Zukunft Bildung

8.12.2014 | Von:
Ekkehard Nuissl
Ewa Przybylska

"Lebenslanges Lernen" – Geschichte eines bildungspolitischen Konzepts

Dass Menschen im Laufe des Lebens immer wieder dazulernen müssen, um neue Herausforderungen zu meistern, wusste man schon in der Antike. Dennoch ist Lebenslanges Lernen erst in den 1970ern wirklich zu einem bildungspolitischen Handlungsfeld geworden. Wie kam es dazu und welche Rolle spielte dabei die EU?

Älteres Paar am Laptop"Auch die Biografie der Menschen, ihr Lebenszyklus, erfordert ihr ständiges Weiterlernen." (© picture-alliance, Bildagentur-online )

Über kaum etwas im Bildungsbereich wird heute so viel geschrieben und gesprochen wie darüber, dass die Menschen ständig weiterlernen müssen, um nicht zurückzubleiben – persönlich, gesellschaftlich und beruflich. Man ist sich heute bewusst, dass in der Schule Gelerntes als "Vorrat" für ein ganzes Leben nicht ausreicht. Auch von Erwachsenen wird heute erwartet, dass sie lernen, sich fortbilden, weiterentwickeln und innovativ und kreativ bleiben. Noch vor fünfzig Jahren waren Erwachsene, die Weiterbildungsseminare besuchten, mit der Frage konfrontiert: "Hast du das nötig?". Weiterbildung war gewissermaßen das Eingeständnis eines Kompetenzdefizits. Heute müssen sich Erwachsene, die sich nicht weiterbilden, fragen lassen: "Was, du bildest dich nicht weiter?" – werden gewissermaßen wegen eines Lerndefizits gebrandmarkt. "Lebenslanges Lernen" hat sich nicht nur als Idee und als Konzept, sondern auch praktisch, sozial und politisch zu einem selbstverständlichen Teil des menschlichen Lebens entwickelt.

Ursprünge des lebenslangen Lernens

Die Tatsache, dass Menschen ihr Leben lang lernen, ist keineswegs neu, und auch die Kenntnis davon war früher schon vorhanden. In der Antike beschäftigten sich viele Denker mit der Notwendigkeit, dass der Mensch sich sein ganzes Leben lang lernend weiterentwickeln muss: Konfuzius, Hippokrates, Pythagoras, Platon und beide Seneca. Der jüngere der beiden Seneca (um Christi Geburt) meinte: "Du musst lernen, solange du nicht weißt, du musst lernen, solange du lebst." Die Auffassung, dass Lernen eine grundlegende Aktivität des Menschen ist, um sich in einer sich verändernden Umwelt zu behaupten und diese nach Möglichkeit zu gestalten, war in der Philosophie dieser Zeit weit verbreitet.

"Das ganze Leben ist Schule" meinte etwa Comenius, der bekannteste frühe pädagogische Denker schon im 17. Jahrhundert. Ähnlich äußerten sich spätere pädagogische Vordenker wie Rousseau und Condorcet vor etwa dreihundert Jahren. Vielleicht überrascht es nicht, dass Bildungsexperten damals und heute Bildung und Lernen als wesentlichen Bestandteil des Lebens sehen. Aber auch Literaten wie Goethe und Allroundwissenschaftler wie Leibniz wiesen darauf hin, dass das in der Jugend Gelernte nicht für ein ganzes Leben ausreicht, dass immer weiter gelernt werden muss. In dieser Zeit hatte die Vorstellung des lebenslangen Lernens gegenüber der Antike schon deutlich einen "pädagogischen" Kern – dem Lernenden wurde bereits als Gegenüber ein Lehrender zugedacht. Lernen wurde also nicht nur als Tätigkeit des Einzelnen gesehen, sondern in einen "Lehr-Lern-Prozess" eingebunden.

Auch in der Neuzeit, etwa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, haben sich immer wieder Pädagogen, Philosophen, Literaten und Soziologen zur Notwendigkeit des Lernens über die Schul- und Jugendzeit hinaus geäußert. Und nicht nur positiv. So meint der Bühnenautor und politische Aktivist George Bernard Shaw, dass es ein Nachteil sei, "dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen". Es wurde immer offensichtlicher, dass das im 18. Jahrhundert entwickelte allgemeinbildende Schulsystem für Kinder und Jugendliche zwar den Bildungsstand aller Menschen deutlich anhob, dass aber das dort erworbene Wissen als Vorrat für das ganze weitere Leben nicht ausreichte. Wichtige Erfindungen wie der elektrische Strom, Maschinen, Autos und Telekommunikation veränderten unentwegt und zunehmend schneller den Alltag und das Arbeitsleben. Weiterlernen wurde immer notwendiger, um das eigene Leben in Arbeit, Familie und Alltag zu bewältigen.

