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Zukunft Bildung

24.8.2015 | Von:
Svenja Mareike Kühn

Der Streit um "G8": Kürzere Schulzeit, mehr Stress, weniger Bildung?

Positionen und Befunde zur Schulzeitdebatte

Reichen 12 Schuljahre bis zum Abitur oder sollten es besser 13 sein? Seitdem es das Gymnasium gibt, treibt diese Debatte Eltern, Lehrkräfte und Bildungspolitiker gleichermaßen auf die Barrikaden. Was sind die Argumente der Gegner und Befürworter? Was wissen wir über die tatsächlichen Folgen der Schulzeitverkürzung?

G8 oder G9? Kaum ein bildungspolitisches Thema wurde und wird in der Öffentlichkeit so intensiv diskutiert wie die Frage, wie lange die Schulzeit nach der Grundschule bis zum Abitur dauern soll.G8 oder G9? Kaum ein bildungspolitisches Thema wurde und wird in der Öffentlichkeit so intensiv diskutiert wie die Frage, wie lange die Schulzeit nach der Grundschule bis zum Abitur dauern soll. (© picture-alliance/dpa)

Kaum ein bildungspolitisches Thema wurde und wird in der Öffentlichkeit so intensiv diskutiert wie die Frage, wie lange die Schulzeit nach der Grundschule bis zum Abitur dauern soll. Sollen Schülerinnen und Schüler das Abitur am Gymnasium nach acht Schuljahren (G8: Klasse 5-12) erwerben oder erst nach neun Schuljahren (G9: Klasse 5-13)? Die Debatte um das sogenannte Turbo-Abi ist emotional aufgeladen und nicht immer sachlich.

Die Schulzeitfrage in der deutschen Bildungsgeschichte

Ein Blick in die Schulgeschichte Deutschlands zeigt: Die Schulzeitfrage ist keineswegs so neu, wie sie in aktuellen Diskussionen erscheint. Seit sich das Gymnasium vor mehr als 200 Jahren etablierte, wird sie immer wieder aufgeworfen:
  • Bis ins frühe 20. Jahrhundert gab es neun Jahrgangsklassen am Gymnasium, die sich an eine dreijährige Vorschule anschlossen. Damit benötigten Schülerinnen und Schüler insgesamt 12 Schuljahre bis zum Abitur.
  • Mit dem "Weimarer Schulkompromiss" (1919/20) verlängerte sich die Dauer der Schulzeit: Die dreijährigen Vorschulen der Gymnasien wurden nun durch die für alle Kinder verpflichtende vierjährige Grundschule ersetzt. Da man seitens der Gymnasien nicht bereit war, den neunjährigen Bildungsgang um ein Jahr zu reduzieren, wurde die Schulzeit bis zum Abitur auf 13 Jahre ausgedehnt.
  • In den folgenden Jahren schlugen mehrere finanzpolitisch begründete Versuche fehl, die gymnasiale Schulzeit aufgrund steigender Ausgaben für das Schulwesen auf acht Jahre zu verkürzen. Auch später – in den 1960er bis 1980er Jahren – gab es ähnliche Initiativen zur Schulzeitverkürzung aus Kostengründen, die jedoch am Widerstand von Lehrerverbänden und Elternvereinigungen (aber auch seitens der Kultusminister) scheiterten.
  • Ab 1936, in der Zeit des Nationalsozialismus, reduzierte man die neunjährige Gymnasialschulzeit auf acht Jahre, um so einen zusätzlichen Jahrgang an Offiziersanwärtern zu gewinnen. Diese Verkürzung der Schulzeit ist also in die damals eingeleitete Politik der Kriegsvorbereitung einzuordnen.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten die Länder der damaligen Bundesrepublik wieder zu der 13-jährigen Schulzeit bis zum Abitur zurück. Das neunjährige Gymnasium hatte seitdem in allen westdeutschen Ländern über mehrere Jahrzehnte Bestand; mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz, wo das Abitur in der Regel nach 12,5 Schuljahren vergeben wird. Besonders begabte beziehungsweise hochbegabte Gymnasialschülerinnen und -schüler konnten allerdings das Abitur in Spezialschulen oder Spezialklassen freiwillig bereits nach zwölf Schuljahren ablegen (oder am neunjährigen Gymnasium eine Klasse überspringen).
  • In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) führte die sowjetische Militärregierung 1946 ein Einheitsschulsystem ein, das die reguläre Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre festlegte. Diese Regelung galt auch über die gesamte Zeit der DDR und wurde nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern zum Teil beibehalten.
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 gab es ein Nebeneinander der neunjährigen Gymnasialschulzeit in den westdeutschen Bundesländern und der achtjährigen in einigen ostdeutschen Bundesländern, die die in der DDR üblichen zwölf Schuljahre bis zum Abitur fortführten. Erst Ende der 1990er Jahre einigten sich die Kultusminister der Länder darauf, beide Varianten als gleichwertig anzuerkennen, wenn den Schülerinnen und Schülern ab Klasse 5 – unabhängig von der Schulzeit bis zum Abitur – insgesamt mindestens 265 Wochenstunden Unterricht erteilt werden. G8-Schülerinnen und -Schüler können das Abitur damit zwar ein Jahr früher ablegen, sie haben aber die gleiche Anzahl an Unterrichtsstunden wie diejenigen im G9 und somit mehr Unterrichtsstunden pro Woche: Im Durchschnitt sind es in G8 etwa 33, in G9 etwa 29 wöchentlich vorgesehene Unterrichtsstunden. Wie diese Unterrichtsstunden über die einzelnen Klassenstufen und Schulfächer verteilt werden, ist allerdings in den Bundesländern und teilweise auch in den einzelnen Schulen unterschiedlich geregelt.

