Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Hannah Schepers

"… da wird provoziert mit parolen und ermuntert mit hohn."

Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands nach dem Bau der Mauer

Volker Brauns Gedicht "Die Mauer" löst in den 1960er-Jahren heftige Reaktionen aus. Der Text schwankt zwischen Rechtfertigung des Mauerbaus und Protest gegen die Teilung Deutschlands. Er wirft Schlaglichter auf die zwiespältige Haltung von Autoren, die zwischen Loyalität und Kritik ihre Position suchen.

I

"merkwürdig das illusionistische pathos, womit ich dem schwachen zeitgeist tribut zollte, der aufbruchstimmung nach dem mauerbau. da ist alles der eignen kraft anheimgegeben, da wird provoziert mit parolen und ermuntert mit hohn. alles ist vorgefühl, nicht erkenntnis der lage. erschreckend, daß das damals solche wirkung tat. jetzt sehe ich nichts darin, das ich gelten lasse. das sind spielzeugwaffen. nur: beruhigend war das nicht, und am wenigsten für mich."[1]

Volker Braun, 1978Volker Braun, Aufnahme von 1978 (© Bundesarchiv, Bild 183-T0203-0023; Foto: Hartmut Reiche/ADN-ZB)
Diese Worte schreibt Volker Braun 1977 in sein Tagebuch, sie unterscheiden sich eklatant von Euphorie und Motivation, die ihn in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre getragen haben. Braun, geboren 1939, beginnt 1961 sein Studium der Philosophie in Leipzig und gehört zu jenen jungen Dichtern, die mit ihren Texten in den Jahren nach dem Mauerbau in die Öffentlichkeit treten. Mit einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft kommuniziert er in der Anfangszeit seines Schreibens den eigenen Anspruch, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen mitzugestalten und andere Menschen zur Aktivität anzuregen. Gleichzeitig kennzeichnet sein Schreiben und Denken ein kritischer Blick auf die Missstände in der Gesellschaft, die er nicht zu akzeptieren gewillt ist.

So sucht Braun nach dem Mauerbau vergeblich eine feste Position und schwankt stattdessen zwischen Missbilligung des Geschehens und Bekenntnis zur DDR. Das Resultat seiner Bemühungen um Balance tritt besonders in seinen Gedichten "Die Mauer" und "Wir und nicht sie" zu Tage.[2] Günter Gaus sah in dem Text "Die Mauer" eine "Selbstbeschreibung" des jungen Braun, in der er seine auseinanderdriftenden Gedanken aufzeigt.[3] Das Nebeneinander gegensätzlicher Empfindungen schlägt sich im antithetischen Aufbau des Gedichtes nieder. Braun stellt die Widersprüche überdeutlich heraus, um die Menschen wachzurütteln und sie auf die gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen. So betont er auf der einen Seite sein Erschrecken: "Gewöhnt / An hängende Brücken und Stahltürme / Und was noch an die Grenze geht / Von Material und Maschinen, fasst / Der Blick doch nicht / Das hier."[4]

Und doch glaubt Braun, dass der Mauerbau unter Umständen positive Begleiterscheinungen mit sich bringen könnte: "Zwischen all den Rätseln: das ist / Fast ihre Lösung. Schrecklich / Hält sie, steinerne Grenze / Auf was keine Grenze / Kennt: Den Krieg. Und sie hält / Im friedlichen Land, denn es muß stark sein / Nicht arm, die abhaun zu den Wölfen / Die Lämmer. Vor den Kopf / Stößt sie, das gehen soll wohin es will, nicht / In die Massengräber, das / Volk der Denker." Die geschlossene Grenze stellt für Braun ein Mittel zur Kriegsvermeidung und zur Eindämmung von Flucht in den Westen dar. Er argumentiert ähnlich wie die SED, die die Mauer zu Propagandazwecken einen "antifaschistischen Schutzwall" nennt.

Zugleich legt er die Widersprüche in der Politik der SED offen. Denn wären die Menschen wirklich "Lämmer", die in einem "friedlichen" Land lebten, würden sie nicht zu den "Wölfen" flüchten. Und so bemängelt Braun in dem Gedicht: "Schwer / Aus den Gewehren fallen die Schüsse: / Auf die, die es anders besser / Halten könnte."

