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26.5.2002 | Von:
Marcel Erlinghagen

Die sozialen Risiken "Neuer Ehrenamtlichkeit"

Zur Zukunft des Ehrenamtes am Beispiel der "Bürgerarbeit"

In der aktuellen Debatte wird das Potenzial von ehrenamtlichem Engagement, zur Lösung umfassender gesellschaftlicher Probleme beizutragen, weitgehend optimistisch beurteilt und daraus ein stärkerer Förderbedarf solcher Tätigkeiten abgeleitet.

I. Vorbemerkungen

Ehrenamtliche Arbeit ist seit einigen Jahren wieder verstärkt in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion [1] . Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Probleme wie der hohen Arbeitslosigkeit oder auch des abnehmenden politischen Interesses in der Bevölkerung - Stichwort "Politikverdrossenheit" - wird von unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren eine verstärkte staatliche Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten gefordert. Die große Mehrzahl der an dieser Debatte Beteiligten beurteilt das Krisenlösungspotenzial von ehrenamtlichem Engagement optimistisch. Es soll in drei gesellschaftspolitischen Feldern wirken und helfen, die Arbeitslosigkeit zu senken; die Bürokratie abzubauen und gleichzeitig die Qualität sozialpolitischer Leistungen zu erhalten bzw. zu erhöhen und den Verfall gesellschaftlichen Zusammenhalts zu stoppen.

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  • Insgesamt ist die Zahl der mehr oder weniger ausgearbeiteten Konzepte zur Förderung ehrenamtlicher Arbeit groß und die damit verfolgten Ziele sind mannigfaltig und schillernd [2] . Das konkreteste Konzept ist sicherlich der "Bürgerarbeits-Vorschlag" der "Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen"; in ihm finden sich viele Ideen, die in unterschiedlicher Kombination und Gewichtung in die Debatte um die Zukunft des Ehrenamtes einfließen [3] . Empirische Ergebnisse jüngeren Datums [4] lassen allerdings stark bezweifeln, dass die oben skizzierten ehrgeizigen Ziele tatsächlich erreicht werden können; darüber hinaus gehen von einem in spezifischer Weise geförderten Ehrenamtssektor auch Gefahren aus, die bislang kaum thematisiert worden sind.

    Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit diesen Gefahren anhand der exemplarischen Auseinandersetzung mit dem umfassenden Bürgerarbeitskonzept der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission. Hierbei lassen sich unterschiedliche An-knüpfungspunkte auch für die allgemeine Debatte ausmachen. In Kapitel II wird zunächst das Bürgerarbeitskonzept der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission vorgestellt. Bei der konkreten Auseinandersetzung mit den einzelnen Elementen dieses Konzeptes in Kapitel III zeigt sich, dass die durch ehrenamtliche Bürgerarbeit erhofften Arbeitsmarkteffekte kaum zu erwarten sind, dass vielmehr durch den Rückzug staatlich organisierter Sozialpolitik zu Gunsten von Selbsthilfeangeboten eine Gefahr für den Sozial- und Rechtsstaat ausgeht. Stärker geförderte ehrenamtliche Arbeit könnte die soziale Polarisierung eher verstärken bzw. beschleunigen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen.

    Fußnoten

    1.
    Für wertvolle Anregungen und Kritik danke ich Gert G. Wagner. 1 So haben die Vereinten Nationen 2001 zum "Jahr der Freiwilligen" ausgerufen. In Deutschland zeigt sich das verstärkte Interesse nicht zuletzt durch die Einrichtung einer Enquetekommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages im Februar 2000.
    2.
    Vgl. bspw. Orio Giarini/Patrick M. Liedtke, Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome, Hamburg 1998; vgl. auch Zukunftskommission "Gesellschaft 2000" der Landesregierung Baden-Württemberg, Solidarität und Selbstverantwortung. Von der Risikogesellschaft zur Chancengesellschaft. Bericht und Empfehlungen der Zukunftskommission Gesellschaft 2000 der Landesregierung Baden-Württemberg, Stuttgart 1999; Gerhard Schröder, Die zivile Bürgergesellschaft. Anregungen zu einer Neubestimmung der Aufgaben von Staat und Gesellschaft, in: Süddeutsche Zeitung vom 24. März 2000, S. 19.
    3.
    Vgl. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen. Teil III: Maßnahmen zur Verbesserung der Beschäftigungslage, Bonn 1997, S. 146-168. Kritisch zu den Ausführungen der Zukunftskommission äußern sich bspw. Gert Wagner, Soziale Abenteuer als Pseudoalternative, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 43 (1998) 3, S. 300-306; Johannes Schwarze/Gert Wagner/Marcel Erlinghagen/Karin Rinne, "Bürgerarbeit" - Kein sinnvoller Weg zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit, in: DIW-Wochenbericht, 65 (1998) 4, S. 82-85; Ute Klammer/Gerhard Bäcker, Niedriglöhne und Bürgerarbeit als Strategieempfehlung der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission, in: WSI-Mitteilungen, 51 (1998) 6, S. 359-370.
    4.
    Vgl. Marcel Erlinghagen/Karin Rinne/Johannes Schwarze, Ehrenamt statt Arbeitsamt? - Sozioökonomische Determinanten ehrenamtlichen Engagements in Deutschland, in: WSI-Mitteilungen, 52 (1999) 4, S. 246-255; dies., Arbeitslosigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit im Zeitverlauf. Eine Längsschnittanalyse der westdeutschen Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1992 und 1996, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 52 (2000) 2, S. 291-310; vgl. auch Bernhard von Rosenbladt/Sibylle Picot, Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement. Repräsentative Erhebung 1999 - Überblick über die Ergebnisse. Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, München 1999; Manfred Ehling/Bernd Schmidt, Ehrenamtliches Engagement. Erfassung in der Zeitbudgeterhebung des Statistischen Bundesamtes und Möglichkeiten der Weiterentwicklung, in: Ernst Kistler/Heinz-Herbert Noll/Eckhard Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrung, Messkonzepte, Berlin 1999, S. 411-433.