TTIP CETA Protest Brüssel EU

9.1.2019 | Von:
Niko Paech

Globalisierung – verantwortungslos und verwundbar

Wer wie Donald Trump Handelsbeschränkungen fordert oder gar umsetzt, wird schnell mit Nationalismus-Vorwürfen konfrontiert. Doch die Globalisierung erzeugt tatsächlich erhebliche Risiken, meint der Wachstumskritiker Niko Paech.

Verlassene Kohleförderungsanlagen im norwegischen Pyramiden (Spitzbergen)Die sozialen und ökologischen Folgen einer Wachstumsökonomie lassen sich kaum kontrollieren. Verlassene Kohleförderungsanlagen auf Spitzbergen. (© picture-alliance, chromorange)

Innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses wird zusehends infrage gestellt, ob die Wachstumsorientierung moderner Ökonomien fortgesetzt werden kann und sollte. Es erscheint daher notwendig, einen wachstumskritischen Blick auf die Rolle des internationalen Handels zu richten. Dieser wurde nie anders begründet als damit, dass alle daran beteiligten Länder ein höheres Niveau an Güterwohlstand erreichen können als in einer Autarkiesituation. Dennoch vermittelt die derzeitige Kontroverse um offene Grenzen, Handelsbeziehungen und europäische Integrationsbemühungen – wenngleich nur vordergründig – ein anderes Bild.

Niko PaechNiko Paech (© Michael Messal)
Wer den "Brexit" oder Handelsbeschränkungen wie jene, die der US-amerikanische Präsident Donald Trump befürwortet oder gar umsetzt, unterstützt, sieht sich oft mit Nationalismus-Vorwürfen konfrontiert - so als ließe sich vom Außenhandelsvolumen per se auf die Relevanz einer Abschottungspolitik schließen. Wer die Option nicht nutzt, das Handelsvolumen zu steigern, muss sich als nationalistisch verunglimpfen lassen – dies zeigte auch die Kontroverse um TTIP und CETA, die EU-Handelsabkommen mit den USA und Kanada.

Wird die vorschnelle Nationalismuskritik aller gesinnungsethischen Verkleidungen entledigt, verbleibt am Ende nur die Binsenweisheit, dass Handelshemmnisse Wertschöpfung, Absatzmöglichkeiten, Einkommens- beziehungsweise Gewinnerzielungsmöglichkeiten, Arbeitsplätze sowie die Vielfalt an Konsummöglichkeiten reduzieren würden. Damit wird offenbar, wie politisch korrekte Schnappreflexe dazu dienen, eine schlicht gezimmerte Wachstumsagenda zu verbergen.

Es verbreiten sich indes verschiedene Diskurse, aus denen heraus die These begründet wird, dass weiteres Wirtschaftswachstum keine Option mehr darstellt, um moderne Industriestaaten verantwortbar zu gestalten. Zunahmen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) scheitern an absehbaren Ressourcenengpässen. [1] Die Entkopplung des ohne BIP-Wachstum nicht zu stabilisierenden Wohlstandes von daraus resultierenden ökologischen Schäden entbehrt jeder theoretischen und empirischen Grundlage. [2] Entgegen landläufiger Politikvorstellungen beseitigt Wachstum auch nicht per se Verteilungsdisparitäten. [3] Befunde der sogenannten "Science of Happiness" [4] lassen zudem erkennen, dass Wirtschaftswachstum nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus keine weiteren Steigerungen der Lebenszufriedenheit erzeugt.

Arbeitsteilung führt zu organisierter Unverantwortlichkeit

Die hochgradig spezialisierte und räumlich entgrenzte Arbeitsteilung, ohne die beständiges Wachstum nicht möglich ist, führt sogar unvermeidbar in ein komplexes System der "organisierten Unverantwortlichkeit" [5], weil sich die sozialen und ökologischen Wirkungen ökonomischer Handlungen nicht mehr kontrollieren lassen. Mit zunehmender räumlicher Ausdehnung und ökonomischer Verflechtung steigt außerdem die Vulnerabilität, das heißt die Verwundbarkeit oder Krisenanfälligkeit der davon abhängigen Versorgungssysteme. [6]

Die räumliche und funktionale Ausdifferenzierung bei der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen hat eine entscheidende Konsequenz: Insoweit sich die Verantwortung für einen Gesamtprozess auf hinreichend viele Zuständigkeiten verteilt, wird sie damit gleichsam ausgelöscht. Jeder Akteur, der innerhalb komplexer Prozessketten lediglich einen Teilaspekt bearbeitet, folgt einer eigenen, sich aus dem isolierten Aufgabenbereich ergebenden Zweckrationalität. Die ökologischen und sozialen Folgen des vollständigen Prozesses bleiben für ihn unsichtbar, denn zwischen der Entstehung eines Bedarfes und der damit ausgelösten Produktion liegen unzählige, über beträchtliche Distanzen miteinander verkettete Einzelhandlungen. Indem die Ausführung über viele Stufen hinweg delegiert wird, erfolgt eine "Mediatisierung" [7], das heißt eine Vermittlung von Handlungen. Diese werden grundsätzlich von einem Dritten ausgeführt, der "zwischen mir und den Folgen meines Tuns steht, sodass diese mir verborgen bleiben" [8] .

