Beleuchteter Reichstag

8.6.2018 | Von:
Stefan Wolle

„Es wäre traurig, wenn man mit 17 Jahren nicht die Illusion hätte, die Welt verbessern zu können.“

Der Historiker Stefan Wolle leitet das DDR-Museum in Berlin-Mitte. Als junger Erwachsener verfolgte er in Ost-Berlin das Entstehen einer außerparlamentarischen Opposition (APO) in Westdeutschland, die Studentenunruhen von 1968 sowie den Prager Frühling. Im Gespräch mit dem DA setzt er sich erneut mit den Auswirkungen – nicht zuletzt auf die Friedliche Revolution 1989 – auseinander.

Stefan Wolle am 17. Mai 2018 vor dem Eingang des DDR-Museums in Berlin-MitteStefan Wolle am 17. Mai 2018 vor dem Eingang des DDR-Museums in Berlin-Mitte (© Deutschland Archiv, Foto: Katharina Barnstedt)

DA: In diesem Jahr schauen wir auf das Jahr 1968, in dem insbesondere junge Menschen in Westeuropa und Nordamerika im Wortsinne auf die Barrikaden gingen. Wie haben Sie persönlich das Jahr 1968 erlebt?

Stefan Wolle: Ich war damals 17 Jahre alt und ging in die 12. Klasse der Oberschule in Ost-Berlin, war politisch sehr interessiert und habe die Ereignisse seit 1967 – wie den Tod von Benno Ohnesorg, die Demonstrationen, die Attentate auf Rudi Dutschke, Martin Luther King und später Robert Kennedy – aufmerksam verfolgt. Ich habe bewusst diese West-Ereignisse genannt, weil mich beispielsweise der Mord an Martin Luther King mindestens genauso empörte wie der der Einmarsch der Staaten des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei.

Wie viele meiner Freunde und Klassenkameraden, mit denen ich damals diskutierte, fühlte ich mich mit denen verbunden, die da protestierten, in den USA gegen den Vietnamkrieg, in Paris gegen de Gaulle und in West-Berlin gegen ein verstaubtes System. Diese Proteste waren auch unsere Bezugspunkte. Wir wollten nicht den Kapitalismus, schon gar nicht den Imperialismus, sondern irgendwie einen dritten Weg zwischen diesen beiden Systemen, der alles Schöne und Gute auf der Welt miteinander verbinden sollte. Und es wäre traurig, wenn man mit 17 Jahren nicht die Illusion hätte, die Welt verbessern zu können.

Wir fühlten uns durchaus einig mit den Leuten aus dem Westen, die teilweise auch Parolen absonderten, die bei unsereins Kopfschütteln erregten. Aber es war natürlich auch interessant, auf so abwegige Meinungen wie die der radikalen West-Linken zu stoßen. Die normalen West-Oberschüler oder West-Studenten, mit denen ich damals diskutierte, waren keine radikalen Kommunisten. Das war damals eher ein emotionaler Aufstand gegen eine Welt der Eltern, die sie als langweilig und altertümlich empfanden.

DA: Sie sprechen von Kontakten zu den West-Berliner Jugendlichen und Teilen der APO. Wo haben Sie sich getroffen?

Stefan Wolle: Es kamen ja sehr viele Schulklassen nach Berlin. Jede Abiturklasse aus der Bundesrepublik machte so eine Fahrt, das wurde auch bezahlt, vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, und die schwärmten dann hier im Zentrum von Berlin aus. Viele setzten sich in die Kaffeehäuser im Stadtzentrum oder sprachen einen auf der Straße an.

Ich war damals Lehrling im Buchhandel – Schule war immer parallel zur Lehrausbildung – und meine Ausbildungsstätte war die Universitätsbuchhandlung, direkt am Brandenburger Tor, das letzte Haus vor den Sperranlagen. Da kamen viele Westdeutsche vorbei, die ihr umgetauschtes Geld ausgeben wollten. Sie kauften vor allem Bücher, und zwar die Werke des Marxismus-Leninismus. Die waren ja schön billig, sie wurden subventioniert, damit sie sich jeder treue Genosse kaufen konnte.