Warum ein lebenslanges Lernen notwendig ist, lässt sich leicht begründen:
  • Erstens unterscheiden sich die Menschen durch ihre Fähigkeit, bewusst zu lernen und sich ein Leben lang weiterzuentwickeln, von den Tieren, das machte sie in einer schwierigen Umwelt überhaupt erst überlebensfähig. Menschen können nicht so gut riechen wie Hunde, nicht so gut sehen wie Adler, sind nicht so stark wie Tiger und Elefanten oder so schnell wie Gazellen. Aber sie können lernen.
  • Zweitens befindet sich diese Umwelt in einem ständigen Wandel, erfordert Anpassungen und Neuorientierungen, um überlebensfähig zu bleiben – nicht nur dann, wenn man umzieht in eine andere Stadt oder Region, sondern auch, wenn man dort bleibt, wo man ist.
  • Drittens verwandelt sich der Mensch seine Umwelt an, er gestaltet sie nach seinen Interessen, auch darin unterscheidet er sich grundlegend von Tieren. Städte gründen, Wasserläufe regulieren, Bodenschätze heben, Äcker bestellen – der Mensch verändert die natürliche Umwelt nach seinen Bedürfnissen. Dafür muss er die jeweiligen Bedingungen erkennen, Zusammenhänge erfassen und Folgen abschätzen.
  • Viertens – dies kommt zu den ersten drei, auf die Natur bezogenen Ursachen hinzu – ist der Mensch nicht nur ein soziales Wesen, sondern in vielschichtige Beziehungen und Kulturen eingebunden; er verfügt über hoch entwickelte Sprachkompetenzen und muss komplizierte soziale Sachverhalte (die sich ebenfalls ständig ändern) bewältigen können.
Gerade der vierte Grund ist in der neueren Zeit immer wichtiger geworden. Die Produktivität des Menschen hängt von neuen Technologien ab und erzeugt sie; Smartphones beispielsweise sind von Menschen erfunden und gebaut, sie verändern das Kommunikationsverhalten grundlegend. Dadurch werden neue Waren, Verkehrswege und Geschäfte erforderlich, müssen wiederum neue Produkte entwickelt werden. Menschen beherrschen sich gegenseitig, beuten sich aus und unterdrücken sich, entwickeln aber auch demokratische und soziale Systeme und erlassen Gesetze, um das Zusammenleben zu ermöglichen. Menschen teilen die erforderliche Arbeit auf, beschreiben Berufe und ihr Zusammenwirken, regulieren die Produktivität über Geld und Markt. Mit den Technologien, aber auch den Handels- und Warenbeziehungen verändern sich fortlaufend die Bedingungen, unter denen das eigene Leben gestaltet werden kann und muss.

Was in der Antike bekannt war, lange Jahrhunderte nicht mehr thematisiert wurde und heute wieder ins Bewusstsein rückt: Auch die Biografie der Menschen, ihr Lebenszyklus, erfordert ihr ständiges Weiterlernen – von der Kindheits- und Jugendphase über die des jungen Erwachsenen, der Familiengründung, der Elterntätigkeit, des Alterns und der Altersphasen sind die Menschen immer wieder vor neue, ihnen noch unbekannte Herausforderungen gestellt.

Der Bedeutungszuwachs: education permanente und lifelong education

Eigentlich erstaunlich, dass die Notwendigkeit lebenslangen Lernens im Grunde immer schon bekannt und bewusst war, letztlich auch von den Menschen im Zuge ihres Lebens und der gesellschaftlichen Entwicklung praktiziert wurde, und dennoch explizite Konzepte zur lebenslangen Bildung erst in den 1970er Jahren, also vor etwa vierzig Jahren, ausformuliert wurden. Historisch lässt es sich jedoch nachvollziehen.

In den 1960er und 1970er Jahren zeigte sich deutlicher als zuvor, dass der globale Wettbewerb (damals insbesondere zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Block von Staaten) vorwiegend vom Bildungsstand der Bevölkerung bestimmt wird. In Deutschland und in den USA sprach man von einem Bildungsschock ("Bildungskatastrophe" in Deutschland, formuliert von Georg Picht 1964), nachdem es dem kommunistischen Osten gelungen war, früher als der kapitalistische Westen einen bemannten Weltraumflug zu starten. Die Geschwindigkeit, in der neues Wissen erzeugt und praktisch umgesetzt wurde, hatte sich zunehmend erhöht. Innerhalb von zehn Jahren wurde zwanzigmal mehr neues Wissen erzeugt als insgesamt in Hunderten von Jahren zuvor. Das lässt sich an der Zahl von wissenschaftlichen Publikationen ebenso ablesen wie an der Zahl von neuen Patenten.

