Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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26.5.2002 | Von:
Wilfried Schubarth

Pädagogische Konzepte als Teil der Strategien gegen Rechtsextremismus

In der aktuellen Debatte um die Bekämpfung des Rechtsextremismus spielen pädagogische Strategien bisher kaum eine Rolle. Als Bestandteil gesamtgesellschaflicher Strategien gegen Rechtsextremismus sind pädagogische Konzepte jedoch unverzichtbar.

Einleitung

Was tun gegen Rechtsextremismus? Diese Frage bestimmt seit Wochen und Monaten die öffentliche Diskussion. Ausgelöst wurde die neuerliche Debatte durch den Düsseldorfer Bombenanschlag Ende Juli, bei dem sechs der neun Opfer jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion waren. Der Anschlag weckte offenbar Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und führte zu einem (medial inszenierten) gesellschaftlichen Aufschrei, einer damit verbundenen geschärften bzw. wiedergewonnenen Wahrnehmung von Rechtsextremismusphänomenen und einer verstärkten Suche nach Gegenstrategien. Welche Bedeutung kommt in der aktuellen Rechtsextremismus-Debatte den pädagogischen Gegenstrategien zu? Welche schulischen und außerschulischen Konzepte im Umgang mit Rechtsextremismus gibt es und wie sind diese zu bewerten?


I. Statt konjunkturelle Debatten mehr Versachlichung und Kontinuität

Die gegenwärtige Debatte um Rechtsextremismus ist bereits die dritte ihrer Art in den vergangenen zehn Jahren. Die erste große Debatte fand Anfang der neunziger Jahre statt als Folge der einsetzenden seriellen fremdenfeindlichen Gewalttaten (1991-1993), die zweifellos eine neue Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland darstellten. Schwerpunkte der damaligen Diskussion waren die neuen Formen der rechtsextremen Gewalt, der Konflikt um die Asylfrage, die Suche nach den Ursachen und [1]nach (pädagogischen) Bearbeitungsmöglichkeiten. Die öffentliche Diskussion bewirkte nicht nur eine intensive Beschäftigung mit dem Thema seitens der Wissenschaft, sondern auch eine stärkere pädagogische Hinwendung zu den gefährdeten Jugendlichen - unterstützt durch Sonderprogramme des Bundes und der Länder (z. B. Aktionsprogramm der Bundesregierung gegen Aggression und Gewalt von 1992 bis 1996). Der wissenschaftliche Ertrag dieser Debatte ist in vielen Publikationen dokumentiert worden.

Die zweite Welle der Rechtsextremismus-Debatte setzte mit dem spektakulären Erfolg der rechtsextremen DVU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Frühjahr 1998 ein und war geprägt durch solche Themenschwerpunkte wie der wachsende Zulauf Jugendlicher zu rechtsextremen Parteien, die Schaffung 'national befreiter Zonen', die Verbreitung 'rechter Kameradschaften' und 'rechter Musik', kurz: die Etablierung einer 'rechtsextremen jugendlichen Alltagskultur' besonders in Ostdeutschland. Neben der 'Ostlastigkeit' war für diese Debatte kennzeichnend, dass - im Unterschied zur Diskussion Anfang der neunziger Jahre - die Politik kaum Notiz von ihr nahm. Obwohl die damaligen Medienberichte denen von heute gleichen, war die 'kritische Masse' der öffentlichen Diskussion offenbar zu gering, so dass die Impulse schnell verpufften und folgenlos blieben. Über mögliche Gegenstrategien wurde nicht (mehr) debattiert, pädagogische Projekte mussten um ihre Existenz kämpfen.

Diese (zumindest zeitweise) Ausblendung bzw. Unterschätzung des Rechtsextremismusproblems seitens der Politik in den vergangenen Jahren erklärt auch, warum die gegenwärtige Diskussion, also die dritte Debatte innerhalb weniger Jahre, so emotional und wenig sachlich, z. T. auch so hilflos geführt wird, als hätte es die Diskussionen in den Jahren zuvor nicht gegeben. Geblieben ist in der momentanen Diskussion der Themenschwerpunkt 'ostdeutsche Jugend', geblieben ist auch der geringe Stellenwert, dem der pädagogischen Arbeit beigemessen wird. Geprägt wird die augenblickliche Diskussion vor allem durch folgende Themenschwerpunkte: der Ansehensverlust für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland, die Gefahren der Verbreitung von Rechtsextremismus und Rassismus durch das Internet, die Bekämpfung des Rechtsextremismus durch verstärkte Repression, vor allem durch Polizei und Justiz, ein mögliches Verbot der NPD sowie moralische Appelle an die Bürger.

Angesichts der Komplexität des Phänomens 'Rechtsextremismus' erscheint die gegenwärtige Thematisierung reichlich verkürzt und einseitig. Zu einer sachliche Debatte könnte es dann kommen, wenn die Diskussionen weniger durch Konjunkturen, Rhetorik und Rituale, sondern mehr durch Kontinuität und Koninuitätsbewusstsein bestimmt wäre. Dies würde auch die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit der Bemühungen gegen Rechtsextremismus erhöhen.[2]

