Zahlen und Fakten: Die soziale Situation in Deutschland

Atypische Beschäftigung

1.7.2013
Der Beschäftigungsaufbau seit der Wiedervereinigung (plus 2,9 Mio. Erwerbstätige bis 2012) geht mit einem erheblichen strukturellen Wandel der Arbeitswelt einher. So ist die Zahl sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse von 1991 bis 2011 um 3,67 Millionen gestiegen,

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Fakten



Seit 2005 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen Jahr für Jahr erhöht. 2008 lag sie das erste Mal bei mehr als 40 Millionen, 2011 das erste Mal bei mehr als 41 Millionen. 2012 erreichte die Erwerbstätigenzahl mit 41,61 Millionen ihren bisherigen Höchststand. Parallel verringerte sich auch die Zahl der Erwerbslosen. Nach internationaler Abgrenzung waren im Jahr 2012 lediglich 2,32 Millionen Personen erwerbslos – das ist der niedrigste Stand der Erwerbslosigkeit seit 1991. Die jahresdurchschnittliche Erwerbslosenquote fiel auf 5,3 Prozent.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging der Beschäftigungsaufbau seit der Wiedervereinigung (plus 2,90 Millionen Erwerbstätige bis 2012) jedoch mit einem erheblichen strukturellen Wandel der Arbeitswelt einher. So ist nach Ergebnissen des Mikrozensus die Zahl sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse – Teilzeitbeschäftigungen mit bis zu 20 Wochenarbeitsstunden, befristete Beschäftigungen, Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen (Mini-Jobs) – von 1991 bis 2011 um 3,67 Millionen gestiegen (plus 86,3 Prozent), während gleichzeitig die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse um 3,16 Millionen sank (minus 11,8 Prozent).

Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass eine Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse nicht immer mit einer Abnahme abhängiger Vollzeitbeschäftigungen einhergeht. So erhöhte sich zwischen 2005 bis 2011 sowohl die Zahl der atypischen Beschäftigungen als auch die der Normalarbeitsverhältnisse (plus 1,17 bzw. 1,59 Millionen). Entsprechend teilt sich die Entwicklung bei den Normalarbeitsverhältnissen in zwei Phasen: Während der Rückgang in den Jahren 1991 bis 2005 mit einem Minus von 4,75 Millionen beziehungsweise 17,7 Prozent sehr hoch ausfiel, stieg die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse seit dem Jahr 2005 sechsmal in Folge und erreichte 2011 mit 23,67 Millionen Beschäftigten das Niveau von 1998/1999.

Am häufigsten gingen atypisch Beschäftigte im Jahr 2011 einer Teilzeittätigkeit mit einem wöchentlichen Stundenumfang von bis zu 20 Stunden nach (5,0 Millionen). 2,8 Millionen Personen waren befristet und 2,7 Millionen geringfügig beschäftigt. In Zeitarbeit befanden sich 775.000 Arbeitnehmer. Dabei ist zu beachten, dass Mehrfachzählungen möglich sind, Arbeitnehmer also in mehr als einer Gruppe vertreten sein können.

Zur Ausweitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse haben alle vier Erwerbsformen beigetragen. Zwischen 1991 und 2011 vervierfachte sich die Zahl der geringfügig Beschäftigten (plus 310,0 Prozent) und verdoppelte sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten (plus 96,7 Prozent). Im Bereich der befristeten Beschäftigung erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten im selben Zeitraum um 57,4 Prozent. Zeitarbeit wird im Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes erst seit 2006 erfasst – aber auch hier erhöhte sich die Zahl der Zeitarbeitnehmer in den wenigen Jahren bis 2011 um 37,9 Prozent.