Man kam dann schnell ins Gespräch. Sie fragten: Wir sind in zehn Minuten hier gegenüber im Kaffeehaus, können wir dort weiter diskutieren? Ich habe dann meine Mittagspause gemacht oder bin nach Feierabend rüber gegangen. Sie erzählten auch – das war sehr spannend – direkt vom Pariser Mai. Einige waren ziemlich radikal gegen die französische Kommunistische Partei eingestellt, die sie als Verräter betrachteten. Manchmal kamen iranische Studenten, die über die Auseinandersetzungen mit dem Schah erzählten. Ich erinnere mich auch an zwei nette Oberschülerinnen aus Husum. Auch in Husum war 1968! Die habe ich dann noch zur Grenzübergangsstelle gebracht.

Das hat nicht jeder erlebt, klar, nicht jeder hatte dieses Chancen, aber viele.

DA: Inwiefern haben Sie über die Medien von den Geschehnissen mitbekommen?

Stefan Wolle: Für uns waren auch die West-Berliner Medien wichtig, speziell der Sender Freies Berlin (SFB). Dort war man offen für diese linke Bewegung und hat viel darüber berichtet. Ich habe im SFB eine Vorlesung von Herbert Marcuse gehört. Habe zwar kein Wort verstanden, war aber absolut fasziniert – von diesem Gestus, dieser radikalen Intellektualität, diesen vielen Fremdwörtern. Und mich hat beeindruckt, dass man sich in West-Berlin einfach an der Universität hinstellen und ganz massiv gegen das System vom Leder ziehen konnte. Wenn jemand an der hiesigen Universität, ein paar Kilometer weiter östlich, ein Zehntel der Kritik gebracht hätte, wäre der sofort in den Knast gegangen.

Mir war schon klar, was Freiheit ist. Ich habe zu denen im Westen immer gesagt: Ihr habt so viel Freiheit und wisst es nicht zu schätzen. Ihr regt Euch über dies und jenes auf… Dann haben die gesagt: Ja, wir haben die Freiheit, alles zu sagen, aber es tut sich nichts! Das war das Grundmuster der Debatte, das sich sehr oft wiederholte.

Und dieses plurale Spektrum tauchte dann auch plötzlich in der Tschechoslowakei auf. Hier am Bahnhof Friedrichstraße war ein tschechisches Kulturzentrum. Da gab es Kunstbände und Schallplatten, die es bei uns nicht gab: moderne Jazz-Musik oder auch Publikationen, die seit Januar 1968 über die internen Veränderungen in der ČSSR informierten. Es gab das Prager Volksblatt und andere Publikationen in deutscher Sprache, darüber knirschten die Behörden hier mit den Zähnen. Aber das Kulturzentrum unterstand der tschechischen Botschaft, und die ließen sich da nicht reinreden.

DA: Aber gab es an der Ost-Berliner Humboldt-Universität nicht auch zaghafte Diskussionen?

Stefan Wolle: An den Schulen und Universitäten bei uns dominierte der absolute Dogmatismus. So schnell schalteten die Lehrer und Dozenten nicht um, dass sie gleich auf Reformkurs gingen. Diskutiert wurden diese Dinge schon, aber eher im vertrauten Kreis. Das war diese Doppel-Gesichtigkeit, die sich durch die gesamte Geschichte der DDR und die kommunistischen Systeme zog. In der Schulstunde oder im Seminar hielt man entweder den Mund, was oft das Beste war, oder man sonderte die üblichen Phrasen ab. Also ein echter Zwiespalt, der übrigens durchaus die Intelligenz schulte. Es gab eine richtige Bilingualität in der DDR, die Funktionäre sprachen ja eine ganz andere Sprache. Und je weniger man daran glaubte, desto einfacher war es, dieses Kauderwelsch nachzuahmen. Das artete natürlich oft in Satire aus.

DA: Nun stürmten die DDR-Jugendlichen nach Prag. Es gibt über 250.000 Reisende in dem Jahr. Was erwartete sie dort?

Stefan Wolle: Die Tschechoslowakei war eines der wenigen Länder, das zu diesem Zeitpunkt de facto offen war, man brauchte nur eine Bescheinigung von der Polizei. Zunächst einmal ist es ja eine schöne, lebendige Stadt. Es gab ein paar Kneipen und Cafés und eine gewisse Freiheit in der Öffentlichkeit.