II. Pädagogische Arbeit als Bestandteil gesamtgesellschaftlicher Strategien

Ähnlich wie die gesamte Rechtsextremismus-Debatte unterliegt auch die pädagogische Arbeit und die ihr zugeschriebene Funktion beim Umgang mit Rechtsextremismus bestimmten Konjunkturen und Modewellen. Ihre gesellschaftlich zuerkannte Rolle schwankt dabei zwischen Über- und Unterschätzung, zwischen 'Allheilmittel' und 'wirkungslosem Mittel'. Während noch zu Anfang der neunziger Jahre in der pädagogischen Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen ein Schwerpunkt des Umgangs mit Rechtsextremismus gesehen wurde und entsprechende (Modell-) Projekte initiiert und gefördert wurden, sind seither Tendenzen der Abwertung und Ignoranz gegenüber der Pädagogik in der gesellschaftlichen Diskussion um Rechtsextremismus zu beobachten.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind diese im Wesen pädagogischer Prozesse zu suchen, die nicht einem technologischen Raster folgen, sondern auf Unsicherheit und Risiko beruhen. Konkrete Wirkungen und Erfolge sind in der pädagogischen Arbeit zudem nur schwer messbar. Annahmen oder Versprechungen, rechtsextreme Jugendliche könnten durch pädagogische Intervention möglichst rasch wieder auf den Pfad der Tugend zurückzugeführt werden, müssen demzufolge Schiffbruch erleiden. So haben möglicherweise die in der Öffentlichkeit entstandenen überzogenen Erwartungen und die wahrgenommenen (zu) geringen Wirkungen der pädagogischen Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen zu dem Ansehensverlust der Pädagogik beigetragen.

Gegen diese These ist allerdings folgendes einzuwenden: Gelingende pädagogische Arbeit, die auf der grundsätzlichen Annahme von der Bildsamkeit und Erziehbarkeit des Menschen basiert, setzt Langfristigkeit und Kontinuität voraus, damit sich ein stabiles Vertrauensverhältnis, ein 'pädagogischer Bezug' herausbilden kann. Persönliche Entwicklungsprozesse finden dann statt, wenn das Verhältnis zu den jungen Menschen sowohl von Akzeptanz als auch von Anforderungen bzw. Konfrontation geprägt ist. Dies wiederum verlangt eine hohe Professionalität der Pädagogen ('Erziehung der Erzieher'), insbesondere ein hohes Maß an sozialer (Selbst-)Kompetenz. Demgegenüber leidet schulische wie außerschulische erzieherische Arbeit häufig an Zeitknappheit, Diskontinuität und mangelnder Professionalität, was u. a. auch auf die finanzielle Unterversorgung in diesen Bereichen zurückzuführen ist. Mit ABM-Kräften, die nicht über die erforderliche Qualifikation verfügen, oder LehrerInnen, die sich als bloße Wissensvermittler verstehen, ist jedoch keine wirksame pädagogische Arbeit zu machen - schon gar nicht, wenn es sich um rechtsextreme Jugendliche handelt.

Die immer wieder vorgebrachte Kritik, Pädagogen seien bei der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Jugendlichen schlichtweg überfordert und betrieben gar 'Glatzenpflege auf Staatskosten' übersieht nicht nur die vielen positiven Beispiele; sie verkennt vor allem, dass Pädagogik als Teil der Gesellschaft auf gesellschaftliche Unterstützung angewiesen ist, die ihr in vielen Fällen nicht ausreichend gewährt wird. Sie übersieht auch, dass pädagogische Arbeit selbstverständlich auch Grenzen hat. Diese liegen insbesondere dort, wo politische, ökonomische und soziale Faktoren die pädagogischen Einflussmöglichkeiten stark einengen. Damit soll kritikwürdiges Verhalten mancher Lehrer und Sozialarbeiter, die die Auseinandersetzung mit rechtsextremen Jugendlichen scheuen oder gar mit ihnen sympathisieren, nicht entschuldigt oder verharmlost werden. Vielmehr soll der Blick auf Versäumnisse in der Aus- und Fortbildung der PädagogInnen sowie auf Defizite in der politischen Kultur gelenkt werden. Isoliert kann pädagogisches Handeln nur wenig bewirken, als Bestandteil gesamtgesellschaftlicher Bemühungen gegen Rechtsextremismus ist Pädagogik jedoch unersetzbar. Pädagogische Strategien stellen ein Element einer erforderlichen Gesamtstrategie dar, die vor allem folgende Ebenen umfassen sollte[3]

Ökonomisch-soziale Ebene

Um den Nährboden für Rechtsextremismus zurückzudrängen, bedarf es des Abbaus sozialer Ungleichheiten und der Verminderung der Gegensätze zwischen Arm und Reich. Insbesondere unter den Bedingungen einer Medien-, Konsum-, Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft geraten Kinder und Jugendliche, die ihre soziale und personale Identität erst entwickeln müssen, schnell an den Rand der Gesellschaft. Deshalb sind für Jugendliche das Vorhandensein realer Chancen für angemessene Lebensperspektiven, insbesondere eine abgeschlossene Berufsausbildung und ein gelungener Übergang in den Beruf lebenswichtig. Entsprechende Forderungen lassen sich hieraus für die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik sowie die Sozial-, Familien- und Bildungspolitik ableiten.

Politische Ebene

Hier gilt es vor allem, die Gestaltungsfähigkeit der Politik unter Beweis zu stellen und einer Ethnisierung sozialer Problemlagen z. B. durch eine transparente Einwanderungspolitik entgegenzuwirken. Mit Blick auf die gesellschaftliche Rolle der Jugend bedarf es eines grundlegenden Einstellungswandels, der Herausbildung einer 'Kultur des Dialogs' mit der Jugend, z. B. im Rahmen einer 'Neuverhandlung' des Generationenvertrages. Zentral ist weiterhin die Entwicklung der politischen Kultur, insbesondere die Ausprägung und Festigung eines demokratischen Wertekonsens (z. B. Garantie der Menschen- und Grundrechte). Dafür tragen alle gesellschaftlichen Akteure, insbesondere die politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten, große Verantwortung. Das gilt ebenso für die Massenmedien, deren Bedeutung für die Herausbildung eines demokratischen Meinungsklimas kaum überschätzt werden kann.

Die Ebene der Polizei und Justiz

Polizei und Justiz können das Problem des Rechtsextremismus allein nicht lösen - sie können aber durch professionelle Arbeit, insbesondere durch rasches und konsequentes Handeln zur deutlichen Grenzziehung beitragen und Schlimmeres verhüten helfen. Darüber hinaus kann auch präventive Arbeit geleistet werden (z. B. durch Kampagnen zur Normverdeutlichung, durch die Arbeit von Sonderkommissionen oder die Entwicklung von 'gemeindeorientierter Polizeiarbeit').

