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Dossier - China

Porträt Deng Xiaoping


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Uli Franz
Nach Maos Tod übernahm Deng Xiaoping die Macht in China. Mit seinen Wirtschaftsreformen leitete er eine radikale Wende in der Politik ein: weg von der zentralistischen Planwirtschaft. Dennoch zielte er niemals auf die Schaffung eines freiheitlichen Staatswesens, auf mehr Demokratie und Liberalismus. Er blieb ein Kommunist chinesischer Prägung.


Deng Xiaoping
Deng Xiaoping auf einem Bild aus dem Januar 1978. (Foto: AP)
Keine Gedenkhalle für seine Leiche, keine Geldnote und kein Souvenir mit seinem Konterfei: Deng Xiaoping lebt nur noch in der Erinnerung. In der Erinnerung älterer Chinesen und jener Ausländer, die mit den Anfängen von Chinas Öffnungspolitik vertraut sind.

Zur Person
Uli Franz, geboren 1949, lebt als Schriftsteller in München und auf der dalmatinischen Insel Brač. Drei Jahre lang arbeitete er als Lektor und Korrespondent in Peking. Internationale Anerkennung erlangte er mit seiner Biografie über Deng Xiaoping. Seit seinen Pekinger Jahren publizierte er zwölf Bücher über China und Tibet.

Anders als Mao Zedong (1893-1976) sträubte sich Deng Xiaoping stets gegen einen Kult um seine Person, gegen die Idealisierung von Gesagtem und Getanem. Diese Maxime verfolgte er nicht nur während seiner 92 Lebensjahre, sondern auch über seinen Tod hinaus. Er starb am 19. Februar 1997. Der kleingewachsene Mann aus Sichuan, aus der Provinz der feurig-scharfen Küche, stellte sich in die Tradition des deutschen Kommunisten Friedrich Engels und verfügte eine Seebestattung seiner Asche. Versunken im Chinesischen Meer, die sterblichen Überreste von Chinas Erneuerer, dem mehr als eine Milliarde Chinesen unterschiedlich viel verdanken – die einen den großen Wohlstand, die anderen den kleinen.

Pionier der Öffnungspolitik

Der Wohlstand kam über das Land dank der Einführung einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die bis heute irreführend "Sozialismus chinesischer Prägung" genannt wird. Das Wirtschaftswachstum stellte sich ein durch eine radikale Wende in der Politik, durch die Abwendung von der zentralistischen Planwirtschaft. Deng Xiaoping initiierte sie im Dezember 1978 auf der dritten Plenartagung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KP) Chinas. Dafür übernahm er alleine die Verantwortung und boxte seinen Willen gegen den Widerstand der Betonkommunisten durch. Dank dieser Wende ging das Jahr 1978 in die neuere Geschichte als Auftakt der "Deng-Ära" ein.

De facto initiierte Deng mit seiner Öffnungspolitik gen Westen die Rettung einer durch und durch maroden Planwirtschaft. Nach einem Jahrzehnt politischer Kampagnen und Machtkämpfe in der Kulturrevolution (1966-76) war der alte Begriff von China als dem "kranken Mann des Ostens" wieder en vogue und zurecht in aller Munde. Wenn dieser "Mann" inzwischen genesen ist und nach drei Jahrzehnten zum Sprung ansetzt, um als "global player" auf dem Weltmarkt mitzuspielen, dann ist diese Umkehrung der Entwicklung Deng Xiaoping zu verdanken, dem Pionier der Öffnungspolitik.

