Blick auf Stiefel von Angehörigen der 13. Panzergrenadierdivision, die in der Leipziger General-Olbricht-Kaserne mit einem feierlichen Appell empfangen werden, aufgenommen am 04.05.2010. Die Einheit war in den vergangenen 14 Monaten für die Heereskontingente in Afghanistan und auf dem Balkan verantwortlich.

Traditionslinien der Bundeswehr


1.5.2015
Tradition spielt nach wie vor eine große Rolle in der Bundeswehr. Sie lebt von der öffentlichen Auseinandersetzung über ihren Anspruch und ihre Gültigkeit, aber auch über ihr historisches Erbe. Ihr Verständnis ist einem stetigen Wandel ausgesetzt.

"Einigkeit Recht Freiheit" steht auf dem Koppel eines Rekruten, aufgenommen am Donnerstag (17.03.2011) auf dem Nappenplatz in Bad Salzungen bei der Vereidigung. Etwa 300 Besucher beobachteten die Zeremonie, bei der letztmalig Wehrpflichtige des Panzerbataillons 393 und des Panzergrenadierbataillons 391 aus der hier beheimateten Werratal-Kaserne das Feierliche Gelöbnis sprechen. Bad Salzungen ist mit rund 1300 Soldaten der größte Bundeswehr-Standort in Thüringen nach Erfurt."Einigkeit und Recht und Freiheit" auf dem Koppelschloss eines Rekruten: Die Bundeswehr wurde nach den Erfahrungen der NS-Diktatur in eine neue, demokratisch-rechtstaatliche Tradition gestellt. (© picture-alliance/dpa)


Definition und Funktionen militärischer Tradition



Tradition ist Streitkräften wichtig. Dies belegen die vielfältigen Bemühungen, Vergangenes zu bewahren, die ihren Ausdruck in militärischen Bräuchen und Sitten, Ritualen und Zeremonien finden. Doch all diese Formen und Förmlichkeiten sind zunächst einmal äußerlich – Tradition jedoch ist mehr.

Die Bundeswehr versteht darunter die "Überlieferung von Werten und Normen", wie es der einschlägige Erlass aus dem Jahre 1982 festhält, der mit seinem normativen und prozesshaften Verständnis von Tradition bis heute die Grundlage der Traditionspflege der Bundeswehr bildet ("Traditionserlass"). Tradition stellt demnach eine wertgebundene Auswahl aus der Vielzahl und Komplexität historischer Ereignisse und Prozesse dar, die Vorbildcharakter für die aktiven Soldaten besitzen soll. Die gewählten Traditionen geben Auskunft über normative Orientierungen und Identitäten von Streitkräften.

Maßstab für das Traditionsverständnis und Traditionspflege der Bundeswehr sind das Grundgesetz sowie die ihr übertragenen Aufgaben und Pflichten. Ziel der Traditionspflege ist die Ausbildung eines "demokratischen Selbstverständnisses" der Soldatinnen und Soldaten. Deshalb können historische Ereignisse oder militärische Leistungen nicht nur aufgrund ihres soldatischen oder handwerklichen Stellenwertes betrachtet und bewertet werden. Sie sind vielmehr stets im historischen Umfeld zu betrachten und in Zusammenhang mit ihren zugrundeliegenden Intentionen und normativen Überzeugungen zu beurteilen.

Tradition erfüllt mehrere Funktionen in den Streitkräften. Sie bewahrt das kulturelle Erbe, sie vermittelt den Soldaten handlungsleitende Vorstellungen und Ideen und bietet ihnen Handlungssicherheit. Sie kommuniziert ein bestimmtes Selbstbild nach innen und außen und positioniert die Streitkräfte in der Öffentlichkeit. Vor allem aber ist Tradition ein entscheidendes Feld der Selbstverständigung. Sie ist Ausdruck des Selbstverständnisses und damit eben nicht nur der historischen, sondern mehr noch der politischen und gesellschaftlichen Verortung des Militärs. Ziel der Traditionspflege der Bundeswehr ist es – im Einklang mit den Vorgaben der Inneren Führung –, die deutschen Streitkräfte in die Demokratie einzubinden und das Verständnis der Bundeswehrsoldaten als Staatsbürger in Uniform zu stärken.

