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Russland: eine Großmacht in der internationalen Politik?

Großmachtanspruch und -ressourcen


9.5.2011
Atommacht, permanenter Sitz im Sicherheitsrat, G8-Mitgliedschaft: In der eigenen Wahrnehmung hat Russland eine führende Rolle in der Welt. Aber ist das tatsächlich so? Kann das Land weltweiten Einfluss geltend machen oder ist sein Großmachtanspruch nur historisches Relikt?

Die Führer der G8-Staaten und andere Vertreter spazieren einen Hügel hinunter, um für ein Gruppenbild während des G8-Gipfels im Deerhurst Resort in der Nähe von Huntsville, Kanada. Von links nach rechts, der britische Premierminister David Cameron, der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper, US-Präsident Barack Obama, Präsident des Europäischen Rates Herman Van Rompuy, Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, EU-Kommission Jose Manuel Barroso, der russische Präsident Dmitri Medwedew und der Französische Präsident Nicolas Sarkozy.Dmitrij Medwedew (2.v.r.) beim G8-Gipfel im Juni 2010 in Kanada. (© AP)

Im Selbstverständnis seiner Eliten und Bevölkerung stellt Russland eine Großmacht dar. Konsequenterweise bezeichnet die außenpolitische Konzeption vom Juli 2008 das Land als "eines der einflussreichen Zentren der modernen Welt" (Foreign Policy Concept, 2008), Präsident Dmitrij Medwedew nennt es in seiner jährlichen Rede vor der Föderalversammlung im November 2010 eine "moderne Weltmacht" (Address to Federal Assembly, 2010). Damit geht der Anspruch einher, international Einfluss auszuüben und mit dem postsowjetischen Raum über eine eigene Einflusssphäre zu verfügen.

Über welche Ressourcen verfügt Russland, um seinen Großmachtanspruch zu untermauern? Zwar ist es flächenmäßig mit 17 Millionen km² der größte Staat der Erde und liegt von der Bevölkerungszahl her mit 142 Millionen Einwohnern weltweit auf Platz neun. Territorium und Population alleine sagen jedoch kaum etwas aus über die Fähigkeit eines Landes, international eine führende Rolle zu übernehmen. Wichtiger sind hierfür wirtschaftliche, militärische und politische Stärke.

Ökonomisch erholte sich Russland seit der Jahrtausendwende zwar vom Verfall der 1990er-Jahre. Mit einem BIP von 2,2 Billionen US-Dollar 2010 steht das Land weltweit auf Platz sieben. Beim BIP pro Einwohner erreicht Russland mit 15.900 US-Dollar jedoch nur den 88. Platz (CIA World Fact Book). Dazu kommt, dass Russlands Wirtschaft kaum diversifiziert und mit Ausnahme einzelner Branchen wie der Atom- und Rüstungsindustrie kaum wettbewerbsfähig ist. Lediglich im Energiebereich nimmt Moskau als weltgrößter Gasexporteur und zweitgrößter Ölexporteur eine Schlüsselstellung ein, insbesondere in Europa und dem postsowjetischen Raum. Hier versucht die russische Führung auch, Energiemacht in politische Macht umzuwandeln - mit bislang unterschiedlichem Erfolg.

Militärisch nimmt Moskau zusammen mit den USA eine Ausnahmeposition ein, da beide Staaten zusammen über 90 Prozent der weltweiten Atomwaffen verfügen. Da Nuklearwaffen aber der Abschreckung dienen, lassen sie sich nur bedingt in politische Macht umsetzen. Hierfür sind Fähigkeiten zur konventionellen Machtprojektion nötig. Hier besitzen Russlands Streitkräfte zwar quantitativ ein umfangreiches Arsenal; der Georgienkrieg hatte aber deutlich gezeigt, dass Russland den Sprung von einer veralteten Mobilisierungsarmee des Industriezeitalters zu einer modernen Einsatzarmee des Informationszeitalters noch nicht vollzogen hat. Die Fähigkeiten zur militärischen Machtprojektion sind primär auf den postsowjetischen Raum beschränkt (vgl. Klein 2009).

Zu den politischen Ressourcen des russischen Großmachtanspruchs gehören der permanente Sitz im UN-Sicherheitsrat, die Mitgliedschaft in wichtigen global governance-Foren (G8 und G20) sowie die Beteiligung an Vermittlungsformaten in zentralen Schlüsselregionen (3+3-Gespräche zum Iran-Konflikt; 6-Parteien-Gespräche zum Nordkorea-Konflikt). In anderen Weltregionen (Afrika, teils Lateinamerika) hat Russland dagegen seit dem Ende der Sowjetunion massiv an Einfluss verloren. Anders als die Sowjetunion verfügt das heutige Russland auch nicht über nennenswerte soft power, d. h. ein attraktives Gesellschafts-, Herrschafts- und Kultursystem. Weder entwickelte sich Russland zu einem Modell erfolgreicher Demokratisierung, noch zu einem erfolgreicher autoritärer Modernisierung wie China. Zudem fehlt es Moskau an verlässlichen Verbündeten, wie sich anlässlich der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens durch Moskau zeigte, als keiner der postsowjetischen Staaten Russlands Beispiel Folge leistete. Das heutige Russland verfügt also nur bedingt über die nötigen Ressourcen, um seinen Großmachtanspruch international umzusetzen.


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