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22. Juni 1941: Beginn des "Unternehmens Barbarossa"

15.6.2016
Vor 75 Jahren marschierte die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Mit dem "Unternehmen Barbarossa" begann ein Vernichtungskrieg, der von deutscher Seite spätestens seit Juli 1940 geplant worden war.

Deutsche Panzer beim Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, Juni 1941.Deutsche Panzer beim Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, Juni 1941. (© picture-alliance, IBL Schweden)

Am 22. Juni 1941 begann der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Mit beinahe 3,3 Millionen Soldaten griff die Wehrmacht ohne Kriegserklärung auf breiter Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer an. Ziel war es, auch hier einen "Blitzkrieg"-Erfolg zu erreichen. Unter dem Decknamen "Barbarossa“" war der Überfall vom NS-Regime sorgfältig geplant worden.

Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion begann ein beispielloser Vernichtungskrieg, um "Lebensraum" im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu schaffen. Hitler wollte diesen Krieg von Anfang an führen. Er war Kern seines ideologischen Programms, das Kommunismus und Judentum zum Hauptgegner erklärt hatte. Deutlich hatte Hitler bereits im März 1941 in seinen Anweisungen an den Chef des Wehrmachtsführungsstabes Jodl formuliert: "Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen. […] Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz, als bisheriger 'Unterdrücker' des Volkes, muss beseitigt werden."[1] Ebenso sollten die eroberten Gebiete und ihre Bewohnerinnen und Bewohner wirtschaftlich ausgebeutet werden.

Ausgangslage und Vorbereitungen



Nach Planungen seit dem Sommer traf die Wehrmacht auf Weisung Hitlers ab Dezember 1940 konkrete Vorbereitungen für einen Krieg gegen die Sowjetunion. Vorgesehen war, einen Großteil der dortigen Bevölkerung zu töten, einen kleinen Teil zu "germanisieren" – und den Rest zu versklaven oder zu vertreiben. Hierdurch sollte der "Lebensraum im Osten" für die Ansiedlung von Deutschen entstehen. Dasselbe Motiv hatte bereits dem Krieg gegen Polen zugrunde gelegen.

Der endgültige Name des Feldzugs, angelehnt an Kaiser Friedrich I. aus dem Adelsgeschlecht der Staufer, fiel in der "Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa" vom 18. Dezember 1940 und wurde seit Januar 1941 allgemein als Deckname für den Angriff verwendet. Die Gründe für die Namenswahl sind jedoch bis heute unklar.

Für das „Unternehmen Barbarossa“ wurde die Wehrmacht zu erbarmungsloser Kriegsführung verpflichtet. Nachdem Hitler die Generalität auf den besonderen Charakter des anstehenden Feldzuges eingeschworen hatte (s.o.), erging am 13. Mai ein Erlass, der den Soldaten ein brutales Vorgehen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung erlaubte. Zudem erließ das Oberkommando der Wehrmacht in eigener Initiative am 6. Juni "Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare" der Roten Armee: Diese seien nach ihrer Gefangennahme zu "erledigen".

Diese völkerrechtswidrigen Befehle fanden nur vereinzelt Widerspruch und wurden später weitgehend befolgt. Von vorneherein nahm die Militärführung überdies ein Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener billigend in Kauf. In der Folge sollten über die Hälfte der 5,7 Millionen Rotarmisten, die bis Kriegsende in deutsche Gefangenschaft gerieten, sterben. Schließlich half die Wehrmacht der SS auch noch als Komplize des Massenmordes an einem Teil der sowjetischen Bevölkerung, den die Nationalsozialisten als rassisch minderwertig und politisch missliebig betrachteten.

Der Feldzug mit den Mitteln des "barbarischen Terrors"[2] (Götz Aly) richtete sich explizit auch gegen die Zivilbevölkerung. Durch den Erlass vom 13. Mai geschützt, verwüsteten Deutsche das Land, erschossen, erhangen, vergasten, verbrannten und erschlugen sowjetische Männer, Frauen und Kinder. Oder setzten sie dem Hunger- und Kältetod aus. Die Stäbe in Berlin hatten nämlich damit gerechnet, dass die über drei Millionen Mann starke Armee über reguläre Nachschubwege nicht verpflegt werden könnte. Deshalb sollten sie sich aus dem Land ernähren. Wissend, dass Nahrung in der Sowjetunion nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stand, hieß es kalt in einer Staatssekretärbesprechung im Mai 1941, dass "[…] zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird"[3].

