Zukunft Bildung
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Wissensgesellschaft – eine Idee im Realitätscheck


9.9.2013
Die Charakterisierung unserer Gesellschaft als "Wissensgesellschaft" ist weit verbreitet. Häufig bleibt aber unklar, was genau damit gemeint ist. Wie macht sich der Bedeutungszuwachs von Wissen heute bemerkbar und welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für die Bildungspolitik?

Titel: Young man working with a laptop on a rooftop
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Caption: Young man working with a laptop on a rooftopMultitasking (© picture alliance / Image Source)

"Wissensgesellschaft" ist ein sehr erfolgreiches Konzept. Ganz allgemein ist damit die wachsende Bedeutung von Wissen – technologischem Wissen und Handlungskompetenz – in fast allen Lebensbereichen der modernen Gesellschaft gemeint, vor allem auch in der Wirtschaft. Besonders die Europäische Kommission verwendete das Konzept im Rahmen ihrer Strategie, die Europäische Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum zu machen. Hierzu will sie besonders die Berufs- und Hochschulbildung fördern. Auch in den politisch sehr einflussreichen Ländervergleichen der OECD spielt Bildung für die Wissensgesellschaft eine Schlüsselrolle. Aus Sicht der Europäischen Union und der OECD sind jene Länder besser für die Herausforderungen der Wissensgesellschaft gerüstet, in denen größere Anteile der Jugendlichen eine Hochschulbildung beginnen und abschließen. Das Konzept Wissensgesellschaft enthält also die dringende Empfehlung an die Politik, mehr junge Menschen zum Abitur zu führen und ihnen Studienplätze zur Verfügung zu stellen. Steigende Abiturienten- und Studierendenzahlen gelten als Erfolgsindikatoren. Doch was genau soll der Begriff "Wissensgesellschaft" eigentlich ausdrücken? Inwiefern leben wir heute tatsächlich in einer Wissensgesellschaft?

Was meint "Wissensgesellschaft"?



Der Begriff wird in zweierlei Hinsicht verwendet:
  • als ein beschreibender Begriff, mit dem eine bestimmte Stufe der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung benannt werden soll: Die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird als Nachfolgerin der Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts verstanden.
  • als ein strategischer Begriff, der die Aufmerksamkeit gezielt auf einen bestimmten Aspekt der gesellschaftlichen Entwicklung lenkt, mit dem Ziel politischen Handlungsdruck zu erzeugen und entsprechende Entwicklungen anzustoßen.
Arbeitnehmer im Inland nach Wirtschaftssektoren (1950-2012)Arbeitnehmer im Inland nach Wirtschaftssektoren (1950-2012) (Mehr dazu...)
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Die Beschreibung unserer Gesellschaft als Wissensgesellschaft speist sich vor allem aus der Beobachtung, dass in Industrie und Dienstleistungen zunehmend anspruchsvollere Technologien eingesetzt werden und sich Wertschöpfung und Arbeitsplätze vom Industrie- in den Dienstleistungssektor verlagern. Den technologischen Wandel gibt es aber eigentlich schon seit Beginn der Industrialisierung. Doch weil er zeitlich mit dem sektoralen Wandel zusammenfällt, entstand seit den 1970er Jahren der Eindruck, dass damit eine neue, nach-industrielle Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung eingeleitet werde. Und in der Tat fällt auf, dass in Deutschland und in fast allen anderen westlichen Ländern die Arbeitsplätze in der Industrie ab- und die im Dienstleistungsbereich zunehmen, darunter auch sogenannte wissensintensive Dienstleistungen. Der sektorale Wandel ist in Deutschland allerdings weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. So hat zum Beispiel in Großbritannien eine dramatische De-Industrialisierung stattgefunden: Früher eines der weltweit führenden Industrieländer ist Großbritannien heute wirtschaftlich vor allem durch wissensintensive Sektoren wie Banken und Logistik geprägt.

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Sektoraler Wandel in Deutschland, Großbritannien und der EU

Der Anteil der verarbeitenden Industrie (in Deutschland mit den wichtigen Sektoren Automobil, Chemie, Pharmazeutika und dem Bereich der Investitionsgüter wie Maschinenbau, elektrische Ausrüstungen etc.) an der gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung schrumpft, meist verbunden mit einem Abbau von Arbeitsplätzen in diesem Sektor. Das ist ein langfristiger Trend, der freilich in den letzten zehn Jahren in Deutschland aufgehalten wurde, während er sich in der EU ungebremst fortsetzte. In Deutschland hat sich der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung von 37 Prozent in 1971 auf 22,6 Prozent in 2011 verringert. Zum Vergleich: 1979 betrug im Großbritannien der industrielle Anteil 33 Prozent, 2011 lag er bei 10,8 Prozent. In diesem Zeitraum entstand in der Londoner City die moderne Finanzwirtschaft. In der EU fiel der entsprechende Anteil im Zeitraum von 2001 bis 2011 von 18 auf 15,5 Prozent.

