Beleuchteter Reichstag

Panel 3: "Social Practices and Political Participation"

Freitag, 4. November 2016, 16:30-18:30 Uhr

10.11.2016
Themen in Panel drei: Der Kreislauf der Gewalt in Albanien, das Alltagsleben von Frauen in der geteilten Stadt Mitrovica und die Generation of Transition in Estland.

Panel 3 "Social Practices and Political Participation": Raili Nugin, Ivana Milovanović, Sanja Milutinović Bojanić, Muharem BazdulPanel 3 "Social Practices and Political Participation" (v. l. n .r.): Raili Nugin, Ivana Milovanović, Sanja Milutinović Bojanić, Muharem Bazdul (© Barbara Klaus)

Referierende:
Muharem Bazdulj, Freier Schriftsteller und Journalist, Belgrad, Serbien
Merita Meçe, Clemson University, South Carolina, USA
Ivana Milovanović, Faculty of Sport and Physical Education, Universität Novi Sad, Serbien
Raili Nugin, Estonian Institute of Humanities, Centre for Contemporary Culture, Universität Tallinn, Estland

Moderation:
Sanja Milutinović Bojanić, Center for Advanced Studies – South Eastern Europe, Universität Rijeka, Kroatien

Muharem BazduljMuharem Bazdulj (© Barbara Klaus)
Eine Einführung in das dritte Panel gab Sanja Milutinović Bojanić (Center for Advanced Studies – South Eastern Europe, Universität Kroatien). Den ersten Vortrag übernahm der kurzfristig nachgerückte Referent Muharem Bazdulj (Freier Schriftsteller und Journalist, Belgrad, Serbien) mit seinem Vortrag "No One's Child: Film as a Case Study oft One Paradigmatic Making of Child's Identity". Er nutzte seine Anwesenheit dazu, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung an die kulturellen Gemeinsamkeiten über nationalistische Grenzziehungen auf dem Balkan hinweg zu erinnern. Anhand verschiedener literarischer Beispiele zog er Kontinuitätslinien in der Kultur Südosteuropas und zeichnete aber auch Abgrenzungsbewegungen nach.

Merita MeçeMerita Meçe (© Barbara Klaus)
Merita Meçe (Clemson University, South Carolina, US) stellte in ihrem eindrücklichen Vortrag PDF-Icon "Trapped into inherited norms" die Folgen einer gescheiterten Transformation in Albanien für Kinder und Jugendliche während der Wende zur Demokratie dar. Das Versagen der ersten demokratischen Regierung Albaniens bei der Stabilisierung der inneren Sicherheit führte dazu, dass in bestimmten Bergregionen ein während der sozialistischen Ära unterdrücktes, traditionelles Gewohnheitsrecht Ersatz für die mangelnde polizeiliche und justizielle Durchsetzungskraft des Staates wurde. Zu den Prinzipien dieses Gewohnheitsrechtes gehört auch die Blutfehde. Schrittweise hat sich, so Meçe, ein paralleles Rechtssystem ausgebildet, demgegenüber die staatlichen Behörden machtlos sind. Dieses Rechtssystem aber gefährdet ganze Familien, da es – entgegen älterer Formen des Gewohnheitsrechtes – Kinder und Frauen als potenzielle Opfer der Blutfehde definiert. Die Familien, die davon betroffen sind, verlieren nicht nur das Einkommen ermordeter männlicher Hauptverdiener. Die durch die Blutfehde erzwungene Isolation der weiteren potenziellen Opfer in ihren Wohnungen und Häusern führt zu einem Kreislauf der Gewalt, dessen Folgen Bildungsmangel, daraus resultierende größere Armut und oft genug eine folgende Binnenmigration in die Stadt oder gar Emigration ins Ausland sind. Diese erzwungene Migration entwurzelt die Menschen und beraubt Albanien einer ganzen Generation.

Ivana MilovanovićIvana Milovanović (© Barbara Klaus)
Ivana Milovanović (Faculty of Sport and Physical Education, University of Novi Sad, Serbia) berichtete in einem mit zahlreichen eindrucksvollen Zitaten geschmückten Vortrag PDF-Icon "Kosovo young women and (in)security of daily life in divided city Mitrovica" von ihren Interviews mit Frauen aus den drei unterschiedlichen ethnischen Gruppen in der bosnischen Stadt Mitrovica. Die Ergebnisse ihrer Befragungen aus den Jahren 2011 und 2013 verdeutlichen die Konsequenzen, die ethnische Konflikte und der 2013 gefundene Ausgleich im sogenannten Brussels Agreement auf das Alltagsleben der bosnischen, serbischen und albanischen weiblichen Bewohner der geteilten bosnischen Stadt haben. Zwar ist der urbane Raum nach wie vor segregiert, die Entwicklungen der letzten Jahre haben aber deutliche Verbesserungen im Alltagsleben der Frauen gebracht. Wichtigstes Anliegen der Frauen ist aber nach wie vor eine Verbesserung der Sicherheitslage, insbesondere für Mädchen und Frauen. Deren Lage in multiethnisch geprägten Orten hat nach Ansicht von Ivana Milovanović bislang nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient.

Raili NuginRaili Nugin (© Barbara Klaus)
Raili Nugin (Estonian Institute of Humanities, Centre for Contemporary Culture, Universität Tallinn, Estland) schloss das dritte Panel mit ihrem Vortrag PDF-Icon "Generation on the Doorstep? How to define an Age Group Shaped by the Changes?" ab. Nugin untersuchte anhand von qualitativen Interviews die in den 1970er Jahren in Estland geborene Generation, welche ihre Kindheit in der Ära der Sowjetunion verbracht, als Teenager die turbulenten Zeiten des Umbruchs miterlebt hatte und erwachsen wurde, als die Gesellschaft sich stabilisierte. Die gewohnten Muster galten nicht mehr, gleichzeitig öffneten sich ihnen nun ganz neue berufliche Möglichkeiten. Dieser Prozess hat die Selbstwahrnehmung dieser Generation beeinflusst. Doch es zeigt sich, dass nicht die Neuerungen und Möglichkeiten diese Generation besonders geprägt haben, sondern die Erinnerung an das Ende der sowjetischen Ära. Sie fühlen sich den in den 1960er Jahren Geborenen näher als der jüngeren, in den 1980er Jahren geborenen Generation.



 

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