Die Leute, die in Prag waren, erzählten Wunderdinge: dass man dort die westlichen Zeitschriften kaufen konnte, den Stern, den Spiegel, die Beatles-Platten, die es bei uns auch nicht mehr zu kaufen gab, die Rolling Stones und andere westliche Beatgruppen – und natürlich Karel Gott. Es liefen Filme auf Englisch mit tschechischen Untertiteln, man konnte sich das anschauen, was aktuell war und in der DDR nicht lief. Es gab ab Ostern 1968 einen richtigen Run auf die Tschechoslowakei. Wer etwas auf sich hielt, fuhr dort hin und erlebte diese interessante Stadt und diese gewaltige Aufbruchsstimmung. Da die meisten nur sehr wenig Geld eintauschen konnten – der Tagessatz reichte nicht für ein Hotel – kam man privat unter. So entstanden sofort sehr enge Beziehungen zwischen den Gästen und den Tschechen. Viele kauften sich dort auch die deutschsprachigen Publikationen der KPČ, darunter das Parteiprogramm.

Ich habe die Reformen des Prager Frühlings ziemlich intensiv verfolgt. Ich empfand es als Normalität, dass der existierende Sozialismus der DDR und der anderen Staaten jetzt etwas freiheitlicher, offener und reformierbarer wurde. Und in diese Situation platzte am 21. August 1968 der Einmarsch der Bruderstaaten hinein. Der kam sehr überraschend. Noch einige Tage zuvor war der Grundtenor der westlichen Berichterstattung, dass es grünes Licht für Reformen gibt. Ich war ziemlich vor den Kopf gestoßen. Das war für mich der totale und unwiderrufliche Bruch mit dem SED-System.

DA: Das führt uns zur nächsten Frage: Welche Auswirkungen hatte der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes auf die Menschen in der DDR?

Stefan Wolle: Der 21. August 1968 spielte für eine gewisse Alterskohorte, etwa die Jahrgänge 1945 bis 1950, eine sehr große Rolle. Sie haben diese Erfahrung über die Jahre tief im Herzen mit sich getragen, bis 1989. Die Älteren oder Jüngeren hat das gar nicht so interessiert. Vor allem passierte bei uns in der DDR ja nichts…

DA: Aber ganz ohne Spuren ist es ja in der DDR auch nicht abgelaufen, es gab viele Ermittlungsverfahren.

Stefan Wolle: Ja, das stimmt, insgesamt gab es aber keine großen öffentlichen Proteste in der DDR, das war auch ziemlich undenkbar. Vereinzelt gab es Aktionen in Erfurt oder in anderen thüringischen Städten, dort hat die Polizei die Leute auseinandergetrieben.

Aber viele Jugendliche sind nachts um die Häuser gezogen und haben mit Farbe etwas an die Wände geschrieben, Dubček oder Svoboda, das ist so schön doppeldeutig, denn Ludvík Svoboda war damals der Staatspräsident und „Svoboda" heißt auf Tschechisch auch „Freiheit“. Oder sie haben handgeschriebene Flugblätter in Briefkästen geworfen oder mit der Post verschickt. Da gab es eine ganze Welle von „Besonderen Vorkommnissen“, um es im Stasi-Jargon zu sagen, mehr als seit dem 17. Juni 1953 und mehr als jemals später bis 1989. Also in diesen Jahren zwischen 1953 und 1989 war es die größte Welle des Protests, allerdings unorganisierte Einzelaktionen, oft von Naivität getragen, ohne Erfahrung in der konspirativen Arbeit.

In diese Geschichten war ich indirekt involviert. Die Schule begann am 1. September 1968, ich begann die 12. Klasse. Der Stadtschulrat kam und hielt eine Rede, und die Stasi legte ihre Netze aus. Ich war kein Held, aber dennoch stolz darauf, dass ich mich nicht von den Tschechen distanziert habe. Ich musste damit rechnen, von der Schule verwiesen zu werden, was auch fast passiert wäre. Aber dann hielten bestimmte Umstände schützende Hände über mich, da spielten wohl meine Eltern eine Rolle. Andere Mitschüler wurden aber verhaftet.

