Basilius-Kathedrale
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Aufstieg zur europäischen Großmacht

(850 - 1850)


15.10.2010
Seit seinem Eintritt in die Moderne ist Russland ein europäischer Staat. In wechselnder Gestalt und unter wechselnden Namen - als Russländisches Reich, Sowjetunion und Russländische Föderation - hat dieses Land die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet

Das russische Reich im Jahr 1786.Das russische Reich im Jahr 1786. (© Public Domain)

Der Vielvölkerstaat, der sich über zwei Kontinente erstreckt - Europa und Asien - und sich vom lateinisch geprägten Okzident durch seine Orientierung an der byzantinischen Ostkirche unterschied, näherte sich im Verlauf der Neuzeit gesellschaftspolitisch den Kernstaaten Europas immer weiter an und trug seinen Teil zur Entfaltung europäischen Denkens und europäischer Kultur bei.

Eine politische und gesellschaftliche Organisation formierte sich im Raum des späteren Russland zunächst unter dem Einfluss anderer Kulturkreise. Mitte des neunten Jahrhunderts entstand entlang der Handelsrouten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein System von bald slawisierten, verwandtschaftlich verbundenen, normannisch-skandinavischen Herrschaften, die sich im Lauf der Zeit zu einer festeren politischen Organisationsform, der Kiewer Rus, entwickelten. Stützpunkte wurden städtische Siedlungen wie Kiew - der Hauptort, der dem Herrschaftsverband auch seinen Namen gab -, Wladimir oder Susdal, die zugleich als Herrschaftssitz, Festung, Tributverwaltung, kirchliches Zentrum und Fernhandelsbasis fungierten. In dieser Phase gewann das Herrschergeschlecht der Rjurikiden, dem später - bis 1598 - die russischen Zaren entstammten, die Oberhand.

Unter dem Kiewer Großfürsten Wladimir I., dem Heiligen (978-1015), setzte sich von Byzanz aus das Christentum in der Rus durch. Die Einbindung in den orthodoxen Missionierungsraum bedeutete auf lange Sicht die Separation vom lateinisch-christlichen Teil Europas, der mit Reformation, Renaissance und Aufklärung eine Entwicklung nahm, die in Russland nicht mitvollzogen wurde. Der Austausch mit dem Westen kam gänzlich zum Erliegen, als die Kiewer Rus unter den Mongolenstürmen der Jahre 1223, 1237/38 und 1239/40 zerbrach und die Teilfürstentümer für anderthalb Jahrhunderte unter die Oberhoheit des westlichen Mongolenkhanats, der "Goldenen Horde" mit ihrem Sitz in Sarai an der unteren Wolga, gerieten. In dieser Phase wurde Moskau zum neuen Machtzentrum der Rus. Im Jahr 1380 war es soweit erstarkt, dass es in einer siegreichen Schlacht auf dem "Schnepfenfeld" am Don der mongolischen Oberhoheit ein Ende setzen konnte. In der Folge dehnte Moskau sein Territorium aus.

Ivan III. (1462-1505) bezeichnete sich erstmals als "russischer Großfürst und Zar" und betonte mit diesem von der Bezeichnung "Caesar" abgeleiteten Titel seinen Anspruch auf Gleichrangigkeit mit dem Kaisertum im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation". 1510 entwickelte in Pskow der Mönch Filofej die Idee von Moskau als "Drittem Rom" - als dem dritten Zentrum der Christenheit nach Rom und Byzanz.

Eine Generation später ließ sich Ivan IV. (der Schreckliche, 1547-1584) als "Zar und Selbstherrscher des ganzen großen Russland" krönen - ein Titel, der den Anspruch auf die Nachfolge der byzantinischen Kaiserwürde einschloss. Unter seiner Herrschaft wurde das Reich im Kontext imperialer Machtpolitik nach Osten und Süden ausgedehnt. Im Innern folgte einer Phase der Reformen das Schreckensregiment, die Opritschnina. Mit seinem Sohn Fjodor, der 1598 ohne Nachfolger starb, endete die Dynastie der Rjurikiden. Nach einer Phase der smuta, der Wirren, wurde 1613 mit der Wahl des Bojaren Michail Romanow (1613-1645) ein Neuanfang gemacht. Die Bojaren waren Angehörige des Hochadels in der altrussischen Geschichte. Es war dann sein Nachkomme Peter I. (1682/1689-1725), der Russland mit harter Hand modernisierte und die "Pforten nach Europa" aufstieß.