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Zahlen und Fakten: Die soziale Situation in Deutschland

Wohnungslosigkeit

23.4.2013
Die Gesamtzahl der wohnungslosen Personen in Deutschland lag im Jahr 2010 bei 246.000. Von den Wohnungslosen lebten circa 22.000 ohne jede Unterkunft auf der Straße.

Wohnungslose.Klicken Sie auf die Grafik, um das PDF zu öffnen. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Fakten



In Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Statistik zum Thema Wohnungslosigkeit. Deshalb kann die Zahl der Wohnungslosen und der von Wohnungslosigkeit bedrohten Personen lediglich geschätzt werden. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) lag die Gesamtzahl der wohnungslosen Personen in Deutschland im Jahr 2010 bei 246.000 (ohne wohnungslose Aussiedler). Das waren 144.000 Personen weniger als im Jahr 2000 und 344.000 weniger als 1997. Allerdings stieg die Zahl der Wohnungslosen nach zehnjähriger rückläufiger Entwicklung sowohl von 2008 auf 2009 als auch von 2009 auf 2010 (plus 4,9 bzw. 5,1 Prozent). Die Zahl der von Wohnungslosigkeit bedrohten Personen lag nach Schätzungen der BAG W im Jahr 2010 bei 106.000 Menschen.

Von den geschätzten 246.000 wohnungslosen Personen im Jahr 2010 lebten etwa 38 Prozent in Mehrpersonenhaushalten und 53 Prozent in Einpersonenhaushalten. Rund 9 Prozent – 22.000 Personen – lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße (2006: ca. 18.000). Laut Statistikbericht beziehungsweise der Jahreserhebung der BAG W waren 2010 76 Prozent der Wohnungslosen Männer und 24 Prozent Frauen (2011: 78 bzw. 22 Prozent). Obwohl der überwiegende Anteil der Wohnungslosen erwerbsfähig ist (2010: 83,2 Prozent), sind neun von zehn arbeitslos (2010: 89,8 Prozent / 2011: 89,1). 2010 lag der Anteil der Wohnungslosen mit Migrationshintergrund an allen Wohnungslosen bei 21,7 Prozent, 2011 bei 24,4 Prozent – damit setzte sich auch in diesen Jahren ein seit längerer Zeit bestehender Trend fort. Etwa drei von vier Wohnungslosen haben einen niedrigen Bildungsstand (2010: 74,7 Prozent / 2011: 73,4 Prozent) und mehr als die Hälfte hat keine abgeschlossene Berufsausbildung (2010: 52,6 Prozent / 2011: 53,8 Prozent). Gut zwei Drittel der Wohnungslosen sind ledig (2010: 67,4 Prozent / 2011: 68,0 Prozent), knapp ein Fünftel ist geschieden (2010: 19,1 Prozent / 2011: 18,0 Prozent). Bei der Mehrzahl der Wohnungslosen übersteigen die monatlichen Zahlungsverpflichtungen das monatliche Gesamteinkommen (2010: 63,9 Prozent / 2011: 62,5 Prozent).

Der Grund des Wohnungsverlustes war laut Statistikbericht 2010 bei 27 Prozent eine Räumung (meistens wegen Mietschulden) und bei 24 Prozent eine Kündigung durch den Vermieter. 47 Prozent der Wohnungslosen sind auf eigene Initiative ausgezogen, darunter 30 Prozent ohne zu kündigen. Bei den verbleibenden zweieinhalb Prozent endete der Vertrag beziehungsweise mussten die Personen aufgrund richterlicher Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz ausziehen. Bei gut einem Fünftel war eine Trennung/Scheidung vom Partner der Auslöser für den letzten Wohnungsverlust (22,8 Prozent), der Auszug aus dem Elternhaus war bei 15,7 Prozent entscheidend. Teilweise gibt es in Bezug auf den Auslöser des letzten Wohnungsverlustes große geschlechtsspezifische Unterschiede: Ein Haftantritt war 2010 zwar für 13,3 Prozent der Männer der Auslöser für den Verlust der Wohnung, aber nur für 3,3 Prozent der Frauen. Auf der anderen Seite gaben 11,2 Prozent der Frauen "Gewalt des Partners" als Auslöser an, aber lediglich 0,8 Prozent der Männer.