Die globale industrielle Arbeitsteilung bedingt also eine "Entpersönlichung" derjenigen Menschen, die von den Folgen unmittelbar betroffen sind: "Verantwortung, das Grundelement moralischen Verhaltens, entsteht aus der Nähe des Anderen. Nähe bedeutet Verantwortung und Verantwortung ist Nähe". [9]

Auch das oft bemühte Argument, Armut und Ungleichheit ließen sich durch Wachstum mildern, welches wiederum mittels Freihandel zu steigern sei, erweist sich als ambivalent. Insbesondere Armutsökonomien wird oft nahegelegt, sich zwecks Wohlstandssteigerung verstärkt an internationaler Arbeitsteilung auszurichten. Richtungweisend für die ökonomische Entwicklung sind somit nicht mehr inländische Bedarfsmuster, sondern der Weltmarkt. Dies setzt einen Strukturwandel voraus, der die international konkurrenzfähigen Branchen wachsen lässt, jedoch zu Lasten anderer Bereiche, die folglich schrumpfen. Letztlich kann dies dazu führen, dass sich die Situation der ärmsten Bevölkerungsteile verschlechtert. Dies gilt beispielsweise für die ländliche und indigene Bevölkerung Brasiliens oder Boliviens.

Das entscheidende Postulat der Außenwirtschaftstheorie, wonach Freihandel das Volkseinkommen steigern würde, geht gemäß des Stolper-Samuelson-Theorems (1941) [10] immer mit Verlierern und Gewinnern einher. Die "Pointe" besteht jedoch darin, dass die Verluste in den schrumpfenden Branchen von den Zuwächsen in den vom Handel profitierenden Bereichen übertroffen werden, also das Volkseinkommen netto wächst. Folglich könnten die Gewinner die Verlierer kompensieren - und dennoch einen Einkommenszuwachs verzeichnen.

Hierzu wäre es allerdings nötig, dass die freigesetzten Arbeitskräfte von den prosperierenden Sektoren absorbiert werden. Da die schrumpfenden Sektoren in Entwicklungs- und Schwellenländern zumeist landwirtschaftlich, handwerklich, nicht selten sogar subsistenzwirtschaftlich geprägt sind – also möglichst alle benötigten Güter selbst herstellen -, sind Ausbildung, kulturelle Kompetenz und Mobilität der betroffenen Arbeitnehmer kaum kompatibel mit den Anforderungen der boomenden Branchen. Diese Unvereinbarkeit durch Umschulungsmaßnahmen zu beseitigen, gelingt bestenfalls selten, weil hierzu vonnöten sein kann, Analphabeten zu Computerexperten umzuschulen und in kulturell vollkommen neuen Kontext zu übersiedeln. Die Misere im Rust Belt ("Rostgürtel"), der einstmals größten Industrieregion der USA verdeutlicht, wie schwierig diese Re-Integration selbst unter vergleichsweise günstigen Bedingungen ist. Sie kann im Übrigen am hierzu nötigen Zeitbedarf scheitern, denn zwischenzeitlich könnte der zusätzliche Beschäftigungsbedarf in den Wachstumsbranchen durch qualifizierte Arbeitsmigranten aus anderen Ländern befriedigt werden. Zudem weisen die heute boomenden Branchen einen zunehmend hohen Technisierungs- und Automationsgrad auf, fragen somit trotz prägnanter Wachstumsraten nur wenige zusätzliche Arbeitskräfte nach.

Ausgerechnet Samuelson, der das Freihandelstheorem seinerzeit mit begründet hatte, legte später dar, dass erstens unter den zwischenzeitlich relevant gewordenen Bedingungen der Globalisierung (also Kapitalmobilität) schon das Erzielen von Nettogewinnen durch Freihandel fraglich ist. [11] Außerdem, so konstatierte er des Öfteren, seien ihm kaum Beispiele dafür bekannt geworden, dass die unvermeidlichen Verlierer des Freihandels je entschädigt worden wären.

Vulnerabilität als Wegbegleiter entgrenzter Versorgungssysteme

Die wacklige Architektur der den Globus umspannenden Wertschöpfungsketten offenbart sich immer dann, wenn eine Finanzkrise oder diplomatische Verstimmungen infolge ungleichgewichtiger Handelsbeziehungen heraufziehen. Die komplexe und räumlich diffuse Versorgungsmatrix lässt sich schon allein dadurch zum Einsturz bringen, dass sich an entscheidender Stelle eine nicht zu substituierende Ressource verknappt.

