Überwachungskamera

15.4.2015 | Von:
Holger Floeting

Urbane Sicherheit

Die Gleichung scheint einfach zu sein: Je größer die Stadt, desto höher die Kriminalitätsrate. Und tatsächlich nimmt bei steigender Einwohnerzahl der Städte auch die Zahl der Straftaten zu. Urbane Sicherheitsstrategien sind daher vielfältig - und gehen weit über die Prävention von Verbrechen hinaus.

Streetart - für die einen Aushängeschild einer subersiven Stadtkultur - für die anderen Schandfleck in zwielichtigen Stadtvierteln. Was das Leben in Städten lebenwert und sicher macht, wird ganz unterschiedlich bewertet.Streetart - für die einen Aushängeschild einer subersiven Stadtkultur - für die anderen Schandfleck in zwielichtigen Stadtvierteln. Was das Leben in Städten lebenwert und sicher macht, wird ganz unterschiedlich bewertet. (© picture-alliance)

Was ist Urbanität und was hat sie mit Sicherheit zu tun?

Städte sind vor allem geprägt von Vielfalt und Gegensätzen. Was von dem einen als weltstädtisches Flair angesehen wird, wird von der anderen als unübersichtlicher Moloch wahrgenommen. Was die eine als vernetzte urbane Struktur schätzt, ist für den anderen Anlass, die Unübersichtlichkeit der Städte zu beklagen. Was der eine als urbane "Streetart" würdigt und in der Werbung "gesellschaftsfähig" geworden ist ("Graffiti"), sieht die andere als abweichendes Verhalten und Sachbeschädigung an, trägt je nach Ausprägung vielleicht sogar zur Entstehung von Räumen bei, in denen Menschen sich unsicher fühlen ("Angsträume"). Deutlich wird: Es kommt auf die persönliche Wahrnehmung und den gesellschaftlichen Diskurs an, wie Urbanität wahrgenommen wird.

Grundsätzlich sind Städte vergleichsweise "unübersichtliche Orte" und stehen teilweise unter dem Verdacht, Versteck für alle möglichen Formen von Bedrohung für Sicherheit und Ordnung zu sein: Sie bieten beispielsweise vielfältige Tatgelegenheiten für "gewöhnliche Kriminelle", gelten aber etwa auch als Rückzugsraum zur Vorbereitung terroristischer Aktivitäten und sind daher auch Einsatzort unterschiedlichster Überwachungstechniken. Wenn in der Öffentlichkeit über Sicherheit diskutiert wird, werden häufig Beispiele aus städtischen Räumen genannt. Tatsächlich entfielen im Jahr 2012 rund 28 Prozent der registrierten Straftaten auf Städte mit 500.000 und mehr Einwohnern, rund 20 Prozent auf Städte mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern, rund 27 Prozent auf Städte mit 20.000 bis unter 100.000 Einwohnern und knapp 24 Prozent auf kleinere Gemeinden (BKA 2013). Gemessen wird, an welchen Orten sich die registrierten Straftaten ereignet haben. Die Zuordnung der Tatorte berücksichtigt allein die Gemeindegrößenklassen. Sozial- und Wirtschaftsstruktur sowie die räumlich-funktionale Lage der Gemeinden werden nicht berücksichtigt, sodass beispielsweise kleine verstädterte Gemeinden in Verdichtungsräumen statistisch genauso behandelt werden wie kleine Gemeinden in ländlich peripheren Bereichen.

Quelle: BKA 2013: 21Quelle: BKA 2013: 21 (© bpb)