Ebene der Kommune

Die Bedeutung der Kommune für die Herausbildung rechtsextremistischer und fremdenfeindlicher Denk- und Verhaltensweisen ist in den letzten Jahren immer wieder nachgewiesen worden. Lokale Präventionsansätze gewinnen deshalb zunehmend an Gewicht. Im Mittelpunkt steht dabei das politische Klima in den Städten und Gemeinden, das stark von den lokalen Akteuren und deren Zusammenwirken geprägt wird. Die Präventivwirkung einer lokalen politischen Kultur im Sinne der Herausbildung einer zivilgesellschaftlichen, demokratischen Kultur kann durch das Wirken kommunaler Präventionsgremien und lokaler Bündnisse für Toleranz und Demokratie gefördert werden.

Alltagsebene

Auf der Alltagsebene ist eine Verminderung von Desintegrationserfahrungen für Kinder und Jugendliche durch Integrationsangebote und identitätsstabilisierende Milieuangebote anzustreben, z. B. durch schulische und außerschulische Jugendarbeit, durch Ausbau von sozialpädagogischen Beratungs-, Hilfs- und Förderangeboten besonders für gefährdete Jugendliche. Notwendig bleibt eine kommunalpolitische und bildungspolitische De-batte über die Jugend. Demokratie sollte für Kinder und Jugendliche im Alltag mehr erlebbar sein, vor allem in Schule, Ausbildung, Beruf usw. Durch die Entwicklung einer 'Kultur der Anerkennung' können solche für Heranwachsende wichtigen Erfahrungen wie Solidarität, Gemeinschaft und Prosozialität in den verschiedenen Sozialisationsinstanzen ermöglicht werden.

Ebene der Pädagogik und der politische Bildung

Hierbei geht es z. B. um den Erwerb von Lernkompetenzen und von Kompetenzen beim Umgang mit Unsicherheiten, Ängsten usw. - jenseits einfacher Erklärungen und Sündenbock-Mechanismen. Weitere Aufgaben sind u. a. die Förderung eines stabilen Selbstwertgefühls, die Entwicklung von moralischer Urteilskompetenz und politischer Mündigkeit, die Vorbereitung auf die ethnische und kulturelle Pluralisierung der Gesellschaft, die Befähigung zum kritischen Umgang mit veröffentlichter Meinung (z. B. 'Bedrohungsszenarien'), die Entwicklung von alternativen Verarbeitungsformen von Konflikt- und Problemlagen usw. Dabei ist auch eine verstärkte Kooperation von politischer Bildung und Jugendarbeit sinnvoll, können doch die betreffenden Jugendlichen meist nur über die aufsuchende Jugendarbeit erreicht werden.

Als Teil gesellschaftlicher Gesamtstrategien setzen pädagogische Konzepte gegen Rechtsextremismus auf verschiedenen Ebenen an und zielen auf unterschiedliche Adressatengruppen. Mindestens vier Zielgruppen sind zu unterscheiden, die jeweils spezifische Zugänge erfordern, wobei die Übergänge zwischen den Gruppen fließend sind. Auch Prävention und Intervention liegen mitunter dicht beieinander und gehen ineinander über[4]:
  1. Pädagogische Arbeit mit sogenannten 'Normaljugendlichen': Durch die Förderung von Toleranz und Demokratiefähigkeit wird rechtsextremem Denken und Verhalten vorgebeugt. Diese Arbeitsformen, die der primären Prävention entsprechen, bilden eindeutig den Schwerpunkt schulischer und außerschulischer Arbeit gegen Rechtsextremismus und dürfen keinesfalls - wegen der nicht unmittelbar sichtbaren Effekte - geringgeschätzt werden.
  2. Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen ohne feste Cliquenbindung: Durch aktive Einbeziehung in verschiedene Formen der schulischen wie außerschulischen Jugendarbeit, insbesondere durch die Ermöglichung prosozialer Erfahrungen, aber auch durch gezielte Aufklärungsarbeit kann der Verfestigung rechtsextremer Haltungen entgegengewirkt und die Entwicklung demokratischer Denkweisen gefördert werden. Neben der primären Prävention, also der allgemeinen Kompetenzförderung, ist hier auch sekundäre Prävention angezeigt, d. h. kontext- und individuumsbezogene Maßnahmen (z. B. sport-, abenteuer- oder erlebnispädagogische Ansätze, gezielte Jungenarbeit).
  3. Pädagogische Arbeit mit rechtsextremen Cliquen: Die Arbeit mit diesen Gruppen ist ein heikles und sensibles Feld, da die Gruppen in eine offene Arbeit mit anderen Jugendlichen nur schwer zu integrieren sind. Hier helfen meist nur spezielle sozialpädagogische Konzepte weiter, z. B. das der 'Akzeptierenden Jugendarbeit' oder das des konfrontativen Ansatzes ('Anti-Aggressivitäts-Training'). Gefragt sind neben der sekundären Prävention auch Formen der tertiären Prävention, d. h. korrektiv-personale Interventionen, die durch spezielle Trainingsprogramme oder Verfahren (z. B. Täter-Opfer-Ausgleich) Verhaltensmodifikationen bewirken können.
  4. Arbeit mit Jugendlichen in rechtsextremen Kameradschaften bzw. Organisationen: Hier stößt die pädagogischen Arbeit schnell an Grenzen. Die Möglichkeiten des sozialpädagogischen Handelns bleiben hier auf die Beratung und Begleitung von Aussteigern beschränkt.
Möglichkeiten und Grenzen pädagogischer Arbeit gegen Rechtsextremismus wurden in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Die Diskussion entzündete sich besonders an der 'Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen', also an der Arbeit mit auffällig gewordenen Jugendlichen, während die präventiven Leistungen der Pädagogik zumeist ausgeblendet wurden. Kritikpunkte waren u. a. die geringe Wirksamkeit dieser Arbeit sowie die möglichen Folgen einer 'Sozialpädagogisierung' des Rechtsextremismusproblems. Pädagogik könne politisches Handeln nicht ersetzen und dürfe sich von der Politik nicht instrumentalisieren lassen. Notwendig sei vielmehr eine Politisierung des Problems. Zugleich wurde vor einer Stigmatisierung der betreffenden Jugendlichen gewarnt. Neben diesen Kritiken gab es auch Positionen, die jede pädagogische Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen ablehnten und vorrangig auf repressive Maßnahmen setzten - Positionen, die auch gegenwärtig wieder stärker Fuß zu fassen scheinen. Die Kontroverse um die 'Sozialpädagogisierung' des Rechtsextremismus-Problems schärfte das Verständnis von den Möglichkeiten und Grenzen pädagogischer Arbeit. Es wurde deutlich, dass pädagogische Arbeit im Umgang mit Rechtsextremismus allein nicht ausreicht, sondern dass diese vielmehr eingebettet sein muss in vielschichtige gesamtgesellschafliche Bemühungen.

