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Demokraten fallen nicht vom Himmel! Wie Schule zu einem demokratischen Zusammenleben beitragen kann

Ein Kommentar

4.12.2013

Lernen für die Demokratie: Politikunterricht reicht nicht aus



Bisher leistet die Schule wenig, um die Entwicklung zur selbstbewussten demokratischen Persönlichkeit zu fördern. Denn die Fähigkeit und Bereitschaft zum demokratischen Handeln entsteht nicht durch bloßes Bücherwissen, wie es der Politikunterricht üblicherweise vermittelt. Natürlich ist es wichtig zu wissen, wie die Institutionen unserer Demokratie funktionieren – wie beispielsweise die Abgeordneten des Bundestags gewählt werden oder wer beim Bundesverfassungsgericht klageberechtigt ist. Doch der junge Mensch muss in der Schule auch demokratische Erfahrungen sammeln können, um sich die Haltungen und Routinen eines aktiven Demokraten anzueignen. Es geht um eine Kombination von Haltung, Bewusstsein, Wissen und praktischen Fähigkeiten. Wie gestalte ich ein Debattenforum, bei dem der Streit Spaß macht? Wie lege ich ein Weblog an, das zum Mitdiskutieren anregt? Wie organisiere ich eine gut besuchte Kundgebung? Wie wirke ich der Hate Speech in Online-Dialogen entgegen? Wie entlarve ich die Ungleichwertigkeits-Ideologie eines islamistischen Hasspredigers oder eines rechtsextremen Propagandisten?

Eine Schule, die ihre Schülerschaft auf die politische Zukunft vorbereitet, muss sich dieser Problemdimension stellen. Lebensnahe politische Bildung muss derartige Fragen beantworten und vor allem: Gelegenheiten zum praktischen Lernen eröffnen. Nichts spricht gegen einen soliden Lehrervortrag; die gute Kenntnis von Verfassungen, Staatstheorie, politischen Strategien sowie menschenrechts- und demokratiefeindlichen Ideologien ist notwendig. Aber eine Schule, die sich einer Erziehung zur Demokratie verpflichtet fühlt, ist eben nicht nur wissens-, sie ist kompetenzorientiert. Ob jedoch ein junger Mensch wirklich die Fähigkeiten zu einer Aktivbürgerschaft erworben hat, kann er selbst erst feststellen, wenn er sie handelnd überprüft hat. Die Gelegenheiten dazu muss die Schule bieten, indem sie den "Ernstfall" demokratischen Engagements ermöglicht, ob durch Mitwirkung in einem Leitungsgremium, Öffentlichkeitsarbeit in der Schülerschaft oder "Lernen durch Engagement" im Stadtteil.

Gelegenheiten zur Mitwirkung schaffen



Unterricht und Schulkultur – das zeigen viele Schulbeispiele der Gegenwart – können trotz der "klassischen" Schulfunktionen, die oben beschrieben wurden, die Schule zu einem Ort des demokratischen Zusammenlebens machen. Als "gute Schule" würden wir heute kaum noch eine Schule bezeichnen, an der Schülerinnen und Schüler Angst haben, ihre Meinung zu äußern, aus wesentlichen Entscheidungen der Schulgestaltung herausgehalten werden oder in der die Schüler- und Elternbeteiligung im Koma liegt. Eine rein technisch perfekte Lernanstalt, die sich nicht wünscht, Kinder und Jugendliche aktiv teilhaben zu lassen, sondern auf die Passivität und Anpassung ihrer Schülerschaft setzt, muss sich Fragen zu ihrem Verhältnis zur Demokratie stellen lassen. Daher brauchen wir in Deutschland eine breitere Diskussion über die Qualität von Pädagogik und Schule. Diese muss auch in die Arbeit von Schulinspektionen einfließen. Es kann nicht länger sein, dass Schulen getestet und inspiziert werden, ohne dass das Demokratiekriterium eine Rolle spielt. Schließlich hat Deutschland auch die Europarats-Charta "Education for Democratic Citizenship and Human Rights Education" unterzeichnet und sich damit verpflichtet, dafür zu sorgen, dass alle Bildungseinrichtungen – ob Kita, Schule oder Universität – von ihren Mitgliedern demokratisch gestaltet werden. Dieses Mitwirkungsrecht können auch sehr junge Menschen wahrnehmen: etwa in der Kinderkonferenz, im Klassenrat und durch das Feedback für Lehrer.

