Zahlen und Fakten: Die soziale Situation in Deutschland

Stille Reserve

3.6.2013
Deutschlandweit ging der Rückgang der Arbeitslosenzahl von 4,86 auf 3,24 Millionen in den Jahren 2005 bis 2010 mit einem Rückgang der Stillen Reserve von 1,54 auf 1,17 Millionen einher.

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Fakten



Das Erwerbspersonenpotenzial kann als "Arbeitskräfteangebot unter Vollbeschäftigungsbedingungen" verstanden werden." Es setzt sich aus den Erwerbstätigen, den Arbeitslosen und der sogenannten Stillen Reserve zusammen. Zur Stillen Reserve gehören laut Bundesagentur für Arbeit insbesondere:
  • Personen, die beschäftigungslos sowie verfügbar sind und Arbeit suchen, ohne als Arbeitslose registriert zu sein,
  • Personen, die die Arbeitsuche entmutigt aufgegeben haben, aber bei guter Arbeitsmarktlage Arbeitsplätze nachfragen würden,
  • Personen in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in Warteschleifen des Bildungs- und Ausbildungssystems und
  • Personen, die aus Arbeitsmarktgründen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind.
Dabei können auch Rentner, Erwerbsunfähige, Praktikanten, Schüler und Studenten Teil der Stillen Reserve sein – ausschlaggebend ist, dass sie nur deshalb nicht arbeiten, weil der Arbeitsmarkt keine oder unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Im Gegensatz zu den Daten zur Unterbeschäftigung, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) veröffentlicht, umfasst die Stille Reserve, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechnet, weder Personen auf dem 2. Arbeitsmarkt noch Personen in geförderter Selbstständigkeit oder Personen in Kurzarbeit, da alle drei Personengruppen erwerbstätig sind.

In Westdeutschland stieg die Stille Reserve zwischen 1991 und 1997 von 1,04 auf 1,60 Millionen. Bis zum Jahr 2000 reduzierte sie sich auf 1,11 Millionen und blieb dann bis 2004 relativ stabil. Zwischen 2005 und 2009 ging die Stille Reserve von 1,17 Millionen auf 756.000 zurück (2010: 782.000). In Ostdeutschland lag die Stille Reserve 1991 bei 1,07 Millionen. Durch die Umstrukturierungsprozesse nach der Wiedervereinigung wuchs die Stille Reserve in Ostdeutschland zunächst rasant an: Auf 1,65 Millionen 1992 beziehungsweise auf 1,74 Millionen 1993 – der bisherige Höchststand. Nach 1,71 Millionen Personen im Jahr 1994 sank die Stille Reserve relativ stetig auf 366.000 im Jahr 2005. Der Steigerung der Stillen Reserve im Jahr 2008 auf 471.000, folgte die erneute Reduzierung auf 427.000 im Jahr 2009 beziehungsweise 387.000 im Jahr 2010.

Deutschlandweit ging der Rückgang der Arbeitslosenzahl von 4,86 auf 3,24 Millionen in den Jahren 2005 bis 2010 mit einem Rückgang der Stillen Reserve von 1,54 auf 1,17 Millionen einher. Die Verringerung der Arbeitslosigkeit in diesem Zeitraum ist also nicht das Ergebnis einer massenhaften Verdrängung in die Stille Reserve – auch wenn sich die Stille Reserve in Maßnahmen in dieser Zeit von 616.000 auf 870.000 erhöhte. Die Stille Reserve in Maßnahmen umfasst nur Personen, deren Maßnahme nicht Erwerbstätigkeit bedeutet – also Personen in Maßnahmen im Bereich Aktivierung und berufliche Eingliederung (2010 ausschließlich Probebeschäftigung und Arbeitshilfe für behinderte Menschen nach § 46 SGB III), Qualifizierung, vorruhestands(ähnliche) Regelungen sowie Personen, die (kurzfristig) arbeitsunfähig sind. Wird von der Stillen Reserve die Stille Reserve in Maßnahmen abgezogen, ergibt sich die Stille Reserve im engeren Sinne (i.e.S.).