III. Schulische Konzepte gegen Rechtsextremismus

Die Debatten um 'Jugend und Rechtsextremismus' in den neunziger Jahren haben die Suche nach pädagogischen Präventions- und Interventionskonzepten spürbar intensiviert[5]. Mit Blick auf die Institution Schule wurde deutlich, dass Lehrerinnen und Lehrer durchaus vielfältige Möglichkeiten besitzen, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun, dass diese aber häufig nicht genügend genutzt werden. Die schulischen Möglichkeiten liegen vorrangig im präventiven Bereich, indem dem sozialen, demokratischen und interkulturellen Lernen im Schulalltag gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird. So lassen sich für die schulische Präventionsarbeit vor allem folgende unterrichts- und schulspezifischen Handlungskonzepte erkennen:

- Erfahrungslernen in einer demokratischen Schulkultur: Durch die Einbeziehung der Schüler in die Gestaltung von Schule und Unterricht lernen Kinder und Jugendliche, Verantwortung zu übernehmen, andere Meinungen zu achten, Kompromisse zu schließen und gewaltfreie Konfliktlösungen zu finden. Dazu dienen auch spezielle Programme zum sozialen Lernen oder zur Streitschlichtung.

- Förderung politischer und ethischer Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz: Politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit bleibt weiterhin eine der Hauptaufgaben der Schule. Diese darf sich allerdings nicht in Belehrungen erschöpfen, vielmehr muss Schule selbst zum demokratischen politischen Handeln in der Schule und ihrem Umfeld anregen. Hierzu können die verschiedenen Fächer, aber auch die Projektarbeit, internationale Kontakte und das Schulleben insgesamt viel beitragen. Als fächerübergeifende Aufgabe hat politische Bildung eine wichtige Aufklärungsfunktion, indem sie die Erfahrung vermittelt, dass es in einer komplexen Welt erkennbare Strukturen und Zusammenhänge gibt, die zu beeinflussen sind.

- Immunisierende Einsichten vermitteln: Wirksamer als konkrete Unterrrichtseinheiten zum Thema 'Rechtsextremismus' ist die Vermittlung von Einsichten und Erkenntnisse über Gesellschaft und Politik, die rechtsextremen Denkweisen widersprechen und so immunisierend wirken bzw. bei rechtsorientierten Jugendlichen kognitive Dissonanzen stiften können. Dazu bedarf es bestimmter Grundqualifikationen, z. B. Empathiefähigkeit (Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel), Rollendistanz (kritische Prüfung zugemuteter Anforderungen), Ambiguitätstoleranz (Fähigkeit zum Ausbalancieren uneindeutiger Situationen) und kommunikative Kompetenz, die Schule befördern kann.

- Interkulturelles Lernen fördern: Schule kann viel dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kulturen gemeinsam miteinander und voneinander lernen. Dies darf sich nicht nur auf gemeinsame Feste beschränken, sie muss vielmehr auf individuelle, auch problematische Erfahrungen in der Gesellschaft reagieren. Die Palette der Projekte gegen Fremdenfeindlichkeit ist vielfältig und reicht von der Beschäftigung mit anderen Ländern im Unterricht bis zur Verleihung des Prädikats 'Schule ohne Rassismus'.

- Mit rechtsorientierten Schülern im Gespräch bleiben, Widerpart sein: Verweigerung von Gesprächsbereitschaft führt zur Verfestigung des rechtsextremen Weltbildes, weil den Schülern erneut das Gefühl vermittelt wird, nicht ernst genommen zu werden. Gesprächsbereitschaft heißt aber nicht Nachgiebigkeit in der Sache. Lehrer müssen vorleben, wie Konfrontation in der Sache mit persönlichem Respekt vereinbar sind.

- Das Sozialklima und die Lernkultur entwickeln: Dadurch werden die Gemeinschaft gefördert und soziale Bindungen hergestellt. Dazu bedarf es der Entwicklung sozialer Kompetenzen sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern. Differenzierte Arrangements für Lernen und Erfahrung können überhöhten Leistungsdruck vermeiden helfen und Ausgrenzungen sowie Schulversagen verhindern.

