Zeltlager und kulturelle Wochenendveranstaltungen - Fahrten in die deutschen Länder und ins europäische Ausland - Treffen und Aktionen mit europäischen Kameradinnen und Kameraden - Orientierungsmärsche und sportliche Aktivitäten - Ausrichtung traditioneller Feiern und Gedenkveranstaltungen. Mit unserem jugendpolitischen Konzept streben wir Junge Nationaldemokraten die Politisierung der deutschen Jugend an."