Im Anschluss an diese Zeile lässt er ein Zitat aus dem Gedicht "Hälfte des Lebens" von Friedrich Hölderlin folgen[5]: "Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen". Der Satz schließt an einen Vers an, mit dem Braun die Leser zum Nachdenken anregt. Denn die Aussage deutet an, dass er sehr wohl die Gründe nachvollzieht, aus denen die Menschen in die Bundesrepublik flüchten. Offen aussprechen kann er die Kritik an der SED jedoch nicht.[6] Braun nutzt Literatur, um sich politisch zu äußern. Der deutsche Dichter Hölderlin wird ihm zum Instrument, um die Zensur zu umgehen. Diese Verfahrensweise deutet auf das Potenzial von Sprache hin, die über alle Grenzen hinweg ihre Macht ausstrahlt.

Die SED könnte andere Methoden als Gewalt finden, um die Menschen in der DDR zufrieden zu stellen, so Brauns indirekte Aussage. Schließlich sind die Grundvoraussetzungen für das Miteinander durchaus vorhanden: "Uns trennt keine Mauer / Das ist Dreck aus Beton, (…) / Laßt nicht Gras wachsen / Über der offenen Schande: es ist / Nicht eure, zeigt sie."

Ebenso wie er in der Politik der SED Defizite erkennt, macht er diese im Verhalten vieler Menschen aus. Das Gegebene zu akzeptieren reicht Braun nicht, er setzt sich für gemeinsame Anstrengungen für eine bessere gesellschaftliche Situation ein. Im Gedicht "Wir und nicht sie" schreibt er: "Eins könnte mich trösten: wir haben das halbe / Land frei für den Frieden. In den verbrannten / Grenzen, wo das Gras wächst / Liegt es, das seine Zeitungen loben und die Sprecher / Des Volks, mein Land, nicht mehr gefürchtet / Von seinen Bewohnern.(…) / aber es tröstet mich nicht."[7]

Braun entfernt sich in beiden Texten innerhalb der Strophen immer wieder vom konkreten Ereignis Mauerbau und leitet aus dem Einzelerlebnis allgemeinere Schlussfolgerungen auf politischer Ebene ab. Gerhard Wolf urteilte in seinem Außengutachten für den Band "Wir und nicht sie", die Dichtung Volker Brauns gehe über rein vorgegebene Geschehen hinaus, berufe sich auf "ein Ereignis", um es "selbst in größeren Rahmen als Epochengeschehen zu zeigen".[8]

Dazu gehört im konkreten Fall, dass Braun den Systemgegensatz zwischen Bundesrepublik und DDR hinter sich lässt und vielmehr das grundsätzliche Miteinander von Menschen in einer Gesellschaft problematisiert. Er plädiert für Strukturen, die auf Gerechtigkeit und Solidarität bauen und den Menschen die Möglichkeit geben, diese Werte auszuleben. Weder in DDR noch in der Bundesrepublik glaubt er eine solche Grundüberzeugung realisiert zu finden, da er in beiden Teilen Deutschlands ein Auseinanderklaffen zwischen Herrschenden und Beherrschten beobachtet. Während die Herrschenden Fakten schüfen, wie konkret den Bau der Mauer, hätten die Beherrschten Anweisungen blind, wie "Lämmer", zu befolgen. Ungerechtigkeiten auf Basis einer ähnlichen Konstellation zwischen oben und unten wie in der DDR macht Braun in der Bundesrepublik aus, da dort Politiker ebenfalls frei und rücksichtslos entschieden.

Daraus leitet Braun seine Haltung ab, sich für Veränderungen in beiden Gesellschaften einsetzen zu wollen, und urteilt, die DDR habe Anteil an den Weichenstellungen in der Bundesrepublik. Gerhard Wolf fasst Brauns Haltung zusammen: "Was dort geschieht – geschieht ebenfalls nicht ohne uns."[9]

II

Volker Braun und Günter Kunert, 1965"Volker Braun und Günter Kunert diskutierten am 8. Januar 1965 im West-Berliner Studentenheim Siegmundshof mit Künstlern und Studenten über die Verantwortung der Deutschen in Ost und West." – Originaltext ADN (© Bundesarchiv, Bild 183-D0109-0047-001; Fotograf: o.A.)
Auf dieser Grundlage ist Brauns Verhalten im Veröffentlichungsprozess seiner Texte zu verstehen. Der Weg seines Gedichtes die "Mauer" wirft Schlaglichter auf seine Intentionen und die resultierenden Schwierigkeiten für einen Autor mit Ansprüchen in West- und Ost-Deutschland.