Laut Bundesagentur für Arbeit (BA), die die Arbeitsnehmerüberlassung über die Meldungen der Verleihbetriebe statistisch erfasst, hat sich die Zahl der Leiharbeitnehmer zwischen 1994 und 2011 von 121.400 auf 909.545 erhöht – das entspricht einem Plus von knapp 650 Prozent. Im Rahmen der Beschäftigungsstatistik erfasst die BA auch die Zahl der geringfügig Beschäftigten. Insgesamt stieg diese zwischen 2003 und 2012 (jeweils zum Jahresende) von 5,98 auf 7,51 Millionen (plus 25,6 Prozent). Dabei nahm die Zahl ausschließlich geringfügig entlohnter Beschäftigter von 4,54 auf 4,85 Millionen zu (plus 6,8 Prozent) und die der im Nebenjob geringfügig entlohnten Beschäftigten von 1,44 auf 2,66 Millionen (plus 84,9 Prozent). Für die Abweichungen zwischen den Zahlen der BA und denen des Statistischen Bundesamtes gibt es vielfältige Ursachen – so zum Beispiel die unterschiedliche Berücksichtigung des Hauptstatus (beispielsweise werden beim Mikrozensus weder Rentner noch Studenten erfasst), Fehlklassifikationen vonseiten der Befragten oder auch verspätete Abmeldungen (siehe Link unter "Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen").

Geringqualifizierte Beschäftigte sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes generell häufiger atypisch beschäftigt als solche, die über eine höhere Qualifikation verfügen. Zudem haben die atypischen Beschäftigungsverhältnisse für Geringqualifizierte im Zeitverlauf an Bedeutung gewonnen. 2006 lag der Anteil atypischer Beschäftigung bei den Geringqualifizierten noch bei 37,7 Prozent, im Jahr 2010 erreichte er einen Wert von 41,7 Prozent. Bei Personen mit einer mittleren beruflichen Qualifikation stieg der entsprechende Anteil nur leicht von 23,6 Prozent im Jahr 2006 auf 25,1 Prozent 2010. Die hochqualifizierten Beschäftigten arbeiteten 2010 hingegen seltener in atypischer Beschäftigung als vier Jahre zuvor. Der Anteil sank von 20,4 auf 18,1 Prozent.

In der Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes wird unter anderem der Frage nachgegangen, ob es einen Zusammenhang zwischen atypischer Beschäftigung und niedriger Entlohnung gibt. Dabei wird von einem Niedriglohn gesprochen, wenn der Verdienst eines Beschäftigten kleiner als zwei Drittel des mittleren Verdienstes (Median) ist. Die so bestimmte Niedriglohngrenze, unterhalb derer alle Verdienste als Niedriglöhne gelten, lag im Jahr 2010 bei 10,36 Euro Bruttostundenverdienst.

Bezogen auf alle Arbeitnehmer lag die Niedriglohnquote in Deutschland im Jahr 2010 bei 20,6 Prozent. Während bezogen auf die Normalarbeitsverhältnisse rund jeder Zehnte einen Verdienst unter der Niedriglohngrenze erhielt (10,8 Prozent), war es unter atypisch Beschäftigten fast jeder Zweite (49,8 Prozent). Dabei erhielt bei den Teilzeitbeschäftigten etwa jeder Fünfte einen Niedriglohn (20,9 Prozent) und bei den befristet Beschäftigten rund jeder Dritte (33,5 Prozent). Besonders hohe Niedriglohnanteile wiesen die Zeitarbeitnehmer und die geringfügig Beschäftigten mit 67,7 beziehungsweise 84,3 Prozent auf. Atypisch Beschäftigte verdienen im Mittel also deutlich weniger als Normalarbeitnehmer. Im Jahr 2010 waren es – gemessen am Median – 10,36 Euro brutto je Stunde. Das sind 39,4 Prozent weniger als bei Normalarbeitnehmern, die 17,09 Euro verdienten.

Beim Vergleich der Bruttostundenverdienste muss allerdings berücksichtigt werden, dass diese Unterschiede nicht allein auf die Beschäftigungsart zurückzuführen sind. Weitere Faktoren, die eng mit der Art der Beschäftigung zusammenhängen, wie zum Beispiel die berufliche Qualifikation, spielen ebenfalls eine Rolle. Entsprechend verringert sich der Verdienstabstand zwischen atypisch Beschäftigten und Normalarbeitnehmern mit zunehmender Qualifikation. Allerdings verschwindet er nicht vollständig: So betrug der Abstand zwischen atypisch Beschäftigten und Normalarbeitnehmern bei Beschäftigten ohne anerkannte Berufsausbildung 37,8 Prozent, bei Beschäftigten mit Hochschulabschluss lag er immer noch bei 17,3 Prozent.