Tradition als Auseinandersetzung



Innerhalb wie außerhalb der Streitkräfte wird zum Teil heftig um die Auswahl der richtigen Traditionen gerungen: Wer oder was ist vorbildhaft für die Bundeswehr und ihre Soldaten, was nicht? Diese Fragen gewinnen angesichts der deutschen Geschichte nochmals an Dringlichkeit. Das Selbstverständnis und die Tradition der Bundeswehr sind stets auch als Auseinandersetzung mit dem Erbe der jüngeren deutschen Vergangenheit zu verstehen. Alleine schon aufgrund der personellen Kontinuitäten zur Wehrmacht besteht eine Brisanz, die das Ausscheiden der letzten kriegsgedienten Soldaten aus der Bundeswehr in den 1980er Jahren überdauert hat und die bis in die Gegenwart anhält.

Die Auseinandersetzung mit der Wehrmacht, dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus bildet den Dreh- und Angelpunkt der Debatten um die Tradition der Bundeswehr. Die nach wie vor gültige Richtlinie legte der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe in den 1990er Jahren fest: "Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches, in ihrer Spitze, mit ihren Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen. Nicht die Wehrmacht, aber einzelne Soldaten können traditionsbildend sein, – wie die Offiziere des 20. Juli, aber auch viele Soldaten im Einsatz an der Front." In der Folge wird immer noch und immer wieder in den Streitkräften wie in der breiteren Öffentlichkeit über die Traditionswürdigkeit einzelner Protagonisten aus der Wehrmacht – wie aus der jungen Bundeswehr – gestritten.

Die drei Säulen der Tradition der Bundeswehr



Ungeachtet dieser Kontroversen hat sich ein Drei-Säulen-Modell etabliert, das den gültigen Traditionsbestand der Bundeswehr zusammenführt. Die historisch älteste Traditionslinie bilden die preußischen Reformer des frühen 19. Jahrhunderts. Namen wie von Scharnhorst, vom Stein, von Hardenberg, von Clausewitz und von Gneisenau erinnern an die damaligen Modernisierungsanstrengungen in Staat und Armee. Einige der Reformideale wie die Bildungsreform, die (bedingte) Öffnung des Offizierkorps für Bürgerliche, das Leistungsprinzip oder die Erziehung zum mitdenkenden Gehorsam – ganz im Gegensatz zum Kadavergehorsam, dem blinden Befolgen von Befehlen – sind für die Bundeswehr weiterhin gültig und werden durch die Benennung von Kasernen und durch Symbole und Rituale wach gehalten – wie der Große Zapfenstreich oder das Eiserne Kreuz, das seit Beginn ein Hoheitsabzeichen der Bundeswehr ist. Andere Facetten der preußischen Reformen, wie die erstmals eingeführte Allgemeine Wehrpflicht, taugen nach deren jüngst erfolgter Aussetzung nur noch eingeschränkt als Traditionsbestand.

Eine zweite, wenn nicht die wesentliche Säule der Traditionspflege der Bundeswehr bildet der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Öffentlichen Gelöbnisse am 20. Juli, die jährlich unter Beteiligung führender Politiker vor dem Reichstag und im Verteidigungsministerium in Berlin abgehalten werden, stellen die deutschen Streitkräfte öffentlichkeitswirksam in diese Tradition. Zudem ist das Verteidigungsministerium mittlerweile im Berliner Bendlerblock beheimatet, wo auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand u. a. an die Gruppe um Oberst Stauffenberg erinnert. Damit werden Zivilcourage, moralische Fundierung, Wertbindung und Verantwortungspflicht soldatischen Handelns sowie die Grenzen von Befehl und Gehorsam betont.