Erstmals erscheint das Gedicht 1966 im "Kursbuch" von Hans Magnus Enzensberger[10] – und damit in einer westdeutschen Publikation. Den Text übergibt Braun Enzensberger bei einem von dessen Besuchen in der DDR, wie Helmut Baierl berichtet: "Volker Braun hat mir einmal erzählt, der Enzensberger ist vor seiner Tür erschienen – da waren wir noch beide beim Berliner Ensemble –, und er hat ihm ein paar Gedichte gegeben, und die erschienen dann im 'Kursbuch'. (…) Da ist eines zum Beispiel drin über die Mauer, und das ist auch im Westen in Ordnung, das ist nicht reaktionär, aber für unsere Verhältnisse ist es nicht ganz in Ordnung, uns es ist ja schwer zu sagen, wo dieses 'nicht ganz' gravierend wird."[11]

Enzensberger schätzt Teile des Gedichtes als problematischer ein, als Baierl es vermutet, und rät Braun zu einer Umarbeitung, auf die jener eingeht.[12] In den Zeilen "Baut / Eine Mauer, keine Schießstrecke, und ich / Euer Gewissen, verbiete / Euch zu schießen" der ungedruckten Urfassung kritisiert Enzensberger den Ausdruck "(…) ich / Euer Gewissen" und fürchtet, die Formulierung "(...) verbiete/ Euch zu schießen" könne juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Braun wechselt die Worte, die als Appell an das "Gewissen" der SED verstanden werden können, gegen "Baut / Das höher, aber / Schießt nicht" aus und nimmt dadurch die Schärfe aus der Kritik an der SED.

Das Verhalten Volker Brauns zeigt, dass er seine Texte außerhalb der jeweiligen politischen Ordnung einer Gesellschaft verortet. Er stellt sich über die starren Systemgegensätze und lehnt nicht generell jegliche Zusammenarbeit zwischen Ost und West ab. Für Braun dürfte entscheidend sein, wie und mit wessen Hilfe er seine Botschaft den Lesern vermitteln kann. Er ist bereit, die positiven Aspekte der Bundesrepublik mit ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung für seine Zwecke zu nutzen, selbst wenn er Vorzüge des westlichen demokratischen Systems zugeben muss.

Nach dieser Strategie verfährt Braun auch zu späteren Zeitpunkten, an seiner Grundhaltung ändert sich wenig. 1968 reicht er beim Suhrkamp-Verlag das Manuskript zum Gedichtband "Wir und nicht sie" mit dem Gedicht "Die Mauer" ein – ohne Absprache mit der Hauptverwaltung Literatur und vor Vorlage der Druckgenehmigung für den Band in der DDR.[13] In einem Gespräch mit politischen Vertretern muss er sich für die Weitergabe des Gedichtes verantworten. Braun erklärt, er sehe kein Problem, da das Gedicht in der Bundesrepublik als Verteidigung der Mauer verstanden werde.[14] Bei der SED verfängt diese Behauptung nicht, sondern steigert das Misstrauen gegen Braun. Innerhalb der Hauptverwaltung wird Braun vorgeworfen, er wolle mit seinen Texten in der Bundesrepublik eine "Mission erfüllen, die nur er voll begreift", indem er einige Gedichte allein für die Westausgaben vorsieht oder sie für diese verändert.[15]

Brauns Intention ist es dagegen, für Menschen in beiden Teilen Deutschlands zu schreiben. In diesem Sinne kämpft er für die Publikation sowohl im Westen als auch im Osten, hat aber lange Zeit nur in der Bundesrepublik Erfolg und muss dagegen in der DDR Sanktionen für sein Verhalten akzeptieren, die er ahnt und in Kauf zu nehmen bereit ist. In der DDR haben tatsächlich sowohl die "Kursbuch"-Veröffentlichung 1966 als auch sein Verhalten gegenüber dem Suhrkamp-Verlag 1968 ein Nachspiel. Die Publikation im "Kursbuch" zieht ein zweijähriges Verbot von Reisen in den Westen nach sich.[16] Das Einreichen der Gedichte beim Frankfurter Verlag sorgt mit dafür, dass Braun der Johannes-R.-Becher-Preis 1971 verwehrt wird.[17]