DA: In der DDR gärt es jetzt …

Stefan Wolle: Ja, aber streng analytisch betrachtet war es keine Situation des Aufbegehrens. Machen wir mal etwas Revolutionstheorie, ganz im Sinne von Lenin. Eine Revolution erfordert immer drei Voraussetzungen: Erstens muss eine intellektuelle Elite da sein, die die Systemveränderung erstrebt, zweitens müssen die Massen unzufrieden und drittens muss die Macht verunsichert, desorientiert und reformbereit sein.

1968 gab es in der DDR möglicherweise eine intellektuelle Elite, die Systemveränderung im Sinne Dubčeks erstrebte, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz; keine Systemüberwindung, aber dennoch eine tiefgreifende Reform. Aber die große Masse der Bevölkerung war in der Zeit relativ zufrieden. Die hatten durchaus das Gefühl, dass es allmählich immer besser geht. In die Haushalte zog die moderne Heimelektronik ein, elektrische Waschmaschinen und Kühlschränke, und immer mehr Leute konnten sich ein Auto leisten.

Aber entscheidend ist, dass die Staatsmacht der DDR die sowjetische Führung zu 100 Prozent hinter sich hatte. Die saß fest im Sattel, war sich dieser Macht auch bewusst und bereit, sie gegen jeden Widerstand auszuspielen. Das war 1953 noch ganz anders, da waren die Verhältnisse in der Sowjetunion völlig unsicher, kein Mensch wusste, wie es weitergehen würde. Und vor allem 1989 war es ganz anders, da hatte sich die Sowjetunion regelrecht losgesagt von der DDR. Die Macht war tief verunsichert und die Leute in der DDR schauten nach Westen und sagten: So ein Mist, weg mit diesem Staat, der uns weder Freiheit noch Haribos Gummibärchen bietet.

DA: Sie haben dann 1969 Abitur gemacht und an der Humboldt Universität Geschichte studiert. 1972 verloren Sie Ihren Studienplatz. Was war passiert?

Stefan Wolle: Das stimmt, ich war Ende 1971 noch im ersten Semester, gerade frisch von der Armee zurückgekommen, voller Euphorie und sehr glücklich, dass ich diesen Studienplatz für Geschichte bekommen hatte, was ja nicht einfach war. Ich habe mit meinen Kommilitonen viel und gern diskutiert. Dabei war ich recht offen, nicht naiv, habe aber meine Meinung gesagt und kritische Fragen gestellt. Das gefiel manchen Seminarleitern durchaus, weil lebendige Diskussionen entstanden, aber anderen gefiel das überhaupt nicht. Und dann kam es zur Denunziation. Zwei Kommilitonen aus der FDJ-Gruppe erschienen beim Parteisekretär – das Protokoll gibt es noch – und brachten massive Vorwürfe politischer Art vor. Es war so eine verhängnisvolle Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und ausgedachten Sachen.

Man hätte auch alles unter den Teppich kehren können. Aber die Stasi hatte in den Semesterferien zwei Studenten der Sektion Geschichte verhaftet, die andere belastet hatten, und es kam zu einer Verfolgungswelle. Eine ganze Reihe von Studenten wurden exmatrikuliert, andere festgenommen. Es gab sogar das Gerücht, man wolle die Sektion Geschichte schließen. Die Professoren versuchten nun, ein Exempel zu statuieren, und dafür bot ich mich an.

Ich habe dann den Kopf aus der Schlinge gezogen, indem ich mich „freiwillig“ dazu verpflichtete, mich ein Jahr in der Produktion zu bewähren, das war in der DDR eine übliche Verfahrensweise. Ich habe ein Jahr in einem Betrieb gearbeitet, im Transformatorenwerk Oberschöneweide, und mich danach wieder in der Sektion Geschichte gemeldet. Der Betrieb hatte mir eine hervorragende Beurteilung geschrieben, die waren einfach begeistert, dass jemand jeden Morgen pünktlich zur Schicht kam und seine Norm erfüllte.