In diesem Zusammenhang sind auch aktuelle Befunde der schulbezogenen Gewaltforschung von Bedeutung, die nachdrücklich belegen, wie eng der Zusammenhang zwischen dem Schulklima und der schulischen Gewaltbelastung ist[6]. Auch für den Rechtsextremismus kann deshalb angenommen werden, dass eine 'gute Schule' weniger Probleme mit Rechtsextremismus aufweist. In diesem Sinne ist eine erfolgreiche Schulentwicklung zugleich auch wirksame Rechtsextremismusprävention. Die Befunde machen zugleich deutlich, dass Schule angehalten ist, Prozesse der Identitätsbildung der Schüler stärker in den Vordergrund zu rücken. In Zeiten zunehmender Individualisierung bedarf es vor allem ich-starker Jugendlicher, die es gelernt haben, mit Konflikten umzugehen und die es nicht nötig haben, ihre Identität durch Gewalt gegenüber Schwächeren zu behaupten. Da Schule jedoch größere Erziehungsdefizite kaum kompensieren kann, ist sie auf die Kooperation mit anderen Partnern wie Familie, Jugendhilfe, Vereine, Kommune usw. angewiesen.

IV. Außerschulische Konzepte gegen Rechtsextremismus

Ähnlich wie im schulischen Bereich wurden in den zurückliegenden Jahren auch in der außerschulischen Jugendarbeit vielfältige pädagogische Konzepte und Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt erarbeitet und erprobt. Fortschritte gab es vor allem in der pädagogischen Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen. So hat sich in den neunziger Jahren eine Art 'realistische Wende' dergestalt vollzogen, dass Jugendarbeit nicht länger gegen solche Jugendliche, sondern mit ihnen betrieben wurde. Damit konnte die vormalige Hilflosigkeit im Umgang mit rechtsextremen Orientierungen bei Jugendlichen zumindest teilweise überwunden werden. Im Zuge dessen bildete sich eine Vielfalt innovativer Strategien und eine bunte Projektpraxis heraus, die auf unterschiedlichen Methodenansätzen der sozialen Arbeit und Pädagogik beruhte und die durchaus beachtlicher Ergebnissen vorzuweisen hatten. Als positive Entwicklungen beim Umgang mit rechtsorientierten Jugendlichen wurden u. a. hervorgehoben: die gewachsene Akzeptanz von Jugendarbeit als Bearbeitungsinstanz von gesellschaftlichen Problemlagen, insbesondere die Verschiebung der Gewichte im Verhältnis von Jugendhilfe und Justiz; der zunehmende Methodenpluralismus in der Jugendarbeit und die Akzentsetzung in Richtung Prozessorientierung, emotionale Anbindung, Alltagsnähe und Aktionsbezug des Lernens; die wachsende Orientierung an Lebensweltkonzepten und die Aufwertung der mobilen, bedürfnisorientierten Jugendarbeit; die Erkenntnis der Notwendigkeit geschlechtsreflektierender Arbeit; die Neubelebung der Werte-Diskussion und der pädagogischen Moral-Debatte; das Erfordernis eines koordinativen Vorgehens im Verbund mit Schule, Erwachsenenbildung, Justiz, Bewährungshilfe und Polizei; Anstöße für eine (Re-)Politisierung der Jugendarbeit; ferner die Sensibilisierung für eine Kultur der Gewaltlosigkeit sowie die Intensivierung des Dialogs von Praxis und Forschung.

Diese positiven Tendenzen wurden allerdings dadurch stark getrübt, dass aufgrund mangelnder Kontinuität und finanzieller Probleme ein Teil der entstandenen Projekte wieder verschwand bzw. immer wieder gefährdet ist. Zudem ist angesichts der gegenwärtigen Diskussion nicht auszuschließen, dass sich bei der Bearbeitung von Rechtsextremismus die Gewichte wieder von der Jugendhilfe zur Polizei und Justiz zurückverlagern, was die Möglichkeiten der Jugendarbeit weiter einschränken würde. Auf die vergangenen Jahre zurückblickend wird jedoch augenfällig, dass wir keinen Abbau der Jugendarbeit, sondern vielmehr eine Offensive der Jugendarbeit, einschließlich der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen, brauchen. Dabei lässt sich auf die folgenden tragfähigen Handlungskonzepte der außerschulischen Jugendarbeit gegen Rechtsextremismus aufbauen:

- Niedrigschwellige Arbeitsformen: Die Niedrigschwelligkeit der Angebote und die Orientierung an der Lebenswelt der Jugendlichen ist besonders in der Phase des Zugangs zu den betreffenden Kindern und Jugendlichen wichtig. Im Mittelpunkt steht hierbei das Verständnis für deren Situation, das 'Akzeptieren' und 'Annehmen', das 'Einfach-da-sein und Zuhören-Können', was aber nicht heißt, dass die Einstellungen und Haltungen der Jugendlichen gutgeheißen werden.

- Beziehungs- und erfahrungsorientierte Arbeit: Aufgrund von Inividualisierungstendenzen und tendenziell abnehmender Intensität sozialer Beziehungen wird die beziehungsorientierte Jugendarbeit immer wichtiger. Gleichzeitig muss durch die Entstrukturierung der Lebensverläufe jeder Einzelne sein Leben in einem Prozess der Verarbeitung eigener Erfahrungen und der ständigen Weiterentwicklung eigener Handlungskompetenzen selbst gestalten. Dazu braucht der Heranwachsende Hilfe und Beratung. Wichtig ist, dass der Sozialpädagoge bzw. Sozialarbeiter dabei als authentische Person mit eigenen Erfahrungen, Überzeugungen, Vorlieben, Gefühlen, Ängsten usw. auftritt. Weniger sachbezogene Überzeugungsarbeit als vielmehr personale Begegnung und Kommunikation stehen im Vordergrund. Durch den Aufbau einer Vertrauensbasis wird pädagogische Arbeit ermöglicht.

- Cliquenorientierte Arbeit: Cliquen gewinnen aufgrund veränderter Bedingungen des Aufwachsens als selbstgeschaffene Bezugssysteme für Jugendliche zunehmend an Bedeutung. Sozialpädagogische Arbeit sollte darauf hinwirken, die positiven Elemente in den Cliquen (z. B. Gemeinschaftssinn, Solidarität) zu fördern und die devianten Tendenzen zurückzudrängen bzw. begrenzen. Zugleich bedeutet soziale Arbeit mit Jugendlichen auch, den Umgang der Gesellschaft mit Jugend kritisch zu reflektieren und - wenn nötig - politische Einmischung zu praktizieren.