Insgesamt lag der Anteil der Männer an den atypischen Beschäftigungsverhältnissen im Jahr 2011 bei 29,5 Prozent. Bei der Zeitarbeit waren zwei Drittel aller Beschäftigten männlich (66,7 Prozent), bei den befristeten Beschäftigungen war es noch knapp die Hälfte (48,2 Prozent). Hingegen lag der Anteil der Männer bei den geringfügigen Beschäftigungen bei lediglich 22,3 Prozent und bei den Teilzeitbeschäftigungen war er mit 14,0 Prozent nochmals niedriger.

Datenquelle



Statistisches Bundesamt: www.destatis.de, Niedriglohn und Beschäftigung 2010; Bundesagentur für Arbeit (BA): Arbeitsmarkt 2011

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen



Unter einem Normalarbeitsverhältnis wird ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis verstanden, das in Vollzeit oder Teilzeit mit einer Wochenarbeitszeit von mindestens 21 Stunden und unbefristet ausgeübt wird. Ein Normalarbeitnehmer arbeitet direkt in dem Unternehmen, mit dem er einen Arbeitsvertrag hat, und ist voll in die sozialen Sicherungssysteme wie Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung integriert.

Zur atypischen Beschäftigung, teilweise auch als flexible Beschäftigungsformen bezeichnet, werden vier Erwerbsformen gezählt: Teilzeitbeschäftigung mit bis zu 20 Wochenarbeitsstunden, befristete Beschäftigung, Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung (Mini-Jobs). Atypische Beschäftigungsformen sind jedoch nicht mit prekärer Beschäftigung gleichzusetzen. Eine prekäre Beschäftigung setzt ein erhöhtes Armutsrisiko des Beschäftigten voraus.

Die Angaben zum Normalarbeitsverhältnis und zur atypischen Beschäftigung beziehen sich auf Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren (ohne Schüler, Studenten, Auszubildende, Zeit- bzw. Berufssoldaten, Grundwehr- und Zivildienstleistende). Weitere Informationen zum "Normalarbeitsverhältnis" erhalten Sie »hier...«

Weitere Informationen zur "atypischen Beschäftigung" erhalten Sie »hier...«

Minijobs sind Beschäftigungsverhältnisse, bei denen die monatliche Verdienstgrenze bis zu 450 Euro beträgt (bis einschließlich 2012: 400 Euro). Weitere Informationen zum Thema "geringfügige Beschäftigung/Minijob" erhalten Sie »hier...«
Informationen zur "historischen Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung" erhalten Sie hier...

Der Mikrozensus der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder und die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit weisen bezüglich der Zahl der geringfügig Beschäftigten erhebliche Abweichungen auf. Fachliche Informationen zu den Unterschieden bei der statistischen Erfassung geringfügiger Beschäftigung erhalten Sie PDF-Icon hier...

Leiharbeit ist durch eine Dreiecksbeziehung zwischen Leiharbeitsfirma (Verleiher), Leiharbeitnehmer und dem entleihenden Unternehmen gekennzeichnet. Wenn ein Arbeitgeber als Verleiher einem Dritten (Entleiher) Arbeitskräfte (Leiharbeitnehmer) zur Erbringung einer Arbeitsleistung zur Verfügung stellt, wird von Leiharbeit bzw. von Arbeitnehmerüberlassung oder Zeitarbeit gesprochen. Die drei Begriffe werden synonym verwendet. Die nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz festgeschriebene Bezeichnung der Arbeitnehmerüberlassung lautet "Leiharbeit". Weitere Informationen zur "Leiharbeit / Zeitarbeit / Arbeitnehmerüberlassung" erhalten Sie hier...

Weitere Informationen zum Thema "Niedriglohn" erhalten Sie hier...

