Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Hans Woller

Frankreich

Die Ära Bernard Tapie

Auf die Glanzzeit dieser Nationalmannschaft folgte im französischen Fußball Anfang der 90-er Jahre die Ära von Olympique de Marseille und seines Präsidenten, Bernard Tapie. Dieser Selfmademan mit flottem Mundwerk war zu jener Zeit Präsident des Clubs, Unternehmer, Abgeordneter und Minister in einer Person und träumte davon, auch noch Bürgermeister von Marseille zu werden, ein kleiner Berlusconi – nur dass Bernard Tapie, der zwischenzeitlich auch die Firma mit den drei Streifen aus Herzogenaurach aufgekauft hatte - am Ende seiner Karriere als Clubpräsident und Unternehmer tatsächlich für einige Monate ins Gefängnis musste und heute so gut wie bankrott ist.

Seit zwei Jahren betätigt sich der Mann, auf dessen längst gepfändeter Luxusjacht sich einst die Größen aus Politik und Jet-Set tummelten, jetzt als Schauspieler auf der Bühne und im Film. Olympique de Marseille war unter Tapie von 1989 bis 93 fünf Mal hintereinander französischer Meister, einige Monate auch von einem Franz Beckenbauer trainiert, hatte unter anderen Karl Heinz Förster und Rudi Völler im Kader. Es war die Zeit, als in Marseille der Rubel rollte, die legendären Fan-Clubs in der Hafenstadt am Mittelmeer mehr Gewicht hatten, als jede politische Partei und der Verein 1993 in München das schaffte, was davor und danach keinem anderen französischen Club gelang: durch ein 1:0 über AC Mailand wurde man Championsleague Sieger. Um so tiefer war der Fall des Clubs und seines Präsidenten, als wenige Monate später bekannt wurde, dass Marseille kurz vor dem Champions-League-Finale in der französischen Liga das Spiel gegen U.S. Valenciennes gekauft hatte. Seit der darauf folgenden Relegation in die 2. Liga ist Olympique de Marseille aus dem Jammertal nicht mehr herausgekommen und wartet seit 12 Jahren vergeblich auf einen erneuten Titelgewinn.

Heute sagt der besonnene und nicht nur im französischen Fußball hoch angesehene Arsene Wenger, Manager bei Arsenal London, über diese turbulente Glanzzeit von Olympique de Marseille, es seien die schlimmsten Jahre im französischen Fußball gewesen, es habe ein Klima der Korruption und der Betrügerei geherrscht , Bernard Tapie und dessen damalige Macht im französischen Fußballbetrieb seien dafür entscheidend verantwortlich gewesen. . "Alles, was ich über Moral und Solidarität bei Menschen gelernt habe", hat Albert Camus einmal geschrieben, "verdanke ich dem Fussball". Entweder waren es eben gründlich andere Zeiten – Anfang der 30-er Jahre, als der spätere Literaturnobelpreisträger bei "Racing Univeristaire Alger" eine Zeit lang das Tor hütete oder aber Camus hatte bei diesem Satz auch schon an fehlende Moral und mangelnde Solidarität gedacht.

Zustand 2006

Heute, im Jahr 2006, präsentiert sich der französische Fußball ebenfalls nicht in allerbester Verfassung - die Zuschauerzahlen in den Stadien bleiben mit durchschnittlich 22.000 pro Spiel weit hinter denen europäischer Nachbarländer zurück, die Ressourcen der 18 Vereine der ersten französischen Liga sind gerade mal halb so groß wie beim italienischen Nachbarn. Olympique Lyon, der Verein, der sich in den letzten Jahren eher lautlos an der Spitze der französische Liga eingenistet hat und mit 100 Millionen Euros hierzulande über das größte Budget verfügt, rangiert im europäischen Vergleich nur an 14. Stelle.

Allerdings steht seit letztem Jahr den Vereinen mehr Geld zur Verfügung, seit das Pay-TV "Canal Plus" für drei Spielzeiten die Übertragungsrechte der Ligaspiele um die horrende Summe von jährlich 600 Millionen Euros erworben hat. Reichlich disproportioniert zur Zuschauerzahl in den Stadien und auch zum aktiven Engagement der Franzosen im Fußball: mit nur etwas mehr als zwei Millionen Aktiven hat der französische Fußballverband gerade mal ein Drittel der Mitglieder des DFB.

Dies alles hat die Clubs hierzulande aber nicht daran gehindert etwas aufzubauen , das jahrzehntelang als eine französische Besonderheit galt und mehrere Generationen von internationalen Spitzenspielern hervorgebracht hat: die berühmten Ausbildungszentren, die laut Satzung des französischen Fußballverbandes jeder Proficlub der 1. und 2. Liga unterhalten muss - seit Jahren gehen Fußballfunktionäre aus aller Welt hier ein und aus, um von den Erfahrungen der französischen Clubs zu profitieren. Doch seit der Liberalisierung des Transfermarktes und dem Beginn der Zeiten des ganz grossen Geldes im europäischen Fußball sind diese Vereine mit einem grossen Problem konfrontiert: wie sich davor schützen, dass ihnen die jungen Talente, in deren Ausbildung sie ihr Know-How und ihr Geld gesteckt haben, von den europäischen Spitzenclubs weggekauft werden, in Zeiten, da ein 15 Jähriger schon mit seinem Agenten auftaucht.