- Sozialräumlich ausgerichtete Arbeit: In einer zunehmend urbanisierten Lebensumwelt wird es für Kinder und Jugendliche, besonders in den Großstädten, immer schwieriger, soziale Räume, Territorien und Plätze zu finden, in denen sie sich ungestört aufhalten können und ihren Interessen und Neigungen nachgehen können. Eine wichtige Forderung der (sozial-)pädagogischen Jugendarbeit ist es deshalb, die sozialräumlichen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen und zu unterstützen.

- Beteiligungsorientierte Arbeit: Im Alltag von Kindern und Jugendlichen wird dem Bedürfnis nach Mitsprache und Mitbestimmung meist zu wenig entsprochen. Vielmehr dominieren Reglementierung und Anpassung. Eine Folge dieser Defizite können gewaltsame Artikulationsformen sein. Deshalb sollten für Jugendliche verstärkt Möglichkeiten geschaffen werden, sich selbst zu artikulieren und sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Das setzt allerdings einen längeren Lern- und Befähigungsprozess voraus.

- Infrastrukturelle Arbeit: Dieser lebensweltorientierte Handlungsansatz setzt auf die offensive Einmischung in die Lebensverhältnisse der Jugendlichen. Dabei geht es z. B. um Probleme der Ausbildung, des Wohnens, der Existenzsicherung, um Fragen der Identitätsbildung, der Entwicklung befriedigender sozialer Beziehungen usw. 'Infrastrukturelle Arbeit heißt, sich in die Konstituierung und Entwicklung der Lebensbedingungen, Lebensumstände und Lebenszusammenhänge einzumischen, auf deren Grundlage sich das Alltagsleben der Jugendlichen entwickelt und entfaltet oder aber auch erschwert oder gar blockiert wird. Durch infrastrukturelle Arbeit sollen Problembeteiligte zusammengeführt werden, damit kooperative Wege der Problembewältigung gefunden werden können. Es geht also nicht so sehr um Konfliktlösungen, sondern vielmehr um die Entwicklung von Kompetenzen zur Konfliktbewältigung, -beratung und -moderation.'[7]

- Gemeinwesenorientierte Zugänge: Ausgehend vom Konzept der 'offenen Milieubildung' (Lothar Böhnisch) und dem Ansatz der Lebensbewältigung haben sich - vor allem im Rahmen des Aktionsprogramms der Bundesregierung gegen Aggression und Gewalt (AgAG) - gemeinwesenorientierte Arbeitsformen entwickelt[8]. Diese Formen des Zusammenwirkens unterschiedlicher Partner (Einrichtungen der Jugendhilfe, Schule, Polizei u. a.) haben sowohl deeskalierende als auch infrastrukturelle Wirkungen gebracht und die Perspektiven einer 'positiven Jugendpolitik' in Richtung einer kommunikativen und netzwerkorientierten kommunalen Jugendhilfepolitik aufgezeigt.

Basierend auf diesen allgemeinen sozialpädagogischen Handlungsstrategien wurden auch eine Reihe konkreter Präventions- und Interventionsansätze im Umgang mit Rechtsextremismus und fremdenfeindlicher Gewalt entwickelt und erprobt. Dazu gehören z. B. die akzeptierende Jugendarbeit, das Anti-Aggressivitäts-Training, die interkulturelle Arbeit, die politisch-historische Bildungsarbeit sowie geschlechtsspezifische Ansätze:

Akzeptierende Jugendarbeit

Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen - sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne. Die Zielgruppe akzeptierender Jugendarbeit sind vor allem Cliquen von Skinheads, Hooligans und Badboys. Da Belehrungen wie 'Bekämpfung' rechter Orientierungen nicht allzuviel ausrichten können, will akzeptierende Jugendarbeit diejenigen Probleme in den Mittelpunkt stellen, die die Jugendlichen haben und nicht die Probleme, die sie machen. Es soll klar unterschieden werden zwischen politischer Zielsetzung (z. B. den Rechtsextremismus bekämpfen) und der pädagogischen Zielsetzung (den Jugendlichen sinnvolle Deutungs- und Handlungsmuster erschließen). Während der Jugendliche als Mensch zu akzeptieren sei, werde seine rechtsextreme Haltung nicht akzeptiert, sondern kritisch thematisiert. Die Praxis zeigt allerdings, wie schwierig diese Gratwanderung ist, weshalb diese Form der Jugendarbeit in der (Fach-)Öffentlichkeit nicht unumstritten ist[9].

Anti-Aggressivitäts-Training

Bei diesem Ansatz handelt es sich um eine sozialpädagogische und psychologische Maßnahme für aggressive Jugendliche, einschließlich rechtsextremer Täter. Ziel ist die tatnahe psychosoziale Bearbeitung mit präventiven und reinigenden Wirkungen und die Rekonstruktion des Täter-Opfer-Bezugs, ohne letzteres persönlich einzubinden. Als Methode dient die provokative Therapie, die den Teilnehmer in die Lage versetzen soll, extrem angespannte Situationen durch Argumente und nicht durch Gewalt zu entschärfen. Die Grenzen der Teilnehmer sollen aufgezeigt, aber nicht überschritten werden. Die hier praktizierte Form der konfrontativen Pädagogik ist allerdings kein Allheilmittel. Sie kann eher als eine ergänzende Methode angesehen werden, die in einen pädagogischen Prozess eingebettet werden muss.