Betrachtet man die Häufigkeitszahl, also die Zahl der bekanntgewordenen Fälle berechnet auf 100.000 Einwohner, ergibt sich eine stärkere Belastung mit zunehmender Stadtgröße. Dies gilt besonders für Aggressions- (z.B. Körperverletzungen), Diebstahls- und Vermögensdelikte (z.B. Einbruch und Raub). Während in kleinen Gemeinden beispielsweise überdurchschnittlich oft z.B. "Straftaten gegen die Umwelt", "Verletzung der Unterhaltspflicht" oder "Brandstiftung und Herbeiführen einer Brandgefahr" registriert wurden, wurden in den großen Großstädten überdurchschnittlich häufig "Straftaten gegen das Aufenthalts-, Asylverfahrens- und das Freizügigkeitsgesetz/EU", "Raubdelikte" sowie "Wettbewerbs-, Korruptions- und Amtsdelikten" (z.B. Bestechungsdelikte) festgestellt (BKA 2013). Die Aussagekraft der Häufigkeitszahl und der Tatortverteilung nach Gemeindegrößenklassen ist deutlich eingeschränkt, da nur registrierte Straftaten berücksichtigt werden können, die Werte bei einzelnen Delikten dadurch auch erheblich durch das unterschiedliche Anzeigeverhalten und die unterschiedliche Kontrollaktivität der Sicherheitsbehörden beeinflusst werden. Touristen, Besucher und grenzüberschreitende Berufspendler sowie Nichtdeutsche, die sich illegal im Bundesgebiet aufhalten, werden in der Einwohnerzahl nicht erfasst und gehen daher nicht in die Berechnung ein. Die größere Tagbevölkerung von Großstädten und die damit verbundenen möglichen Tatgelegenheiten werden damit in der Statistik nicht abgebildet. Zudem beeinflusst die Tätermobilität die räumliche Verteilung der Tatorte erheblich. So kommen beispielsweise Täter von außerhalb in die Innenstädte oder mobile Tätergruppen begehen Einbruchdiebstähle in Wohngebieten, weil sich in Städten eine Vielzahl von Tatgelegenheiten bietet.

Welche Bereiche und Zuständigkeiten umfasst urbane Sicherheit?

Urbane Sicherheit zu schaffen und zu gewährleisten, umfasst eine Vielfalt von Aufgaben. Urbane Sicherheit umfasst zunächst in erster Linie den Schutz vor Kriminalität in ihren unterschiedlichen Formen. Städte müssen wie andere Räume aber auch vor Naturgefahren (z.B. Stürmen, Starkregen mit Überflutung usw.) geschützt sein. In großen Städten sind aber regelmäßig viele Menschen zugleich von den Auswirkungen von Naturgefahren betroffen, wenn ein Schadensereignis eintritt. Schadensereignisse zeigen in großen Städten, die in besonderem Maße auf technische Infrastrukturen angewiesen sind, auch besonders Wirkung (siehe technische Gefahren). Die Anpassung der Städte an die Anforderungen, die aus dem Klimawandel resultieren (Veränderungen bei Stärke und Häufigkeit natürlicher Prozesse, Veränderungen bei der Anzahl gefährdeter Personen, den Ausbreitungsmustern übertragbarer Krankheiten, beim Wasserhaushalt usw.), und die damit verbundene veränderte Verwundbarkeit von Städten werden diese Aufgaben erheblich verändern.

Neben Naturgefahren muss man sich in Städten mit technischen Gefahren unterschiedlichster Art auseinandersetzen. Dies reicht von Kraftwerksunfällen über Großbrände und Havarien von Industrieanlagen bis zum Ausfall von Versorgungseinrichtungen und Gefahrgutschadensereignissen. Die Reaktion auf einen möglichen Massenanfall von Verletzten und Erkrankten z.B. bei Unglücken im Öffentlichen Personennahverkehr, in Wohnanlagen oder bei Großveranstaltungen benötigt besondere Vorkehrungen hinsichtlich der Organisation, der medizinischen Anforderungen usw., da reguläre Rettungsdienste in einem solchen Fall schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangen könnten.

Die Sicherung der Wasser- oder Energieversorgung, Transport- und Telekommunikationssysteme, Gesundheitswesen, Behörden- oder Bankdienste (sog. Kritische Infrastrukturen) gehört zu den essentiellen Bestandteilen urbaner Sicherheit, ohne die dramatische Versorgungsengpässe und erhebliche Störungen der öffentlichen Ordnung auftreten würden. Die Bedrohung durch Terrorismus spielt in der jüngeren sicherheitspolitischen Diskussion eine wesentliche Rolle. Die Art der Bedrohung hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Terrorismus agiert transnational und sucht sich symbolische Anschlagziele. Terroristische Anschläge zielen auf große Opferzahlen und sind in der Opferauswahl willkürlich. Die Anschlagereignisse werden für die "mediale Kriegführung" genutzt. Damit rücken Ziele in großen Metropolen und städtischen Räumen in den Mittelpunkt. Urbane Sicherheit muss sich daher in zunehmendem Maß auch mit terroristischer Bedrohung auseinandersetzen, wenngleich die Zahl der Schadensereignisse in Deutschland bisher verglichen mit anderen Bereichen urbaner Sicherheit äußerst gering ist.