G8 in der Diskussion: Von großen Hoffnungen und großen Befürchtungen

Vor etwa 15 Jahren kam die Schulzeitpolitik in den westdeutschen Bundesländern wieder auf die politische Agenda: Das Saarland setzte als erstes Land ab dem Schuljahr 2001/02 eine verkürzte Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre durch. Dadurch sollte auch dem vermuteten Nachteil saarländischer Absolventinnen und Absolventen gegenüber den französischen begegnet werden, die das Baccalauréat (das französische Äquivalent zum deutschen Abitur) bereits nach zwölf Jahren erlangen, früher studieren oder eine Ausbildung aufnehmen und somit auch ein Jahr eher in den Arbeitsmarkt eintreten.

Insgesamt vollzogen die Bundesländer nach und nach einen Kurswechsel hin zum achtjährigen Bildungsgang. Die Verkürzung der Schulzeitdauer bis zum Abitur sollte dazu beitragen, dass Absolventinnen und -absolventen eher in den Arbeitsmarkt eintreten und in einer zunehmend globalisierten Welt international wettbewerbsfähig sind. Zudem sollten damit angesichts der demografischen Alterung der Bevölkerung auch die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland gesichert und die Sozialversicherungssysteme stabilisiert werden. Denn mit dem früheren Erwerbseintritt erweitert sich auch die Basis der Beitragszahler. Dabei ist die verkürzte Schulzeit nur ein Element in einem ganzen Bündel politischer Maßnahmen, die darauf abzielen, Bildungsprozesse im Lebenslauf vorzuverlagern beziehungsweise zu verdichten. So wurden auch die pädagogische Frühförderung für Kleinkinder ausgebaut, das Einschulungsalter vorverlegt und im Hochschulbereich die Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt.

Diese ökonomischen und demografischen Begründungen fanden viele Befürworter in Wirtschaft und Politik. Die politischen Entscheidungsträger betonten, dass durch eine effizientere Schulorganisation und die bessere Nutzung von Unterrichtszeit ein ganzes Schuljahr ohne Qualitätsverlust eingespart werden könne. Pädagogische Argumente für eine Schulzeitverkürzung spielten eine untergeordnete Rolle, obgleich es sie schon länger gab – etwa die Chance, die Lehrpläne zu verschlanken und die Lernzeit effektiver zu nutzen, indem Unterrichtsausfall, aber auch umfangreiche Wiederholungsphasen im Unterricht und lange Orientierungsphasen vermieden werden. Für eine kürzere Schulzeit sprachen aus bildungspolitischer Sicht zudem die positiven Wirkungen, die in Modellversuchen der Begabtenförderung für besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler nachgewiesen wurden: etwa die "Schnellläuferklassen" in Berlin oder die Gymnasien mit verkürzter Schulzeit in Rheinland-Pfalz.
Süddeutsche Zeitung


"Generation Turbo"
7.5.2011

Der Spiegel


"G8 auf dem Rückzug"
18.5.2013

Der Spiegel


"Entdeckung der Langsamkeit. In mehreren Bundesländern wenden sich Eltern und Politiker gegen die Abschaffung des 13. Schuljahrs. Aus Unmut über den missratenen Großversuch bleiben Schüler sogar absichtlich sitzen."
15.08.2011

Spiegel Online


"Turbo-Abi in NRW: Schüler, Eltern, Lehrer und Politiker wollen G8 behalten."
24.10.2014

Der Spiegel


"Diebstahl der Kindheit. Überstürzt und schlecht vorbereitet haben viele Bundesländer die Schulzeit zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt."
14.1.2008

Frankfurter Allgemeine Zeitung


"'Turbo-Abitur' gefährdet Vereine"
22.2.2005

Spiegel Online


"Studie zum Turbo-Abi: G8-Gymnasiasten sind nicht schlechter in der Schule"
17.08.2014

Süddeutsche Zeitung


"'Ich dachte einfach nur: Ich kann nicht mehr!' Achtjähriges Gymnasium, Leistungsdruck und Lehrermangel."
8.3.2014

