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2.7.2002 | Von:
Dieter Senghaas

Kulturelle Globalisierung - ihre Kontexte, ihre Varianten

Kulturelle Globalisierung hat, nicht anders als die ökonomische, ganz unterschiedliche Ausprägungen. Dies zeigt sich daran, ob man die Welt der hoch industrialisierten OECD-Länder betrachtet oder die Entwicklungsgesellschaften.

I. Abschnitt

Seit der Mitte der neunziger Jahre ist der Begriff der "Globalisierung" weltweit massiv in das Zentrum des politischen und auch des wissenschaftlichen Diskurses gerückt. Aus der Geschichte öffentlich wirksam gewordener Begriffe weiß man, dass ein solcher Vorgang immer reale Sachverhalte widerspiegelt. Dennoch: Problematisch wird der gängig gewordene Begriff, insofern mit ihm - wie es häufig in industriell hoch entwickelten Ländern geschieht - weltweite Gleichläufigkeiten unterstellt werden, wodurch ein fragwürdiges, gegebenenfalls sogar ein falsches Bild der Welt entsteht. Denn diese Welt zeichnet sich immer noch durch höchst unterschiedliche Teilstrukturen aus, die allerdings in hierarchisch gelagerten Abschichtungen aufeinander bezogen sind:

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  • An der Spitze der Weltgesellschaft beobachten wir zwischen den fortgeschrittenen Industriegesellschaften (OECD-Welt) Entgrenzungsprozesse, die in allen Dimensionen (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur) komplexe Interdependenzen entstehen lassen. Im ökonomischen Bereich ist dieser Vorgang am weitesten fortgeschritten. Beispielhaft ist hierfür die forcierte Entwicklung des europäischen Binnenmarktes, der heute durch eine freihändlerisch motivierte Mobilität der entscheidenden ökonomischen Faktoren gekennzeichnet wird. Die hier inzwischen entstandenen Interdependenzen zeichnen sich durch Symmetrie und substitutive Arbeitsteilung aus. Das heißt, alle beteiligten Ökonomien produzieren tendenziell kapital-, wissens- und technologieintensiv; sie sind in allen Sektoren vergleichbar wettbewerbsfähig, und sie exportieren ein und denselben Typ von Gütern hoher Wertschöpfung über die Grenzen hinweg. Das führt zu einem erheblichen Wettbewerb und doch gleichzeitig zu grenzüberschreitenden integrierten Märkten. Da der Wettbewerb auf gleichem Kompetenzniveau stattfindet, kommt es zu dem, was man als Globalisierung de luxe bezeichnen könnte: einer symmetrisch gelagerten Durchdringung der Märkte mit vergleichbaren, substituierbaren Gütern. Bei diesem Typ von Arbeitsteilung gewinnen alle Beteiligten, einschließlich der Konsumenten.

    Ein solcher Sachverhalt lässt sich aber weltweit, das heißt jenseits der OECD-Ökonomien, nicht oder nur im Hinblick auf eingeschränkte, wenige Länder erfassende Segmente beobachten. Weltweit existiert weiterhin, wie schon in den vergangenen Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, ein erhebliches Produktivitäts- und Kompetenzgefälle zwischen den hoch produktiven Ökonomien und den weniger produktiven. Die weniger produktiven Ökonomien sind dabei einem dramatischen Verdrängungswettbewerb ausgesetzt; sie befinden sich unter Peripherisierungsdruck, d. h. in der Gefahr, innerhalb der Weltwirtschaft an den Rand gedrängt, also peripherisiert oder marginalisiert zu werden.

    Natürlich sind das Produktivitäts- und Kompetenzgefälle und der daraus resultierende asymmetrisch gelagerte Verdrängungswettbewerb nicht überall gleich ausgeprägt. Und natürlich gibt es unterschiedliche Reaktionsweisen einer weniger produktiven Ökonomie (économie dominée) gegenüber der überragend produktiven économie dominante: Abbau und Verfall, also Regression, ist eine der möglichen Reaktionen, und sie ist keineswegs die seltenste (siehe Schwarz-Afrika). Abschottung bei gleichzeitigem Versuch des Überlebens unter selbst gewählten Bedingungen ist eine weitere denkbare und empirisch beobachtbare Reaktion (siehe bis vor kurzem Lateinamerika). Den dritten, eher seltenen Typ von Reaktion könnte man als innovative Antwort auf die genannte Herausforderung bezeichnen: Hier werden alle Kräfte mobilisiert, um dem Verdrängungswettbewerb standzuhalten und ihm gegebenenfalls erfolgreich entgegenzuwirken. Inszeniert wird dann ein Verdrängungswettbewerb gegen die höher produktive Ökonomie: Man schlägt den Herausforderer mit qualitativ vorzüglichen Produkten, die mit zunächst niedrigen Lohnkosten erzeugt werden, was zu einem "dependency reversal" führt (z. B. Ostasien in den vergangenen Jahrzehnten).

    Doch anders als in diesem exzeptionellen Fall führt Globalisierung in den weniger produktiven Gesellschaften und Ökonomien allermeist zu jener Erscheinung, die Entwicklungsforscher seit Jahrzehnten als "strukturelle Heterogenität" bezeichnet haben. Mit diesem Begriff wird eine Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur gekennzeichnet, in der sich unterschiedliche Produktivitätsniveaus und Produktionsweisen, abgeschichtet gelagert, miteinander verschränken - gewissermaßen im Spektrum von den hoch produktiven Tochterfirmen multinationaler Konzerne einerseits und einer kärglichen Selbstversorgungswirtschaft andererseits. Die bekannte Folge dieser Struktur besteht in einer Akzentuierung der Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Privilegierung und Marginalität in ein und derselben Gesellschaft.

    Wenn vor mehreren Jahrzehnten in einer fulminanten lateinamerikanischen Entwicklungsdiskussion über "transnationale kapitalistische Integration bei gleichzeitiger nationaler Desintegration" reflektiert wurde - auf diese Problematik bezog sich der Kern der so genannten dependencia-Diskussion -, dann hat sich inzwischen die seinerzeit geschilderte Problemlage für diesen Typ von Ländern in der Welt um einiges zugespitzt. Denn das Produktivitäts- und Kompetenzgefälle und damit der Peripherisierungs- und Marginalisierungsdruck sind in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden, sondern größer. Autoren (wie A. Cordova, F. H. Cardoso, R. M. Marini, A. Quijano und O. Sunkel) haben seinerzeit über den Fall Lateinamerika nachgedacht, andere (wie insbesondere Samir Amin) über Afrika und die übrige Welt, und wiederum andere Autoren haben entsprechende Beobachtungen zur Ausgangslage einer "Weltsystem-Analyse" (Immanuel Wallerstein) gemacht. Die Globalisierungsproblematik, wie sie heute den größten Teil der Welt tangiert ("transnationale kapitalistische Integration"), ist also eine nicht unvertraute Erscheinung, was gleichermaßen für ihre Folgen - "nationale Desintegration" als Konsequenz eines asymmetrischen Verdrängungswettbewerbs - gilt. Für die Entwicklungsgesellschaften der Welt existierte sie, lange ehe Globalisierung als Begriff in Umlauf kam. Deshalb kann es nur nützlich sein, sich erneut der Sachverhalte einer Globalisierung avant la lettre zu vergewissern, um der Denkfalle zu entgehen, die Erfahrungen aus dem Umkreis einer OECD-Globalisierung de luxe als repräsentativ für die gesamte Welt zu unterstellen.