Angriff und Rechtfertigung durch die NS-Propaganda



Das NS-Regime informierte die deutsche Bevölkerung erst am Tag des Angriffs über den Überfall und versuchte ihn als Präventivschlag gegen eine unmittelbare Bedrohung durch den "jüdischen Bolschewismus" darzustellen. Tatsächlich war die Rote Armee nicht wirklich abwehrbereit, auch wenn man den deutschen Aufmarsch bemerkt hatte. Stalin hatte aber im Vertrauen auf das gute und vertraglich geregelte Verhältnis zu Deutschland ("Nichtangriffspakt") jede Provokation vermeiden wollen. Auch im deutschen Generalstab kam man zu diesem Schluss.

In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 ließ schließlich das Auswärtige Amt der sowjetischen Regierung eine Note zukommen. Darin durfte auf Weisung Hitlers das Wort "Kriegserklärung" nicht erwähnt werden. Stattdessen verwiesen die deutschen Diplomaten darauf, das russische Verhalten habe die deutsche Wehrmacht zu Gegenmaßnahmen gezwungen.

Verlauf und Ausgang der Operation



Zu Beginn verlief die Operation für die Wehrmacht erfolgreich. Die Rote Armee wurde von der Wucht des Angriffs überrascht und musste anfangs starke Verluste hinnehmen. Innerhalb weniger Monate kam der deutsche Angriff jedoch zum Erliegen, begleitet von starken Versorgungsengpässen. Den deutschen Soldaten machte auch der Einbruch des Winters zu schaffen. In der Erwartung einer schnellen Entscheidung waren die deutschen Verbände nicht ausreichend mit winterfester Kleidung ausgestattet worden.

Im Dezember 1941 ging die Sowjetarmee zu einer groß angelegten Gegenoffensive über. Durch diese Offensive brach die "Heeresgruppe Mitte" fast zusammen. Das Scheitern der Operation "Barbarossa" vor Moskau sowie die spätere Niederlage der deutschen 6. Armee in Stalingrad mit der Kapitulation ihrer wenigen verbliebenen Soldaten Ende Januar/Anfang Februar 1943 gelten als Wendepunkte des Zweiten Weltkrieges.

Bis Kriegsende im Mai 1945 verloren im deutsch-sowjetischen Krieg auf sowjetischer Seite insgesamt bis zu 27 Millionen Menschen ihr Leben, davon knapp die Hälfte Soldaten. Auf deutscher Seite kamen im gesamten Zweiten Weltkrieg zwischen sechs und sieben Millionen Menschen um, weit überwiegend Soldaten.

Wehrmachtsausstellung



Von April 1995 bis Oktober 1999 wurde in deutschen und österreichischen Städten die Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" gezeigt, die das Hamburger Institut für Sozialforschung organisiert und finanziert hatte. Nach massiver Kritik wurde die Ausstellung überprüft und zahlreiche gravierende sachliche Mängel, Fehler und Manipulationen festgestellt. Im November 2001 schließlich wurde die zweite Wehrmachtsausstellung unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944" in Berlin eröffnet. Sie wurde an elf Orten in Deutschland, Luxemburg und Österreich gezeigt, zuletzt von Januar bis März 2004 in Hamburg und anschließend in den Bestand des Deutschen Historischen Museums (DHM) Berlin überführt.

Mit der Ausstellung begann eine grundsätzliche, emotionale und kontroverse Debatte über die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg. Denn die Ausstellung fokussierte, dass auch die Wehrmacht ein verbrecherisches System war – was aber nicht bedeutet, dass auch all ihre Angehörigen Verbrecher waren. Durch die Debatte um die Verbrechen der Wehrmacht trat zu Tage, welche Probleme die Deutschen noch Ende der 1990er-Jahre mit der NS-Vergangenheit hatten.

Auch 75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion scheint es noch viel Sprachlosigkeit zu geben, wenn es um den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geht. Historiker Götz Aly monierte deshalb zuletzt "geschichtspolitische Ignoranz und bodenlose Rohheit"[4]. Und forderte eine neue Debatte über deutsche Schuld.

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Fußnoten

1.
Zitiert nach: Wildt, Michael: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen 2008, S. 157f.
2.
Zitiert nach: Aly, Götz: 75 Jahre deutscher Vernichtungskrieg. Berliner Zeitung, 2016
3.
Aktennotiz über Ergebnis der heutigen Besprechung mit den Staatssekretären über Barbarossa, 2.5.1941. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1947, Bd. 31, S. 84, zitiert nach: Wildt, s.o.
4.
Ebd.

 

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