Diese Beschleunigung (Akzeleration) von Wissenszuwachs beeinflusste auch stark das Arbeitsleben. Ganze Berufe verschwanden, etwa die Schriftsetzer, weil infolge der Digitalisierung eine "physische" Druckvorbereitung mit Bleibuchstaben entfiel. Schon lange vor dem Internet rationalisierten und veränderten neue Technologien Arbeitsplätze und betriebliche Abläufe. Immer mehr zeigte sich, dass Erwachsene immer schneller Neues lernen mussten, um arbeitsfähig zu bleiben.

Aber auch im globalen Maßstab entwickelten sich die Dinge rasanter. Die Welt rückte enger zusammen. So zeigte sich etwa und insbesondere in Umwelt- und Energiefragen, dass die Menschen nur auf einer Welt leben. Die Begrenztheit der Ressourcen (etwa der fossilen Brennstoffe Kohle und Öl) wurde ebenso bewusst wie die Begrenztheit der Umwelt beim Umgang mit den von Menschen erzeugten Belastungen (etwa dem Abbau der schützenden Ozonschicht oder dem zunehmenden Waldsterben). Es musste gelernt werden, wie man verantwortungsbewusst mit der Umwelt umgeht, um auch den Kindern eine bewohnbare Welt zu hinterlassen.

Gerade dieser umweltbezogenen Einsicht der Menschen ist das erste wirkliche Konzept einer lebenslangen Bildung zu verdanken, das in dem Buch des "Club of Rome" mit dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" (1972) niedergelegt ist. Nur durch eine durchgehende und lebenslange Bildung der Menschen könne gewährleistet werden, dass die zerstörerische Wirkung des Wachstums eingedämmt werden könne. Die "Aneignung von Handlungskompetenzen zur Überwindung der sozialen Schere, der Umweltzerstörung, des modernen Krieges und der Arbeitslosigkeit mit ihrer Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Individuum sollte durch Lernen geleistet werden. Seit dieser wegweisenden Veröffentlichung ist lifelong education selbst als Begriff und Konzept zum Forschungsgegenstand geworden" (Klink 2000, S. 24). Für den beruflichen Bereich wurde damals der Begriff der recurrent education gebraucht (Clement/Edding 1979, 43 ff.).

Lifelong education, recurrent education oder education permanente waren in den beiden damals in Europa dominierenden Sprachen Englisch und Französisch die Begriffe, mit denen diese neue Notwendigkeit des Lernens betont wurde. In allen Fällen wurde (trotz Differenzen im Detail) der Begriff der education verwendet (im Deutschen am treffendsten mit "Bildung und Erziehung" übersetzt), die über das Kindes- und Jugendalter hinaus zum Lernen der Menschen beitragen soll. Die Vorstellung einer lebenslangen Bildung und Erziehung stellte große Anforderungen an das Bildungssystem und an diejenigen, die es gestalten – Staat, Kommunen, Betriebe und Organisationen. Eine neue und große Aufgabe für das Bildungssystem wurde formuliert: den erwachsenen Menschen zu ermöglichen, sich weiterzubilden, Angebote zu erstellen, Bildungsbedürfnisse zu befriedigen.

Mit diesen Konzepten der lebenslangen Bildung wurde, und das war das Neue zu dieser Zeit, die schon lange bekannte Tatsache des Lernens Erwachsener auf eine gesellschaftspolitische Ebene gehoben, als ein wichtiges Politikfeld definiert. Folgerichtig wurde Erwachsenenbildung zu einem expliziten vierten Bildungsbereich deklariert: Im Bildungsgesamtplan 1970 und im Strukturplan der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) 1973, beides bedeutende Dokumente staatlicher Gremien in Deutschland, wird "Weiterbildung" erläutert und begründet. In den kommenden Jahren wurde Weiterbildung auf der Basis von Gesetzen (auf Ebene der Länder, die in der föderalen Republik Deutschland dafür zuständig sind) auch mit Fördergeldern ausgestattet. Damit wurde, wenn auch letztlich mit begrenzten Mitteln, der Ausbau der Weiter- und Erwachsenenbildung umgesetzt, um so das lebenslange Lernen der Erwachsenen systematisch zu unterstützen.


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