Tabelle: Atypische Beschäftigung



In absoluten Zahlen, 1991 bis 2011

  Beschäftigte insgesamt 1 Normal-arbeitnehmer atypisch Beschäf- tigte 2 und zwar: 3
befristet Beschäftigte Teilzeit-beschäf- tigte 4 geringfügig Beschäftigte Zeitarbeit-nehmer
in Tsd.
insgesamt
1991 31.083 26.832 4.251 1.782 2.555 652 -
1996 29.523 24.663 4.861 1.770 3.190 1.099 -
1997 29.116 24.018 5.098 1.822 3.392 1.310 -
1998 29.001 23.709 5.292 1.887 3.535 1.506 -
1999 29.451 23.638 5.814 2.165 3.834 1.743 -
2000 29.643 23.766 5.878 2.130 3.944 1.749 -
2001 29.726 23.740 5.986 2.085 4.127 1.815 -
2002 29.463 23.535 5.929 1.931 4.221 1.852 -
2003 28.963 22.828 6.135 1.969 4.421 1.949 -
2004 28.438 22.351 6.086 1.953 4.391 1.979 -
2005 28.831 22.084 6.747 2.394 4.679 2.425 -
2006 29.582 22.119 7.463 2.619 4.865 2.667 562
2007 30.175 22.493 7.682 2.659 4.946 2.772 614
2008 30.650 22.929 7.721 2.731 4.903 2.578 612
2009 30.582 22.990 7.592 2.640 4.901 2.574 560
2010 30.904 23.069 7.835 2.761 4.929 2.517 742
2011 31.592 23.674 7.918 2.805 5.025 2.673 775
  Männer
1991 17.715 16.674 1.041 861 154 100 -
1996 16.438 15.257 1.181 908 267 168 -
1997 16.143 14.895 1.249 928 325 224 -
1998 16.013 14.689 1.324 980 357 246 -
1999 16.105 14.666 1.439 1.092 373 248 -
2000 16.140 14.702 1.438 1.070 390 254 -
2001 16.092 14.663 1.430 1.050 411 254 -
2002 15.832 14.465 1.367 967 433 275 -
2003 15.416 13.970 1.446 999 500 311 -
2004 15.094 13.635 1.459 1.000 518 321 -
2005 15.289 13.548 1.741 1.218 597 452 -
2006 15.642 13.494 2.148 1.337 650 572 376
2007 15.963 13.735 2.228 1.336 659 595 409
2008 16.178 13.918 2.260 1.352 647 568 425
2009 15.933 13.794 2.139 1.253 648 589 375
2010 16.060 13.750 2.310 1.322 669 575 503
2011 16.397 14.060 2.338 1.352 706 595 517
  Frauen
1991 13.368 10.158 3.210 921 2.401 552 -
1996 13.085 9.405 3.680 862 2.923 931 -
1997 12.973 9.123 3.850 894 3.067 1.086 -
1998 12.988 9.020 3.968 907 3.178 1.261 -
1999 13.347 8.972 4.374 1.073 3.461 1.496 -
2000 13.503 9.063 4.439 1.060 3.554 1.495 -
2001 13.633 9.077 4.556 1.034 3.716 1.560 -
2002 13.631 9.073 4.558 963 3.784 1.576 -
2003 13.547 8.861 4.686 970 3.918 1.638 -
2004 13.344 8.722 4.622 953 3.866 1.658 -
2005 13.543 8.536 5.007 1.176 4.082 1.973 -
2006 13.939 8.624 5.315 1.282 4.215 2.095 186
2007 14.212 8.758 5.454 1.323 4.287 2.177 205
2008 14.472 9.011 5.462 1.379 4.256 2.010 187
2009 14.650 9.197 5.453 1.387 4.253 1.985 185
2010 14.844 9.319 5.525 1.439 4.261 1.942 238
2011 15.195 9.614 5.581 1.453 4.318 2.078 258

1 Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren ohne Schüler, Studenten, Auszubildende, Zeit- bzw. Berufssoldaten, Grundwehr- und Zivildienstleistende. Bis 2004 Ergebnisse einer Bezugswoche im Frühjahr, ab 2005 Jahresdurchschnittswerte, sowie geänderte Erhebungs- und Hochrechnungsverfahren.
2 vor 2006 ohne Zeitarbeitnehmer/-innen
3 Mehrfachzählungen möglich
4 mit 20 oder weniger Arbeitsstunden pro Woche


Quelle: Statistisches Bundesamt: www.destatis.de



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