Nun hatte ich eine Art Gesinnungsprüfung zu bestehen; es fiel mir leicht, all die Phrasen wiederzugeben, die sie von mir hören wollten. Die Pointe an der Geschichte ist, dass der Dozent, der diese Gesinnungsprüfung abnahm, einige Monate später in den Westen abgehauen ist. So war das in der DDR, jeder trug eine Maske und spielte das Spiel mit oder nicht. Ich habe dann mein Studium zu Ende gebracht, indem ich mich auf das Mittelalter spezialisiert habe. Das ist rund 1000 Jahre von der Gegenwart entfernt, und eben auch nicht so politisch brisant.

DA: Wie sehen Sie 1968 in der Rückschau, ist damals etwas gesät worden, was 1989 geerntet wurde?

Stefan Wolle: Ja, das war eine Etappe auf diesem Weg. Aber, und das ist genauso wichtig, die Idee eines demokratischen Sozialismus war nicht die Massenmeinung. Die schweigende Mehrheit war der Meinung, dass im Westen alles besser ist, sie entweder als Einzelperson so schnell wie möglich in den Westen möchten oder sich dem Westen anschließen. Dieser Meinung war durchgehend die Mehrheit in der DDR, von 1949 bis 1990. Die Rentner kamen aus dem Westen wieder und erzählten Wunderdinge und wie schön dort alles ist. Dort gäbe es alles zu kaufen, die Verkäuferinnen und auch die Schaffner in der Eisenbahn seien höflich. Das kannten wir ja gar nicht. Höfliche Verkäufer gab es in der DDR nicht.

Die schweigende Mehrheit wurde erst politisch aktiv, als es die reale Chance gab, etwas zu verändern. Das war im Oktober/November 1989. Der entscheidende Wendepunkt war der Oktober in Leipzig, das ist klar, aber die erste wirkliche Volksbewegung, jedenfalls in Berlin, war die, die die 100 D-Mark Begrüßungsgeld abholte. Da rannten auf einmal alle los. Ich habe mich gefragt: Wo waren die Leute all die Jahre?

DA: Was haben Sie für Ihre 100 D-Mark gekauft?

Stefan Wolle: Einen Jogginganzug für meine Tochter, sie hat am 11. November Geburtstag. Ich fuhr in die Stadt, früh am 10. November, mit dem Befehl von meiner Frau: Guck doch mal, ob Du einen Jogginganzug kriegst. Um in der DDR einen Jogginganzug zu suchen, musstest Du schon weltfremd sein. Aber da ich nun schon in West-Berlin war, nutzte ich die Gelegenheit, ihn zu kaufen. Und das Unglück war, er war ihr zu klein. Die 100 D-Mark waren dann fast alle.

DA: Zurück zur Idee eines demokratischen Sozialismus. Da waren die 20-Jährigen, die 1968 die Ereignisse in Westdeutschland und Prag erlebten, 1989 sind die 40 Jahre alt. Wie wirkte das nach?

Stefan Wolle: Also, die Idee eines demokratischen Sozialismus war immer noch da, sie wurde aber zwischen dem 9. November 1989 und dem 18. März 1990, den ersten demokratischen Volkskammerwahlen, einfach hinweggespült. So wichtig die Gruppierungen historisch waren, die die Meinung vertraten, dass die DDR sich erhalten solle und die sozialen Errungenschaften bewahren – dies war jetzt eine Randmeinung geworden.

Nach dem 21. August 1968 waren diejenigen, die einen demokratischen Sozialismus wollten, ob das nun Wolf Biermann war, Robert Havemann, Stefan Heim, Christa Wolf und viele andere, nicht deprimiert oder desillusioniert. Sie nahmen an, dies sei nun die Auseinandersetzung der Zukunft. Aber es gab ja kein politisches Handeln in der DDR. Politisches Handeln war in den meisten Fällen nur Geschwätz. Wir haben irgendwo im Kaffeehaus gesessen und uns unterhalten, darüber diskutiert, über alles lustig gemacht und keine politischen Aktivitäten entwickelt, weil es keine Möglichkeiten gab. Es sei denn die totale Konfrontation, die aber entweder im Knast oder im Westen geendet hätte. Das wusste jeder.

Erst ab 1979/80 entwickelten sich im Schutzraum der Kirche unter dem Einfluss des Pazifismus neue gesellschaftspolitische Entwürfe. Und dazu gehörte auch wieder sehr stark der Entwurf eines demokratisierten, sozialistischen Systems. Einige waren getragen von der Meinung, dass der wahre Sozialismus eigentlich noch kommen würde. Und diese Meinung wurde seit 1985 befördert, durch den Umbruch in der Sowjetunion, durch Perestroika und Glasnost.