Interkulturelle Arbeit

Interkulturelle Pädagogik, die in der multikulturellen Situation der Gesellschaft begründet ist, hat das Ziel, junge Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzuführen und sie zu einem friedfertigen, gleichberechtigten Zusammenleben zu befähigen. Sie versteht sich als ein 'Miteinander - Voneinander - Über-sich-selbst - Lernen' und will Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit vor allem durch Kontakte und gegenseitiges Kennenlernen (z. B. Jugendaustausch, Stadtteilinitiativen, Kulturveranstaltungen) reduzieren. So soll durch den internationalen Jugendaustausch Verständnis und Toleranz für andere Länder und Kulturen geweckt und (selbst-)reflexive Lernprozesse gefördert werden. Zu den neueren Initiativen zählen u. a. Einrichtungen von antirassistischen Zusammenschlüssen, Telefonketten, Info-Büros, Antidiskriminierungszentren, öffentlichkeitswirksame Aktionen. In der Praxis stößt die interkulturelle pädagogische Arbeit mitunter auf Barrieren, dennoch dient sie aufgrund ihres visionären Charakters als eine wichtige Leitlinie pädagogischen Handelns im Sinne der Menschenrechte.

Politisch-historische Bildung

Ziel der Bildungsarbeit ist die politische Sensibilisierung und Aufklärung über die jüngste deutsche Geschichte, insbesondere über die Zeit des Nationalsozialismus. Adressaten sind insbesondere die Jugendlichen, die noch wenig über den Nationalsozialismus, rechte Organisationen und deren Absichten wissen. Dabei werden unterschiedliche Arbeitsformen praktiziert: Die politische Unterrichtung beschränkt sich weitgehend auf unterrichtsähnliches Lernen bzw. Seminararbeit auf der Grundlage didaktisch aufbereiteter Bildungseinheiten. Durch Besuche ehemaliger Konzentrationslager und durch Gedenkstättenarbeit soll eine politisch-historische Aufklärung erfolgen, Betroffenheit erzeugt und eine aus der Vergangenheit resultierende Verantwortung für gegenwärtige Prozesse entwickelt werden. In 'oral history'-Projekten erforschen die Jugendlichen selbst (z. B. durch Interviews mit Zeitzeugen, Archivarbeit, Fotodokumentationen) die konkrete jüngere, lokale oder regionale Geschichte. Die Stärken dieser Arbeitsformen liegen zweifellos im präventiven Bereich; gerade bei rechtsextremen Jugendlichen sind aber hier z. T. auch gegenteilige Wirkungen zu beobachten. Wie das Beispiel der DDR außerdem gezeigt hat, ist ein 'verordneter Antifaschismus' gegen Rechtsextremismus wenig hilfreich[10].

Geschlechtsspezifische Ansätze

Da Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt überwiegend ein Jungen- bzw. Männerphänomen ist, muss eine präventive Jugendarbeit vor allem bei der Arbeit mit Jungen bzw. jungen Männern ansetzen. Ziel ist es, die vorherrschenden Männerrollen und männlichen Identitätsbezüge in Frage zu stellen und längerfristig zu verändern. Geschlechtsreflektierende Jungenarbeit bedeutet, Jungen alternative Vorstellungen von Männlichkeit zu vermitteln, sie Erfahrungen mit anderen Körperkonzepten sammeln zu lassen und die Entwicklung von Beziehungsfähigkeit zu fördern. Eine ständige Aufgabe ist es dabei, die Interaktionen zwischen Jungen und Mädchen zu reflektieren, geschlechtsspezifische Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt zu berücksichtigen und ggf. gezielt Jugendarbeit in geschlechtshomogenen Gruppen zu organisieren. Da auch Mädchen - wenngleich in bedeutend geringerem Maße und auf z. T. andere Art und Weise - in Rechtsextremismus verstrickt sind, wird neben einer spezifischen Jungenarbeit auch eine entsprechende Mädchenarbeit für erforderlich gehalten, die allerdings nicht traditionelle Weiblichkeitsvorstellungen reaktivieren, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung mit Geschlechtsstereotypen in den Mittelpunkt stellen sollte. Während die Forderungen nach geschlechtsspezifischer Arbeit in den letzten Jahren immer öfter erhoben wurde, ist diese in der Praxis erst in Ansätzen zu erkennen[11].

Neben den angeführten Präventions- und Interventionskonzepten spielen in der Praxis noch weitere Handlungsansätze eine Rolle, z. B. erlebnis-, abenteuer- und sportpädagogische Ansätze, freizeit- und kulturpädagogische Ansätze, Fan-Projekte, der Täter-Opfer-Ausgleich, gewalttherapeutische Ansätze oder Formen der Schulsozialarbeit[12]. Auch im außerschulischen Bereich gibt es somit eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten gegen Rechtsextremismus - es kommt aber darauf an, diese mehr und besser in der praktischen Jugendarbeit zu nutzen.

V. Fazit

Im letzten Jahrzehnt wurde eine ganze Reihe interessanter pädagogischer Konzepte gegen Rechtsextremismus entwickelt. Das gilt für den schulischen und noch mehr für den außerschulischen Bereich. Neue unkonventionelle Wege wurden beschritten und vielfältige Handlungsansätze erprobt, die auf modernen (sozial-)pädagogischen Prinzipien beruhen wie der Orientierung an der Lebenswelt, den Erfahrungen und den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen, dem Prinzip der Ganzheitlichkeit und der demokratischen Partizipation. Mit Hilfe neuerer Konzepte, z. B. das der akzeptierenden Jugendarbeit, wurde sich auch verstärkt den rechtsextremen Jugendlichen zugewandt.