Daneben sind es aber vor allem die alltäglichen Bedrohungen der Sicherheit und Störungen der öffentlichen Ordnung, die das Handeln der kommunalen Akteure urbaner Sicherheit bestimmen. Dazu gehört beispielsweise die Verkehrssicherheit einschließlich der Straßenverkehrssicherheit und der Verkehrsüberwachung.

Aber auch der Umgang mit einer Vielzahl von Störungen der öffentlichen Ordnung unterhalb der Strafwürdigkeit. Verfallserscheinungen der gebauten Umwelt oder der sozialen Ordnung werden oft als Zeichen sozialer Desorganisation (Mangel an sozialer Integration, Schwächung formeller wie informeller Kontrolle) diskutiert. Sie reichen von Belästigungen wie Hundekot auf dem Bürgersteig oder Abfallablagerung in öffentlichen Anlagen bis zu Vandalismusschäden oder dem störenden Alkoholkonsum im öffentlichen Raum. Gerade der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum, die damit zum Teil verbundenen Störungen und die (eingeschränkten) Handlungsmöglichkeiten der Kommunen sowohl im präventiven (Suchtvorbeugung usw.) als auch im restriktiven Bereich (Anwendung des Jugendschutzgesetzes usw.) sind ein viel diskutiertes Thema urbaner Sicherheit, das besonders auch die Diskussion über das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Jahren bestimmt hat (Floeting 2013).

Die Vielfalt der Aufgaben urbaner Sicherheit macht deutlich, dass eine Vielzahl von Akteuren dabei mitwirkt, Sicherheit und Ordnung in den Städten zu schaffen und zu gewährleisten.

Für die Abwehr von Naturgefahren, technischen Gefahren und die Sicherung kritischer Infrastrukturen sind in Deutschland beispielsweise die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die Ordnungsbehörden, aber auch Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz zuständig Schutz und Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger z.B. vor Kriminalität werden in Deutschland in erster Linie durch die Polizei gewährleistet.

Auf kommunaler Ebene befassen sich mit Fragen der Sicherheit und Ordnung in erster Linie die Ordnungsämter. Viele weitere Behörden und Ämter setzen sich aber auch ausdrücklich oder implizit mit Fragen urbaner Sicherheit auseinander: Dazu gehören z.B. städtische Ämter für Jugend (z.B. bei der Jugendgewaltprävention), Schule (z.B. beim Umgang mit Schuldistanz), Gesundheit (z.B. bei der Alkoholprävention) oder das Stadtplanungsamt (z.B. bei der städtebaulichen Kriminalprävention).

Die kommunalen Aufgaben konzentrieren sich auf
  • die Gefahrenabwehr (z.B. Erteilung und Entziehung von Gewerbeerlaubnissen für Gaststätten, Spielhallen usw., Festlegung von Sperrbezirken usw., Unterbringung von Obdachlosen, Regelung der Polizeistunde, Umgang mit Jugendschutz und Versammlungsrecht),
  • die Gestaltung von Rahmenbedingungen zur Kriminalprävention (Sozial-, Jugend-, Familien-, Wohnungs-, Bildungs-, Kultur-, Beschäftigungspolitik usw.)
  • Maßnahmen der Städtebau- und Stadtentwicklungspolitik (z.B. die Festlegung von Nutzungsstrukturen, Vermeidung von städtebaulichen Angsträumen, sozialräumliche Maßnahmen wie das Quartiersmanagement usw.).
Neben der Stadtverwaltung sind auf der örtlichen Ebene auch Kammern und Verbände, der Einzelhandel, die Wohnungswirtschaft, Vereine und Bürgerinitiativen aber auch einzelne Bürgerinnen und Bürger, die sich engagieren, mit Fragen der Sicherheit und Ordnung in den Städten befasst. Nicht zuletzt ist urbane Sicherheit auch eine wichtige Aufgabe für die Kommunalpolitik (Floeting/Seidel-Schulze 2012).

Zudem hat sich die Zahl der beteiligten Akteure in den letzten Jahren weiter vergrößert: Strukturelle Veränderungen wie die fortschreitende internationale Vernetzung, die Privatisierung und Aufteilung ehemals staatlicher Infrastrukturen auf privatwirtschaftliche Anbieter z.B. der Energie-, Telekommunikations- und Wasserversorgung oder des Öffentlichen Personennahverkehrs sowie die zunehmende Abhängigkeit von Informationstechnik machen es nötig, neue Akteure einzubeziehen und Schutzkonzepte insgesamt neu zu formulieren (Floeting 2006).


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