DA: Sie haben sich dann mit der Vermittlung der DDR-Geschichte beschäftigt und sind heute wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums. Wie kamen Sie dazu?

Stefan Wolle: Ich war damals beim Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität. Dort wäre ich auch sehr gerne geblieben, aber das Projekt war ausgelaufen. Und so freute ich mich, dass die Gründer des DDR-Museums auf mich zukamen und fragten, ob ich hier als Berater mitarbeiten möchte. Kurz darauf ergab sich das Angebot, die Leitung zu übernehmen. Das habe ich sehr gerne angenommen und bin nun seit zwölf Jahren wissenschaftlicher Leiter.

DA: Dann können Sie mir sicher sagen, warum wir ein DDR-Museum brauchen?

Stefan Wolle: Um das Jahr 2000 und in den Jahren danach gab es eine große Leerstelle. Die Wissenschaft und das interessierte Publikum dürsteten nach mehr Geschichten aus der Wirklichkeit, nach Alltagsgeschichten. In der ersten Zeit nach der Wende standen naturgemäß die Staatssicherheit, die Mauer und ihre Opfer, das Repressionssystem und die Unterdrückung im Fokus. Das war auch vollkommen logisch, daran war auch nichts falsch, aber es war eben nicht genug.

Viele Leute sagten, es stimmt schon, was ihr hier alles erzählt, über die Schrecklichkeiten des Sozialismus. Die Mauer war schrecklich, die Stasi auch, aber das war nicht unser Leben. Unser Leben war bunt, reichhaltig und eben auch glücklich. Wir haben unser Leben teilweise vollkommen unabhängig von Staat, Partei, Regierung und Ideologie gestaltet, zumindest haben wir uns das eingebildet oder uns darum bemüht. Interessanterweise gab es in der Wissenschaft eine parallele Diskussion. Das haben wir aufgegriffen in unserem Museum, das 2006 eröffnet wurde.

DA: Wie wurde die Ausstellung aufgenommen?

Stefan Wolle: Anfangs gab es auch Kritik, aber die haben wir angenommen und sie 2010 in unserer zweiten, doppelt so großen Ausstellung versucht zu beherzigen. Dort wird, stärker als zuvor, das politische System thematisiert; natürlich weiterhin aus der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen heraus, aber auch mehr über Repression, Partei und ökonomische Situation. Und da waren auch die Reaktionen der Öffentlichkeit sehr viel positiver.

Dazu kam, dass es in der Öffentlichkeit ein großes Misstrauen gegen ein Privatunternehmen gab. Wir sind eine private GmbH, bekommen keine Steuergelder und finanzieren uns hauptsächlich über die Eintrittsgelder und über den Shop. Da hieß es anfangs: Das ist nur Kommerz und Klamauk und die wollen vor allem Geld verdienen, was auch keine Schande ist. Aber für uns stand von Anfang an die Aufgabe im Mittelpunkt, ein Teil der Demokratieerziehung zu sein. Das haben wir auch die ganzen Jahre ernst genommen, und ich denke, wir erfüllen das auch.

Ein Museum ist ein Teil von Freizeitkultur und Tourismus. Museum muss auch Spaß machen. Unser Publikum wird immer jünger und besteht zu einem großen Teil aus den nach 1989 Geborenen, und es wird immer internationaler. Wir haben im ersten Quartal 2018 erstmals mehr fremd- als deutschsprachige Führungen gehabt.

DA: Das ist ein interessanter Punkt, weil es den Eindruck machte, als sei die Zielgruppe der ersten Ausstellung ehemalige DDR-Bürger gewesen.

Stefan Wolle: Das stimmt, dessen war ich mir lange nicht bewusst. 2005/2006 war ich selbst noch in diesem Modus der Konfrontation, es ging um den Kampf gegen die Ostalgie und darum, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Nach der Eröffnung gab es dann zwei Gruppen: Diejenigen, denen das Museum viel zu sanft und zu lustig war und die sagten, so eine schreckliche Diktatur wie die der DDR könne man nicht mit Ironie und Spaß darstellen, und diejenigen, die der gegenteiligen Meinung waren, ihre schöne DDR würde hier durch den Kakao gezogen.