An dem oben beschriebenen Anstieg der Stillen Reserve in Ostdeutschland in den Jahren nach der Wiedervereinigung hatte die Stille Reserve in Maßnahmen den größten Anteil. Von den 1,65 Millionen Personen der Stillen Reserve im Jahr 1992 waren 1,39 Millionen beziehungsweise 84,3 Prozent in Maßnahmen. Dieser Wert fiel allerdings bis 1998 auf 29,1 Prozent. Seit 2002 liegt der Wert durchgehend bei mehr als 50 Prozent (2010: 65,0 Prozent). Auch in Westdeutschland sank der Anteil der Stillen Reserve in Maßnahmen an der Stillen Reserve insgesamt zwischen 1992 und 1998 – allerdings auf niedrigerem Niveau (von 45,1 auf 22,7 Prozent). In den Folgejahren setzte eine wellenförmige Steigerung des Anteils ein – 2010 waren 79,1 Prozent der Stillen Reserve in Maßnahmen. Der Anteil der Ostdeutschen an der Stillen Reserve insgesamt hat sich zwischen 1992 und 2005 von 61,3 auf 23,8 Prozent reduziert, in den Folgejahren erhöhte sich der Anteil allerdings wieder (2010: 33,1 Prozent).

Für die Jahre 2011/2012 liegen Schätzungen zur Stillen Reserve vor (2011: 1,469 Mio. / 2012: 1,403 Mio.). Aufgrund von Datenrevisionen sind diese aber bisher nur eingeschränkt mit den Daten der vorangehenden Jahre vergleichbar.

Datenquelle



Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Stille Reserve, Umfang und Struktur der Westdeutschen Stillen Reserve – Aktualisierte Schätzungen; Bundesagentur für Arbeit (BA): Arbeitsmarkt 2011

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen



Weitere Informationen zur "Unterbeschäftigung" erhalten Sie hier...

Tabelle: Stille Reserve



In absoluten Zahlen, 1991 bis 2010

  Stille Reserve Stille Reserve im engeren Sinne Stille Reserve in Maßnahmen
Deutschland Westdt.* Ostdt.* Deutschland Westdt.* Ostdt.* Deutschland Westdt.* Ostdt.*
in Tsd.
1991 2.110 1.039 1.072 729 565 164 1.381 473 908
1992 2.694 1.043 1.651 831 572 258 1.863 470 1.393
1993 2.942 1.206 1.736 1.123 716 408 1.819 490 1.329
1994 3.109 1.398 1.711 1.660 935 725 1.449 463 986
1995 3.028 1.484 1.545 1.861 999 862 1.167 485 682
1996 2.598 1.422 1.177 1.619 933 686 979 488 491
1997 2.679 1.598 1.081 1.910 1.184 726 769 414 355
1998 2.462 1.505 957 1.842 1.164 678 620 341 279
1999 1.888 1.209 679 1.248 845 403 640 364 276
2000 1.651 1.110 542 1.024 751 273 627 358 269
2001 1.646 1.092 554 993 701 292 653 391 262
2002 1.641 1.146 496 929 706 224 712 440 272
2003 1.537 1.072 465 829 617 212 708 455 253
2004 1.443 1.073 370 690 574 116 753 499 254
2005 1.538 1.172 366 922 751 171 616 421 195
2006 1.544 1.133 411 871 676 195 673 458 215
2007 1.464 1.060 404 785 597 188 679 463 216
2008 1.302 831 471 423 219 204 879 612 267
2009 1.183 756 427 300 127 173 883 628 255
2010 1.169 782 387 299 163 136 870 619 251

* Westdeutschland ohne Berlin; Ostdeutschland mit Berlin

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Stille Reserve


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