Zukunft Bildung
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Individuelle Förderung:
Ideen, Hintergründe und Fallstricke


3.5.2013
Lernende unterscheiden sich in ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen. Daher scheint es folgerichtig, Lernprozesse individuell zu gestalten. Pädagogen und Bildungspolitiker fordern sie schon länger, die "Individuelle Förderung", und auch Schulen werben vermehrt mit ihr. Aber was ist das genau? Und warum lässt sie sich so schwer umsetzen?

Titel: Rechenunterricht bei den Zweitklässlern
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Fotograf Bernd WeissbrodSo geht's leichter: Dieser Lehrer hilft einem Zweitklässler im Rechenunterricht. (© picture alliance/ dpa)

Vorläufer und Entwicklung der zentralen Idee



Dass Schule den einzelnen Schüler bei seiner Entwicklung unterstützen, also individuell fördern soll, ist keine neue Idee. Entsprechende Forderungen gehören zur Geschichte der modernen Schule und sind spätestens seit der Reformpädagogik, als einer vom Kind aus gedachten Pädagogik, Richtschnur für viele Schul- und Unterrichtsreformer: Die Schule soll sich dem Kind anpassen, und nicht umgekehrt. Mit derart griffigen Formulierungen wird seit jeher ein auf Gleichschritt zielender Unterricht kritisiert und stattdessen für stärker individualisierende Lehr-Lernformen geworben. Bereits in der großen Bildungsreform der 1970er Jahre tauchte der Begriff Individuelle Förderung auf – und zwar als Leitidee für die Gestaltung des gesamten Bildungssystems. So ist schon im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats von einem "auf individuelle Förderung angelegten Bildungssystem" (Deutscher Bildungsrat 1970: 27) die Rede, verbunden mit der Forderung, "jeden Lernenden entsprechend seinen Fähigkeiten und Interessen bestmöglich [zu] fördern" (Deutscher Bildungsrat 1970: 36).

Allerdings blieb diese Forderung weitgehend unerfüllt, wie die aktuelle, nun sehr breit geführte Debatte zeigt, die durch die Ergebnisse der ersten PISA-Studie angestoßen wurde. 2001 benennt das von Bund und Ländern getragene Forum Bildung ganz konkret Individuelle Förderung als eine ihrer zwölf »Abschlussempfehlungen« und zwar mit einer doppelten Zielsetzung: "Individuelle Förderung ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das Finden und Fördern von Begabungen" (Forum Bildung 2001: 7). Zwar bleibt auch hier weitgehend offen, wie Individuelle Förderung in der Praxis konkret aussehen soll und kann. Im Vergleich zu den vorangegangenen Entwicklungen lassen sich die Neuerungen in den aktuellen Reformbestrebungen aber vereinfacht so charakterisieren:
  • Während in den 1970er Jahren das Augenmerk insbesondere auf die Förderung schwacher Schülerinnen und Schüler gelegt wurde, um der damals festgestellten (sozialen) Ungleichheit der Bildungschancen zu begegnen, wird in der aktuellen Debatte stärker auch auf Begabtenförderung beziehungsweise auf die Notwendigkeit der Förderung aller Schülerinnen und Schüler verwiesen.
  • Anders als in den 1970er Jahren setzen die Überlegungen heute weder vorrangig bei der Schulstruktur an (also etwa bei der Frage, ob die Schülerverteilung auf verschiedene Schulformen günstig ist), noch wird allein die Unterrichtsebene oder gar die Arbeit der einzelnen Lehrkraft in den Blick genommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf die Einzelschule: Da Individuelle Förderung im Unterricht und vom einzelnen Lehrer allein kaum leistbar ist und es auch auf die richtigen Rahmenbedingungen vor Ort ankommt, soll Individuelle Förderung nun als eine Leitidee in die systematische und zielgerichtete Entwicklung der Schule als Ganzes aufgenommen werden.
  • Ausdrücklich(er) angemahnt werden derartige Veränderungen zudem heute nicht mehr allein durch eine engagierte Schulpädagogik, die für Schulen und Lehrkräfte vielfältige Empfehlungen und Konzepte für Individuelle Förderung bereithält. In den meisten Bundesländern gibt es mittlerweile Gesetze und Erlasse, die Individuelle Förderung als ein Recht für Schülerinnen und Schüler sowie als einen Auftrag an Schulen verbindlich festschreiben, und es gibt auch Möglichkeiten – z.B. im Rahmen von Schul-Inspektionsverfahren – die Umsetzung zu überprüfen: Hat die Schule ein Förderkonzept entwickelt? Wird Unterricht an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Lernenden ausgerichtet?

Argumente für Individuelle Förderung



Dass jede Schülerin und jeder Schüler möglichst individuell zu fördern sei, ist eine Forderung, der man kaum widersprechen kann: Da die Lernausgangslagen immer unterschiedlich sind, sollte folgerichtig auch versucht werden, jedem Einzelnen in seinen Bedürfnissen gerecht zu werden und für seine optimale Entwicklung zu sorgen. Unterstützung gibt es dafür auch z.B. aus der neueren Lerntheorie und der empirischen Unterrichts- und Bildungsforschung:
  • So beschreiben konstruktivistische und neurobiologisch basierte Theorien Lernen als einen aktiven, von den individuellen Vorerfahrungen geprägten Prozess. Danach erscheinen am "imaginären Durchschnittsschüler" ausgerichtete Lehr-Lern-Prozesse, ein Lernen im Gleichschritt, als wenig aussichtsreich.
  • Dazu passen Ergebnisse der Lehr-Lern-Forschung, die schon seit Jahrzehnten auf die Notwendigkeit einer "adaptiven" Unterrichtsgestaltung verweisen, bei der die unterschiedlichen Lernausgangslagen der Lernenden beachtet werden.
  • Schließlich deuteten die Befunde der internationalen Leistungsvergleichsstudien darauf hin, dass Schülerheterogenität speziell im deutschen Schulsystem nur unzureichend berücksichtigt wird. Neu entfacht wurde damit auch die Debatte um die Chancengleichheit und die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems: Viele Schülerinnen und Schüler könnten ihr Potenzial sowie ihre Chancen und Begabungen nicht ausreichend entfalten und nutzen, was eine gezieltere, individuell abgestimmte Förderung notwendig mache.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Beate Wischer, Matthias Trautmann für bpb.de

 
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