Das Welthandelssystem war nie erdölabhängiger als gegenwärtig – mit steigender Tendenz. Auch die Konflikte um sich verknappende Rohstoffe wie seltene Erden und strategische Metalle sowie global ausgelagerte Anbauflächen nehmen zu. Der durch internationale Spezialisierung zustande gebrachte Reichtum beschwört also eine fatale Allianz herauf: zunehmende Fallhöhe trifft auf zunehmende Instabilität. Moderne Gesellschaften entledigen sich zunehmend ihrer ökonomischen Autonomie und Widerstandsfähigkeit. Insoweit die Anzahl der Industrie- und Schwellenländer zunimmt, deren Wohlstand am dünnen Faden einer globalisierten, folglich fragilen Fremdversorgung hängt, entstehen Rivalitäten um entlegene Ressourcenquellen, Flächen, Absatzmärkte und Einflusssphären. Die damit erzeugten Konfliktfelder wirken sich auf die Außen- und Sicherheitspolitik alles andere als friedensstiftend aus.

Eine Rückkehr zur autarken Produktionsstruktur ist in aller Regel unmöglich, weil der Übergang zur Freihandelslösung das Resultat eines tief greifenden Strukturwandels ist.

Im Zuge dieser Transformation werden nicht nur neue Industrien, Produktionsstätten und Infrastrukturen geschaffen, sondern bisherige Versorgungsmuster zerstört: Menschen verlassen regionale Netzwerke, geben bislang bewirtschaftete Flächen auf, entwickeln höhere Konsumansprüche, verlernen Praktiken der Selbstversorgung und erwerben stattdessen Qualifikationen, die zur spezialisierten Erwerbsarbeit befähigen und mit einem urbanen Lebensstil einhergehen. Dieser Wandel ist kurzfristig unumkehrbar, weil ihm nicht nur eine produktionstechnische, sondern infrastrukturelle, soziale und kulturelle Transformation zugrunde liegt. Folglich wird die verlockende Chance auf Zuwächse an materiellem Reichtum, den ein konsumtiver, in internationale Arbeitsteilung eingebetteter Lebensstil verheißt, mit einer beträchtlichen sozialen Fallhöhe erkauft. [12]

Außenhandel in der Postwachstumsökonomie

Um das System der organisierten Verantwortungslosigkeit und Vulnerabilität ursachenadäquat zu therapieren, wäre es unausweichlich, Prozessketten zu verkürzen, um Transparenz und Kontrolle wiederzuerlangen. Partiell auf Selbstversorgung und lokalen Austauschbeziehungen beruhende Versorgungsmuster gewährleisten zwar nur einen maßvollen Güterwohlstand, sind aber sicherer vor Krisen. Kohr sprach bereits 1957 vom "Kleine-Einheiten-Prinzip" des regionalen Wirtschaftens.

Angebotsseitig entspräche eine hierzu erforderliche Postwachstumsökonomie [13] der Kombination dreier Versorgungssysteme:
  1. globale industrielle Arbeitsteilung,
  2. Regionalökonomie und
  3. moderne Subsistenz.
Eine derart multiple Versorgung steigert die Krisenresistenz und mindert den Wachstumsdruck, weil für die beiden letztgenannten Dimensionen eine weniger kapitalintensive Erzeugung typisch ist. Diese könnte sich essentiellen Gütern widmen, um Autonomie und Resilienz, insbesondere Nahrungssicherheit zu gewährleisten. Subsistenz und die Regionalökonomie dienten somit der Ergänzung einer prägnant zurückgebauten Industrie, die gleichwohl noch internationalen Handel einschließt – aber nur unter Wahrung ökonomischer Selbständigkeit. Dabei könnte ein Spezialisierungsniveau angepeilt werden, das zwar Handelsvorteile gegenüber der Autarkielösung ermöglicht, sich aber dergestalt beschränkt, dass im Krisenfall ein zur Existenzsicherung nötiges Quantum an essentiellen Gütern immer noch selbst produziert werden kann.

Fußnoten

1.
Heinberg, Richard (2007): Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines, Gabriola Island.
2.
vgl. Kümmel, R./Lindenberger, D./Paech, N. (2018): Energie, Entropie und Kreativität. Was das Wachstum treibt und bremst, Berlin.
3.
Paech, Niko (2008): Regionalwährungen als Bausteine einer Postwachstumsökonomie. Zeitschrift für Sozialökonomie (zfsÖ) 45 (158–159): S. 10-19
4.
Layard, Richard (2005): Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt am Main
5.
Beck, Ulrich (1986): Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit, Frankfurt am Main; Bauman, Zygmunt (2002): Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg.
6.
Hopkins, Rob / Heinberg, Richard (2008): The Transition Handbook. From Oil Dependency to Local Resilience, Dartington.
7.
Lachs, John (1981): Responsibility of the Indiviudual in Modern Society, Brighton.
8.
Bauman 2002, S. 38.
9.
Bauman 2002, S. 198.
10.
Stolper, Wolfgang F. / Samuelson, Paul A. (1941): Protection and Real Wages, in: Review of Economic Studies, 9, S. 58-73.
11.
Samuelson, Paul A. (2004): Where Ricardo and Mill Rebut and Confirm Arguments of Mainstream Economists Supporting Globalization, in: The Journal of Economic Perspectives 18/3, S. 135-146.
12.
Sen, Amartya (1982): Poverty and Famines. An Assay on Entitlement and Deprivation, Oxford.
13.
Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München.
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Autor: Niko Paech für bpb.de
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