Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Hans Woller

Frankreich

Platini und Konsorten

Im Vergleich dazu herrschte in Frankreich noch eine heile und entspannte Stimmung, als die Nationalmannschaft hier in den 80-er Jahren einen Fußball spielte, der im Land und international jahrelang Lobeshymnen erntete. Damals dirigierte Michel Platini eine "Equipe Tricolore", die wie eine Elf von Traumtänzern agierte, deren Eleganz und Leichtfüßigkeit alle Welt in Erstaunen versetzte. "Ein Fußball der Schönheit und der Solidarität", so schwärmte erst jüngst noch ein französischer Autor, mit einem Michel Platin, dem die Schriftstellerin Marguerite Duras damals das Prädikat "Der blaue Engel" verlieh. Für so manchen Franzosen verkörperte diese Nationalmannschaft Anfang damals den politischen Umbruch im Land oder zumindest die Hoffnung auf andere Zeiten nach der Wahl des Sozialisten Francois Mitterrands zum Staatspräsidenten im Mai 1981, als man auch im Westen noch von Sozialismus sprach und Mitterrands Anhänger nach dem Wahlsieg noch die Fäuste reckten.

In der Sturmspitze dieser legendären Elf, die es 82 bei der WM bis ins Halbfinale schaffte und 84 Europameister wurde, wirbelte der langhaarige Rockfan Dominique Rocheteau, mit dem sich die 68-er Generation gerne identifizierte. Dahinter agierte das magische Mittelfeld jener Jahre: neben Platini der kleine, elegante Giresse, der sich jüngst als Nationaltrainer von Georgien versucht hat. Jean Tigana , der Dauerläufer, den sie "Gazelle" nannten, der in Mali das Licht der Welt erblickt hatte und heute stolzer Besitzer eines Weinbergs im Bordeauxgebiet ist und Luis Fernandez, Kind spanischer Immigranten, der sich im Lyoner Problemvorort Venissieux hochgearbeitet hatte, in den letzten Jahren als Trainer die Clubs wie Hemden wechselte und zuletzt bei Betar Jerusalem angeheuert hat.

Sevilla 1982

Sie alle haben das Spiel der Spiele einer französischen Nationalmannschaft miterlebt: das WM-Halbfinale Frankreich-Deutschland am 8. Juli 1982 in Sevilla. Jeder Franzose über 35 weiß heute noch, was er an diesem Abend und in der darauf folgenden Nacht getan hat. Ein Spiel, bei dem man den Eindruck hatte, da habe einer jahrelang an der Dramaturgie gefeilt und auf der Bühne des Spielfelds hätten alle ihre zugeteilte Rolle gespielt, die der Guten und der Bösen, der Träumer und der Realisten, der Zauberer und der Schlächter – ein Stück, in dem die Handlung plötzlich einen ganz anderen Verlauf nahm und für die Guten in Tränen und tiefer Enttäuschung endete . Es war ein Spiel, bei dem die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft auf eine extrem harte Probe gestellt wurde : die völlig überflüssige brutale Geste des deutschen Torhüters Toni Schumacher in der 57. Minute beim Herauslaufen gegen den frei vor ihm auftauchenden Battiston , die Brachialgewalt dieses Einsatzes hatten bei jungen und alten Franzosen im Handumdrehen wieder das Bild des hässlichen Deutschen heraufbeschworen . Während das französische Team minutenlang gar um das Leben von Battiston fürchtete und Platini, der Kapitän mit der unvergessenen Geste eines Samariters, die Hand des bewusstlosen Freundes haltend, Battiston auf der Bahre bis an den Spielfeldrand begleitete – demonstrierte der deutsche Nationaltorwart eine Mischung aus hilfloser Arroganz und plumper Teilnahmslosigkeit. In den Tagen danach war es, als habe Schumacher mit seinem Verhalten die jahrzehntelange Arbeit des deutsch-französischen Jugendwerkes schlicht zunichte gemacht, Präsident Mitterrand und Kanzler Schmidt sahen sich sogar genötigt, eine gemeinsame und beschwichtigende Erklärung zu veröffentlich – so tief saß bei den Franzosen der Schock über das zudem noch ungeahndete Foul des deutschen Keepers, den weiteren, dramatischen Verlauf dieses Halbfinales und die am Ende als so grenzenlos ungerecht empfundene Niederlage - hatten sich die "Blauen" nach Schumachers Tat doch erst recht zusammengerauft, gezaubert und geglänzt, in der Verlängerung 3:1 geführt , um am Ende im Elfmeterschießen sich doch noch – wie es in der französischen Fußballsprache gerne heißt- dem deutschen Realismus zu beugen.