Doch Reichtum und Wohlstand, für Chinesen so wichtig wie ein langes Leben, erzielte und erzielt heute nicht jeder. Für viele Städter und Bauern verschlechterte sich sogar das Leben aufgrund der anhaltenden Inflation. Dazu kommt eine Verknappung der ländlichen Ressourcen, vor allem des Agrarlandes aufgrund fortschreitender Urbanisierung. Zu konstatieren ist: In den Jahren der Wirtschaftsreform von 1978 bis heute sprang die Einkommensschere auf. Das Erbe des Mannes, der den berühmt gewordenen Satz "Egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse" geprägt hat, ist also widersprüchlich. Damals, als er so sprach, im Jahr 1962, lag eine Hungersnot, die mindestens 20 Millionen Chinesen das Leben gekostet hatte, hinter dem Land und der verantwortlichen kommunistischen Partei. Damals erkannte Deng erstmals grundlegend den utopischen Charakter der Mao-Zedong-Ideen. Dank dieser Erkenntnis wurde 1962 der Grundstein für die heutige Entwicklung gelegt. Zumindest bei der klügeren Fraktion der Kommunisten. "Gegenwärtig kommt es darauf an", postulierte Kader Deng, "mehr Getreide zu produzieren. Solange die Erträge steigen, ist auch die private Initiative des Einzelnen erlaubt. Egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse", sagte er damals im Plenum. Hätte Deng nicht Mao die Führung überlassen, wären die Verbrechen der Rotgardisten in der Kulturrevolution nicht geschehen, denn nach seiner wegweisenden Plenarrede wurden für kurze Zeit freie Märkte eingeführt, und die Bauern durften einen Teil ihrer Felder wieder selbst bewirtschaften. Aber die Mao-Fraktion eroberte auf fatale Weise die Macht.

Kommunist chinesischer Prägung

Wohlgemerkt, Deng Xiaoping hatte mit seinen Wirtschaftsreformen stets Stabilität und Einheit im Auge. Niemals zielte er auf die Schaffung eines freiheitlichen und individualistisch geprägten Staatswesens, auf mehr Demokratie und Liberalismus. Er war bis zu seinem letzten Atemzug ein Kommunist chinesischer Prägung. Was ist das für ein Kommunist, wird man sich im Westen fragen?

Geboren in der Endzeit des imperialen Chinas, im Jahr 1904, wurde dem kleinen Deng mit der Muttermilch konfuzianisches Gedankengut eingeflößt. Damals und heute wieder gilt die Lehre des Pädagogen und Staatsdenkers Konfuzius als der größte Kulturschatz. Der alte Meister sprach von Tugenden und von Menschlichkeit ren und meinte damit: Ein Stück von dir ist auch in mir. Das ist die Wurzel, aus der jeder Chinese seinen Ursprung zieht. Doch bei Deng kam noch anderes, unchinesisches Gedankengut hinzu.

Der am 22. August 1904 geborene Deng Xixian geriet unter den Einfluss westlicher und basisdemokratischer Ideen und wurde neu geboren – unter dem Namen Deng Xiaoping. Deng Xiaoping ("Deng, Kleine Flaschen") lautete fortan sein neuer Name, sein Org-Name, wie Kommunisten zu sagen pflegen.

In seiner Jugend lernt er von demokratisch gesinnten Lehrern und Missionaren über die Ungerechtigkeiten der Geschichte. Was er lernt, empört ihn. Er erfährt von den bitteren Niederlagen seines Mutterlandes: in den Opiumkriegen der Engländer (1840-42), den Kriegen der Franzosen (1884-85) und Japaner (1894-95) und im Boxer-Aufstand von 1900. In all diesen Kriegen wird seine feudalistische Heimat, das Reich der Mitte, ausgebeutet und bis in die Selbstverleugnung getrieben. Eine der größten Stärken von Deng wird bereits in seiner Jugend deutlich: Er verfällt nicht dem Nationalismus und Chauvinismus wie viele seiner Altersgenossen, nein, er will die Fremde kennenlernen, er will wissen, was den Imperialismus der westlichen Welt charakterisiert. So reist er als Werkstudent am 11. September 1920 nach Frankreich, wo er an der internationalistischen Bewegung "Arbeiten und studieren" junger Chinesen teilnimmt. Selbstverständlich wird sein frühes Interesse am Westen nicht nur durch Kriegsbotschaften, sondern auch durch erfreuliche Ereignisse geweckt. Schon in seiner Heimat lernte er die abendländische Kultur bei katholischen Missionaren kennen, die in der Kreisstadt Guang'an eine Schule unterhielten.


06. August 2008

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