Dossierbild Europäische Schuldenkrise

Die Konstruktion der Währungsunion fördert Panikattacken


23.11.2014
Für Ulrike Herrmann ist die Eurozone falsch konstruiert. Es funktioniere nicht, eine gemeinsame Währung zu haben, aber 18 verschiedene Staatsanleihen. Das habe es noch nie in der langen Geschichte des Geldes gegeben – und fördere Panik auf den Finanzmärkten.

Ulrike HerrmannUlrike Herrmann (© Herby Sachs/WDR)
Die Europäische Zentralbank muss die Möglichkeit haben, Staatsanleihen aufzukaufen, weil sonst der Euro auseinanderbricht. Sie muss auf den Finanzmärkten intervenieren können, denn die Eurozone ist falsch konstruiert. Es funktioniert nicht, eine gemeinsame Währung zu haben, aber 18 verschiedene Staatsanleihen. Das gab es noch nie in der langen Geschichte des Geldes – und nun erweist es sich als fatal. Die verheerende Wirkungskette lässt sich sehr gut am Beispiel Italiens studieren, das ab 2011 von panischen Investoren in Richtung Pleite getrieben wurde, obwohl es eigentlich ein wirtschaftlich gesundes Land war und ist. Diese Beschreibung mag manchen Deutschen wundern. Doch Fakt ist: Italiens Banken sind stabil und haben die US-Finanzkrise bestens überstanden, weil sie – anders als viele deutsche Institute – keine letztlich wertlosen amerikanischen Schrottpapiere aufgekauft hatten. Zudem sind Italiens Staatsschulden zwar hoch, aber nicht neu, sondern werden seit mehr als 20 Jahren mitgeschleppt und verlässlich bedient.

"Ein solcher Teufelskreis ist nur möglich, weil die Investoren zwischen 18 Staatsanleihen wählen können, die alle auf Euro lauten."



Rendite zehnjähriger StaatsanleihenRendite zehnjähriger Staatsanleihen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Italien ist also nicht Griechenland, das tatsächlich pleite ist, weil es jahrelang viel zu hohe Schulden im Ausland aufgenommen hat. Aber diese objektiven Unterschiede zwischen den beiden Ländern interessierten die Investoren nicht mehr. Als im Juli 2011 für Griechenland ein erster Schuldenschnitt diskutiert wurde, fürchteten sie, dass auch andere Euroländer konkursreif seien. Also verkauften sie hektisch ihre italienischen Staatsanleihen und erwarben dafür deutsche Papiere, die ihnen sicherer erschienen. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage begann zu wirken: Die Zinsen für italienische Staatsanleihen stiegen auf über sieben Prozent, weil kaum noch jemand die italienischen Staatsanleihen erwerben wollte. Umgekehrt wurde die deutsche Regierung mit Geld überschwemmt – und musste für einen zehnjährigen Kredit nur noch 1,4 Prozent bieten.

Die hohen Zinsen waren für Italien jedoch tödlich, weil im Staatshaushalt gekürzt werden musste, was die Wirtschaft schrumpfen ließ, was wiederum die Staatsverschuldung erhöhte. Dabei sollte diese doch eigentlich gesenkt werden. Italien geriet in einen Teufelskreis, der die Panik der Investoren erst recht schürte. Ein solcher Teufelskreis ist nur möglich, weil die Investoren zwischen 18 Staatsanleihen wählen können, die alle auf Euro lauten. Die Anleger können sich von ihren italienischen Papieren trennen und dafür deutsche Anleihen kaufen, ohne dass sie einen Wertverlust erleiden. Sie behalten immer Euro.

"In der Eurozone fehlt die Bremse namens Währungsrisiko, weil die Anleger von einem Euroland zum nächsten springen können."