Die zentrale Stellung des 20. Juli 1944 im Traditionskanon der Bundeswehr wird aus zweierlei Richtung aber auch kritisch betrachtet. Zum einen ist aus der historischen Forschung hinlänglich bekannt, dass die Vertreter des militärischen und zivilen Widerstandes keineswegs allesamt republikanischen und demokratischen Überzeugungen nachhingen, sondern in Teilen restaurative und reaktionäre Vorstellungen verfolgten. Zum anderen wird in Frage gestellt, inwieweit die damaligen Ereignisse und Handlungen Vorbildcharakter für die heutigen Soldatinnen und Soldaten haben können. Widerstand gegen Unrecht und Vernichtung gehört zweifelsohne zum Traditionskanon der Bundeswehr, aber die historischen Erfahrungen in einem totalitären Regime sind auf das Verhältnis von Politik und Streitkräften in einer Demokratie nur bedingt übertragbar.

Die bundeswehreigene Geschichte bildet seit der Wiederaufstellung deutscher Streitkräfte die dritte Traditionssäule. Entsprechend sind Kasernen und Einrichtungen nach bedeutenden Soldaten der Bundeswehr ebenso wie nach führenden Sicherheits- und Verteidigungspolitikern der Bundesrepublik benannt. Erwähnt seien nur die Franz-Josef-Strauß-Kaserne in Altenstadt (Schongau) oder die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Dennoch mag es zuweilen erscheinen, als fiele es den deutschen Streitkräften schwer, sich der eigenen Tradition anzunehmen. Zwei Entwicklungen mögen zu diesem Eindruck beitragen.

Zum einen zerfällt die Bundeswehrgeschichte in den Augen vieler Beobachter in zwei unterschiedliche Epochen: Während die alte Bundeswehr des Kalten Krieges als reine Verteidigungsarmee im Bündnis auf die Abwehr eines Angriffes des Warschauer Paktes ausgerichtet war, ist die neue Bundeswehr als Einsatzarmee seit den 1990er Jahren weltweit an der Seite von internationalen Partnern in Missionen zur Krisenreaktion und Krisenbewältigung im Einsatz. Innerhalb der Streitkräfte wie in der Forschung wird intensiv darüber diskutiert, welche Kontinuitäten zwischen beiden Phasen bestehen und welche Traditionsbestände die alte an die neue Bundeswehr weitergeben kann.

Zum anderen fällt auf, dass die internationalen Krisenmissionen bislang nicht substantiell zum Traditionskanon der Bundeswehr beigetragen haben. Erinnerungsorte wie das Ehrenmal der Bundeswehr und der jüngst eingerichtete Wald der Erinnerung sind gewichtige und öffentlichkeitswirksame Symbole, die ein Gedenken für die Opfer der Einsätze ermöglichen. Eine darüber hinausgehende, positiv konnotierte und Orientierung stiftende Tradition aus den Einsätzen heraus ist bislang – zumindest von offizieller Seite – noch nicht zu erkennen.

Die Zukunft der Tradition



Tradition ist nicht statisch. Sie lebt von der öffentlichen Auseinandersetzung, vom Streit über ihren Anspruch und ihre Gültigkeit. Bereits der Erlass von 1982 folgte einem solch modernen, prozesshaften Verständnis. Welche Entwicklungen sind derzeit abzusehen, welche sind wünschenswert?

Offenkundig ist, dass die althergebrachte Fixierung von Traditionen auf militärische Führungspersönlichkeiten, auf die Generale und Admirale vergangener Armeen und Kriege, allmählich aufbricht. Die Umbenennungen mehrerer Kasernen in den letzten Jahren, die Gegenstand teils heftiger öffentlicher und politischer Auseinandersetzungen gewesen sind, bringen neue historische Einsichten und veränderte gesellschaftliche Werte und Maßstäbe gleichermaßen zum Ausdruck. Es ist davon auszugehen, dass insbesondere bei Weltkriegsteilnehmern die Traditionswürdigkeit für die Bundeswehr weiterhin zur Debatte steht. Immer mehr setzt sich zudem die Einsicht durch, dass traditionswürdiges Verhalten keine Frage des Dienstgrades, der Verwendung oder des Geschlechts ist. Nach und nach etablieren sich Vorbilder für alle Soldatengruppen, wodurch jeder Soldat und jede Soldatin sein bzw. ihr Handeln in Bezug zu den historischen Vorbildern setzen kann. So werden Kasernen heute auch nach Unteroffizieren und Frauen benannt. Die Feldwebel-Schmid-Kaserne und die Dr.-Dorothea-Erxleben-Kaserne (beide mittlerweile geschlossen) stehen paradigmatisch für einen Trend, den es fortzusetzen gilt.