Die konfrontative Auseinandersetzung spürt man heute gelegentlich noch bei einzelnen Veranstaltungen. Wenn man irgendwo in einer kleineren Stadt eine Lesung hält, sitzen auf der einen Seite die ehemaligen SED-Funktionäre und Stasi-Leute und auf der anderen Seite die ehemaligen Gegner des Systems. Beide sind inzwischen gemeinsam alt geworden, beschimpfen sich aber noch mal tüchtig. Das spielt in der Ausstellung keine Rolle mehr. Ich stelle heute ein neues Interesse von Jugendlichen fest, die einfach wissen wollen, wie das Leben so war, welches ihnen reichlich fremd geworden ist. Unser Museum ist mehr und mehr ein Museum der verlorenen und vergessenen Dinge.

DA: Gibt es nicht die Gefahr, dass das Museum einer gewissen DDR-Nostalgie Vorschub leistet?

Stefan Wolle: Doch. Ein gewisser Teil der Besucherinnen und Besucher sucht ja die Nostalgie. Es kommen hier Leute rein, die auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugend sind. Andere sagen: Das war bei uns im Westen doch ganz genauso, und meine Oma hatte auch so eine Tischdecke und so ein Geschirr.

Es ist aber vollkommen normal, dass sich der Besucher in einem Museum mit den Dingen identifizieren möchte. Der Mensch hat das Bestreben, die positiven Erinnerungen herauszufiltern, insbesondere wenn es um Kindheit und Jugend geht. Da ist es Aufgabe des Museums, die Exponate zum Sprechen zu bringen. Das ist immer wieder eine Herausforderung – die Dinge müssen aus sich selbst heraus erklären. Die Besucher des Museums sind Menschen jeden Alters, Bildungsgrades und sozialen Status, sie repräsentieren Ost-West, Ausland-Deutschland. Wir müssen für alle den ersten Impuls umwandeln in eine Erzählung: Ein Teddy! – Was bedeutete Kindheit in der DDR?

DA: Und in Zukunft – welche Rolle sehen Sie für das DDR-Museum?

Stefan Wolle: Wir haben große Pläne: In der Alten Münze am Werderschen Markt zeigen wir über drei Jahre eine große Schau zum Berlin der 1990er Jahre, beginnend mit dem Mauerfall. Das wird weniger ein Museum als eine Performance mit Spiel, Action, Filmen und Musik. Es ist ein Experiment, was es in dieser Art meines Wissens noch nicht gibt.

Unter musealen Gesichtspunkten wird nun eine stärkere Öffnung auf die Jahre danach interessant, also sozusagen die DDR nach der DDR. Das spielt auch in der medialen Wahrnehmung zunehmend eine Rolle: beispielsweise die Treuhand und die Stasi-Aufarbeitung. Diese Sachen sind inzwischen auch schon Geschichte geworden. Für die meisten DDR-Museen ist 1989, spätestens am 3. Oktober 1990, sozusagen das Ende der Geschichte eingetreten. Das ist nach fast 30 Jahren kein Zustand mehr.

Zudem möchten wir noch stärker das gesellschaftliche Leben einbeziehen. Weg von dem, was jedes kleine DDR-Museum oder jede Ostalgie-Stube der DDR macht; also stärker kontextualisieren, in die politischen Zusammenhänge einbetten. Es ist natürlich jedes Mal von Neuem schwierig, den Weg von der Florena Cremedose oder vom Hühnchen-Eierbecher zur kommunistischen Diktatur zu zeichnen. Aber es ist machbar. Und ich denke, die Besucher lassen uns nicht im Stich, die sind nach wie vor mächtig interessiert und kommen zuhauf.

Interview: Clemens Maier-Wolthausen und Katharina Barnstedt, 17. Mai 2018, DDR-Museum in Berlin

Zitierweise: „Es wäre traurig, wenn man mit 17 Jahren nicht die Illusion hätte, die Welt verbessern zu können.“ Interview mit Stefan Wolle am 17. Mai 2018 im DDR-Museum in Berlin, in: Deutschland Archiv, 8.6.2018, Link: www.bpb.de/270038

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