Diese Konstruktion der Währungsunion fördert Panikattacken. Dies zeigt ein Vergleich mit Großbritannien, das bekanntlich sein Pfund noch besitzt. Stellen wir uns einmal vor, dass viele Investoren plötzlich Sorge hätten, dass die britische Wirtschaft kollabieren könnte. Also würden sie versuchen, ihre britischen Staatsanleihen schnellstmöglich abzustoßen, was natürlich Kursverluste bei diesen Papieren bedeuten würde. Doch was sollten die Anleger mit den Pfund machen, die sie beim Verkauf der Anleihen erhalten? Sie könnten das Geld zwar in Dollar oder Euro tauschen, doch würde das Pfund sofort abstürzen, wenn viele Anleger gleichzeitig von der Insel fliehen wollten. Die Investoren hätten also einen doppelten Kursverlust zu verkraften: erst bei den britischen Staatsanleihen und dann beim Pfund. Die Panikattacke würde zu teuer – und daher automatisch enden. In der Eurozone hingegen fehlt die Bremse namens Währungsrisiko, weil die Anleger von einem Euroland zum nächsten springen können.

Noch wichtiger: Anders als Italien besitzt Großbritannien eine eigene Notenbank, die sofort eingreift, wenn die Investoren in Panik geraten. Die Anleger können sich darauf verlassen, dass die Bank of England im Notfall britische Staatsanleihen aufkauft. Die Investoren wissen also, dass sie ihr Geld garantiert zurückbekommen – und werden gar nicht erst panisch.

"Geld entsteht nicht bei der Zentralbank – sondern in dem Moment, in dem Privatbanken einen Kredit vergeben und ihn auf das Girokonto ihrer Kundinnen und Kunden buchen."



Die Europäische Zentralbank hingegen hat sich lange gesträubt, Staatsanleihen aufzukaufen, weil vor allem die Deutsche Bundesbank fürchtete, dass es eine Inflation auslösen könnte, wenn die Notenbank Geld "druckt". Diese Angst ist völlig abwegig. Geld entsteht nicht bei der Zentralbank – sondern in dem Moment, in dem Privatbanken einen Kredit vergeben und ihn auf das Girokonto ihrer Kundinnen und Kunden buchen. Momentan nehmen jedoch weder Verbraucher noch Firmen Darlehen auf, weil fast überall Krise herrscht. Die in der Eurozone umlaufende Geldmenge stagniert oder schrumpft sogar leicht. Europa steuert nicht auf eine Inflation zu – sondern auf eine Deflation. Die Preise sinken in vielen Ländern, weil die Fabriken leer stehen und sich die Unternehmen Rabattschlachten liefern.

Trotzdem zögerte die Europäische Zentralbank viel zu lange und griff erst im Juli 2012 entschieden ein. Damals kündigte EZB-Chef Mario Draghi in einer Rede an, dass man "alles" tun würde, um den Euro zu retten. Die Investoren wussten sofort, was mit diesem kurzen Satz gemeint war: Ab jetzt würde die Notenbank unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um die Zinsen für Italien oder auch für Spanien nach unten zu drücken. Die Panik verebbte sofort, so dass die EZB keine einzige Staatsanleihe erwerben musste. Reine Psychologie hatte ausgereicht, um die Anleger zu beruhigen.

Norbert Häring (© Privat)
Standpunkt Norbert Häring:

"Wenn die EZB bereit wäre, Geld an den Banken vorbei in Umlauf zu bringen, hätte sie viele Möglichkeiten, jederzeit und sofort die Kreditklemme zu lösen."


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Ulrike Herrmann für bpb.de

 
Quiz
Testen Sie Ihr Wissen zum Euro und zur Schuldenkrise

Frage 1 / 20
 
Wer gilt als der "Vater des Euro"?







Kurz-Interviews

Handelt die EZB ohne demokratische Legitimation?

Die Europäische Zentralbank hat mit Milliardensummen interveniert, um in Schieflage geratenen Eurostaaten zu helfen. Vor allem in Deutschland glauben viele Kritiker, sie habe mit der Geldflut ihre Kompetenzen überschritten. Zu Recht? Sechs Antworten. Weiter... 

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.