Süddeutsche Zeitung


"Lernen ohne Turbo. Einige Bundesländer führen neunjähriges Gymnasium wieder ein."
27.9.2010

Die Welt


"Wir schenken den Schülern Lebenszeit"
3.8.2001

Süddeutsche Zeitung


"Gymnasiasten arbeiten 44 Stunden pro Woche"
6.4.2010

Süddeutsche Zeitung


"'Von der Kindheit bleibt nichts übrig'. Zwei Familien berichten, wie der dicht gedrängte Stundenplan des G8 den Alltag der Schüler verändert hat."
8.3.2008

Der Tagesspiegel


"'Das bringt eine Riesenunruhe' – Bildungsforscher Wilfried Bos hält die Abkehr vom Turboabitur für falsch"
4.4.2014

Frankfurter Allgemeine Zeitung


"Schüler an achtjährigen Gymnasien sind motivierter und selbständiger"
27.2.1999

Seit 2001 haben (fast) alle westdeutschen Länder begonnen, die Schulzeit bis zum Abitur an den Gymnasien auf acht Jahre zu kürzen. Allerdings unterscheidet sich die konkrete Umsetzung erheblich zwischen den einzelnen Bundesländern, beispielsweise hinsichtlich der Verteilung der Unterrichtsstunden auf die einzelnen Jahrgangsstufen. In den meisten Bundesländern wurde für die Umstellung auf G8 vor allem in der Sekundarstufe I die wöchentliche Unterrichtszeit erweitert und zwischen einzelnen Schulfächern umverteilt, während die dreijährige gymnasiale Oberstufe weitgehend unangetastet blieb. In vielen Bundesländern gibt es jedoch neben den Gymnasien auch andere Schulformen, die zum Abitur führen (z.B. Gesamtschulen) – dort kann das Abitur auch weiterhin nach 13 Jahren erworben werden. Auch im berufsbildenden Bereich besteht in allen Bundesländern die Möglichkeit, das Abitur erst nach 13 Schuljahren zu erwerben (z.B. an beruflichen Gymnasien, Kollegs usw.).

Schon in der Einführungsphase setzte Kritik an der verkürzten Schulzeit ein, weil die Umsetzung in den meisten Ländern überhastet und zunächst ohne die notwendigen Anpassungen (z.B. Lehrpläne, Schulbücher) erfolgte. Auch stellte die höhere Zahl an Unterrichtsstunden pro Woche – verbunden mit Nachmittagsunterricht – viele Schulen vor große Herausforderungen, weil ihnen schlicht die Mittel, Räume und das Personal fehlten, um ihre Schülerinnen und Schüler nun auch über die Mittagszeit angemessen betreuen zu können. Aufgrund der Klagen von Schulleiterinnen und Schulleitern, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern wurde die "G8-Reform" schließlich in Teilen nachgebessert, indem beispielsweise die Lehrpläne und Schulbücher angepasst wurden.

Die öffentliche G8-Kritik hielt jedoch an und wurde in jüngster Zeit erneut angefacht, als Abiturientinnen und Abiturienten des letzten G9- und des ersten G8-Bildungsgangs in mehreren Bundesländern parallel die Gymnasien verließen. Eine zentrale Sorge der G8-Kritiker war, dass die auf zwölf Jahre reduzierte und verdichtete Lernzeit automatisch auch weniger Qualität des schulischen Lernens bedeute und das Leistungsniveau der Schülerinnen und Schülern dadurch absinke. Kurz: Nach nur acht Jahren Gymnasium seien die Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend darauf vorbereitet, die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben und den Anforderungen eines Studiums zu genügen.

Zudem gefährde die Schulzeitverkürzung die Chancengleichheit im Bildungssystem, da dichtere Lernzeiten den Wechsel von Schülerinnen und Schülern aus anderen Schulformen auf das Gymnasium erschwerten und somit dem Bildungsaufstieg von Kinder aus weniger privilegierten sozialen Schichten entgegenstünden. Bei einem straffer organisierten Unterrichtsalltag würde den Jugendlichen am Gymnasium überdies auch kaum mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und den Erwerb überfachlicher Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kreativität oder Toleranz bleiben. Auch schulische Aktivitäten wie die Teilnahme an AGs, Praktika oder Klassenfahrten seien unter G8-Bedingungen kaum mehr zu verwirklichen. Insbesondere die Eltern beklagten, dass ihre Kinder durch die zeitliche Verdichtung größeren Belastungen ausgesetzt seien. Dies äußere sich in höherem Stressempfinden und vermehrten gesundheitlichen Belastungen der Kinder. Viel zu kurz kämen nun auch außerschulische Aktivitäten wie Sport, Musik und soziales Engagement, aber auch Erholung und gemeinsame Familienaktivitäten.

Bei aller Kritik fällt auf, dass sie fast ausschließlich in den westdeutschen Ländern vorgebracht wird – in den ostdeutschen Ländern wird das achtjährige Gymnasium hingegen nicht grundsätzlich infrage gestellt.

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