Tiertransport
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Rote Gentechnologie

Krankheiten diagnostizieren und therapieren, Persönlichkeitsrechte schützen


14.10.2009
Rote Gentechnik gewinnt in der Medizin zunehmend an Bedeutung. Einige Impfstoffe basieren auf dieser Technologie, aber auch Insulin oder das durch Missbrauch bekannt gewordene Mittel EPO. Die rote Gentechnologie bewegt sich dabei zwischen der Hoffnung auf neue Therapien und der Angst vor unbekannten Folgen.

Die Spitze einer Insulin Spritze über Patronen mit Menschlichem Insulin fotografiert am 3. Januar 2009 in Kamen. Insulin wird durch die Bauchspeicheldrüse produziert und senkt den Blutzuckerspiegel. Bei Diabetes muss Insulin gespritzt werden.Die Spitze einer Insulin Spritze über Patronen mit Menschlichem Insulin. (© AP)

Definition

Unter "roter" Gentechnologie wird der Einsatz gentechnischer Methoden - also die Entschlüsselung und/oder Veränderung von Erbmaterial - in der Medizin und der biomedizinischen Forschung verstanden. Dazu gehören vor allem
  • gentechnisch hergestellte Medikamente oder Impfstoffe,
  • Gentests, um Krankheiten zu entdecken,
  • Versuche, Menschen mit Hilfe einer Gentherapie zu heilen.
Die rote Gentechnologie ist ein Teilbereich der roten Biotechnologie, zu der unter anderem die Stammzellforschung oder auch das Klonen gezählt wird. Bei der Stammzellforschung geht es um die Nutzung der Eigenschaften von Stammzellen, um z.B. geschädigte Nerven-, Hirn- oder Herzmuskelzellen zu ersetzen. Eine Überschneidung zur roten Gentechnologie liegt dann vor, wenn diese Stammzellen genetisch verändert werden. Verknüpfungen der roten Gentechnologie gibt es auch mit der Fortpflanzungsmedizin - zum Beispiel durch die Anwendung von Gen-Tests bei vorgeburtlichen Untersuchungen.

Gentechnisch hergestellte Medikamente und Impfstoffe



Gentechnisch hergestellte Medikamente und Impfstoffe gehören mit einem Marktanteil von rund 4 Prozent inzwischen zum Alltag der Pharmaindustrie. Allein in Deutschland sind derzeit rund 100 gentechnisch hergestellte Wirkstoffe in über 130 Medikamenten zugelassen (VfA 2009).

Mittels der gentechnischen Veränderung zumeist von Bakterien oder Pilzen ist es in der Pharmaforschung gelungen, Wirkstoffe zu produzieren, die vorher nicht oder nicht in ausreichender Menge isoliert werden konnten. Früher gewann man Insulin vor allem aus den Bauchspeicheldrüsen von Schweinen. Seit 1983 ist Insulin auf dem Markt, das von gentechnisch veränderten Bakterien oder Hefepilzen in praktisch unbegrenzten Mengen produziert wird. Ein Vorteil ist auch, dass es seltener Immunreaktionen bei den Patienten hervorruft als die tierische Substanz. Die gentechnisch hergestellten Wirkstoffe mit den größten Marktanteilen sind derzeit
  • Erythropoetin (EPO), das vor allem bei Blutarmut eingesetzt wird, aber auch durch missbräuchliche Leistungssteigerungen im Sport bekannt wurde,
  • Insulin zur Behandlung von Diabetes,
  • Interferone, die vor allem bei Krebserkrankungen eingesetzt werden,
  • Blutgerinnungsfaktoren zur Behandlung der Hämophilie (Bluterkrankheit).
Eine relativ neue Gruppe gentechnisch hergestellter Wirkstoffe, die gezielt in das Immunsystem des menschlichen Körpers eingreifen, sind monoklonale Antikörper. Das bekannteste Präparat ist Herceptin, das bei Brustkrebs eingesetzt wird. Die Zulassungen sind z.T. wegen der hohen Risiken sehr eng auf einzelne Anwendungsbereiche eingegrenzt. Derzeit sind in Deutschland über 20 Präparate mit monoklonalen Antikörpern zugelassen, zahlreiche weitere Antikörper befinden sich noch in der Forschungsphase.

Auch in der Impfstoffentwicklung gewinnt die Gentechnik zunehmend an Bedeutung. So ist der gentechnisch hergestellte Impfstoff gegen das Hepatitis-B-Virus bereits seit 1986 auf dem Markt. Weiterhin sind noch gentechnisch hergestellte Impfstoffe gegen Cholera und gegen bestimmte Arten des humanen Papillomavirus (HPV; kann zur Entstehung von Gebärmutterhalskrebs führen) im Handel erhältlich. Weitere gentechnisch hergestellte Impfstoffe, an denen geforscht wird, sind zum Beispiel Impfstoffe gegen Hepatitis C oder gegen Grippe.

Gentests



Im Rahmen der Humangenomforschung werden immer mehr Veränderungen des Erbguts identifiziert, die mit der Entstehung von Krankheiten in Verbindung gebracht werden können. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Entwicklung von Gentests. Inzwischen bieten Labors bereits rund 2.400 Gentests für über 500 Krankheiten an. Laut einer Studie im Auftrag der EU-Kommission wurden bereits 2004 in ganz Europa jährlich rund 700.000 Gentests durchgeführt, Tendenz steigend (Eryl McNally et al., 2004). Gentests können sowohl vor der Geburt im Rahmen vorgeburtlicher Untersuchungen und natürlich in jeder Lebensphase nach der Geburt durchgeführt werden. Grob wird unterschieden zwischen:
  • Gentests zu diagnostischen Zwecken, mit denen festgestellt wird, ob bestimmte genetische Eigenschaften für eine bereits bestehende Erkrankung oder gesundheitliche Störung ursächlich oder mitursächlich sind.
  • Gentests zu prädiktiven Zwecken, mit denen genetische Veränderungen (Mutationen) identifiziert werden, die in späteren Lebensstadien mit erhöhter oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer Krankheit führen können (z.B. familiärer Brustkrebs, Chorea Huntington). Das heißt diese Gentests liefern nur (zum Teil recht vage) Voraussagen über Krankheiten, die erst zukünftig bei der betroffenen Person oder einer von ihr abstammenden Person - so im Fall der bloßen Anlageträgerschaft - auftreten oder nicht auftreten können.
  • Weiterhin können Gentests auch zu nicht-medizinischen Zwecken durchgeführt werden, zum Beispiel zur Klärung der Vaterschaft.
  • Ein recht junges Forschungsfeld sind Gentests, mit denen genetische Merkmale bei einzelnen Menschen erfasst werden sollen, die die Verträglichkeit von Medikamenten beeinflussen. Man hofft dadurch, die Wirkung von Medikamenten optimieren und die Nebenwirkungen verringern zu können (Kollek et al., 2004).


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