Fußnoten

1.
Volker Braun, Werktage 1, Frankfurt a. M. 2009, S. 87.
2.
Vgl. Anneli Hartmann, Lyrik-Anthologien als Indikatoren des literarischen und gesellschaftlichen Prozesses in der DDR (1949–1971), Frankfurt a. M. 1983, S. 242.
3.
Vgl. Günter Gaus, Botschafter der Wahrheit, in: Franz Hörnigk (Hg.), Volker Braun, Arbeitsbuch, Berlin 1999, S. 132.
4.
Volker Braun, Die Mauer, in: Ders., Gedichte, Frankfurt a. M. 1979, S. 23. – Alle Zitate des Gedichts ebd., S. 23–25.
5.
Vgl. Volker Braun, Anmerkungen, in: Ders., Texte in zeitlicher Folge, Bd. 2, Halle/S. 1990, S. 101.
6.
Vgl. Christine Cosentino/Wolfgang Ertl, Zur Lyrik Volker Brauns, Königstein/Ts. 1984, S. 86.
7.
Volker Braun, Wir und nicht sie, in: Ders., Gedichte, Frankfurt a. M. 1979, S. 26. – Alle Zitate des Gedichts ebd.
8.
Gerhard Wolf, Außen-Gutachten zu Volker Brauns "Wir und nicht sie", Gedichtband, 16.4.1968, BArch, DR 1/2170/107.
9.
Ebd.
10.
Enzensberger mischt sich wie Braun in die Politik ein oder versucht es zumindest: "Ich widersetze mich heute wie eh und je dem deutschen Bürgerkrieg, zu dem auf beiden Seiten gerüstet wird. Die Möglichkeiten eines Schriftstellers, ihm zu wehren, sind gering. Ich kann mich nicht dazu bereiterklären, die Bewohner der DDR deklamatorisch zu bedauern und faktisch zu ignorieren (…).": Hans Magnus Enzensberger, Bürgerkrieg im Briefkasten, Ich spüre im Angriff aus Ost und West den gleichen Ungeist, in: Hans Werner Richter (Hg.), Die Mauer oder der 13. August, Reinbek 1961, S. 175ff, hier 176.
11.
Aus der Stenografischen Niederschrift der Sektionssitzung Literatur und Sprachpflege 2. April 1971, in: Zwischen Diskussion und Disziplin, Dokumente zur Geschichte der Akademie der Künste 1945/1950 bis 1993, Hg. Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin 1997, S. 344–346, hier 346.
12.
Braun und Enzensberger teilen die grundsätzliche Haltung, sich durch Schreiben in den gesellschaftlichen Prozess einzumischen. Beide beschäftigen sich mit der Frage, ob Literatur die Menschen beeindrucken und beeinflussen kann, die ansonsten gleichgültig eingestellt sind. Dabei spielt für sie die Kategorie der Öffentlichkeit eine Rolle. Für Braun war Enzensbergers Vorstellung davon besonders in den Anfangsjahren seines Schreibens wichtig: "Die Gedichte Mitte der sechziger Jahre waren bewusst öffentliche Gedichte – in ähnlichem Sinne, wie ihn Enzensberger versteht.": Silvia Schlenstedt, Interview mit Volker Braun, in: Weimarer Beiträge, 10 (1972), S. 41–51, hier 46. – Braun schreibt Enzensberger daneben die Fähigkeit zu, ironisch schreiben zu können und dadurch in politischen Gedichten die Missstände offen zu legen: Volker Braun, Eine große Zeit für Kunst? (Auf eine Umfrage), in: Ders., Es genügt nicht die einfache Wahrheit, Leipzig 1975, S. 22–27, hier 24. Enzensberger hatte in seinem Text "Poesie und Politik" formuliert, Dichtung sei ein "Produktionsmittel, mit deren Hilfe es dem Leser gelingen kann, Wahrheit zu produzieren.": Hans Magnus Enzensberger, Poesie und Politik, in: Ders., Einzelheiten II, Frankfurt a. M. 1962, S. 131.
13.
Vgl. Satzgenehmigung "Wir und nicht sie", 20.8.1968, BArch, DR 1/2170/142.
14.
Vgl. Deutscher Schriftstellerverband, Notiz über ein Gespräch mit Volker Braun am 17.9.1969, BArch, DR 1/2170/216.
15.
Vgl. Leiter der HV Bruno Haid an Alexander Abusch, undatiert, im Kontext zur Ablehnung der Verleihung des Johannes-R.-Becher-Preises an Volker Braun 1971, in: Holger Brohm, Die Koordinaten im Kopf: Gutachterwesen und Literaturkritik in der DDR in den 1960er Jahren, Fallbeispiel Lyrik, Berlin 2001, S. 153.
16.
Vgl. Volker Braun, Brief an Gunnar Müller-Waldeck im April 1993, zit.: Gunnar Müller-Waldeck, "Der Baukunst langer Unbau", zum Mauer-Gedicht von Volker Braun, in: SAXA, 13 (1993), S. 16.
17.
Vgl. Aus der Stenografischen Niederschrift (Anm. 11), S. 344.

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Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990.

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