Bei diesen Angaben ist zu berücksichtigen, dass die Wohnungslosen keine statische Gruppe sind. Laut Statistikbericht der BAG W dauerte die aktuelle Wohnungslosigkeit bei der Befragung 2010 bei knapp 40 Prozent weniger als zwei Monate. Rund 19 Prozent waren zwischen zwei und unter sechs Monaten wohnungslos, bei 11 Prozent waren es sechs bis unter zwölf Monate. Bei knapp 14 Prozent dauerte die aktuelle Wohnungslosigkeit ein Jahr bis unter drei Jahre, bei etwa 17 Prozent waren es drei oder mehr Jahre. Auch wenn viele Betroffene nur für einen begrenzten Zeitraum wohnungslos sind, sind fast alle Wohnungslosen von mehr als einer Problemlage betroffen. Die häufigsten sind Arbeitslosigkeit, Überschuldung, familiäre Probleme wie Trennung, Scheidung oder der Tod einer nahestehenden Person, Straffälligkeit, gesundheitliche Beeinträchtigungen und – vor allem bei Frauen – Gewalterfahrungen. Gesellschaftliche Ausgrenzung kann dabei mit selbstgewählter Abgrenzung zusammentreffen und sich wechselseitig verstärken. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit wohnungslos zu werden umso größer, je mehr Problemlagen und Risikofaktoren zusammentreffen.

Datenquelle



Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V.: www.bagw.de, Schätzung der Wohnungslosigkeit in Deutschland, Schätzung und Prognose des Umfangs der Wohnungsnotfälle 2009-2010, Statistikbericht 2010, Statistikbericht 2011; Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): Lebenslagen in Deutschland. Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung (Endfassung: 06.03.2013)

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen



Nach der Definition der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist wohnungslos, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind danach …

… Personen im ordnungsrechtlichen Sektor,
- die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, das heißt lediglich mit Nutzungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden.

… Personen im sozialhilferechtlichen Sektor,
- die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII und/oder SGB II übernommen werden.
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht.
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben.
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen.
- die ohne jegliche Unterkunft sind, also auf der Straße leben.

… Aussiedler im Zuwanderersektor,
- die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind.

Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften zählen im Sinne der Definition zwar zu den Wohnungsnotfällen, werden aber bei den Wohnungslosenzahlen im engeren Sinn nicht berücksichtigt.

Von Wohnungslosigkeit bedroht ist,
- wem der Verlust der derzeitigen Wohnung unmittelbar bevorsteht wegen Kündigung des Vermieters/der Vermieterin, einer Räumungsklage (auch mit nicht vollstrecktem Räumungstitel) oder einer Zwangsräumung.
- wem der Verlust der derzeitigen Wohnung aus sonstigen zwingenden Gründen unmittelbar bevorsteht (zum Beispiel aufgrund von eskalierten sozialen Konflikten, Gewalt geprägten Lebensumständen oder wegen Abbruch des Hauses).

Tabelle: Wohnungslosigkeit



In absoluten Zahlen*, Schätzungen, 1997 bis 2010

  1997 2000 2002 2004 2006 2008 2010
in Tsd.
insgesamt 860 500 410 345 256 227 248
Schätzungsbandbreite 770 bis 950 450 bis 550 369 bis 451 311 bis 380 230 bis 282 204 bis 250 223 bis 273
Wohnungslose
(ohne wohnungslose Aussiedler)
590 390 330 292 248 223 246
davon:  
in Mehrpersonenhaushalten 370 220 180 148 103 91 94
in Einpersonenhaushalten 220 170 150 144 145 132 152
darunter:  
ohne jede Unterkunft auf der Straße ca. 35 ca. 24 ca. 20 ca. 20 ca. 18 ca. 20 ca. 22
wohnungslose Aussiedler 270 110 80 53 8 4 2

* wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt.

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.


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