Nun darf man aus diesem sektoralen Wandel allerdings nicht den Schluss ziehen, dass wir die Industriegesellschaft hinter uns gelassen haben. Die Industrie bleibt vielmehr auch heute die Basis der gesellschaftlichen Arbeit. Schließlich sind große Teile der Dienstleistungen in den Bereichen Banken, Recht, IT-Technik, Logistik und Transport gerade industrienahe und unternehmensbezogene Dienstleistungen. Im Vergleich zu den personennahen Dienstleistungen (u.a. Tätigkeiten in der Gastronomie, der Pflege und Betreuung von Menschen sowie in Erziehung und Unterricht) ist das meist die besser bezahlte Arbeit – und sie setzt häufig einen Hochschulabschluss voraus.

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Von Produktion zu Dienstleistung – das Beispiel Automobilindustrie

Die Automobilindustrie produziert zwar noch immer Automobile. Die Aufgabe besteht heute aber zunehmend darin, nicht das physische Produkt Auto zu verkaufen, sondern Mobilitätsbedürfnisse der Kunden zu befriedigen. Die Menschen wollen das Auto nicht mehr unbedingt besitzen, sondern es dort nutzen, wo ihnen Fahrrad, Bahn oder Bus nicht ausreichen. Die Lösung dieser Fragen – zum Beispiel durch Car-Sharing eingebunden in weitere Nutzungsmöglichkeiten – erfordert kommunikative und logistische Leistungen, die weit über die Herstellung der physischen Produkte hinausgehen. Es geht um Kommunikation mit den Kunden und um Kooperation mit ihnen, die in gewisser Weise zu Koproduzenten des Mobilitätsangebots werden.

In der strategischen Verwendung des Begriffs wird die steigende Bedeutung von Wissen und Bildung hervorgehoben: Danach wird Wissen neben Kapital zu einem immer wichtigeren Produktionsfaktor der modernen Wirtschaft. Es ist nicht nur wesentlicher Bestandteil von (neuen) Technologien, in die Erfindergeist und Wissenschaft eingeflossen sind und die durch Patente und Nutzungsrechte kontrolliert werden. Vielmehr spielt Wissen auch beim Einsatz der lebendigen Arbeitskraft eine große Rolle. Das Konzept der Wissensgesellschaft legt sogar nahe, dass gerade dieser Aspekt immer bedeutender wird. Denn viele wirtschaftliche Prozesse, so wird argumentiert, sind nicht mehr durch das bloße Ausführen weitgehend festgelegter Aufgaben zu bewältigen, sondern erfordern in steigendem Maße Spontaneität, Kreativität und Eigenverantwortung. Was man früher in erster Linie mit der Arbeit von wirtschaftlich Selbständigen verband, soll heute auch für einen Großteil der abhängig Beschäftigten gelten: Sie arbeiten nicht mehr in einer Befehl-Gehorsam-Kultur, sondern in einer Kultur von Kooperation sowie Prozess- und Ergebnisverantwortung.

Es erscheint daher folgerichtig, dass in der Wissensgesellschaft Bildung immer wichtiger wird. Die höheren Anforderungen der Arbeitswelt an soziale und personale Kompetenzen erfordern offenbar besser (aus-)gebildete Arbeitskräfte. Dabei geht es einerseits um höhere Qualifikationen, damit Arbeitskräfte mit den immer anspruchsvolleren technologischen Entwicklungen Schritt halten können. Der Autoschlosser muss sich zum Mechatroniker weiterentwickeln. Andererseits geht es um die genannten sozialen und personalen Fähigkeiten: Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, die Fähigkeit längerfristige Prozesse zu überblicken und auch bei Rückschlägen durchzustehen. Solche Fähigkeiten sind vielfältig wirtschaftlich einsetzbar. Bildung gilt im Konzept der Wissensgesellschaft daher als eine entscheidende Voraussetzung modernen Wirtschaftens.



Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Andreas Poltermann für bpb.de

 
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