Auszug aus der Europarats-Charta "Education for Democratic Citizenship and Human Rights Education" (EDC-HRE), verabschiedet am 11. Mai 2010.

Demokratische Governance

Die Mitgliedstaaten sollten eine demokratische Führung (Governance) in allen Bildungsinstitutionen fördern, sowohl als eine anzustrebende und nutzbringende Führungsmethode per se als auch als zweckmäßigen Weg, um Demokratie und Achtung der Menschenrechte zu lernen und zu erleben. Sie sollten mit den geeigneten Mitteln die aktive Beteiligung der Lernenden, des Bildungspersonals und anderer Akteure, einschließlich der Eltern, an der Steuerung der Bildungsinstitutionen ermutigen und begünstigen.

Quelle: http://www.coe.int/t/dg4/education/edc/Source/Charter/EDC_Charter_DE.pdf

Doch auch Eltern haben das Recht, die Schule ihrer Kinder mitzugestalten. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass in Deutschland Hunderttausende von Eltern mit ihren Mitwirkungsmöglichkeiten höchst unzufrieden sind. Da man im Großen nicht an Entscheidungen beteiligt wird, rächt man sich im Kleinen und streitet mit der Lehrkraft über einzelne Vorkommnisse im Fachunterricht. Ständig sich beschwerende Eltern sind aus der Sicht vieler Schulleitungen einer der größten Belastungsfaktoren.

Die Schule muss sich öffnen



Häufig trägt die Schulkultur zu diesem Problem bei. An vielen Schulen mangelt es an einer Beteiligungskultur, die diesem Namen wirklich gerecht wird. Wenn Beteiligung funktionieren soll, muss ein Gemeinsinn die Schule regieren, der die Potenziale der einzelnen Beteiligten bündelt und zur Geltung kommen lässt. Nicht nur Schüler, auch Eltern brauchen das Gefühl, mit ihren Kompetenzen erwünscht und anerkannt zu sein. Dazu muss ein Schulleiter, muss eine Klassenlehrerin jedoch überhaupt erst einmal wissen, was die Eltern können und wie viel Zeit sie zur Verfügung haben. Wenn sich die Schule dafür verantwortlich fühlt, die Eltern stärker einzubeziehen und zugleich ein Mobilisierungskonzept erarbeitet, kann sich auch die häufig beklagte Abwesenheit von Eltern verringern.

Der Blick auf die Schülerin und den Schüler ist häufig verengt. Vielleicht haben sie Lerndefizite, aber dafür Talente auf anderen Gebieten. Eine Diagnose fachlicher Lernschwächen ist notwendig, kann aber, wenn ohne pädagogisches Augenmaß durchgeführt, dazu beitragen, die auf anderen Feldern liegenden Stärken des jungen Menschen nicht wahrzunehmen. Eine Schule, die sich als Schulgemeinschaft und Bildungsraum versteht, hat ganz andere Betätigungsfelder zu bieten als die Lehranstalt alten Typs. Dass es anders geht, zeigt so manche Schule in schwieriger sozialer Umgebung – ob in den Ballungszentren oder in ländlichen Gebieten. Daher sind Programme und Projekte so wichtig, die gute Praxis auszeichnen und würdigen, etwa der Deutsche Schulpreis , das Förderprogramm Demokratisch Handeln oder Preise, die sich mit Präventionsprogrammen gegen Extremismus verbinden. Sie tragen das wertvolle Beispiel in eine größere Öffentlichkeit und ermuntern zur Nachahmung. Denn oft weiß eine Schule gar nicht, dass wenige Kilometer von ihr entfernt Lösungsmöglichkeiten praktiziert werden, die auch ihr zugutekommen könnten.

Der wesentlichste Ertrag einer solchen "positiven Ansteckung" ist, dass Schulen – auch solche in schwieriger sozialer Umgebung – ein beträchtliches Selbstbewusstsein entwickeln können, wenn sie merken, dass Demokratie in der Schule auch dazu führt, dass sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis entspannt, die Vandalismusschäden zurückgehen und es sich letztlich unter dem gemeinsamen Dach besser lernen und leben lässt.


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Autor: Kurt Edler für bpb.de
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