Zugleich drängt sich die Frage auf, weshalb angesichts einer zunehmend internationalisierten Sicherheitspolitik und militärischer Zusammenarbeit zwischen Soldaten verschiedener Armeen alleine nationale Vorbilder gelten sollten. Mit der Lucius D. Clay Kaserne in Osterholz-Scharmbeck und der Robert-Schuman-Kaserne in Müllheim sind erste Zeichen einer fortschreitenden Internationalisierung gesetzt. Neben dieser Pluralisierung des Traditionsbestandes gibt es bedenkenswerte Vorschläge, Tradition stärker reflexiv zu verstehen. In einer solchen Perspektive ginge es nicht mehr um die Vorbildhaftigkeit und ohnehin nie gegebene Makellosigkeit historischer Figuren als Leitfiguren für die heutigen Streitkräfte. Vielmehr käme es auf die produktive Auseinandersetzung mit den positiven wie negativen Facetten historischer Ereignisse, Prozesse und Personen an. Dies erfordert eine intensive und reflektierte Auseinandersetzung mit der Geschichte – jeweils gespiegelt auf das eigene Tun und das Verständnis seiner selbst. Eine solche Auffassung stellt eine Abkehr vom bisherigen Verständnis von Tradition dar, wie es in der Bundeswehr, aber auch in anderen Armeen und in der Öffentlichkeit immer noch vorherrscht und verlangte von den Soldatinnen und Soldaten einen reflektierten Umgang mit der Geschichte und der eigenen Identität. Gerade angesichts der gebrochenen deutschen (Militär-)Geschichte böte ein solch reflexives Verständnis von Tradition der Bundeswehr jedoch die Chance, Vorreiter einer Entwicklung zu sein, die weder andere Armeen noch weite Teile der Gesellschaft bislang genommen haben.


Literatur:



Abenheim, Donald (1989). Bundeswehr und Tradition. Die Suche nach dem gültigen Erbe des deutschen Soldaten. München: Oldenbourg.

Biehl, Heiko & Leonhard, Nina (2012). Militär und Tradition. In: Leonhard, Nina & Werkner, Ines-Jacqueline (Hrsg.). Militärsoziologie. Eine Einführung, 2. aktualisierte und ergänzte Aufl. (S. 314-341). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Birk, Eberhard, Heinemann, Winfried & Lange, Sven (2012). Tradition für die Bundeswehr. Neue Aspekte einer alten Debatte. Berlin: Miles.

Harder, Hans-Joachim & Wiggershaus, Norbert (1985). Tradition und Reform in den Aufbaujahren der Bundeswehr. Herford/Bonn: Mittler.

Heinemann, Winfried (2004). Militär und Tradition. In: Gareis, Sven Bernhard &Klein, Paul (Hrsg.). Handbuch Militär und Sozialwissenschaft (S. 409-417). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hettling, Manfred & Echternkamp, Jörg (2008). Bedingt erinnerungsbereit. Soldatengedenken in der Berliner Republik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Libero, Loretana de (2006). Tradition in Zeiten der Transformation. Zum Traditionsverständnis der Bundeswehr im frühen 21. Jahrhundert. Paderborn: Schöningh.

Naumann, Klaus (2000). Negative Tradition und doppelter Blick. Überlegungen zu einem reflexiven Traditionsverständnis. In: Prüfert, Andreas (Hrsg.). Bundeswehr und Tradition. Zur Debatte um das künftige Geschichts- und Traditionsverständnis in den Streitkräften (S. 46-55). Baden-Baden: Nomos.

Mack, Hans-Hubertus (2014). Vorbilder? Die Diskussion um die Namensgeber für Bundeswehr-Kasernen. Militärgeschichte Zeitschrift für historische Bildung, Nr. 4, S. 18-21.

Zentrale Dienstvorschrift 10/1 (2008). Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr. Bonn: Bundesministerium der Verteidigung.


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Autor: Heiko Biehl für bpb.de
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