Zukunft Bildung
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Bildungsorte – Lernwelten

Alltagsbildung als Schlüsselfrage der Zukunft


9.9.2013
Die Schule ist ein zentraler, aber längst nicht der einzige Ort für Bildungsprozesse. Hier werden vor allem Faktenwissen, Schriftsprache und elementare Grundbildung vermittelt, doch die Bildung der Persönlichkeit, das praktische wie auch das soziale Lernen eher wenig gefördert. In dieser Perspektive gewinnt die Alltagsbildung an Bedeutung - besonders weil diese die Entstehung von sozialer Ungleichheit beeinflusst.

Titel: Father and son planting in rows
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Fotograf: Hybrid Images
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Caption: Father and son planting in rowsLearning by doing (© picture alliance / Cultura RF)

Das Potenzial formaler Bildung



Schule ist als Universalangebot für die nachwachsenden Generationen eine der wichtigsten Errungenschaften moderner Gesellschaften. Zu ihren herausragenden Verdiensten zählt die umfassende Verbreitung geregelten Lernens auf Seiten der Kinder sowie die geplant-strukturierte Vermittlung und Weitergabe gesellschaftlicher Wissensbestände durch eigens dafür ausgebildetes Personal. Die Entstehung der „Volksschule“ und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. und 20. Jahrhundert haben die Schule zu einem enormen Lernbeschleuniger, zu einer wesentlichen Produktivkraft sowie zu einem entscheidenden Wegbereiter für die Demokratisierung von Gesellschaften werden lassen. Sie garantiert im Grundsatz Lese- und Schreibfähigkeit der gesamten nachwachsenden Generation – und zwar auf einem Niveau, das durch Lernprozesse im Alltag und durch informelle Weitergabe von Generation zu Generation in dieser Breite nicht gewährleistet wäre. Diese flächendeckende Verbreitung und Verallgemeinerung von schulischer Bildung für alle Kinder und Jugendlichen kann man getrost als eine „erste bildungspolitische Revolution“ bezeichnen.

Dieser Siegeszug der Schule wurde in Deutschland jedoch mit einem verhängnisvollen Preis erkauft: Bildungsdebatten verengten sich häufig auf Schuldebatten, Bildung wurde mit Schule gleichgesetzt. Dabei soll die Schule die festgestellten Kompetenz- und Bildungsdefizite der nachwachsenden Generation zumeist im Alleingang beheben. Schule gilt als vermeintlich universeller Problemlöser für beinahe alle ungeklärten Fragen des Lebens in einer modernen Gesellschaft. Auch die Pisa-Debatte, die in der Bundesrepublik seit mehr als einem Jahrzehnt geführt wird, ist in weiten Teilen auf eine Schuldebatte verkürzt worden. Doch diese Engführung ist riskant. Der Schule, zumal der halbtägigen Unterrichtsschule, droht Überforderung, weil sie vielfach nicht leisten kann, was von ihr erhofft wird. Zwar ist durchaus überlegens- und untersuchenswert, ob und auf welche Weise eine andere Schule – etwa eine Ganztagsschule – die Bildung der Menschen verändern würde. Doch für eine konzeptionelle Neuorientierung der Bildung genügt diese Perspektive nicht.

Ein erweiterter Bildungsbegriff



Bildung ist mehr als Schule. Durch Bildung werden Menschen befähigt, sich mit der dinglich-stofflichen Welt, mit den kleinen und großen kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, mit anderen Menschen und mit sich selbst auseinanderzusetzen. Diese vier Dimensionen umreißen einen erweiterten Bildungsbegriff mit seinen inhaltlichen Bestandteilen: kulturelle Kompetenzen, mit denen sich Menschen die Wissensbestände einer Gesellschaft und ihre Kulturtechniken erschließen können, instrumentelle Kompetenzen, die Menschen befähigen, sich als aktiv Handelnde in der stofflichen Welt der Natur, der Dinge und der Waren zu bewegen, soziale Kompetenzen, dank derer Menschen sich auf andere Menschen einlassen, am Gemeinwesen aktiv teilhaben und soziale Verantwortung übernehmen können, personale Kompetenzen, die es dem Einzelnen ermöglichen, mit sich selbst, mit seiner eigenen Gedanken- und Gefühlswelt, seiner Körperlichkeit und seiner Emotionalität, mit Seins- und Sinnfragen umzugehen.

Im Horizont dieser vier Bildungsdimensionen liegt der Schwerpunkt schulischer Kompetenzvermittlung eindeutig bei den kulturellen Kompetenzen: Schüler sollen Wissen erwerben, Sinnzusammenhänge verstehen und interpretieren lernen. Aber auch in dieser Akzentuierung sind die darauf bezogenen Lernziele selten auf unmittelbare Verwertbarkeit ausgerichtet. So betont der schulische Fächerkanon klassisch-abstrakte Unterrichtsfächer wie Mathematik oder Chemie deutlich stärker als Themen mit einem durchgängigen Anwendungsbezug wie Pädagogik, Recht oder Ökonomie. Ausgeblendet bleiben an den Schulen häufig die sozialen, personalen und instrumentellen Facetten der Bildung. Deshalb ist ein Blick auf jene anderen Bildungsorte und Lernwelten von Bedeutung, die man als non-formale und informelle Bildungssettings kennzeichnen kann. Das gesamte Spektrum der Bildungspotenziale jenseits von Schule lässt sich begrifflich fassen als die „andere Seite der Bildung“ oder als „Alltagsbildung“.

Zwei Kategorien können dazu dienen, die charakteristischen Merkmale dieser Bildung vor, neben und nach der Schule herauszuarbeiten: die Bildungsorte und die Bildungsmodalitäten. Damit sind die Orte gemeint, an denen Bildungsprozesse ablaufen, und die Art und Weise, in der dies geschieht. Zu den „anderen“ Bildungsorten zählen non-formale Lernsettings wie Kindertageseinrichtungen oder die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit ebenso wie informelle Lernwelten wie die Familie, Gleichaltrigengruppen oder die neuen Medien. Zu den „anderen“ Bildungsmodalitäten zählen die vielfältigen Wege der Kompetenzaneignung jenseits von Unterricht sowie anderen standardisierten Lehr-Lernprozessen – also beispielsweise Formen des Lernens, die eher ungeplant erfolgen, nebenher und unbeachtet ablaufen und ohne obligatorische Erfolgskontrolle auskommen. Es lässt sich vielfach als ein Lernen im konkreten Handeln und mit Ernstcharakter kennzeichnen, im Unterschied zu curricular gestalteten, übenden Lernsettings in der Schule.

Zwar wurden in den letzten Jahren die Stimmen lauter, die forderten, auch Schule möge den Kindern und Jugendlichen stärker soziale und personale Kompetenzen vermitteln. Ebenso gab es wiederholt Forderungen, schulische Lehr-Lernprozesse teilweise zu entstandardisieren, etwa durch weniger lehrerzentrierte Formen des (Frontal-)Unterrichts. Doch hat sich mit Blick auf die Schule hier bisher eher wenig getan: Weder wurde der schulische Fächerkanon grundlegend verändert, noch wurde die Lehrerausbildung an einen erweiterten Bildungsbegriff angepasst.



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Autor: Thomas Rauschenbach für bpb.de
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