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Dossier - China

Chiang Kaishek - ein Diktatorenleben


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Hans-Wilm Schütte
Zwei Gegner

Das militärische Vordringen Japans ab 1931 stellt das Erreichte wieder in Frage. Chiang weiß, dass China es mit dem Aggressor militärisch nicht aufnehmen kann. Stattdessen hofft er Japan zu besänftigen, indem er die patriotischen, antijapanischen Kräfte bekämpft. Die Kommunisten aber hat er noch nicht "ausrotten" können, vielmehr profilieren sich diese als führender Faktor im antijapanischen Widerstand nun umso erfolgreicher. Schließlich, am 12. Dezember 1936, putscht sein eigener General, der "junge Marschall" Zhang Xueliang, gegen Chiang und stellt ihn unter Hausarrest. Diesen "Xi'an-Zwischenfall" erlebt der Generalissimus als größte Erniedrigung. Zhang presst ihm die Zusage ab, die Kommunisten nicht mehr zu bekriegen, sondern mit ihnen China gegen Japan zu verteidigen.

Im Laufe der Jahre kehrt Chiang jedoch zu seiner antikommunistischen Linie zurück, auch gegen den Willen der Vereinigten Staaten, für die China nach dem Ausbruch des Pazifikkriegs 1941 zum wichtigsten Bündnispartner in Fernost wird. Chiang allerdings sieht voraus, dass die USA Japan ohnehin besiegen werden, und schont seine Ressourcen für den Entscheidungskampf mit den Kommunisten. Auch dank seiner Frau, die 1943 in einer flammenden Rede vor dem US-Kongress um Unterstützung für China wirbt, rückt er zur Weltprominenz auf und konferiert im November des Jahres in Kairo mit dem britischen Premierminister Winston Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt.

Vom Sieger zum Verlierer

Aber die Welt besteht nicht nur aus Militärstrategie. Chiangs Regierung finanziert sich und ihren Krieg über die Notenpresse. Landreformen, die die Wirtschaft stärken würden, aber nach Kommunismus riechen, unterbleiben. Stattdessen grassiert die Korruption. Chiang, von Jasagern und steinreicher Verwandtschaft umgeben, widmet sich lieber der Propaganda und verliert den Bezug zur Realität.

Das geht gut, solange Unterstützung aus den USA kommt. Als sich Chiang nach dem Krieg allerdings der amerikanischen Forderung widersetzt, mit den Kommunisten eine Koalitionsregierung der nationalen Einheit zu bilden, und die USA ihre Militärlieferungen einstellen, verkennt er die zahlreichen Fehler, die er begeht. Der Weltkriegssieger leidet an Selbstüberschätzung. Seine Truppen, zwangsrekrutierte Burschen, sind demoralisiert, hungern und laufen zum Gegner über. Eine Hyperinflation raubt der Volkswirtschaft ihre Basis. Anfang 1949 erkennt Chiang die Hoffnungslosigkeit der Lage, zieht sich zum letzten Mal in seine Heimat zurück und fängt an, alles für Taiwan als letzte Bastion seiner Herrschaft vorzubereiten. Bald setzt eine Massenflucht dorthin ein. Bis Ende 1949 fliehen mehr als eine Million Menschen auf die Insel. Zu ihnen zählt am 10. Dezember auch Chiang.

"Freies China"

Die USA zeigen ihm nun die kalte Schulter. Zur effektiven Verteidigung der Insel fehlen die Mittel. Bald droht eine kommunistische Invasion – da bricht der Koreakrieg aus, und auf einmal wird Taiwan zum Frontstaat im Ost-West-Konflikt. Üppige amerikanische Militär- und Wirtschaftshilfe beginnt zu fließen. Chiangs Inselbastion ist gerettet. Zuvor schon ist ihm klar geworden, dass ohne ein gesundes Wirtschaftsleben keine dauerhafte Herrschaft gedeiht. So lässt er Technokraten mitregieren, die eine Landreform durchziehen und Grundsteine legen für das taiwanische Wirtschaftswunder.

Chiangs "freies China" allerdings ist eine Diktatur. Seit Mai 1949 gilt das Kriegsrecht, und es bleibt bestehen, denn Chiang will den Schlachtruf wahr machen, der von nun an bis nach seinem Tod wie eine Litanei forttönt: "Ruhmreich das Festland zurückerobern!" Im unbeirrten Vertrauen auf den schließlichen Sieg seines Nationalismus lässt er, als die UNO 1971 Peking anerkennt, die Chance verstreichen, seine alte "Republik China" (die nominell bis heute fortbesteht) aufzugeben und Taiwan zu einem unabhängigen Staat zu erklären.

Was von der Ära Chiang Kaishek bleibt, sind die KP-Herrschaft in China, der er im Siegerübermut den Boden bereitete, das Taiwan-Problem und die starke Stellung der Nationalen Volkspartei Guomindang in Taiwans spät entwickelter Demokratie. Die heutige Chinapolitik der Guomindang wäre ihm freilich ein Grund für einen seiner gefürchteten Wutausbrüche mit anschließendem Rückzug ins Heimatdorf. Für die Chinanationalisten in Taiwan und auf dem Festland verkörpert Chiang nach wie vor das Ideal eines geeinten China. Taiwans Demokraten, die unter seiner mörderischen Diktatur litten, konnten sich mit einer Umbewertung bislang nicht durchsetzen.

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07. August 2008


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