Den Fortschritten auf der Konzeptebene stehen allerdings die mangelnde Kontinuität und die Kurzatmigkeit der praktischen pädagogischen Arbeit gegenüber, so dass eine deutliche Theorie-Praxis-Lücke klafft und die Praxis hinter den Erfordernissen zurückbleibt. Konzepte gegen Rechtsextremismus gibt es genügend, doch es fehlt an finanziellen und personellen Ressourcen, diese auch professionell umzusetzen. Die aktuelle Rechtsextremismus-Debatte macht die diesbezüglichen Versäumnisse der letzten Jahre nur umso schmerzlicher bewusst. Die Sensibilität und das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und offensiven Jugendarbeit und Jugendpolitik ist in der Gesellschaft offenkundig nicht genügend entwickelt.

Gegen Rechtsextremismus gibt es keine Patentrezepte. Auch die Pädagogik hat solche nicht zu bieten. Pädagogische Strategien können nur einen Teilbeitrag leisten - als Bestandteil einer gesellschaftlichen Gesamtstrategie sind sie aber unverzichtbar. Die Ernsthaftigkeit der gegenwärtigen Debatte um die Bekämpfung des Rechtsextremismus wird sich auch daran zeigen, ob - neben repressiven Maßnahmen - mehr in den präventiven Bereich, insbesondere in die pädagogische Jugendarbeit und politische Bildung investiert werden wird. Würde diese Chance erneut vertan, ließe die nächste große Rechtsextremismus-Debatte wohl nicht lange auf sich warten.

Beitrag aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nummer 39 / 2000, "Rechtsextremismus".
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Fußnoten

1.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung, Bonn 1993; Helmut Willems, Fremdenfeindliche Gewalt. Einstellungen, Täter, Konflikteskalation, Opladen 1993; Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Gewalt gegen Fremde. Rechtsradikale, Skinheads und Mitläufer, München 1995; Konrad Schacht/Thomas Leif/Hannelore Jannsen (Hrsg.), Hilflos gegen Rechtsextremismus? Ursachen - Handlungsfelder - Projekterfahrungen, Köln 1995; Jürgen W. Falter/Hans-Gerd Jaschke/Jürgen R. Winkler (Hrsg.), Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Opladen 1996; Marcus Neureiter, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Eine Untersuchung sozialwissenschaftlicher Deutungsmuster und Erklärungsansätze, Marburg 1996; Frieder Dünkel/Bernd Geng (Hrsg.), Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bestandsaufnahme und Interventionsstrategien, Mönchengladbach 1999. Anmerkung der Redaktion: Ende dieses Jahres wird eine aktuelle Forschungsbilanz in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erscheinen: Wilfried Schubarth/Richard Stöss (Hrsg), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland.
2.
Vgl. Wilfried Schubarth, Jugendprobleme in den Medien. Zur öffentlichen Thematisierung von Jugend am Beispiel des Diskurses zur 'Jugendgewalt', in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31/1998, S. 29-36; ders., Die 'neue' Rechtsextremismus-Debatte, in: Uwe Hirschfeld/Ulfrid Kleinert (Hrsg.), Zwischen Aussschluß und Hilfe. Soziale Arbeit und Rechtsextremismus, Leipzig 2000, S. 29-37.
3.
Vgl. Christoph Butterwegge, Was man gegen Rechtsextremismus, Rassismus und (Jugend-)Gewalt tun kann, in: Manfred Büttner (Hrsg.), Braune Saat in jungen Köpfen, Hohengehren 1999, S. 179-200; Jens Mecklenburg (Hrsg.), Was tun gegen Rechts, Berlin 1999; Albert Scherr; Interventionen gegen Fremdenfeindlicheit und Rechtsextremismus, in: Peter Widmann/Rainer Erb/Wolfgang Benz (Hrsg.), Gewalt ohne Ausweg? Strategien gegen Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Berlin und Brandenburg, Berlin 1999, S. 111-130. In der aktuellen Diskussion wird ebenfalls vor verkürzten Reaktionen gewarnt und die Notwendigkeit mehrdimensionaler Strategien hervorgehoben.
4.
Vgl. Franz Josef Krafeld/Kurt Möller/Andrea Müller, Jugendarbeit in rechten Szenen. Ansätze - Erfahrungen - Perspektiven, Bremen 1993; Wilfried Schubarth, Gewaltprävention in Schule und Jugendhilfe, Neuwied - Kriftel 2000.
5.
Vgl. H. Schneider (Anm. 7), S. 63 ff.; Franz Josef Krafeld, Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit. Konzepte, Erfahrungen, Analysen aus der Arbeit mit rechten Jugendcliquen, Opladen 1996; Kurt Möller, Pädagogische Strategien im Umgang mit rechtsextremistischen Orientierungen, in: Gerd Brenner/Benno Hafeneger, Pädagogik mit Jugendlichen, Weinheim-München 1996, S. 159-171.
6.
Vgl. Forschungsgruppe Schulevaluation, Gewalt als soziales Problem an Schulen, Opladen 1998; Klaus-Jürgen Tillmann u. a., Schülergewalt als Schulproblem, Weinheim-München 1999.
7.
Helmut Schneider, Jugend und Rechtsextremismus in Deutschland. Ein Literaturbericht, in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Literaturreport 1998, München 1998, S. 68.
8.
Vgl. Lothar Böhnisch/Karsten Fritz/Thomas Seifert (Hrsg.), Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt. Die wissenschaftliche Begleitung. Ergebnisse und Perspektiven, Band 2, Münster 1997.
9.
Vgl. zur Kritik Benno Hafeneger, Wider die (Sozial-) Pädagogisierung von Gewalt und Rechtsetxremismus, in: die deutsche jugend, (1993) 3, S. 120-126.
10.
Vgl. auch Karl-Heinz Heinemann/Wilfried Schubarth (Hrsg.), Der antifaschistische Staat entläßt seine Kinder. Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Köln 1992.
11.
Vgl. Kurt Möller (Hrsg.), Nur Macher und Macho? Geschlechtsreflektierende Jungen- und Männerarbeit, Weinheim-München 1997.
12.
Vgl. K. Möller (Anm. 5) und H. Schneider (Anm. 7).